Hound Dog vor Elvis: Mann und Frau wie Hund und Katze

Die Komponisten Jerry Leiber und Mike Stoller haben Elvis Presley einige Hits auf den Leib geschrieben, Hound Dog gehört nicht dazu. Das überrascht, wird der Song doch vor allem mit Elvis Presley in Verbindung gebracht. Es ist sein Riesenhit aus dem Jahr 1956, der 1988 in die NARAS Hall of Fame für Aufnahmen von dauerhaft hoher Qualität und historischer Bedeutung aufgenommen und 2010 vom Musikmagazin Rolling Stone zum wiederholten Mal unter die Top 20 der 500 besten Songs aller Zeiten gewählt wurde.

Nein, zum Windhund inspiriert hat Leiber und Stoller die Sängerin Willie Mae Thornton mit dem schönen Spitznamen „Big Mama“. Und das kam so: Jerome „Jerry“ Leiber (1933 – 2011) und Mike Stoller (*1933) – zwei weiße Jungs von Amerikas Ostküste – mit einer großen Vorliebe für Blues und Rhythm & Blues, lernten sich Anfang der 1950er auf dem College in Los Angeles kennen. Sie taten sich als Komponisten-Duo zusammen und hatten schon bald, noch nicht einmal volljährig, mit Charles Browns Hard Times (1952) einen ersten Hit.

In der Folge wurde der Sänger, Bandleader und Musikproduzent Johnny Otis (alias Ioannis Alexandres Veliotes, 1921 – 2012) auf die beiden aufmerksam und beauftragte sie damit, für die vorwiegend afroamerikanischen Sänger seiner Band, darunter 1952 auch Otis‘ Neuentdeckung Willie Mae Thornton (1926 – 1984), Songs beizusteuern.

 

  • Hound Dog-Ideengeber Johnny Otis mit Band

 

Big Mamas ganz persönlicher Windhund

Gesagt – getan. Im Sommer 1952 trafen Leiber und Stoller bei Proben von Otis‘ Band erstmals auf Willie Mae und waren spontan beeindruckt. Die Dame, für die schnell ein Song her musste, war nämlich eine ordentliche Wuchtbrumme mit einer beeindruckenden Stimme und einem selbstsicheren Auftreten, das fast etwas Furchterregendes hatte, wie das Duo später zu Protokoll gab.

Thornton war eine starke afroamerikanische Frau aus Alabama, die sich so schnell nichts sagen ließ, schon gar nicht von zwei weißen „Bübchen“ von der Ostküste. Ihre Karriere hatte Willie Mae in den 1940ern gestartet. Bevor sie sich mit Johnny Otis zusammentat, war die Rhythm & Blues-Sängerin vor allem mit der Sammy Greens Hot Harlem Revue quer durch die Südstaaten unterwegs. In der Revue trat Willie Mae, die außerdem sehr gut Mundharmonika spielte, als Sängerin und Komödiantin auf. Bei ihren Auftritten trug sie schon mal Männerkleidung und spielte mit etablierten Geschlechterrollen.

Wie dem auch sei: Auf Leiber und Stoller verfehlte der erste persönliche Eindruck von Willie Mae – alias Wuchtbrumme „Big Mama“ – seine Wirkung jedenfalls nicht. Die Komponisten setzen ihr Erlebnis flugs in Hound Dog um mit einem ordentlich doppelbödigen Liedtext, bei dem sich eine Frau wohl weniger über ihr Haustier als ihren Liebhaber beklagt, einen nichtsnutzigen Gigolo, der sie sich von ihr durchfüttern lässt und den sie besser schnell endgültig vor die Tür setzen sollte. Dabei spart der minimalistische Text vom Windhund in bester R&B-Tradition nicht mit sexuellen Anspielungen (wag your tail / snoopin‘ round my door).

 

Hound Dog (1952)

You ain’t nothing but a hound dog
Been snoopin‘ round my door
You ain’t nothing but a hound dog
Been snoopin‘ round my door
You can wag your tail
But I ain’t gonna feed you no more

You told me you was high class
But I could see through that
She told me you was high class
But I could see through that
And daddy I know
You ain’t no real cool cat

You made me feel so blue
You made me weep and moan
You made me feel so blue
You made me weep and moan
Cause you ain’t looking for a woman
All you’re lookin‘ is for a home

 

1990 ließ Jerry Leiber in einem Interview verlauten, dass es keine Viertelstunde gebraucht hätte, um Hound Dog zu komponieren, schließlich sei es ja auch kein besonders kompliziertes Stück. Entstanden ist der Windhund spontan nach der Begegnung mit Willie Mae auf der Rückfahrt im Auto vom Studio zu Stollers Apartment, so die Version der beiden Komponisten.

