The King’s Speech

Am 16. Januar 1971 macht Elvis Presley etwas für ihn Ungewöhnliches: Er betritt in seiner Heimatstadt Memphis ein Podium, stellt sich an ein Rednerpult und hält vor einer honorigen Versammlung eine selbstverfasste Rede. Bedankt er sich etwa für einen Grammy, die vielen Goldenen Schallplatten und ausverkauften Konzerte? Wurde ja auch mal Zeit…

16. Januar 1971: Elvis Presley hält eine Rede anlässlich seiner Auszeichnung mit dem Jaycee Award

16. Januar 1971: Elvis Presley bedankt sich für die Auszeichnung mit dem Jaycee Award

Aber nein, er hält  eine Rede, weil er vom United States Junior Chamber of Commerce als einer der 10 Outstanding Young Men of the Nation des Jahres 1970 ausgezeichnet wurde. Der sog. Jaycee-Award wird von einer hochkarätigen Jury, zu der 1970 auch der amerikanische Ex-Präsident Lyndon B. Johnson zählt, an herausragende Persönlichkeiten im Alter zwischen 18 und 35 Jahren verliehen, die „die besten Eigenschaften ihrer Generation verkörpern und damit einen Fortschritt für eine bessere Welt bewirken“. Dabei müssen sich die Kandidaten durch besondere Leistungen in ihrem jeweiligen Betätigungsfeld sowie ihr humanitäres Engagement auszeichnen.

Die Gemeinschaft der Jaycees vertritt die Auffassung, dass positive gesellschaftliche Entwicklungen nur in begrenztem Umfang durch Maßnahmen von Regierungen erreicht werden können. Aus Sicht der Jaycees werden Veränderungen eher durch die Initiativen verantwortungsbewußter Bürger in Gang gesetzt, die durch ihr lokales, nationales und internationales Engagement und soziales Veranwortungsbewusstsein Positives zugunsten aller bewirken.

Zu den Jaycee-Preisträgern des Jahres 1970, die am 16. Januar 1971 in Memphis geehrt werden, zählen neben Elvis u.a. der afroamerikanische Jurist und Bürgerrechtler Thomas Atkins, Biophysiker Mario R. Capecchi, späterer Nobelpreisträger für Medizin, und Paul W. Bucha, Experte für den Nahen Osten und Barack Obamas Berater für Außenpolitik. Die frischgebackenen Jaycees erhalten eine Skulptur mit zwei sich berührenden Händen.

Jaycee-Preisträger Elvis Presley mit Thomas I. Atkins, Jurist, Bürgerrechtsaktivist und Mitstreiter von Martin Luther King mit ihren symbolträchtigen Awards in der Hand: zwei Hände, die sich berühren

Zwei Hände, die sich berühren: Jaycee-Preisträger Thomas I. Atkins, Jurist, Bürgerrechtsaktivist und Mitstreiter von Martin Luther King, mit Elvis Presley 1971

Der Jaycee-Award ist also eine sehr hohe Auszeichnung und Elvis Presley ist 1970 der einzige Preisträger aus dem Entertainment. Vorgeschlagen für den Award – und man muss vorgeschlagen werden – wurde Elvis von dem demokratischen Politiker, Sheriff und späteren Bürgermeister des Bezirks Shelby County, William N. („Bill“) Morris. Morris, ein Freund Elvis Presleys, war nach der Ermordung Martin Luther Kings im April 1968 in Memphis maßgeblich an der Festnahme des Attentäters James Earl Ray beteiligt.

„I was a dreamer“: Der 16. Januar 1971 und eine Rede, die es in sich hat

Was die Verleihung des Jaycee-Awards an Elvis Presley besonders macht, ist die Tatsache, dass sie die einzige bekannte Preisverleihung ist, zu der der King nicht nur persönlich erscheint – selbst den Grammy für sein Lebenswerk ließ der Mann sich einfach zwischen zwei Konzerten in Las Vegas „vorbeibringen“ (→ Elvis und die Grammys), sondern für die er selbst am Abend vor der Preisverleihung eine kurze, dabei erstaunlich poetische Rede verfasst. Als der King seine Rede am 16. Januar 1971 als letzter Preisträger frei am Rednerpult hält, braucht er dazu weniger als 1 Minute – noch nicht einmal die Länge eines Songs.

