Elvis Presley oder die Einladung

Elvis Presley ist nicht nur für seine Musik, sondern auch für seine große internationale Fangemeinde bekannt. Gut 60 Jahre nachdem der King erstmals via Radio, Platte und  Kinoleinwand für Furore sorgte, umfasst seine Fangemeinde mittlerweile mehrere Generationen. Und die sind treu wie Gold. Sie sorgen dafür, dass ihr 1977 verstorbener Lieblingssänger es bis heute regelmäßig  in die Musikcharts schafft, als Musical erfolgreich ist, zu seinen Ehren veranstaltete Festivals füllt, als Leinwandprojektion mit seinen ehemaligen Musikern auf Tournee geht u.v.m.

Vor dem Hotel Grunewald - noch schnell ein paar Impressionen für die Erinnerungen

Fans auf dem European Elvis Festival im hessischen Bad Nauheim, wo der King von Oktober 1958 bis Anfang März 1960 als G.I. lebte

Selbst in unserem schnelllebigen Medienzeitalter sind Elvis-Fans immer noch für eine (meistens humorvolle) Schlagzeile gut, vor allem wenn sie sich in ihrer Freizeit gerne in zu enge Jumpsuits und schwarze Perücken mit riesigen Koteletten schmeißen, trotz gering ausgeprägter Gesangsfähigkeiten kein Publikum scheuen oder sonstwie durch bizarres Verhalten auffallen. Der eigentlich Witz an der Sache: Diese Fans sind eine, wenn auch vielbeachtete, Minderheit.

Das Gros der Elvis-Fans stellen die unauffälligen Ottonormalverbraucher. Die geben wenig her für eine Schlagzeile. Dafür kommen sie in allen Formen und Größen, im Alter zwischen Mitte Zwanzig und Mitte Siebzig (oha!), etwa gleich viel Männer wie Frauen, viele unterschiedliche Nationalitäten, die meisten wohl am ehesten aus der Mitte ihrer Gesellschaft. Um es mit Elvis zu sagen: Just all kinds of people.

Aber wie wird man eigentlich zum Elvis-Fan? Was so simpel scheint, ist gar nicht so einfach zu beantworten. Elvis-Fans finden das in der Regel auch nicht wichtig. Man ist es oder man ist es eben nicht. Eine größere Rolle spielt dann schon, wie lange man Fan ist. Begegnet man sich unter Fans zum ersten Mal, dann ist das eine Information, die bei der Vorstellung ungefragt sofort mitgeliefert wird. Je länger, desto besser, logisch!

Und noch eine Sache haben Elvis-Fans gemeinsam, sie können sich meist sehr gut an den einen Moment erinnern, der sie zum Fan machte, und Elvis zum Soundtrack ihres Lebens. Das gilt auch dann, wenn sie sich selbst nicht als Fan bezeichnen würden. Dabei ist der Moment jedes Mal ein anderer, aber immer hat er eine bleibende Bedeutung für die jeweilige Person.

Es ist der Moment, den Filmhistoriker und Elvis-Aficionado Björn Eckerl „die Einladung“ nennt, dieser eine Augenblick, in dem der Star über Zeit und Raum hinweg dem Fan das ultimative Versprechen gibt: Folge mir und ich bin für dich, was immer du von mir erwartest, ich mache mich zu deiner persönlichen Projektionsfläche.

Elvis Presley lädt ein

Projektionsfläche Elvis – Ed Sullivan Show 1956

Die Einladung – und natürlich das Annehmen der Einladung – setzt den Startschuss für den Beginn einer ziemlich eigenartigen Fernbeziehung, die von der Distanz lebt, obwohl sie große Nähe suggeriert. Hier ist die ganz persönliche Geschichte meiner Einladung.

Ready Teddy und die Einladung

Es ist der 17. August 1977, ich habe Sommerferien und ich sitze vor dem Fernseher. Nachrichten interessieren mich eigentlich nicht besonders, aber diesmal hat die Tagesschau meine volle Aufmerksamkeit. Jemand ist gestorben, so ein Typ mit einem komischen Namen, den ich schon mal gehört habe, aber nicht zuordnen kann. Irgendwo in den USA ist das, also dort, wo mit Sicherheit mehr los ist als in der hessischen Kleinstadt, in der ich zur Schule gehe und mich gerade extrem langweile.

