Klassenkameraden

George Klein ist auf dem Weg zur Schule. Der Sohn jüdischer Einwanderer ist fast 13 und geht in die 8. Klasse der Humes High School, die in einem großen Backsteingebäude im Norden von Memphis an der North Manassas Street zuhause ist. George hat es nicht weit zur Schule, denn seine Familie wohnt schräg gegenüber der Humes High.

Humes High School, Memphis

Humes High School, Memphis/Tennessee

Georges Eltern sind vor mehr als 20 Jahren aus Russland und Polen in die USA eingewandert, um dem Antisemitismus in der Heimat zu entkommen. Sie lernten sich in Memphis kennen, heirateten und ließen sich endgültig in der Stadt am Mississippi nieder.

Wie seine Schwester Rosie in den USA geboren, ist George (* 8. Oktober 1935) gut integriert in der zweiten Heimat der Familie Klein. Der schmächtige Junge ist ein kommunikativer Typ, engagiert sich als Klassensprecher und träumt – inspiriert von der reichen Musiklandschaft in Memphis – von einer Karriere als Radiomoderator.

George Klein

Der junge George Klein

Aber erst einmal muss er seinen High School-Abschluss schaffen. Dem steht weiter nichts im Wege, wenn da nicht Musiklehrerin Miss Marmann wäre. An der Humes High gibt es eine ganze Reihe strenger Lehrer, aber Miss Marmann ist definitiv ein Fall für sich.

Selbst gemessen an den Standards von 1948 ist sie “old school”, sogar bei den hartgesottensten Schülern berüchtigt, weil sie nicht nur mit dem Rohrstock droht, sondern ihn auch einzusetzen weiß. Wer sich von Miss Marmann auch nur mit Kaugummi erwischen lässt, dem droht Schmerzhaftes.

Den richtigen Musikgeschmack sollte man als Schüler von Miss Marmann außerdem haben – und der beginnt bei Beethoven und hört mit Brahms auf. Zeitgenössische Musik? Fehlanzeige! Aber es gibt nur eine einzige Chance für George, der Musikklasse von Miss Marmann zu entkommen: Er kann versuchen, in die Marschkapelle der Humes High aufgenommen zu werden.

Das Problem ist allerdings, dass das so ziemlich jeder versucht, der vor Miss Marmann flüchten möchte. Deswegen hat sich die Verantwortlichen in der Marschkapelle einen  anspruchsvollen theoretischen und praktischen Aufnahmetest ausgedacht.

Rechtzeitig vor dem neuen Schuljahr 1948/49 hat sich George als neuer Schlagzeuger der Band in Stellung gebracht, kann dabei aber leider ebenso wenig überzeugen wie im Theorietest. Also marschiert der 13-Jährige nach den großen Ferien nicht in der Schulband, sondern doch in Miss Marmanns “Klasse zur Förderung des Musikverständnisses”. Aua!

Wie sich schon bald heraustellt, kommt der umgängliche George  besser als gedacht mit der strengen Musiklehrerin aus. Eine Sache haben sie nämlich gemeinsam: Beide sind überzeugt, dass die aktuellen Musik-Charts nur mit Mist aufwarten – völlig einig sind sie sich bei Vaughn Monroes Hit Ballerina, der aktuell im Radio rauf und runter läuft…

Nichts für George und Miss Marmann – allerdings aus völlig anderen Gründen: George zieht es mehr zur Musik der Radiosender WDIA und später Daddy-O-Deweys WHBQ, die vor allem afroamerikanische Musiker auflegen, Miss Marmann hingegen zur Klassik.

The Velvet Hammer oder der Neue in der Klasse

Elvis Presley kurz vor seinem Umzug von Tupelo nach Memphis

Elvis Presley kurz vor seinem Umzug von Tupelo nach Memphis

Eines Morgens nicht lange nach Beginn des neuen Schuljahres wird in Georges Klasse ein neuer Schüler vorgestellt. Er ist gerade erst mit seinen Eltern aus Tupelo nach Memphis gezogen und ist ganz neu an der Humes High. George beachtet den Neuen nicht weiter, er ist ein unauffälliger blonder 13-Jähriger, wie es sie zu Hauf in der Klasse gibt. Den Namen des Neuen hat er nicht mitbekommen oder sich nicht gemerkt.

Doch ein paar Wochen später wird George aufmerksam auf den unauffälligen Neuen in der Musikklasse. Weihnachten rückt näher und Miss Marmann schlägt vor, dass die Klasse statt der üblichen Stunde doch einfach mal was Besonderes machen könne: Weihnachtslieder singen. George rollt innerlich mit den Augen (nur innerlich, denn Miss Marmann hat den Rohrstock immer griffbereit). Was soll schließlich am Singen von Weihnachtsliedern schon Besonderes sein?

