Elvis Presleys Hound Dog

Es kommt gar nicht so selten vor, dass die Cover-Version eines Songs bekannter ist als das Original. Selten ist das jedoch so offensichtlich wie im Fall von Elvis Presleys Monster-Hit Hound Dog (1956), den die Komponisten Jerry Leiber und Mike Stoller nicht etwa – wie später andere Hits – dem King auf den Leib schneiderten, sondern 1952 der R&B-Sängerin Willie Mae Thornton.

Elvis‘ Version aus dem Jahr 1956 ist diejenige, die 1988 in die NARAS Hall of Fame für Aufnahmen von dauerhaft hoher Qualität und historischer Bedeutung aufgenommen und 2010 vom Musikmagazin Rolling Stone zum wiederholten Mal unter die Top 20 der 500 besten Songs aller Zeiten gewählt wurde. Willie Maes Original hingegen, das immerhin auch sieben Wochen lang Billboards R&B-Charts toppte, ist heute nur noch Eingeweihten ein Begriff. Das ist richtig schade. Nicht nur, weil Willie Maes Version hörenswert und die Geschichte, wie es überhaupt zu dem Song kam, lesenswert ist, sondern weil man Elvis Presleys Hound Dog ohne das Original, andere Cover-Versionen und Parodien nicht wirklich versteht.

Als ziemlich sicher gilt heute, dass Elvis mit Willie Maes R&B-Hit schon vertraut war, bevor er 1954 seine eigene professionelle Karriere startete. Zu einer eigenen Version verarbeitete er Hound Dog jedoch erst, nachdem er 1956 live die Cover-Version von Freddie Bell and The Bellboys in Las Vegas sah. Auch hatte Elvis zunächst gar nicht vor, eine Studioversion von Hound Dog einzusingen – Hound Dog war als reine Live-Performance, als „komische Nummer“ bei seinen Konzerten gedacht, wie  Scotty Moore, Elvis‘ Gitarrist der ersten Stunde, Jahre später erzählte.

Hat gut lachen: Elvis Presley bei der Aufnahme seines Monsterhits Hound Dog am 2. Juli 1956 in New York - Foto: Alfred Wertheimer

Hat gut lachen: Elvis Presley bei der Aufnahme seines Monsterhits Hound Dog am 2. Juli 1956 in New York – Foto: Alfred Wertheimer

Eine Studioversion wurde erst am 2. Juli 1956 in New Yorker Aufnahmestudio von RCA in Angriff genommen, nachdem Elvis Presley mit seiner Windhund-Performance am 5. Juni 1956 in der beliebten Milton Berle Show das amerikanische Fernsehpublikum quasi aus den Angeln gehoben hatte.

Wieso aber dieser Umweg? Die Antwort könnte in dem dritten Vorläufer-Song, der für Elvis‘ Hound Dog eine entscheidende Rolle spielt, liegen: Rufus‘ Thomas Bear Cat (1953). Dabei handelt es sich um einen in der R&B-Szene populären „Answer Song“, sozusagen die männliche Antwort auf Willie Maes 1953 bei Peacock Records veröffentlichtem Hound Dog (→ Hound Dog vor Elvis). Anders ausgedrückt: In Bear Cat gibt Rufus den Mann, der in Hound Dog als nichtsnutziger Lover dargestellt wird, und antwortet auf die Anschuldigungen, indem er seine Sicht der Dinge darlegt. Dabei zieht er Willie Maes Version nach allen Regeln der Kunst durch den Kakao und dreht die sexuellen Anspielungen von „Hund auf Katze“. Heraus kommt ein witziges imaginäres „Gesangsduell“ zwischen Rufus Thomas und Willie Mae Thornton.

Aufgenommen hatte Rufus Thomas Bear Cat 1953 ausgerechnet in dem Studio, in dem Elvis Presley fast zur selben Zeit als frischgebackener Absolvent der Humes High School seine erste Privataufnahme machte: Sam Phillips legendäres SUN-Studio alias Memphis Recording Service in Memphis, das gerne als Wiege des Rock ’n‘ Roll bezeichnet wird. Was für ein Zufall… Der Liedtext zu Bear Cat stammte von Sam Phillips selbst. Der Song brachte Phillips eine Klage von Peacock Records ein, die den Labelinhaber ein hübsches Sümmchen kostete (→ Hound Dog vor Elvis: Mann und Frau wie Hund und Katze).

Songanalyse: Hound Dog oder Elvis Presleys Bear Cat im Bellboy-Style

Wie dem auch sei: Hört man sich Elvis Presleys Hound Dog von 1956 genau an, vergleicht sie mit Willie Maes und der der Bellboys, dann wird schnell deutlich, dass es sich bei Elvis‘ Interpretation sicher nicht um ein Cover handelt, bei dem jemand einfach denselben Song singt. Auch handelt es sich nicht um das Cover eines Covers, nämlich das der Bellboys.