Was mich sofort in den Bann zieht, ist eine Gruppe von Trauernden, die in dem Einspieler der Tagesschau gezeigt wird. Die Trauernden sind so offen emotional, so völlig aus dem Häuschen, dass ich neugierig werde. Der Typ muss wirklich von staatstragender Wichtigkeit sein, wenn er es bis in die Tagesschau um Acht schafft, einfach indem er stirbt und diese ungehemmten Trauerbekundungen auslöst.

Richtig verblüfft bin ich dann, als die weitere Berichterstattung enthüllt, dass es sich bei dem Verstorbenen nicht etwa um einen amerikanischen Politiker, so eine Art Reinkarnation von John F. Kennedy, handelt, dem amerikanischen Lieblingspräsidenten von so ziemlich jedem, den ich kenne, sondern um einen Sänger. Hm.

Es kommt noch besser: Die Tagesschau zeigt eine Frequenz aus einem Auftritt des „Idols der Rockmusik und der sogenannten Popkultur“, wie der Typ mit der Trauergemeinde jetzt vom Nachrichtenmoderator genannt wird.

In dem Filmmaterial von annodunnemals – 1977 war Schwarz-Weiß noch nicht Kult, es war einfach nur alt – wird ein Auftritt des Typen gezeigt, den ich sofort sympathisch, weil witzig und voller Leben finde. Es ist Elvis Presleys Performance von Ready Teddy in der Ed Sullivan Show vom 9. September 1956. Das weiß ich aber nicht… und selbst wenn, ich könnte damit zu diesem Zeitpunkt gar nichts anfangen.

Aber der Auftritt gefällt mir, vor allem, weil der Typ irgendwie anders ist – er sieht eigenartig aus, hat so offensichtlich selbst den größten Spaß an seinem Auftritt, schneidet ständig komische Grimassen, lacht und bewegt sich, als würde er irgendwie unter Strom stehen. Dabei schaut er nicht ein einziges Mal direkt in die Kamera. Das interessiert den gar nicht, denke ich, der ist ganz bei sich.

Sein Auftritt wirkt improvisiert und vielleicht ist er das auch. Dabei singt er die ganze Zeit irgendwas von einem Teddybär, jedenfalls reime ich mir das so zusammen… und liege damit völlig falsch ;-). Dass die diesen krassen Außenseiter ins Fernsehen gelassen haben… noch dazu annodunnemals. Cool.

Hier ist „die Einladung“ an mich, genau genommen ist es der Moment, den man im Video ab etwa 00:50 sieht: „Der Typ“ bewegt sich in seinen komischen zuckenden Bewegungen rückwärts und wird vom Solo seinen Gitarristen endgültig unter Strom gesetzt. Gleich tickt der völlig durch, denke ich. Der hat echt nicht alle Latten am Zaun. Dazu kreischt die ganze Zeit das Publikum, was den Typen offensichtlich noch mehr antreibt. Der hat Spaß, Humor und nimmt sich dabei nicht allzu ernst – das gefällt mir.

Aber wie kann jemand, der so voller Leben ist, gestorben sein? Den Verlust kann ich jetzt nachvollziehen. Elvis Presley ist mit dieser Meldung zu Recht in den Acht-Uhr-Nachrichten der Tagesschau!

Das erste Album

Ich nehme Elvis Presleys Einladung via Ready Teddy also an und begebe mich an einem der nächsten Tage in den örtlichen Plattenladen, um mir die Platte des „komischen Typen“ zu besorgen. Und Achtung: Ich meine wirklich die Platte, weil ich nämlich davon ausgehe – begründen kann ich das nicht -, dass es nur eine einzige geben kann.

Der einzige Plattenladen im Ort liegt an der Durchgangsstraße und ist ziemlich dunkel. Es ist mein erster Besuch dort. Als ich die Tür vorsichtig öffne, bimmelt ein antiquiertes Türglöcken, was überhaupt nicht zu Laden und Besitzer passen will. Der kommt gleich aus dem hinteren Teil des Ladens auf mich zu, verblüffenderweise sieht er ein wenig aus wie der junge Peter Guralnick, Elvis Presleys späterer Biograf.