Zum Erstaunen von George sieht der Neue das offensichtlich ganz anders. Miss Marmann hat kaum die magischen Worte ausgesprochen, als der Klassenkamerad sich zu Wort meldet: “Miss Marmann, kann ich dann meine Gitarre zur nächsten Stunde mitbringen und singen?” Ein verhaltenes schadenfrohes Kichern ist im Raum zu hören. Ach Gott, das Landei aus Tupelo, der Hillbilly will seinen Mitschülern was auf der Gitarre vorspielen und singen. Wie uncool! Das will doch keiner hören, ist als leises Wispern in der Klasse zu vernehmen.

Auch Miss Marmann ist verblüfft. Damit hat sie sichtlich nicht gerechnet, aber sie fängt sich schnell und antwortet: “Aber ja Elvis, bring’ du deine Gitarre mal mit“. George kann nicht glauben, was er da gerade hört. Er reckt den Hals, schaut rüber zur  letzte Reihe, wo dieser Elvis sitzt, und denkt: “Boah, der Typ hat Chuzpe. Miss Marmann und der Klasse was auf der Gitarre vorspielen und singen. Das ist schulpolitisches Harakiri, da kann man sich auch gleich erschießen lassen!

Doch der Neue – George hat inzwischen rausgefunden, dass sein vollständiger Name Elvis Presley ist – bringt zur nächsten Stunde tatsächlich seine Gitarre mit. So als sei es die selbverständlichste Sache der Welt, stellt sich der Junge aus Tupelo vorne in der Klasse neben Miss Marmann und beginnt zu spielen. Allerdings keine Weihnachtsongs. Er spielt zuerst, so erinnert sich George, einen sentimentalen Country-Klassiker von Red Foley, in dem es um einen Jungen und seinen kranken Hund geht: Old Shep (spätere Aufnahme von 1956)

… und danach einen irgendwie seltsamen Song von Fairley Holden: Keep The Cold Icey Fingers Off Of Me. Hier das Holden-Original…

Auweia! Definitiv kein Brahms oder Beethoven und ganz sicher kein Marmann-Material. Doch George ist überrascht. Irgendwie hatte er, wie wohl die meisten in der Klasse, mit etwas Grauenhaftem gerechnet.

Doch der blasse Junge mit den schweren Augenlidern und der unreinen Haut hat zweifelsfrei Talent. Und er singt absolut sicher vor seinen Mitschülern und der strengsten Lehrerin an der ganzen Schule. Das ist verdammt cool, denkt sich George und nimmt sich vor, den Neuen von nun an im Auge zu behalten.

Elvis Presley 1953

Elvis Presley 1953

Was George nicht wissen kann, ist, dass Elvis daheim in Tupelo gute Erfahrungen mit strengen Lehrerinnen gemacht hat. Miss Grimes hatte ihn drei Jahre zuvor bei einem Nachwuchstalentwettbewerb angemeldet, nachdem er die Schulklasse mit Old Shep zu Tränen gerührt hatte. Für ihn also gar nicht so ungewöhnlich. Allerdings war Elvis an der Milam Junior High in Tupelo auch noch ein Einser-Kandidat in Musik… das sollte sich nun ändern.

Miss Marmann kann Elvis nämlich nicht so richtig überzeugen mit seiner “Weihnachtseinlage“: Er fällt zwar nicht durch, rutscht aber ab auf ein “Befriedigend” in Musik, wie aus seinem Zeugnis für die 8. Klasse an der Humes hervorgeht. Nach Miss Marmanns Standards ist er damit wahrscheinlich noch richtig gut weggekommen. Wir einnern uns: Beethoven und Brahms ;-). Er selbst wird sich an die “Schmach” noch Jahre später erinnern und Witze darüber reißen.

Manchen wird’s wundern, aber Elvis Presley ist kein schlechter Schüler – guter Durchschnitt, mit den Hauptfächern Englisch, Geschichte und Werken, wie aus einem Eintrag im Jahrbuch seiner Abschlussklasse von 1953 zu lesen ist.