Nur einen Tag nach der 1. Begegnung mit Thornton  fand  am 13. August 1952 bei Radio Recorders Annex in Los Angeles die Aufnahmesession von Hound Dog statt, bei der Leiber und Stoller – wie später bei Elvis Presleys Jailhouse Rock-Session – eine aktive Rolle übernahmen. Nach Aussage der Komponisten leiteten sie die Session, an der Johnny Otis-Band – mit Otis am Schlagzeug – beteiligt war.

Ordentlich auf die Sprünge geholfen haben wollen Leiber und Stoller Big Mama bei der Aufnahme von Hound Dog im August 1952, weil sie den Song zunächst eher im Sinatra-Stil croonen wollte. Willie Mae Thornton hat dies später selbst in einem Interview energisch zurückgewiesen, indem sie darauf verwies, dass die beiden „weißen Jungs“ im Grunde nichts als ein bisschen Text auf Papier dabei gehabt hätten, der Rest sei ihre Interpretation, ihr kreativer Input. Vor allem der klasssiche Blues Talk in der Aufnahme und das Heulen und Bellen der Otis-Band im Hintergrund ginge auf sie zurück.

Das macht Sinn, wenn man sich die Intensität ihrer Interpretation anhört: Der Song lebt vor allem von ihrer prägnanten Stimme, von ihrem originärem Stil, begleitet nur von Gitarre, Bass und Schlagzeug. Big Mama brauchte nur 2 Aufnahmeversuche, um den einzigen richtigen Hit ihrer Karriere auf Platte zu bannen. Hier ist er – veröffentlicht Anfang 1953 bei Peacock Records, wo sie seit 1951 unter Vertrag war.

Willie Maes Hound Dog – von Billboard als „a wild and exciting rhumba blues“ beschrieben, konnte sich 14 Wochen in Billboards R&B-Charts halten, davon 7 auf Platz 1. In der afroamerikanischen Gemeinde war Hound Dog zwischen März und Juli 1953 ein Renner – vom Musikmagazin Cash Box zum Best Rhythm and Blues Song of 1953 gewählt. Entsprechend gut soll sich die Platte verkauft haben, wobei Willie Mae Thornton Zeit ihres Lebens nur einmalig ein Honorar von ein paar Hundert USD für ihre Aufnahme erhalten haben will, wie sie in einem Interview äußerte. Besonders bitter ist das, da sie auch in ihrer weiteren Karriere eher glücklos war – ihre Eigenkomposition Ball and Chains wird viel eher mit Janis Joplin in Verbindung gebracht.

Selbst die Komponisten Leiber und Stoller wollen mit dem Windhund erst dick im Geschäft gewesen sein, als Elvis Presley mit seiner Interpretation 1956 weit über die Rhythm & Blues-Charts hinaus seinen Megahit landete, der witzigerweise nur wenig mit Leibers, Stollers und Big Mamas Version zu tun hat – dazu später mehr. Dafür brachte er aber Johnny Otis erneut auf den Plan, der infolge des Presley-Hits an das Komponisten-Duo als Auftraggeber und Co-Autor des Originals finanzielle Ansprüche stellte. Allerdings kam Johnny Otis mit seiner Klage nicht durch. Letzteres wohl deshalb, weil Leiber und Stoller zum Zeitpunkt ihre Zusammenarbeit mit Otis noch gar nicht volljährig und damit nicht geschäftsfähig waren. Man merkt schon: Das Musikgeschäft war immer schon ein ordentlich schlüpfriges Pflaster.

Windhund trifft Katze: Rufus Thomas‘ Bear Cat als Antwort auf Hound Dog

Willie Maes Windhund jedenfalls bekam schon drei Jahre bevor Elvis Presley mit seinem Auftritt in der Milton Berle Show 1956 für nationalen Aufruhr sorgte ordentlich Gegenwind, und zwar in Form des Songs Bear Cat, aufgenommen ausgerechnet in Sam Phillips legendären SUN-Studio alias Memphis Recording Service, in dem Elvis Presley im Sommer 1953 das erste Mal auftauchen und wo er 1954 seine Profikarriere starten sollte. Was für ein Zufall… Der ehemalige Radiomoderator Sam Phillips (1923 – 2003)  hatte sich zu diesem Zeitpunkt schon einen Namen gemacht als weißer Studioinhaber, der in Memphis vor allem afroamerikanische R&B-Künstler produzierte – Bear Cat sollte 1953 der erste richtige Hit seines SUN-Labels werden.

