Ausverkauft! Elvis – das Musical

AUSVERKAUFT steht in großen Lettern auf dem Plakat, das am Eingang des Rüsselsheimer Theaters unübersehbar Elvis – das Musical ankündigt. AUSVERKAUFT, ELVIS, RÜSSELSHEIM?! Noch bin ich skeptisch, werde aber sofort eines Besseren belehrt, als ich die Menschenmenge sehe, die sich an diesem Freitagabend kurz vor 20 Uhr ebenso zielstrebig wie gut gelaunt vom Parkplatz auf den Eingang des Theaters zu bewegt.

Elvis - das Musical mit Grahame Patrick

Elvis – das Musical mit Grahame Patrick

„So voll habe ich das hier noch nie erlebt“, bestätigt eine sympathische ältere Dame im Foyer. Sie muss es wissen, schließlich hat sie ein Theaterabonnement, wie sie mir gleich erzählt. Trotzdem sei sie wählerisch, betont meine neue Zufallsbekanntschaft. Nur 3 handverlesene Aufführungen pro Saison gönne sie sich zusammen mit ihrer Freundin. Und heute steht ganz was Besonderes auf dem Plan im Großen Haus der Opelstadt. Nein, nicht Molière oder Mozart, sondern ELVIS. „Den mochte ich schon immer“, spricht’s und zieht mit der gerade eintreffenden Freundin flugs von dannen in Richtung Getränkestand. Ein Weinchen oder ein Prosecco, bevor es losgeht, das muss jetzt noch drin sein.

Ich trolle mich derweil schon mal auf meinen Platz in Reihe 5, erst mal ohne Weinchen oder Prosecco. Es ist proppenvoll im Saal. Das Publikum ist gut 45+, meistens Paare, ebenso viele Männer wie Frauen. Die Stimmung gleicht verhaltener Erwartungsfreude. Endlich ist der King „in the building“, besucht die Autostadt Rüsselsheim… Na ja, fast.

Gezeigt wird heute nämlich eine Musical-Produktion von Bernhard Kurz, seines Zeichens Experte in Sachen Doppelgänger-Shows und bekannt vor allem für sein Programm Stars in Concert, das seit Jahren im Berliner Estrel Festival Center begeistert. Mit mehr als 6.000 Vorstellungen und über 5 Millionen Zuschauern soll es eine der erfolgreichsten Musical-Produktionen in Deutschland sein, heißt es im Programmheft. Kurz hat sich auf die (meist schon toten) Superstars der letzten 60 Jahre spezialisiert, die er in seinen Musicalproduktionen für gut 2 Stunden wieder auferstehen lässt. Eine sichere Bank, jeder kennt sie, sie haben sich längst bewährt.

Von Abba über die Beatles, Buddy Holly, die Blues Brothers bis zu Michael Jackson und Madonna reicht das Programm. Und jetzt Elvis – auf Tournee geschickt vom Concertbüro Oliver Forster durch rund 80 Städte in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Bozen/Italien, von Ende Januar bis Mitte Juni 2016 → hier geht’s zu den genauen Tourdaten 2016. Klingt wie ein Tourneeplan Elvis Presleys, der in den 1970ern ständig quer durch die USA unterwegs war.

Grahame Patrick: LOOK AT ME – LISTEN TO ME

Den Musical-Elvis gibt bei uns – so auch in Rüsselsheim an diesem Abend – der Ire Grahame Patrick. In Dublin in eine Musikerfamilie geboren, begeisterte Patrick sich schon früh für den King of Rock ’n‘ Roll und die Idee, ihn zu doubeln: „Ich wollte meine Leidenschaft für seine Musik auch anderen Menschen in einer realistischen, einfühlsamen Form vermitteln und sie aufrichtig bewegen“, so Grahame Patrick kürzlich in einem Interview.

Grahame Patrick gibt den King in Elvis - das Musical; Foto Märkische Oderzeitung/Baganz 2014

Begeistert sich auch privat für den King: Elvis-Darsteller Grahame Patrick; Foto Märkische Oderzeitung/Baganz 2014

Als Jugendlicher zog Patrick mit seinen Eltern nach Toronto/Kanada und hatte dort Anfang der 90er in Bars und Clubs erste professionelle Auftritte als Elvis-Double. Es folgten Engagements in den USA, mehrere Jahre war er in King’s Town Las Vegas zu sehen. Gute Voraussetzungen, um überzeugend den Elvis zu geben.

