Buchtipp: Sam Phillips The Man Who Invented Rock ‘n’ Roll von Peter Guralnick

He did it again! Im November 2015 hat der amerikanische Musikkritiker und Autor Peter Guralnick (*1943 Boston/Massachusetts) erneut eine umfangreiche Biografie veröffentlicht, die das Zeug zum Standardwerk hat. Ihr Titel: Sam Phillips The Man Who Invented Rock ‘n’ Roll.

Damit hat Peter Guralnick, bekannt vor allem für seine 1.300 Seiten starke zweibändige Elvis Presley-Biografie – der erste Band erschien 1994 unter dem Originaltitel The Last Train To Memphis: The Rise Of Elvis Presley, der zweite unter Careless Love: The Unmaking of Elvis Presley 1999 – und eine weitere lesenswerte über Soullegende Sam Cooke (Dream Boogie, 2005), jetzt die Biografie veröffentlicht, die ihm am meisten am Herzen liegen dürfte.

Peter Guralnick (links) mit Sam Phillips 1999 - Foto: Familie Phillips

A great story: Sam Phillips (rechts) und sein Biograf Guralnick 1999 – Foto: Phillips

Und wie immer bei Guralnick, der nach einem Universitätsabschluss in Creative Writing (also kreativem Schreiben) in den 1960ern erstmals als Autor von Kurzgeschichten von sich reden machte, ist sie hervorragend geschrieben. Kurz: Sam Phillips The Man Who Invented Rock ‘n’ Roll ist kleines literarisches Meisterwerk – “Storytelling” höchster Güte.

Schon im Vorwort seiner neusten Buchveröffentlichung wird deutlich, dass dies Guralnicks persönlichste Biografie bislang ist. Denn mit Sam Phillips (1923-2003), dem Gründer und manischen Visionär des kleinen, aber feinen Aufnahmestudios Memphis Recording Service sowie des Plattenlabels SUN Records in Memphis, das als Wiege des Rock ‘n’ Roll gilt und in dem vor Elvis Presley, Johnny Cash, Carl Perkins, Jerry Lee Lewis zahlreiche afroamerikanische Musiker wie etwa Howlin Wolf, Ike Turner und Rufus Thomas Musikgeschichte schrieben, verband den Autor eine 25-jährige enge Freundschaft bis zu Phillips’ Tod 2003. Schon 2000 ist Guralnick als Drehbuchautor für eine TV-Dokumentation über Sam Phillips in Erscheinung getreten, die denselben Titel trägt wie jetzt die Biografie.

The Kings of Rock 'n' Roll haben richtig Spaß (v.l.n.r.): Jerry Lee Lewis, Carl Perkins, Elvis (am Klavier) und Johnny Cash am 4. Dezember 1956 im Sun Studio in Memphis

Vier von Phillips’ legendären Entdeckungen im Sun-Studio in Memphis (v.l.n.r.): Jerry Lee Lewis, Carl Perkins, Elvis (am Klavier) und Johnny Cash, 4. Dezember 1956

Sam Phillips The Man Who Invented Rock ‘n’ Roll deckt Phillips gesamte Lebenszeit von der Kindheit im ländlichen Alabama, den beruflichen Anfängen beim Radio, der Gründung des berühmten Aufnahmestudios und Indie-Plattenlabels in Memphis in den frühen 1950ern, seiner großen Liebe zur Musik der Afroamerikaner in einer von Rassendiskrimierung geprägten Gesellschaft, der “Erfindung des Rock ‘n’ Roll”, der Arbeit mit vielen heute legendären Musikern, Phillips Philosophie der musikalischen “perfect imperfection” über die beruflichen und privaten Aufs und Abs bis hin zu den von Unruhe und Ehrungen geprägten späten Lebensjahren ab.