Ein ungewöhnlicher Anblick: Elvis Presley am Rednerpult

Audio mit Elvis Presleys Rede vom 16. Januar 1971:

Erhalten geblieben sind auf drei gelben Zetteln, die auffällig an Post-Its erinnern, die handschriftlichen Notizen zu dieser knappen Rede, mit der Elvis Presley sich im Januar 1971 seinen Mitpreisträgern – den herausragenden Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik  – mit wenigen Worten vorstellt.

Elvis Presleys handschriftliche Notizen zu seiner Rede, Jaycee-Preisverleihung 1971

Anhand des „Redemanuskripts“ ist gut zu erkennen, dass Elvis Presley seine Rede klar in 3 Abschnitte gliedert. Dabei fällt auf, dass der 2. Teil gerne weggelassen wird, wenn die Rede heute zitiert wird. Hier die ungekürzte Fassung in deutscher Übersetzung:

„Danke, meine Damen und Herren. – Danke meine Damen und Herren. Ich möchte den Jaycees dafür danken, dass sie mich als einen der herausragenden jungen Männer gewählt haben.

Als ich ein Kind war, meine Damen und Herren, war ich ein Träumer. Ich habe Comic-Hefte gelesen und ich war der Held des Comics. Ich habe Filme gesehen und ich war der Held des Films. Und jeder Traum, den ich jemals geträumt habe, ist hundertfach in Erfüllung gegangen.

Und diese Herren hier [dabei deutete er auf die anderen Preisträger], sehen Sie, sie gehören zu den Menschen, die sich kümmern, die sich engagieren. Man begreift: Wenn es auch nicht möglich ist, dass sie das Himmelreich [auf Erden] erbauen, so ist es doch nicht allzu fern der Wirklichkeit.

Ich möchte sagen, dass ich schon früh im Leben gelernt habe: ‚Ohne ein Lied [auf den Lippen] wird der Tag niemals enden / Ohne ein Lied hat man keine Freunde / Ohne ein Lied, nimmt der Weg kein Ende / Ohne ein Lied…‘ Deshalb singe ich weiter [ein Lied]. Auf Wiedersehen. Ich danke Ihnen.“

Wer bis jetzt noch Zweifel hatte, dass Elvis Presley kein Mann für ausführliche Erklärungen war, wird endgültig eines besseren belehrt. Dennoch ist die Rede erstaunlich aussagekräftig und bringt Elvis Presleys Selbstverständnis und Überzeugungen gut auf den Punkt.

Im ersten Teil stellt Elvis einen direkten Bezug zwischen seiner Kindheit als armer Junge aus dem Süden, den großen Träumen kleiner Jungen von Heldentum und Ruhm und der tatsächlichen Erfüllung des amerikanischen Traums (The American Dream) her. Er spricht von dem unzerstörbaren Glauben daran, dass es jeder schaffen kann, wenn er die richtige Einstellung hat und fest genug an sich glaubt. Er, der Träumer hier an diesem Rednerpult, ist der lebende Beweis dafür.

Mit der Erwähnung des amerikanischen Traums schlägt Elvis Presley zudem einen Bogen zur legendären Rede „I Have A Dream“ (1963) des afroamerikanischen Bürgerrechtlers Martin Luther King, der 1968 in eben jener Stadt ermordet wurde, in der → „white N.I.G.G.E.R“ Elvis Presley – in den 1950ern angefeindet wegen seiner Fusion weißer und afroamerikanischer Musikstile – jetzt am 16. Januar 1971 gemeinsam mit Bürgerrechtler Thomas I. Atkins als Jaycee geehrt wird.

