Elvis Presley und Dewey Phillips: The Making of Daddy-O-Dewey

Wenn im Zusammenhang mit Elvis Presley der Name Phillips fällt, dann denkt man sofort an Sam Phillips, den legendären Gründer des Memphis Recording Service und Plattenlabels SUN in Memphis. Also an den Mann, der 1954 mit That’s All Right die erste kommerzielle Aufnahme des künftigen King of Rock ‘n’ Roll herausbrachte und damit den Grundstein für eine einzigartige Karriere legte.

Die Rolle des “anderen Phillips”, des Radiomoderators Dewey, wird hingegen oft auf den einen Moment reduziert, in dem er – auf Betreiben seines Namensvetters Sam – als erster ein Demo der legendären Scheibe in seiner Radiosendung Red, Hot and Blue beim Sender WHBQ in Memphis auf den Plattenteller legte. Dabei war Dewey Phillips für Elvis Presley sehr viel mehr als ein lokaler Disk Jockey, der ihm zu seinem ersten Hit verhalf: Dewey war Elvis Presleys Mentor in mehrfacher Hinsicht.

Elvis Presley und DJ Dewey Phillips an dessen Arbeitsplatz beim Radiosender WHBQ

Elvis Presley mit Mentor Dewey Phillips beim Radiosender WHBQ in den 1950ern

Dass die enge Beziehung der beiden bis heute relativ wenig bekannt ist, liegt wohl in erster Linie am frühen Tod Deweys, der 1968 im Alter von 42 Jahren in Memphis verstarb, 9 Jahre vor seinem berühmten Zögling. Das frühe Todesalter von 42 ist dabei längst nicht die einzige überraschende Gemeinsamkeit in der Vita von Dewey und Elvis.

Es steckt ganz schön viel Elvis in Dewey – oder umgekehrt: Dewey in Elvis. Höchste Zeit für Teil 1 meines Elvis-und-Dewey-Specials!

Dewey Phillips: Ein Original findet seinen Weg

Eine erste Gemeinsamkeit ist die Herkunft. Dewey Phillips stammte aus ähnlich bescheidenen Verhältnissen wie Elvis Presley. Am 13. Mai 1926 – also ziemlich genau vor 90 Jahren – kam Dewey in Crump/Tennessee als eins von sechs Kindern zur Welt, von denen nur drei überlebten. Die Familie war arm. Deweys Vater Jesse bewirtschaftete einige Zeit eine kleine Farm und hatte zeitweise auch einen Laden in Adamsville/Tennessee nahe Deweys Geburtsort Crump, beides musste die Familie aber im Verlauf der Weltwirtschaftskrise in den 1930ern aufgeben.

Nach einem frühen Schlaganfall fiel der Vater als Versorger der Familie schließlich ganz aus – die Verantwortung für die Familie lag nun vollständig in den Händen der Mutter, Odessa Phillips, zu der Dewey eine ähnlich enge Bindung entwickelte wie Elvis Presley zu seiner Mutter Gladys. Da Vater Jesse sich insgesamt wenig für seine Kinder interessierte, suchte Dewey sich früh andere männliche Bezugspersonen und Rollenvorbilder, er fand sie u.a. in seinem Onkel Marvin. Später gefiel er sich selbst in der Rolle des Ersatzvaters, die er nicht nur für den jungen Elvis Presley übernahm.

Seine Herkunft prägte Dewey: Er kam vom Land und sprach die einfache Sprache der Landbevölkerung. Allerdings in einer Geschwindigkeit, dass einem Hören und Sehen verging. Dewey fiel früh durch seine energiegeladene Persönlichkeit und seinen Witz auf, er gab unentwegt den Klassenclown, seine Schnauze stand selten still, dabei war er hochgradig unterhaltsam. Schnell zeigte sich, der Mann war ein geborener Entertainer. Hier war nichts aufgesetzt: Dewey war einfach Dewey, ein Original, authentisch durchgeknallt!

Mit 16 wurde es Dewey endgültig zu eng in Adamsville: Mit zwei Kumpels packte er kurzerhand seine wenigen Habseligkeiten, enterte den Greyhound-Bus und ab ging es in die große Stadt: nach Memphis. Obwohl er seine Familie früh verließ, blieb Dewey zeitlebens sehr heimatverbunden, war stets bemüht um einen engen Kontakt zu Familie und Freunden, eine weitere Parallele zu Elvis Presley, der sich ebenfalls nie allzuweit von seinen Wurzeln in Tupelo/Mississippi und Memphis entfernte.

In Memphis angekommen, besuchte Dewey zunächst die Tech High School und jobbte an einer Tankstelle. Beides schmiss er schnell und übernahm stattdessen die Nachtschicht in einer Bäckerei. Zum ersten Mal in seinem Leben mit eigenem Geld zur freien Verfügung ausgestattet, investierte er es u.a. in ausgefallene Klamotten, die er bei Lansky Brothers auf der Beale Street erstand, dort wo die afroamerikanischen Musiker in Memphis bevorzugt einkauften.

Nur wenige Jahre später sollte sich ein junger Elvis, gerade erst von Tupelo nach Memphis verzogen, an Lanskys Schaufesterscheiben die Nase platt drücken… Wie Elvis war Dewey großzügig mit seinen Besitztümern – das ein oder andere Lansky-Outfit wechselte schon mal den Besitzer, wenn Dewey jemanden mochte.