Seit 13 Jahren ist Grahame Patrick regelmäßig in Bernhard Kurz‘ Produktion Stars in Concert in Berlin zu sehen, seit 2004 gibt er den King in Elvis – Das Musical, und zwar sowohl den jungen als auch den älteren Elvis. Das überzeugend zu machen, ist gar nicht so einfach.

Entsprechend gespannt warte ich auf meinem Platz in Reihe 5 darauf, dass es nun endlich losgeht mit dem Musical, in dem mit Ed Enoch vom Gesangsquartett The Stamps tatsächlich auch noch einer der Originalmusiker Elvis Presleys auf der Bühne steht. Die Stars In Concert-Band und die Background-Sängerinnen Theresa Pitt, Eva Maria Bender, Sharlie Pryse und Christina Fry runden das Gesangsensemble ab. Musical-Profis Daniel Neumann und Bridie June Davies schlüpfen u.a. in die Rollen von Sam Phillips/Colonel Tom Parker und Anita Wood/Priscilla Presley.

Es geht los: Lässig betritt Grahame Patrick in nahezu perfekter Nachahmung seines Vorbilds die Bühne. Gekleidet ist er in einen weißen, tief ausgeschnittenen Jumpsuit mit hohem Kragen, auffällig breitem Gürtel und Schlaghose – Elvis Presleys bevorzugtes Bühnenkostüm in den 197oern. Sofort ertappe ich mich bei dem Gedanken, wie gnadenlos dieses legendäre Kostüm zu wirklich jedem Träger ist. Auch zum Original! Bauch- und hüftumspielend zur Kaschierung der Problemzonen, die die meisten Männer ab einem bestimmten Alter ereilen, ist hier nicht. Die Verzierungen und der Gürtel, sie tragen ganz schön auf.

Wer dieses Kostüm trägt, gibt ein unmissverständliches Statement ab: LOOK AT ME! Er stellt sich rückhaltlos zur Schau und liefert sich den Blicken des Publikums vollkommen aus. Das erfordert ein gesundes Selbstbewusstsein und viel Präsenz – auch vom Double. Um Grahame Patrick muss man sich keine Sorgen machen, was das angeht. Ich schätze den Mann auf Anfang 40, er hat ein paar Pfund zu viel auf den Rippen, aber bewegt sich in dem legendären Kostüm mit großer Selbstverständlichkeit. Gestik und Mimik des „späten Elvis“ sind Patricks Stärke, das wird der weitere Verlauf des Musicals zeigen. Wechselnde schwarze Perücken mit berühmter Tolle und Koteletten und sehr viel Make-up komplettieren das Erscheinungsbild des Musical-Darstellers.

Grahame Patrick als Elvis Presley

Grahame Patrick als Elvis Presley – Foto: www.memphisflash.de

Ist der Doppelgänger dem Original also zum Verwechseln ähnlich, wie enthusiastische Pressestimmen wissen wollen? Nein, das ist er nicht. Weder vom äußeren Erscheinungsbild her noch gesanglich ist er zu verwechseln, auch wenn er so manches Mal sehr nah dran ist. Und das ist gut so!

Grahame Patrick ist ein guter Sänger und er hat Gestik und Mimik seines Stars Jahrzehnte genauestens studiert. Aber er hat auch verstanden, dass seine Rolle die eines Darstellers bleiben muss. Er spielt das Original, er ist es nicht! Entsprechend sollte er gut genug sein, um beim Publikum die Illusion ELVIS zu kreieren, aber gleichzeitig ausreichend „Luft lassen“, um die Zuschauer und Zuhörer nicht zu düpieren. Diese schwierige Gratwanderung gelingt Grahame Patrick.

LISTEN TO ME: Hier sind Tribute Artist Grahame Patrick…

… und Elvis Presley im direkten Vergleich zu hören mit dem Klassiker In The Ghetto (1969).