Eintrag zu Elvis Presley im Jahrbuch der Abschlussklasse 1953

Eintrag zu Elvis Presley im Jahrbuch der Abschlussklasse 1953

 

Noch ganz unauffällig: Elvis Presley als freiwilliger Helfer in der Schulbibliothek - Bill Burk: Early Elvis - The Humes Years

Noch ganz unauffällig: Elvis Presley (letzte Reihe, rechts außen) als freiwilliger Helfer in der Schulbibliothek – Bill Burk: Early Elvis – The Humes Years

 

Frühe militärische Ehren: Elvis als Mitglied des ROTC an der Humes High

Frühe militärische Ehren: Elvis (obere Reihe, Mitte) als Mitglied des ROTC an der Humes High – Bill Burk

Elvis Presley (letzte Reihe) in seinem Englischkurs an der Humes High School

Elvis Presley (letzte Reihe in der Mitte) in seinem Englischkurs an der Humes High School – Bill Burk

 

In der Biologieklasse 1953

Bevorzugt die letzte Reihe: Elvis Presley in der Biologieklasse – Bill Burk

 

Und guck’ einer an: Der King ist Mitglied im Speech Club – seine selbstverfasste Rede vor den Jaycees 1971 hat also eine schulische Vorgeschichte…

 

Gute Reden halten, will geübt sein: Elvis in der "Speech Class" - Bill Burk

Reden halten will gelernt sein: Elvis in der “Speech Class” – Bill Burk

Nach der denkwürdigen Musikstunde haben George und Elvis häufiger Klassen zusammen und entwickeln ein oberflächlich freundschaftliches Verhältnis. Man kennt sich, grüßt sich, ist sich sympathisch, wechselt ein paar Worte., aber eine tiefere Freundschaft entsteht zunächst nicht.

Eher aus der Ferne beobachtet George die Veränderungen, die in seinem Klassenkameraden vorgehen. Der verwandelt sich nämlich sukzessive von einer unauffälligen in eine sehr auffällige Erscheinung: trägt schwarze Hosen mit rosa Streifen an den Seiten mit rosa Hemden. Auch trägt er die Haare lang und kunstvoll zu einer Art Entenschwanzfrisur frisiert.

Der Look ist einzigartig an der Humes, da ist sich George sicher. Und dennoch hat er nie den Eindruck, dass Elvis Presley unbedingt auffallen will. Er macht einfach sein Ding, genau wie vor Miss Marmann Keep The Cold Icey Fingers Off Of Me zu singen, so als sei das das Normalste auf der Welt.

Elvis Presley ist ein authentischer Individualist – eine zurückhaltende Persönlichkeit gepaart mit einer auffälligen äußeren Erscheinung. Er ist auf eine unaufdringliche Art nachhaltig. Wie ein “velvet hammer“, ein Hammer aus Samt, findet George.

 

Elvis Presley in Pink

The Velvet Hammer in Pink

Nachdem der “samtene Hammer” mit einem finalen Gesangsauftritt bei der Talentshow der Humes-Abschlussklasse 1953 den ersten Platz belegt, trennen sich die Wege von Schulsprecher George und Klassenkamerad Elvis zunächst. Das nächste Mal hört George von seinem ehemaligen Schulkameraden erst, als Radiomoderator Dewey Phillips, für den George zeitweise arbeitet, ihm 1954 eine lokalen Hit vorspielt: Elvis Presleys That’s All Right Mama.

Dee Jay Gee Kay, wie Elvis George nennt, und der King werden jetzt endgültig Freunde und bleiben es bis zu Elvis Presleys Tod 1977. 1957 arbeitet George Klein sogar kurze Zeit für seinen ehemaligen Schulkameraden, ist hautnah dabei, als etwa der legendäre Film Jailhouse Rock gedreht und der gleichnamige Hit aufgenommen wird.

Elvis und George machen einen Ausflug

Elvis und George startbereit auf der Harley in den 1950ern

George, Jahre sehr erfolgreich als Radiomoderator in Memphis, hat beim King sozusagen einen Platz in der ersten Reihe – und macht sich u.a. verdient, in dem er seinen Freund auf schöne Frauen aufmerksam macht, die anschließend Lebensabschnittsgefährtinnen von Elvis Presley werden: Anita Wood (1957-1962), Linda Thompson (1972-1977) und Ginger Alden (ab 1976) gehören dazu.

Späßchen gefällig: Elvis ist Trauzeuge bei Georges Hochzeit in den 1970ern

Späßchen gefällig: Elvis ist Trauzeuge bei Georges Hochzeit in den 1970ern

Keine Frage, George Klein hat sicher viel zu erzählen. Und er kommt im August 2016 nach Deutschland! Denn George ist Gast beim 15. European Elvis Festival, das die Stadt Bad Nauheim und die Elvis Presley Gesellschaft auch in diesem Jahr vom 19. bis 21. August 2016 in der Kurstadt ausrichten.

Das ist eine tolle Gelegenheit, den Klassenkameraden des King bei einer Talkrunde (→ Videos) am 20. und am 21. August persönlich kennen zu lernen, von seinen Erlebnissen zu hören und ihm Fragen zu stellen. Auf nach Bad Nauheim.


Buchtipp: Elvis – Mein bester Freund von George Klein, 2010.

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