Elvis Presley und Red West: A failure to communicate

Robert „Red“ Gene West (*1936) gehört zu den Personen aus dem direkten Umfeld Elvis Presleys, die (fast) alle Organisatoren von Elvis-Events gerne im Programm haben. Der Grund liegt auf der Hand: Red West war über 20 Jahre ein enger Freund, später auch Angestellter Elvis Presleys, entsprechend viel hat er zu erzählen, Interviews gibt er jedoch selten.

Im Juli 2015 war Red nach Jahren wieder einmal in Begleitung seiner Familie in Europa auf „Elvis-Tournee“, zunächst in England, dann in Dänemark, wo er im Rahmen einer Veranstaltung in Henrik Knudsen Graceland Randers – einer originalgetreuen Kopie von Elvis‘ Wohnsitz in Memphis – von seiner Zeit mit dem King erzählte:

Wie in dem Video zu hören ist, kannten sich Elvis und Red aus High School-Tagen in Memphis. Schon in der Schulzeit hielt der kräftig gebaute, sportliche Rotschopf seinem schlaksigen Freund prügelwillige Schulkameraden vom Hals, später, als Elvis Mitte der 1950er mit seiner Band durch die amerikanischen Südstaaten tingelte, half er als Fahrer, Bodyguard und Mädchen für alles aus.

1958 begleitete er G.I. Elvis Presley für ein Dreivierteljahr nach Deutschland, wo er mit Familie Presley zusammen in Bad Nauheim im Hotel und später im Haus in der Goethestraße 14 wohnte. 1961 heiratete Red West eine der Sekretärinnen Elvis Presleys – eine Ehe, die bis heute hält.

Elvis Presley mit Red West in Deutschland Ende der 1950er

Elvis Presley mit Red West in Deutschland 1958/59

Red West ist vor allem als einer der „Bodyguards“, als Mitglied der berühmt-berüchtigten Memphis Mafia ein Begriff,  jener männlichen Spiel- und Spaßtruppe, die den King überall hin begleitete. Es ist eine Beschreibung, die im Falle Red Wests zu kurz greift. Red und Elvis hatten neben sportlichen Aktivitäten (Football, später Karate) von Anfang an ihre Leidenschaft für Musik und auch die Schauspielerei gemeinsam.

West komponierte nicht nur einige erfolgreiche Songs für Elvis Presley (teilweise im Duo mit anderen Komponisten), darunter That’s Someone You Never Forget und Separate Ways, sondern baute sich ab den 1960ern – beginnend mit kleinen Schauspielrollen in vielen Elvis-Filmen (etwa als Hank Tyler in Wild In The Country, 1961) – sukzessive eine eigene Karriere als Charakterdarsteller in Filmen und TV-Serien auf. Sein jüngstes Projekt ist der anspruchsvolle Independent-Kurzfilm The Last Generation To Die (2015).

Elvis und Red West in einer Nebenrolle im Elvis-Muscial Girls, Girls, Girls (1962)

Elvis und Red West in einer Nebenrolle im Elvis-Muscial Girls, Girls, Girls (1962)

Red West ist also nicht einfach als ein „Bodyguard“ zu sehen, der nach Elvis nichts Gescheites mehr auf die Reihe gebracht hat. Dennoch polarisiert Red West, endete seine Freundschaft mit Elvis Presley, die im Laufe der Zeit von einigen Aufs und Abs geprägt war, doch sehr abrupt und endgültig nach über 20 Jahren.

Im Sommer 1976 entließ Elvis Presley seinen Freund aus Schultagen zusammen mit 2 anderen Bodyguards mit der Begründung notwendig gewordener Kostenreduzierungen, vor allem aber mit Hinweis auf eine Reihe von hohen Schadensersatzforderungen, die er am Halse hatte, nachdem seine Bodyguards sich mehrfach unangemessen brutal gegenüber Fans verhalten haben sollen. Soweit die offizielle Version.

Gute Zeiten: Elvis Presley und Red West in den 1970ern

Gute Zeiten: Elvis Presley und Red West Anfang der 1970er

Red West wollte das von seinem Freund nicht hinnehmen und argumentiert bis heute, dass die Entlassung viel eher etwas damit zu tun hatte, dass er es als einer der wenigen in Elvis Presleys Umfeld wagte, seinen Jugendfreund auf seine gesundheitlichen Probleme und den aus seiner Sicht eskalierenden Medikamentenkonsum aufmerksam zu machen.

Der Streit unter Freunden spitzte sich so weit zu, dass Red West sich mit den beiden anderen entlassenen Bodyguards Sonny West und Dave Hebler zusammentat und 1977 ein Enthüllungsbuch über Elvis Presley unter dem Titel Elvis: What Happened (deutscher Titel: Elvis wie er wirklich war) veröffentlichte, das der Boulevardjournalist Steve Dunleavy für sie zu Papier brachte. Die drei Ex-Mitarbeiterfreunde schrieben das Buch also nicht selbst, sondern standen für Interviews zur Verfügung, was zumindest einen Teil der wirklich haarsträubenden faktischen Fehler in der Veröffentlichung erklärt.