Prof. Dr. Peter Wicke, der an der Humboldt Universität in Berlin Theorie und Geschichte der Popularmusik lehrt und Autor des sehr lesenwerten Buches Rock und Pop: Von Elvis Presley bis Lady Gaga (2011) ist, hat in seiner Hound Dog-Songanalyse detailliert auf die Unterschiede zwischen Elvis‘ und Willie Maes Interpretation hingewiesen, auf die ich mich nachfolgend beziehe. Aber hier erst einmal Willie Maes Hound Dog.

Willie Mae Thorntons Hound Dog (1953)

You ain’t nothing but a hound dog
Been snoopin‘ round my door
You ain’t nothing but a hound dog
Been snoopin‘ round my door
You can wag your tail
But I ain’t gonna feed you no more

You told me you was high class
But I could see through that
She told me you was high class
But I could see through that
And daddy I know
You ain’t no real cool cat

You made me feel so blue
You made me weep and moan
You made me feel so blue
You made me weep and moan
Cause you ain’t looking for a woman
All you’re lookin‘ is for a home

Hört man sich zum Vergleich Elvis‘ Studioverion vom 2. Juli 1956 an, dann fällt nicht nur sofort auf, dass das Tempo deutlicher schneller ist, sondern auch, dass der Text, der auf Freddie Bell and The Bellboys Version beruht, stark gekürzt wurde. Elvis‘ Version hat nur magere zwei Strophen.

Elvis Presleys Hound Dog (1956)

You ain’t nothing but a hound dog
Crying all the time
You ain’t nothing but a hound dog
Crying all the time
Well, you ain’t never caught a rabbit
And you ain’t no friend of mine

When they said you was high classed
Well, that was just a lie
When they said you was high classed
Well, that was just a lie
You ain’t never caught a rabbit
And you ain’t no friend of mine

Den Kürzungen zum Opfer gefallen sind die offensichtlichen sexuellen Anspielungen im Originaltext, der mit der Metapher des Hundes anstelle des Mannes spielt. Zudem ist die Strophe mit dem Text „You made me feel so blue, you made me weep and moan…“ in Elvis Version gleich ganz unter den Tisch gefallen, während die Textzeilen „You can wag your tail…“ ersetzt wurden durch das harmlose „Well, you ain’t never caught a rabbit…“.

Peter Wicke weist in seiner Songanalyse zudem darauf hin, dass im Original der Komponisten Leiber und Stoller die erste Strophe an dritter und fünfter Stelle wiederholt wird, woraus sich die für den Rhythm & Blues charakteristische Songarchitektur von ABACA ergibt. Die Strophen sind nach dem zwölftaktigen Bluesschema gebaut. Aus der Reihungsform des Originals ABACA wird bei Elvis ABABBA – die dritte Strophe wird also durch die zweimalige Wiederholung der zweiten ersetzt. Wie Willie Maes kommt Elvis‘ Hound Dog mit einigen wenigen musikalischen Elementen aus, der Schwerpunkt liegt deutlich auf der Gesangsdarbietung:

„Den wiederholten kleingliedrigen Melodiephrasen, die den Text tragen, ist eine mit Ausnahme der Gitarrensoli in den instrumentalen Zwischenspielen durchgängig gespielte, auf- und absteigende Bassfigur (walking bass) unterlegt. Bemerkenswert ist der Habanera-Rhythmus, der die Aufnahme durchzieht, denn er wurde fortan zu einem häufig kopierten Markenzeichen von Presley. Die in Achteln gespielte E-Gitarre betont die acht Achtel in klassischer Habanera-Manier jeweils auf 1, 4 und 7, was durch das parallel laufende Hand Clapping zusätzlich akzentuiert ist. Das harmonische Gerüst bilden vier Akkorde in der Abfolge I-IV/IV7- V7-I7. Das einzig auffällige Element sind die Schlagzeugwirbel (single-stroke drum rolls) nach jeder Strophe. Der Song ist so gebaut, dass er der Vokalperformance jeden Raum lässt, wovon in beiden Versionen ausgiebig Gebrauch gemacht wird.“

Zitat Peter Wicke: Hound Dog (Elvis Presley). In: Songlexikon, hrsg. v. Fischer, Hörner und Jost, 12/2011 (bearb. 10/2013)

Was der Songtext an sexuellen Anspielungen in Elvis‘ Version eingebüßt hatte, ersetzte der King of Rock ’n‘ Roll durch eine spezielle Gesangstechnik, die „die Singstimme zusätzlich rhythmisiert und die Textphrasen durchgängig auf ihr Ende hin betont: You-ain’t ah-nuh thin-but ah-Hound Dog, analysiert Wicke weiter. Durch Elvis‘ rhytmisierten Gesang erhielt der Song  eine aggressive Sinnlichkeit, die ihre Wirkung auf die damaligen Zuhörer nicht verfehlte. In der gefälligeren Version der Bellboys mit demselben Text ist dieses Element nicht vorhanden.