Gleichzeitig erinnert dieser Teil der Rede an Elvis‘ hochemotionale Peformance von „If I Can Dream“ , bekannt aus dem TV-Special ELVIS (68′ Comeback-Special), das im Dezember 1968 über die amerikanischen TV-Bildschirme flimmerte und nach langjähriger Live-Abstinenz des King eindrucksvoll das Signal zu seiner Rückkehr auf die Bühne setzte.

Kein Zweifel: Jaycee-Preisträger Elvis Presley stellt sich mit seiner knappen Rede, die den amerikanischen Traum und die Vision von einer besseren Welt beschwört, in den Kontext seiner Zeit. Doch er tut es nicht in direkten Worten in Form eines sozialpolitischen Statements, sondern bedient sich der Symbolik.

If I Can Dream (1968)

There must be lights burning brighter somewhere
Got to be birds flying higher in a sky more blue
If I can dream of a better land
Where all my brothers walk hand in hand
Tell me why, oh why, oh why can’t my dream come true
There must be peace and understanding sometime
Strong winds of promise that will blow away
All the doubt and fear
If I can dream of a warmer sun
Where hope keeps shining on everyone
Tell me why, oh why, oh why won’t that sun appear

We’re lost in a cloud
With too much rain
We’re trapped in a world
That’s troubled with pain
But as long as a man
Has the strength to dream
He can redeem his soul and fly

Deep in my heart there’s a trembling question
Still I am sure that the answer´s gonna come somehow
Out there in the dark, there’s a beckoning candle
And while I can think, while I can walk
While I can stand, while I can talk
While I can dream, please let my dream
Come true, right now
Let it come true right now
Oh yeah

Interessanterweise verwendet Elvis Presley als symbolischen Aufhänger für seinen festen Glauben an die Erfüllung des Traums nicht die Musik, sondern zwei seiner anderen großen Jugendleidenschaften: seine Vorliebe für die einst sehr beliebten Comics der Serie „Captain Marvel Jr.“ (1941 – 1953) und das Kino. Blickt man tiefer in das Thema der Captain Marvel Jr.- Comics, dann werden weitere Zusammenhänge deutlich.

Schließlich geht es bei dieser Comic-Serie um einen armen, gehandicapten Jungen, der durch einen weisen Magier die Chance erhält, in eine Supermann-Identität zu schlüpfen und für das Gute gegen das Böse zu kämpfen. Elvis Presley wirft hier also selbst die augenfällige äußere und innere Ähnlichkeit seiner Superstar-Persona (Frisur mit Tolle, Jumpsuit, Logo mit Blitz, Idealismus, Engagement, Begabung, Tapferkeit) mit seinem Rollenvorbild aus Jugendtagen in den Ring. Der Träumer schlüpft also in der Rolle des Guten, der das Böse besiegen möchte.

Verleihung des Jaycee-Award 1971: Talkrunde mit den Preisträgern

Fragen und Antworten: Talkrunde mit den Jaycee-Preisträgern

Den zweiten Teil seiner Rede widmet Elvis Presley seinen Jaycee-Mitpreisträgern. Neben dieser offensichtlichen Tatsache geht es auch hier bei näherer Betrachtung noch um etwas anderes: die Einstellung des Redners zu religiösen Fragen. Indem Bibelkenner Elvis andeutet, dass es die Möglichkeit gibt, das Himmelreich (Kingdom of Heaven) könne durch das Engagement einzelner schon vor dem Jüngsten Gericht hier auf Erden beginnen, gibt er einen interessanten Einblick in seine Lebenseinstellung, die nicht unbedingt konform mit den Lehren christlicher Glaubensrichtungen geht.

Schon in der der Preisverleihung vorangegangenen Talkrunde bekennt Elvis sich zu seinem Glauben, den er allerdings nicht an eine bestimmte Institution (Kirche) gebunden sieht, sondern an der Vorstellung, dass „Gott eine lebendige Präsenz in uns allen“ ist.