Nur ein paar Tage vor Elvis Presleys Tod veröffentlicht, schadete das Buch, das sein Privatleben aus der Sicht Red Wests und der beiden Bodyguards schilderte, seiner posthumen Reputation enorm, wohl auch, weil der King niemals die Chance hatte, seine Sicht der Dinge zu präsentieren. Was eine in die Brüche gegangene Freundschaft so alles anrichten kann! Dem Vernehmen anderer Mitglieder der Memphis Mafia nach soll Red West sich in späteren Jahren von der Veröffentlichung des Buches distanziert und es als einen Fehler bezeichnet haben.

Elvis Presley: „What we have is a failure to communicate“

Interessanterweise gibt es ein Tondokument vom Oktober 1976, in dem Elvis Presley und Red West kurz nach dem Rauswurf im Gespräch miteinander zu hören sind. Viel mehr als alles, was bislang über die beiden gesagt und geschrieben wurde oder was Red West selbst in der Retrospektive erzählt, gibt es einen tiefen Einblick in die Dynamik der Beziehung dieser beiden Männer, die sehr viel mehr gemeinsam hatten als ihre Herkunft. Es handelt sich dabei um ein fast einstündiges, von Red West ohne Wissen Elvis Presleys mitgeschnittenen Telefonat (!), das in Auszügen später in Elvis: What Happened veröffentlicht wurde.

Der Mitschnitt ist so interessant, weil es das einzige zugängliche Dokument ist, dass auch Elvis Presleys Sicht der Dinge deutlich macht, indem hier die tieferliegende Gründe für die Entlassung genannt werden. Mitte der 1970er hatte sich die Spiel- und Spaßtruppe nämlich ganz offensichtlich überholt, der Spaß, den sie lange miteinander hatten, war auf der Strecke geblieben und Elvis fühlte sich von den Personen seines engsten Umfelds – bei weitem nicht nur Red West – zunehmend ausgenutzt, nur noch als Cash Cow und Image wahrgenommen. Hier eine Passage aus dem Mitschnitt:

Elvis: But you know… well it happened, man. I’d become an object, not a person.

Red West: Yeah.

Elvis: But you know, I’m not that [Elvis Presley Boulevard] sign down there. I’m not that image that’s built up. I’m myself.

Red West: Yeah. Well that’s the way I always, like, you know, tried to think of it.

Hinzu kamen Elvis Presleys Sorgen um den gesundheitlich angeschlagenen Vater Vernon, die eigenen gesundheitlichen Probleme, Gerüchte, er habe ein Drogenproblem und die Häme – nicht nur aus der Presse, sondern jetzt auch aus dem engen Kreis seiner Vertrauten – er sei „fat and forty“ und „fucked up“.

Das tat offensichtlich weh und es wird während des Telefonats ebenso offen angesprochen wie der nun vorherrschende Neid und die Mißgunst, die sich im engeren Kreis um Elvis Presley in den letzten Jahren seines Lebens breit gemacht haben. Die guten alten Zeiten, die sind vorbei, das wird schnell klar, wenn man den Mitschnitt hört: Sie haben verletzten Gefühlen und angeschlagenen Egos Platz gemacht.

Elvis: And you’re so wrong on one thing now, and listen, don’t get paranoid on me, because I’m just talking to you as a friend now, we’re on a private line and [there] isn’t a fuckin‘ soul left.

Red West: Right.

Elvis: I am not fucked- up by no means. On the contrary, I’ve never been [in] any better condition in my life.

Red West: Well, what I was talking about then… you had been pretty fucked-up… what I was talking about.

Elvis: Well, you know; I went through a divorce. you know, you were there.

[…]

Red West: We were all… worried about you. I always been worried about you, ‚bout you know, taking a few things. I thought, that would, you know…

Elvis: You worried about me so much that you turned around and hurt me. But see, I know what that is.

Red West: Well, that’s after you hurt me. You’d already hurt me. You hurt my… me and my family very bad, you left us out in the cold, so let’s not talk about me tryin‘ to hurt you.

Elvis: Well, things went on that you didn’t know about.

[…]

„What we have is a failure to communicate“, bringt Elvis Presley die Situation gegen Ende des Telefonats mit Red West treffend auf den Punkt. Dennoch endet das Telefonat versöhnlich, indem beide sich alles Gute wünschen – eine Wiedereinstellung Red Wests ist allerdings ebenso wenig Thema wie die Bitte, das geplante Enthüllungsbuch, von dem Elvis Presley offensichtlich schon gehört hatte, nicht zu schreiben.

Vielleicht hatte sich einfach die Erkenntnis durchgesetzt, dass eine Kombination aus Freundschaft und Chef/Angestellten-Verhältnis prinzipiell keine allzu gute Idee ist. Im Raum steht einzig Elvis‘ Angebot, Red bei der Suche nach einem neuen Job zu helfen. Red West versichert Elvis Presley im Gegenzug, er habe den Buchvertrag nur unterschrieben, weil er pleite sei, daran aber die Bedingung geknüpft, vor allem über die guten Zeiten erzählen zu können. Er klingt glaubwürdig – und dennoch sollte es anders kommen.

Klar ist jedenfalls im Oktober 1976, dass Elvis und Red künftig „Separate Ways“ gehen werden. Nicht jede Freundschaft hält ein Leben lang – tatsächlich tun es die wenigsten.

Hier der Telefonmitschnitt – die Audioqualität ist nicht leider allzu gut

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