Elvis in der Herrnmühle (1959)

Hier stehe ich also und kann es kaum glauben. Nur einen Steinwurf von der verschlafenen hessischen Kleinstadt entfernt, in der ich vor gefühlt einer halben Ewigkeit zur Schule gegangen bin, hat Elvis Presley Spuren hinterlassen.

Es kommt noch besser: Der King hat hier sogar richtig Party gemacht, und zwar im Gasthaus Herrnmühle, gelegen an der B 275 zwischen Bad Nauheim und Usingen, genauer gesagt an der Kreuzung zur Abfahrt Richtung Usingen-Kransberg. Elvis‘ Party in der Herrnmühle fand im Frühjahr 1959 zu Ehren von Sergeant Ira Jones statt.

Kreuzung

Wie kam es dazu? Im Frühjahr 1959 war der damals schon weltberühmte King of Rock ’n‘ Roll seit einem halben Jahr als amerikanischer G.I. mit der Nummer US 53310861 in den Friedberger Ray Barracks stationiert. Er tat Dienst als Panzerspäher in der Company C des 32nd Armor Regiment der 3rd Armored Division.

In dieser Panzerdivision war Elvis Presley unter anderem als Jeepfahrer für Sergeant Ira Jones eingesetzt, einem sehr erfahrenen und mit dem Purple Heart ausgezeichneten Veteranen des 2. Weltkrieges, der 1944 an der Landung der Alliierten in der Normandie teilgenommen hatte.

Der bodenständige Jones hatte den bei seiner Ankunft in Deutschland im Oktober 1958 noch etwas verlorenen wirkenden King of Rock ’n‘ Roll unter seine Fittiche genommen, um den Superstar möglichst gut in die Truppe zu integrieren und – falls nötig – vor Fans und Presse abzuschirmen.

Private Elvis und sein Vorgesetzter Sergeant Ira Jones in Deutschland

Einsatzbereit: Private Elvis und sein Vorgesetzter Sergeant Ira Jones in Deutschland

Man hatte Elvis  kurz nach seiner Ankunft in Friedberg nämlich extra von der Kompanie D, der er zuerst zugeteilt war, in die Einheit von Jones verlegt, weil sich schon nach wenigen Tagen zeigte, dass die Militärs in Kompanie D sich dieser Aufgabe schlicht nicht gewachsen fühlten.

Diese Interna wollte damals allerdings keiner bei der US-Armee offiziell machen, weshalb man einen kuriosen Vorwand für die Verlegung kommunizierte: einen Hörschaden des King. Wieso der nicht schon bei der Musterung und in der Grundausbildung aufgefallen war, ließ man offen. Möglicherweise erlaubte die Army sich hier – sozusagen als ironischen Insiderwitz – eine versteckte Anspielung auf den „lauten“, kontrovers diskutierten Musikstil des Memphis Flash. Das Geheimnis um die wahren Hintergründe haben Ira Jones und Colonel William Taylor erst viel später in ihren Erinnerungen an Elvis‘ Zeit in Deutschland gelüftet.

Sergeant Ira Jones mit Elvis Presley auf Manöver in Deutschland

Sergeant Ira Jones mit Elvis Presley auf Manöver in Deutschlands Wäldern

Wie dem auch sei, Sergeant Ira Jones aus Arkansas und Private Elvis Presley aus Tennessee verstanden sich auf Anhieb, und rasch entwickelte ich ein vertrauensvolles, fast kumpelhaftes Verhältnis zwischen den beiden, wie Jones in seinem Buch Soldier Boy Elvis (1992) erzählt.

Sergeant Jones und sein Fahrer verbrachten zwangsläufig viel Zeit zusammen: unterwegs im Jeep HQ 31 auf Fahrten durch den Hintertaunus und auf Manöver auf dem Truppengelände der Amerikaner in Grafenwöhr. So ein Armeeleben im kalten deutschen Winter war alles andere als ein Zuckerschlecken. Das schweißt natürlich zusammen.