In der Talkrunde äußert er sich zudem deutlich zu seiner Rolle als Entertainer mit dem Ziel, sein Publikum zu unterhalten und dadurch glücklich zu machen und nicht mit direkten „Botschaften“ zu konfrontieren, unabhängig von seiner persönlichen Einstellung zu sozialpolitischen Fragen. Unterhaltung, die Menschen etwas gibt, hat einen Wert an sich, argumentiert der King. Mit diesem Selbstverständnis präsentiert er klar einen Gegenentwurf zum politisch ambitionierten Singer-/Songwriter, der in dieser Zeit Hochkonjunktur hat.

Im 3. Teil seiner Rede kommt Elvis auf Beruf und Berufung zu sprechen: die Musik. Wieder bedient er sich eines symbolischen Einstiegs, um seine Einstellung zum Thema zu transportieren. Dazu zitiert er den Anfang des Liedes Without A Song, das 1929 von Vincent Youmans, Billy Rose and Edward Eliscu komponiert wurde.

Der vollständige Liedtext verdeutlicht, dass Elvis Presley mit der Wahl gerade dieses Songs, der übrigens nie Teil seines Repertoires war, seine Ansicht stützt, Musik sei vor allem dazu da, das tägliche Leben leichter zu machen. Weiter gedacht: Musik hat per se das Potenzial, das Göttliche im Menschen zu berühren und so den Traum von einer besseren Welt wahr werden zu lassen. Mehr Botschaft braucht sie nicht.

Without A Song

Without a song, the day would never end.
Without a song the road would never bend.
When things go wrong, a man ain’t got a friend
Without a song.

That field of corn would never see a plow.
That field of corn would be deserted now.
A man is born, but he’s no good no-how
Without a song.

I got my troubles and woe,
but sure as I know that Jordan will roll
I’ll get along as long as a song is strong in my soul

I’ll never know what makes the rain to fall
I’ll never know what makes the grass so tall
I only know there ain’t no love at all
Without a song

Elvis Presleys einzige Rede ist also ganz schön symbolschwanger – trotz ihrer Kürze. Aber sie ist neben dem Inhalt noch aus einem anderen Grund interessant. Wer aufmerksam zuhört, dem fällt nämlich auf, dass etwas Entscheidendes fehlt. Nämlich das, was nach Veröffentlichung von Trina Youngs Buch Elvis: Behind The Legend: Startling Truths About The King of Rock and Roll’s Life, Loves, Films and Music (2015) wieder in aller Munde ist: das Stottern des King.

Laut Magdalene Morgan – Elvis‘ Freundin aus Tupeloer Grundschulzeiten – war der King als Junge ein ewig nervöser Zeitgenosse mit einem Stotterproblem:

„Elvis kam mir immer nervös vor. Er konnte nie still sitzen. Er stotterte. Nicht so, dass man ihn nicht verstehen konnte. Es war mehr ein ‚Ah… ah…‘. So wie man das auch später noch hörte, als er schon berühmt war.“

– Zitat Magdalene Morgan in Bill E. Burk: Early Elvis The Tupelo Years, S.100

Und ja, bei frühen Interviews und auch in verschiedenen Filmszenen kann man tatsächlich ein leichtes Stottern ausmachen bei Wörtern, die mit einem „W“ oder „I“ beginnen.

Trotz des kleinen Sprachfehlers klingt Elvis Presley meist selbstsicher, gibt sich oft schlagfertig, witzig und eloquent. Den Sprachfehler scheint er also früh in den Griff bekommen zu haben. Kein Wunder: Logopäden empfehlen Gesangsunterricht zur Überwindung der Sprachstörung, die sich beim Singen nicht bemerkbar macht.

Am 16. Januar 1971 trägt Elvis Presley seine Rede jedenfalls – wie im Audio weiter oben zu hören ist –  stotterfrei vor. „The King’s Speech“ fließt – in mehrfacher Hinsicht.

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