Elvis – das Musical: Erzählstruktur und Songs

Aber jetzt endlich zum Musical selbst. Die Eingangsszene überrascht, denn das Musical beginnt nicht am Anfang der Elvis-Story, sondern mit deren Ende. Musikalisch zudem nicht mit einem der allseits bekannten Megaklassiker, sondern mit dem Song My Boy, erschienen 1974 auf dem Album Good Times.

Im Hintergrund ist auf einer Leinwand die internationale Berichterstattung zum Tode Elvis Presleys im August 1977 zu sehen. Das holt die Zuschauer ab – daran können sich im Saal so gut wie alle erinnern, das ist sofort klar. Es folgt eine gute Version von Why Me Lord, eine Komposition von → Kris Kristofferson, die Elvis Presley ebenfalls in den 1970ern gerne live mit den Stamps brachte. Die Macher des Musicals kennen sich aus, das wird hier überzeugend transportiert.

Nach der Anfangsszene macht das Musical einen großen Sprung in das Jahr 1953, als Elvis in Sam Phillips Memphis Recording Service seine erste private Plattenaufnahme (angeblich für Mama Gladys) macht und dabei die Aufmerksamkeit von Phillips Mitarbeiterin Marion Keisker erregt. Zu hören ist Patrick mit dem Song My Happiness, es folgt der Klassiker That’s All Right, mit dem Elvis, Scotty und Bill 1954 der Durchbruch gelang. Das Publikum klatscht mit – ja, das kennt man doch.

Allerdings war es das jetzt auch schon mit Elvis in der berühmten SUN-Ära. Hinter Darsteller Patrick, der jetzt im Outfit des jungen Elvis zu sehen ist, läuft auf Leinwand ein Clip mit dem Original-TV-Ausschnitt von Elvis‘ erstem Auftritt in der Milton Berle Show 1956.

Wer befürchtet hat, dass Elvis – das Musical mit zu vielen Erzählsequenzen aufwartet, in denen Altbekanntes klischeehaft nacherzählt wird (ich hatte diese Befürchtung!), kann sich ab jetzt entspannt zurücklehnen. Dieses Musical setzt vor allem auf auf die Musik – die Songs kommen in schneller Folge: Heartbreak Hotel, All Shook Up, Hound Dog (inkl. der legendären Performance vom 5. Juni 1956 auf der Leinwand).

Patrick, Band und Backgroundsänger bringen die Songs gut, allerdings wird hier und da schon deutlich, dass Patrick sich mit den geschmeidigen Bewegungen des jungen Elvis doch etwas schwer tut. Und zack: Sprung ins Jahr 1960 mit Stuck On You und Grahame Patrick im Outfit des 1960er-Elvis. Es folgen auf dem Fuße Are You Lonesome Tonight und Devil In Disguise.

In der nächsten Erzählsequenz, in der es um die Filmverträge Elvis Presleys geht, glänzt Daniel Neumann wunderbar als Colonel Tom Parker. Neumann spielt den umstrittenen langjährigen Manager des King mit viel Humor, bringt das Publikum mit der Dreistigkeit seiner Verhandlungstechnik zum Lachen. Gut gemacht. Ich habe ja direkt darauf gewartet, dass hier die Colonel-Filmidee mit dem „sprechenden Kamel“ kommt, die so abgefahren ist, dass sie schon wieder gut ist. Aber lassen wir das jetzt…

Es folgen die Gesangsnummern Viva Las Vegas mit gut nachgestellter Tanzszene (Original läuft wieder auf der Leinwand im Hintergrund mit), Return To Sender – alles Songs aus der 1. Hälfte der 1960er, dann eine Kombi 1950er/1960er mit Spring Fever/King Creole. Anschließend geht es zurück in die 1950er mit den bekannten Filmsongs Love Me Tender und Jailhouse Rock. Hier klatscht das Publikum wieder ordentlich mit – die nicht lineare Erzählweise kommt offensichtlich an.