Er fragt mich, was ich will – ich frage nach der Platte von Elvis Presley. Irritiert schaut die Reinkarnation von Peter Guralnick mich an. Er mustert mich von Kopf bis Fuß und fragt nach einer kleinen Ewigkeit: Welche?

Ich spüre, wie ich rot werde: Auweia, es gibt also mehr als eine? Das ist mir echt peinlich. Spontan habe ich das Gefühl, dass man das wissen muss. Ich trete ratlos von einem Fuß auf den anderen bis Peter Guralnick mich – seufzend – mit den Worten erlöst: Dann komm‘ mal mit.

Er führt mich weiter hinein in das Ladeninnere – und ich erlebe eine Überraschung. Die lange rückwärtige Wand des Ladens ist voll mit Platten des komischen Typs. Kein Zweifel, er ist es. Auf jedem der Plattencover ist er abgebildet, sieht immer anders aus und ist trotzdem sofort wiederzuerkennen.

Anders als in der Ed Sullivan Show schaut er mich von den meisten der Plattencover direkt an – bewegungslos. Jetzt fallen mir die  schweren Augenlider zum ersten Mal auf -, dabei lächelt er selten vom Cover und wenn, dann ist es ein schiefes Lächeln, irgendwo angesiedelt zwischen Selbsicherheit und Selbstironie. Da bist du ja, scheint der Mann auf dem Cover zu sagen. Wurde aber auch Zeit. Ich hatte schon befürchtet, du kommst nicht mehr. Die Einladung gilt, da bin ich jetzt ganz sicher.

Elvis Presley 1956 - das legendäre Album

Elvis Presley 1956 – das legendäre Album

Aber wo anfangen? Welchen Elvis nehme ich bloß zuerst? Einmal mehr erlöst mich Peter Guralnick, der sich an einem Stapel zu schaffen macht und mir dann eine Platte reicht: Sie heißt Elvis Presley und ist das erste Album, das 1956 bei RCA erschien. Wie gut diese Empfehlung ist, einfach am Anfang zu beginnen, kann ich nicht wissen, als ich hier so völlig ratlos in dem Plattenladen stehe.

Ich weiß nichts, bin völlig unvoreingenommen, bin einfach der Einladung gefolgt und mache jetzt meine Entdeckung. Dabei gehe ich die ganze Zeit davon aus, dass es wirklich „meine“ Entdeckung ist. Dass ich es mit einem Massenphänomen zu tun haben muss – die Menge der Platten, die Berichterstattung in den Medien – werde ich in der ganzen nächsten Zeit nie hinterfragen. Und wenn, es hätte keine Bedeutung für mich. Die Einladung, das ist eine sehr persönliche Sache zwischen ihm und mir.

Als ich endlich zu Hause bin und unverzüglich „meine Entdeckung“ auf den Plattenteller lege, bin ich spätestens beim letzten Song sicher, dass „der komische Typ“, der noch dazu nicht mehr lebt, sein Versprechen halten wird. Seine Stimme berührt. Sie wird diese Qualität für mich nie verlieren.

Audio Blue Suede Shoes

Audio I’m Counting On You

Audio I Got A Woman

Audio One-Sided Love Affair

Audio I Love You Because

Audio Just Because

Audio Tutti Frutti

Audio Trying To Get To You

Audio I’m Gonna Sit Right Down And Cry

Audio I’ll Never Let You Go (Little Darlin)

Audio Blue Moon

Audio Money Honey

Nach diesem ersten Besuch im Plattenladen werde ich noch oft wiederkommen. Völlig unsystematisch bewege ich mich in der Folgezeit durch die wahrlich reichhaltige Musikproduktion des King. Ich folge einfach seiner Einladung, greife ordentlich zu am musikalischen Buffet, nehme, was mir geboten wird. Nicht alles gefällt mir gleich gut, aber das macht nichts.

Erst später lese und informiere ich mich über die Person, deren Einladung ich so bereitwillig gefolgt bin, ohne sie je wirklich zu hinterfragen. Der Begeisterung an meiner Entdeckung tut das keinen Abbruch. Die Einladung gilt, immer noch!

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