Dewey Phillips und Elvis bei Lansky Bros. auf der Beale Street

Dewey Phillips und Elvis bei Herrenausstatter Lansky Bros. auf der Beale Street

Bevor Dewey schließlich seine wahre Berufung fand, wurde er mit 18 Jahren 1944 – also gegen Ende des Zweiten Weltkrieges – eingezogen. Mit der 4. US-Infanteriedivision landete er im nationalsozialistischen Deutschland, trug eine Beinverletzung davon und erhielt den Bronze Star, eine Auszeichnung für herausragende Leistungen im Kampfeinsatz. Gesprochen hat er über seine Kriegserlebnisse später selten, aber es gilt als verbrieft, dass Dewey – wie auch Elvis Presley – sehr patriotisch war, der Dienst an der Waffe für sein Land stand für ihn außer Frage. Mal abgesehen davon gab es damals in den USA natürlich auch noch die Wehrpflicht.

Zurück aus dem Kriegseinsatz, schlug Dewey eine andere berufliche Richtung ein. Er besann sich auf sein Entertainertalent und schrieb sich am Memphis College of Music ein, um sich zum professionellen Sänger ausbilden zu lassen. Er entdeckte seine große Liebe zur Musik, anfangs Country, später vor allem R&B, und bastelte zunächst mit viel Eifer an seiner eigenen Gesangskarriere.

Wann genau er feststellte, dass dies doch nicht so ganz das Richtige für ihn war, ist nicht bekannt. Sicher ist jedoch, Dewey sang auch noch gerne, nachdem er die eigene Gesangskarriere als Option längst aufgegeben hatte. Hier ist er zu hören mit seinen Aufnahmen von I Beg Your Pardon und It Had To Be You, erschienen 1959 bei Fernwood in Memphis:

Nicht schlecht, oder? Die große Gesangkarriere ergab sich für Dewey wie gesagt nicht, aber zumindest eine Frau konnte er stimmlich so überzeugen, dass sie ihn sogar heiratete: 1948 trat Dewey mit seiner Freundin Dorothy vor den Traualtar. Ein Jahr zuvor hatte Dewey seine Liebe zur Musik, vor allem zur race music, wie R&B damals noch genannt wurde, eine neue Richtung gegeben. Er heuerte 1947 nämlich als Plattenverkäufer im W.T. Grants five-and-dime-Warenhaus in der South Main Street an, gelegen in unmittelbarer Nähe zur Beale Street, dem Vergnügungsviertel der Afroamerikaner in Memphis.

Vom Start weg trieb der schlaksige, rotblonde Dewey die Plattenverkäufe bei Grants in zuvor ungeahnte Höhen. Als geborenes Verkaufstalent mit einer Schnabbelschnauze, die selten stillstand, und ein Gespür für den Musikgeschmack seiner Zeitgenossen, spielte Dewey nonstop die neuesten Platten im Laden von Grants, darunter viele seiner eigenen Lieblinge, und lockte mit seiner unterhaltsamen, energiegeladenen Persönlichkeit einen Strom an Passanten von der Straße in die Plattenabteilung.

Damit er noch besser außerhalb des Ladens zu hören war, vereinnahmte Dewey schon bald die Anlage für interne Durchsagen bei Grants und beförderte sich selbst… zum DJ. Dewey am Mikrofon zeigte noch größere Wirkung. Seine besondere Vorliebe für R&B war nun weithin bis in die Beale Street hinein zu hören und lockte zusätzlich zum weißen Stammpublikum von Grants immer mehr afroamerikanisches Musikliebhaber in den Laden. Ein gutes Zusatzgeschäft für die Ladeninhaber, denn zu dieser Zeit waren schon 40 Prozent der Bevölkerung von Memphis dunkler Hautfarbe.

Elvis und Dewey: White N.I.G.G.E.R. auf der Beale Street

Elvis und Dewey: White N.I.G.G.E.R. unterwegs auf der Beale Street in Memphis

Dewey fand als Plattenverkäufer bei Grants erstmals seine Berufung als DJ, der über seine authentische, ungehemmte Begeisterung für Musik Integration betrieb. Das in einer Stadt wie Memphis, in der Afroamerikaner und Weiße Ende der 1940er nach dem Gesetz in strikt getrennten Lebenswelten zu verkehren hatten, was streng überwacht wurde.

Doch jetzt kamen die unsichtbaren Mauern – Jahre bevor die Bürgerrechtsbewegung weltweit für Schlagzeilen sorgte – nachhaltig ins Wanken, nicht durch politische Reden, sondern durch Musik. Daddy-O-Dewey hatte in Memphis einen wesentlichen Anteil daran und wurde ab 1949 als Radiomoderator beim Sender WHBQ zum Superstar. Fünf Jahre bevor er Elvis Presley mit seinem musikalischen Mix aus “weißem” Country und “race music” in seiner Kultsendung Red, Hot and Blue auf die musikalische Landkarte hob.

Darum geht es im zweiten Teil des Elvis und Dewey-Specials. Fortsetzung demnächst hier.

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