Bad in der Menge - Foto: www.memphisflash.de

Grahame Patrick begeistert das Publikum – Foto: www.memphisflash.de

Dann geht es flugs wieder in die 1970er, in die Elvis-Ära, die Patricks Stärke ist. Es folgt eine gelungene Gospel-Sequenz mit Sweet Sweet Spirit der Stamps und How Great Thou Art, bevor es für alle PAUSE heißt.

Nach der Pause regieren die 1970er endgültig – nach einem kurzen Verweis auf Elvis Presleys Zeit als Soldat der US-Armee in Deutschland und die Referenz an das ’68 Comeback-Special mit Trouble, Guitar Man und One Night, eingeleitet von einer Erzählsequenz Daniel Neumanns als Manager Parker.

In schneller Folge kommen A Little Less Conversation, der posthume Hit aus 2002, If I Can Dream und mit See See Rider, Burning Love, Polk Salad Annie, Bridge Over Troubled Water, Suspicious Minds und Can’t Help Falling In Love viele Songs, deren Live-Versionen bis heute ausgesprochen beliebt sind. Concert Elvis rules! In dieser Sequenz werden in bester Elvis-Manier auch Band und Backgroundsänger vorgestellt. Das Publikum rockt richtig mit – und doch ist jetzt eigentlich alles vorbei, denn mit Can’t Help Falling In Love schloss Elvis in den 1970ern seine Konzerte – und der King gab keine Zugaben.

Das ist in Rüsselsheim an diesem Abend anders. Das Musical endet wie es begann: mit einem Überraschungsmoment. Mit den letzten Klängen von Can’t Help Falling In Love verlässt Elvis Presley nämlich im übertragenen Sinne die Bühne… und überlässt seinem Darsteller Grahame Patrick das Publikum.

Und Patrick? Der lässt den Elvis „ziehen“ – Elvis has left the building, die eigene Rampensau dafür so richtig raus und geht – kletternd über die Stuhlreihen des gediegenen Rüsselsheimer Theaters – auf Tuchfühlung mit dem Publikum, das jetzt ordentlich abrockt. Unter Standing Ovations folgen gleich drei Zugaben: Johnny B. Goode, Blue Suede Shoes und mit tatkräftiger Unterstützung der Zuhörer Muss i denn, muss i denn zum Städtele hinaus.

Grahame Patrick im Publikum

Bad in der Menge – Foto: www.memphisflash.de

Mein Fazit: Gut gemachtes Musical, das zugunsten der Musik auf zu viele Erzählsequenzen verzichtet. Das Ganze hat wirklich Unterhaltungswert, der sympathische Elvis-Darsteller ist überzeugend. Ersetzt das jetzt das Original? Neeeiiiin. Kann und will es wohl auch nicht. Aber es erinnert daran, was für ein großartiger Entertainer Elvis Presley war. Wer sich das Musical anschauen möchte, hier gibt’s  → Tourdaten und Ticketinformationen.

2 Antworten
  1. Kurz, Bernhard
    Kurz, Bernhard says:

    Zuerst freue ich mich natürlich über die sehr gute Kritik. Ich muss aber auch ein Kompliment zurück geben.
    Es ist eine erstklassige analytische Kritik, die alle Aspekte der Show abdeckt. Zuerst eine klare Beschreibung des Geschehens auf der Bühne mit anschliessendem Kommentar. Nicht nur über den Hauptdarsteller sondern auch über die Musiker, Tänzerinnen, die Geschichte (warum so minimaoistisches Bühnenbild).
    Ich würde mich sehr freuen, wenn die Journalisten der Tagespresse oder des Feuilleton genauso gewissenhaft – es darf ja auch berechtigte kritische Aspekte beinhalten – schreiben würden und nicht nur so oberflächlich.
    Als Beispiel: Wir hatten eine Premiere im April 1993 – die Leute tobten – standing ovations für über 10 Minuten – und dann in der Bildzeitung die Überschrift „Die Blonde Katastrophe. Keine Analyse, keine Beschreibung der Reaktion des Publikum etc.
    Vielen Dank

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  2. memphisflash
    memphisflash says:

    Vielen Dank. Freue mich, dass Ihnen meine Besprechung gefällt. Das Musical ist wirklich sehr gut angekommen in Rüsselsheim.

    Antworten

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