Dabei ist die Freundschaft des Autors mit Phillips gekoppelt mit Guralnicks schriftstellerischen Fähigkeiten das große Plus der fast 800 Seiten starken, äußerst detaillierten Biografie. Sie ist eine Hommage an einen ganz schön kauzigen Idealisten und Visionär, der Musikgeschichte geschrieben hat. Der anstrengende Typ mit dem brennend-intensiven Blick, dem das “Anderssein” und “Andersmachen”, das Originäre von klein auf ein hohes Gut war, springt dem Leser geradezu aus den Buchseiten entgegen.

Hier ist vorhanden, was Guralnicks Elvis-Biografie – wie er selbst im Vorwort zugibt – fehlt: der persönliche Eindruck. Im Gegensatz zu Phillips ist Guralnick Elvis Presley nie persönlich begegnet, hat kein einziges Mal selbst mit ihm gesprochen. Alles, was er in Last Train To Memphis und Careless Love beschreibt, entstammt den Erzählungen Dritter und wird nicht durch einen persönlichen Eindruck relativiert.

Elvis Presley hat sich seinen Biografen (das gilt auch für Guralnicks Vorgänger Hopkins und Goldman) nicht aussuchen können – Sam Phillips hingegen schon. Besser noch, er hat seinem Biografen, wie im Vorwort auf humorvolle Weise geschildert wird, sogar sehr genaue Anweisungen gegeben, wie er seine Geschichte gefälligst auf Papier zu bannen habe. Es beschreibt Sam Phillips Persönlichkeit und seinenen Auftrag an den Autor perfekt:

“It’s a great story, and it will go down in history. I don’t know how great the book will be – but it’s a great story. Peter, look, let me just tell you like I told my children, like I told every artist that walked in the door. Don’t be afraid of it. No matter what I say to you, don’t be afraid of it. But be frightened to death of not giving your best judgement to everything. Don’t let history down. Fuck Sam Phillips. Fuck anything that goes. It’s an important era – you got so much more responsibility to that than you got to any one person, including my ass.”

Sam Phillips zitiert nach Peter Guralnick: Sam Phillips The Man Who Invented Rock ‘n’ Roll, XII

Highlights: Sam Phillips und “der Junge”

Bleibt die Frage, welche Rolle Elvis Presley in Guralnicks Phillips-Biografie spielt und inwieweit hier Neues geboten wird, das sich so noch nicht in Guralnicks früheren Elvis-Bänden aus den 1990ern oder andernorts findet. Ich mache es kurz: Rein von den Fakten her gibt es wenig Neues. Dazu sind Elvis’ Start bei Sun, die ersten Aufnahmen, frühen Erfolge und der Wechsel zum Plattenriesen RCA Ende 1955 mittlerweile auch viel zu bekannt.

Auch dürfte sich endgültig selbst bis in den letzten Winkel herumgesprochen haben, dass Elvis Presley keinesfalls – wie es die Legende jahrzehntelang kolportierte – rein zufällig bei Sam Phillips vorbeischaute, um eine Platte als Geburtstagsgeschenk für seine Mama Gladys aufzunehmen… Aber lassen wir das jetzt.

Geburtshelfer: Elvis Presley (Mitte) mit Sam Phillips und seiner Mitarbeiterin Marion Keisker

Geburtshelfer: Der junge Elvis Presley (Mitte) mit Sam Phillips und seiner Mitarbeiterin Marion Keisker vor dem Sun-Studio in Memphis

Nein, die Phillips-Biografie punktet in anderer Hinsicht, nämlich in Sam Phillips’ lebhaften und bildhaften Beschreibungen des jungen Elvis Presley, den er meist einfach nur “den Jungen” nennt und in dem er eine Art Seelenverwandten sieht. Hier Sam Phillips’ Beschreibung des ersten Eindrucks von seiner wohl berühmtesten Entdeckung.