Elvis im Einsatz in HQ31 in Deutschland

Schob keine ruhige Kugel in der US-Army: Panzerspäher Elvis beim Einsatz im HQ 31

Und genau das bringt uns zurück zur Kreuzung und dem Gasthaus Herrnmühle, das als Ausflugs- und Tanzlokal eine lange Tradition hat und – mehrfach an- und umgebaut – bis heute existiert. In den 1950er und 60er Jahren soll auch König Ibn Saud von Saudi-Arabien während diverser Kuraufenthalte in Bad Nauheim gerne hier eingekehrt sein.

Restaurant Herrnmühle heute

Restaurant Herrnmühle heute

Entdeckt habe ich das Gasthaus, das heute als Restaurant nur noch für geschlossene Gesellschaften zur Verfügung steht, mit Hilfe der Ortskenntnis von Claus-Kurt Ilge und seiner Lebensgefährtin Elvira, die Elvis Presley in den 1950ern in Deutschland persönlich kennengelernt hatten und die in der Nähe von Bad Nauheim (→ Wandeln auf Elvis‘ Pfaden in Bad Nauheim) leben. Usingen-Kransberg ist nur 15 Kilometer von der Kurstadt, in der Elvis Presley von Herbst 1958 bis Frühjahr 1960 außerhalb der Friedberger Kaserne seinen Wohnsitz hatte, entfernt.

Blick in den älteren Teil der heutigen Herrnmühle

Blick ins Innere des älteren Teils der heutigen Herrnmühle

Auf den ersten Blick meint man es nicht, aber die ruhige, dicht bewaldete Gegend rund um die Gaststätte Herrnmühle –  im 17. Jahrhundert erstmals als Mühle erwähnt – ist historisch bedeutsam, denn genau hier hatte Adolf Hitler für sich und seinen Stab im 2. Weltkrieg das Führerhauptquartier Adlerhorst mit einem umfangreichen Bunkerkomplex errichten lassen. Man kann die Reste davon heute noch sehen.

Mit dem Ende des 2. Weltkrieges und der Eroberung der Region durch die Amerikaner nutzten diese die ehemalige militärische Anlage der Nationalsozialisten für ihre eigenen Zwecke. Sie richteten etwa im Schloss Kransberg oberhalb des gleichnamigen Ortsteils, also ganz in der Nähe der Herrnmühle, das Verhörzentrum Camp Dustbin ein, wo die Spitzen der Wissenschaft, Technik und Rüstungsorganisation des Naziregimes, darunter Albert Speer, Wernher von Braun und Fritz Thyssen von den Amerikanern inhaftiert und befragt wurden.

Im Sommer 1946 fand im Schloss, das Hermann Göring – Hitlers Oberbefehlshaber der deutschen Luftwaffe – für Partys genutzt haben soll, die erste Konferenz der Weltgeschichte zum Thema biologische Kriegswaffen statt.

Let’s have a party

Es ist also gar nicht verwunderlich, dass den Soldaten von Elvis Presley’s Truppe die Herrnmühle – irgendwo im Niemandsland des Hintertaunus – ein Begriff war. Sie kamen ja andauernd an dem Ausflugslokal vorbei. Als im März 1959 also eine geeignete Location gesucht wurde, um Elvis‘ Vorgesetzten Sergeant Ira Jones, dessen Versetzung anstand, standesgemäß zu verabschieden, mieteten die Soldaten seiner Einheit dafür an einem Samstagabend die Herrnmühle, die von Deutschen geführt wurde.

Ein gut gelaunter Elvis macht die Runde im Party-Getümmel der Herrnmühle

Ein gut gelaunter Elvis im Party-Getümmel der Herrnmühle 1959

Ira Jones und Colonel William Taylor zufolge ging es hoch her auf der Party, bei der die Truppe – bei dieser Gelegenheit alle in zivil – mit ihren Frauen und Freundinnen unter sich blieb. Das Bier floss in Strömen, zu essen gab es deutsche Hausmannskost: Wiener Schnitzel und Sauerbraten mit Rotkohl und Knödel. Eine deutsche Kapelle sorgte zunächst für die musikalische Unterhaltung, bevor die G.I.s dann doch lieber die eigenen Platten auflegten.