Erstaunlicherweise spielte Elvis Presley am 2. Juli 1956 über 30 Takes für die Aufnahme seines Monsterhits ein und wählte dann – nach intensivem Anhören aller Takes – Nummer 28 als A-Seite für seine nächste Single aus. Die vielen Versuche überraschen insofern, als er den Song zu diesem Zeitpunkt mit seiner Band schon viele Male live mit großem Erfolg gespielt hatte. Warum also dieser Aufwand?

Elvis hört Hound Dog - Foto: Alfred Wertheimer

Elvis hört Hound Dog – Foto: Alfred Wertheimer

Der Grund könnte darin liegen, dass die Studioaufnahme ohne ein für den Song ganz wesentliches Element auskommen musste: die visuelle Performance. Deutlich wird das, wenn man die Studioversion mit der Live-Version aus der Milton Berle Show, dem Aufreger des Jahres 1956, vergleicht, was in Wickes Interpretation leider fehlt. In der Studioversion musste die Gesangstechnik kompensieren, was in der Live-Version durch die rhythmischen Bewegungen des Sängers transportiert wurde:

Erst in der Live-Performance ist gut zu erkennen, welchem Song Elvis Presley mit seinem Hound Dog tatsächlich die Reverenz erwies. Es war nicht Willie Maes alias Leiber & Stollers Hound Dog und auch nicht der der Bellboys, sondern eindeutig Rufus Thomas‘ Bear Cat. Wie in Rufus‘ Song drehte Elvis die Erzählperspektive von „Frau auf Mann“, allerdings nicht wie Rufus von „Hund auf Katze“, denn er übernahm den Nonsense-Text der Bellboys, die ihn mit ihrem Auftritt offensichtlich erst auf die Idee gebracht hatten, wie er Rufus Thomas Bear Cat performen konnte.

Elvis Presley brauchte für die Drehung der Perspektive auch keinen sinnhaften neuen Text, der mit ähnlichen Anspielungen versehen wie das Original im amerikanischen Mainstream-TV des Jahres 1956 wahrscheinlich gar nicht durch die Zensur gegangen wäre. Er verlagerte diesen Aspekt in seine ausgesprochen körperbetonte Live-Performance, die rhythmischen Bein- und Hüftbewegungen und vor allem die besonders im langsamen Schlusspart deutliche „Verführung des Mikrofonständers“. Damit erzielte er letztendlich den noch viel größeren Effekt und ließ zugleich Spielraum für Interpretation.

Wie Rufus zieht Elvis Willie Maes Hound Dog ordentlich durch den Kakao – sein Hound Dog ist sein persönlicher „Answer Song“. Hier singt der Hound Dog, der Windhund, über sich selbst und bezieht dabei mit großer Gestik (siehe Video) auch das Publikum mit ein. Er macht unmissverständlich klar, warum Willie Maes nichtnutziger Lover wohl doch nicht so schnell vor die Tür gesetzt wird…

Genau deswegen ist Elvis Presleys Hound Dog eine wirklich krasse Nummer, ein Insiderwitz, der es erstaunlicherweise zum Megahit gebracht hat. 1956 war er zurecht ein vulminanter Aufreger, auch wenn das Ausmaß heute nicht mehr nachvollziehbar ist.

Kein Wunder, dass die Komponisten des Originals – Leiber & Stoller – bei Elvis‘ Hound Dog-Version abgesehen von den Tantiemen, die dabei für sie raussprangen, ein ungutes Gefühl in der Magengrube hatten. Ihr Song wird schließlich ordentlich veralbert:

„I didn’t particularly like Elvis’ version of Hound Dog at the time, but as time passed I grew very fond of it. I’m not sure if it was the actual record itself or the fact that it had become such an anthem.“

– Zitat Komponist Jerry Leiber

Doch auch Elvis selbst hatte mit Hound Dog später in seiner Karriere Probleme. Wie den Song performen, der im Grunde nur im zeitlichen Kontext der 1950er wirklich funktioniert? Die meisten Live-Versionen der 1970er sind wenig hörenswert: Hound Dog endet im Live-Repertoire des King als ein Witz, dem die Pointe abhanden gekommen ist.


Hound Dog-Special:

Teil 1: Spotlight 5. Juni 1956: „You ain’t nothing but a Hound Dog“

Teil 2: Hound Dog-Versionen vor Elvis – Mann und Frau wie Hund und Katze

Teil 3: Elvis Presleys Hound Dog

Teil 4: Elvis‘ Monster-Single Hound Dog/Don’t Be Cruel

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