“He was nineteen years old, a good-looking boy with acne on his neck, long sideburns, and long greasy hair combed in a ducktail that he had to keep patting down, but what struck Sam most was his quality of genuin humility, humility mixed with intense determination. He was, innately, Sam thought, one of the most introverted people who had ever come into the studio, but for that reason one of the bravest, too. He remindet Sam of the many great early blues singers who had come into his studio, ‘his insecurity was so markedly like that of a black person’.”

Sam Phillips Eindruck in Peter Guralnick: Sam Phillips The Man Who Invented Rock ‘n’ Roll, S. 208

Der Leser ahnt, dass Sam Phillips ein ganz wesentlicher Grund ist, weshalb der 1. Band von Guralnicks Elvis-Biografie Last Train to Memphis, in der Phillips eine prägende Rolle spielt, so viel besser ist als der zweite Careless Love, in dem das nicht der Fall ist. Biografen sind nun mal auf gute erzählerische Quellen angewiesen, wenn sie über eine Person schreiben, die sie nicht selbst kennen. Die fehlen für den zweiten Teil der Elvis-Biografie leider über weite Strecken. Phillips legt – via Guralnick – in seiner eigenen Biografie noch einmal nach in Sachen tiefere Einblicke:

“He [Sam] tried not to let on to Elvis – he knew that he would never let any doubt intrude into the boy’s world. He couldn’t let Elvis know, realistically, the adversities that they faced, ‘because Elvis would have thought he had let me down’. But most of all Sam was aware, Elvis had to believe in him [Sam] if he was going to believe in himself. […] And yet as he got to know the boy, he continued to discover surprising inner reserves. He had, certainly, recognized his extraordinary feeling for music from the first, his extraordinary sensitivity in fact to everything that was going on around him. But he hadn’t necessarily picked up on an intellect that was equally extraordinary in its own way. There was, to begin with, his photographic memory – the boy only had to hear a song once, he never failed to take in anything that was said to him, he possessed the born mimic’s ability to reproduce and transmute virtually anything that he observed. But more than that – much more than that – he possessed a voraciousness for a world of experience and imagination that went far beyond his limited exposure to it. Sam felt a kinship with him that allowed, sometimes, to finish Elvis’ thought without ever embarrassing him.”

Peter Guralnick: Sam Phillips The Man Who Invented Rock ‘n’ Roll, S. 224

Interessant auch, welche Aufnahme Sam Phillips als Elvis’ und seine beste ansah und warum genau sie – laut Phillips – ein “fucking masterpiece” ist:

“Mystery Train was the greatest thing he had ever done on Elvis, Sam knew, with Elvis’ acoustic guitar just ringing out and driving the rhythm and a sense of spontaneity so unforced that at the end you can hear Elvis laughing, ‘a little yodel-type laugh’, as Sam described it, ‘because he didn’t think that was a take’. It was, ins Sam’s mind, the very essence of perfect imperfection.”

Peter Guralnick: Sam Phillips The Man Who Invented Rock ‘n’ Roll, S. 256

Audio des “fucking masterpiece” – The Boy From Tupelo-Boxset

 

Sam Phillips Biografie Guralnick CoverMein Fazit: Peter Guralnicks Sam Phillips The Man Who Invented Rock ‘n’ Roll ist uneingeschränkt lesenswert für Leseratten, die rund 800 Seiten in englischer Sprache nicht abschrecken. Bislang gibt es noch keine deutsche Übersetzung der Biografie.

Und nein, es geht inhaltlich bei weitem nicht nur um Sam Phillips und Elvis Presley, sondern auch um die vielen anderen Musiker des berühmten Sun-Labels sowie die Musikszene in Memphis. Ein überfälliges Buch, das mit Peter Guralnick den richtigen Autor hat.

Sam Phillips: The Man Who Invented Rock ‘n’ Roll, Orion Publishing Group 2015 ist als Hardcover, Taschenbuch und Kindle-Version erhältlich. Dazu kann man noch eine begleitende Doppel-CD mit Aufnahmen verschiedener Künstler aus Sam Phillips Talentschmiede erwerben. Was will man mehr?

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