Elvis mit seiner Begleitung Margit Buergin in der Herrnmühle

Elvis mit seiner Begleitung Margit Buergin in der Herrnmühle 1959

Und dann kam Elvis. Angerauscht im (noch weißen) BMW mit seiner deutschen Verabredung, der hübschen Margit Buergin, hatte er vorsorglich für alle Singles unter den Soldaten einen Bus voller „Frolleins“ im Schlepptau. Das kam natürlich richtig gut an. Für die vorgesehene Tombola brachte er jede Menge Preise mit – außerdem durfte sich jeder Partyteilnehmer über ein Geschenk freuen: Brieftaschen, Feuerzeuge, kleine Messer und Puderdöschen für die Damen mit EP-Monogramm waren darunter.

Elvis Presley macht die Runde unter den Gästen, bevor er sich ans Klavier setzt und sozusagen ein Konzert gibt - Herrnmühle 1959

Elvis Presley macht gut gelaunt die Runde unter den Gästen, bevor er sich ans Klavier setzt und ein Privatkonzert gibt – Herrnmühle 1959

Dann kam der Höhepunkt des Abends. Elvis Presley, der während seiner Zeit in Deutschland angeblich nie vor Publikum sang, gab hier am Klavier ein spontanes Privatkonzert für die Gäste des Abends. Ira Jones beschreibt die Ereignisse in seinen Erinnerungen:

„As I was near the end of the prizes, one of the platoon members told me, ‚Elvis said to tell if you don’t mind, he will sing a few songs after the drawing‘.{…} Suddenly the gasthaus felt silent. {…} So instead of delivering a flowering introduction of Elvis, all I could blurt out was, ‚We’ve been listening to those damn noisy records for months. Now, turn that damn thing off and let’s listen to the king of rock ’n‘ roll‘. The silence continued for many seconds until Elvis stood and walked towards the piano. Then in a scene closely resembling a crowd cheering on their favorite football team, those around Elvis half-carried, half dragged him to the piano {…} Next I was half-carried, half dragged and plopped into a chair next to the piano. Elvis appeared to be enjoying every bit of the horse play. The noise, if anything got louder. But the moment his fingers touched the ivories, the mood changed drastically. You could hear a pin drop.{…} The pretty frauleins, the wives, and yes, even the hardened soldiers, leaned forward as one to take in every syllable that Elvis sang. The joint was jumping as Elvis switched to his rockers – All Shook Up, Heartbreak Hotel, Don’t Be Cruel, That’s When Your Heartaches Begin. An when he sang Love Me Tender, every female in the gasthaus felt he was directing his words, his feelings, his eyes directly to them. This night, for the first time, I could see the hypnotic effect Elvis had on his audiences.“

Ira Jones in: Soldier Boy Elvis von Bill Burk (1992), S. 243f

Elvis Presleys spontanes Privatkonzert zu Ehren von Ira Jones soll gut eine Stunde gedauert haben. Danach übergab der King Jones im Auftrag der gesamten Truppe eine Uhr, die dieser noch Jahrzehnte später in Ehren hielt. Damit ging ein bemerkenswerter Abend in der Herrnmühle zu Ende. Und ich kann immer noch nicht so recht glauben, dass ich jahrelang praktisch um die Ecke gewohnt habe.

2 Antworten
  1. Andi
    Andi says:

    Du kommst also auch aus Hessen? Cool!

    Ich wüsste gern, in welchen Tonarten er die Lieder gespielt hat. Irgendwie traue ich ihm nicht zu, dass er in Bb-Dur und A-Dur so sicher gewesen ist.

    Antworten
    • memphisflash
      memphisflash says:

      Hallo Andi,

      bin in in Hessen aufgewachsen, ja. Schöne Zeit. Zu Deiner Frage: Aktuell ist ein Gastbeitrag in Planung, der vor allem die gesanglichen Qualitäten Mr. Presleys genauer unter die Lupe nimmt.

      Beste Grüße

      Antworten

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