Big Mamas Hound Dog war gerade 2 Wochen auf dem Markt, als der bekannte Memphis Disc Jockey Rufus Thomas (1917 – 2001) unter dem Spitznamen Rufus „Hound Dog“ Thomas seinen Song Bear Cat als Antwort auf Willie Maes Hit in Phillips Studio aufnahm. Das Konzept des Antwort-Songs erfreute sich in den USA sowohl in der Blues und R&B als auch Country-Musik ab den 1930 Jahren großer Beliebtheit: Wie der Name schon sagt, nimmt ein Antwort-Song direkten Bezug auf einen zuvor veröffentlichten Song – meistens ein Hit, an den man sich sozusagen dranhängte. Dieser Tradition entsprechend ist Willie Maes Hound Dog in Thomas‘ Bear Cat sofort wiederzuerkennen, allerdings ist der Text, geschrieben von Sam Phillips persönlich, komplett neu.

Bear Cat (1953)

You know what you said about me, don’t you woman…
Well, you ain’t nothin‘ but a bear cat
Been scratchin‘ at my door
You ain’t nothin‘ but a bear cat
Been scratchin‘ at my door
You can purr pretty kitty
But I ain’t gonna rub you no more

You said you was a long-hair
But I can see through that
You said you was a long-hair
But I can see through that
And mama I know
You’re just an old bear cat

You ain’t nothin‘ but a bear cat
Been scratchin‘ at my door
Ain’t nothin‘ but a bear cat
You been scratchin‘ at my door
You can purr pretty kitty
But I ain’t gonna rub you no more

Whoa, rub you!
Whoa, git with it now
Git it, git it, git it, git it!
Oh, listen to that old cat
Meooowwww… scat!
Oh, tip it miss kitty
Tip it honey, tip it!
Hey!
I’m tellin‘ you honey…

You made me feel so mean
Made me moan and groan
You made me feel so mean
You made me moan and groan
You ain’t wantin‘ no man
You’re just lookin‘ for an old soup bone

You ain’t nothin‘ but a bear cat
Been scratchin‘ at my door
You’re just an old bear cat
Been scratchin‘ at my door
You can purr pretty kitty
But I ain’t gonna rub you no more

Meow, meow
Meoooww, meoooowwwww!

Dabei dreht der Text die Erzählperspektive von Frau zu Mann: Beklagt wird in Rufus Thomas‘ Version das Verhalten der Frau, die sich in Hound Dog über ihren Windhund aufregt, aber selbst nichts weiter ist als eine Bear Cat, ein umgangsprachlicher Ausdruck für eine Frau mit einem ordentlich heißblütigen Temperament. Im Text geht der Mann konkret auf die Vorwürfe der Frau im Original ein – und dreht sie zu seinen Gunsten. Er parodiert das Original.

Der Windhund wird hier zur Katze – sexuelle Anspielungen inklusive: „Well…You ain’t nothin‘ but a bear cat, scratchin‘ at my door. You can purr, pretty kitty, but I ain’t gonna rub you no more„. Das Heulen der Hunde in Willie Maes Hound Dog wird durch das Miauen ersetzt. Und hier die Aufnahme von Rufus Thomas, die als Antwort auf Big Mamas Windhund wirklich witzig ist – zu toppen wäre das wohl nur noch durch ein Duett von Willie Mae und Rufus Thomas.

 

Leider fanden das nicht alle so lustig. Bear Cat kletterte bis auf Platz 3 der R&B-Charts, war also sehr erfolgreich. Und genau das brachte Sam Phillips eine Klage seitens Don Robey vom Peacock-Plattenlabel ein wegen Verletzung des Urheberrechts. Bei Peacock war kurz zuvor Willie Maes Hound Dog erschienen – man wollte jetzt am Erfolg von Bear Cat mitverdienen, schließlich hätte es diesen Song, so das Argument, ohne das Original kaum je gegeben. Abgesehen vom Text seien die Aufnahmen sich extrem ähnlich, hieß es.

Darauf hatte Sam Phillips allerdings so gar keine Lust, schließlich war die Sache mit den Antwort-Songs weit verbreitet und er hatte außerdem einen neuen Text verfasst. Die Notwendigkeit, nachträgliche eine Lizenz zu erwerben, um so seiner und Rufus Thomas‘ Parodie Rechtssicherheit zu geben, sah er nicht ein. Er war ja auch nicht der einzige mit einem Antwort-Song auf Peacocks Hound Dog. Bis Ende 1953 wurden gleich eine ganze Reihe musikalische Antworten auf Willie Maes Windhund von verschiedenen Plattenfirmen in Angriff genommen, etwa Roy Browns Mr. Hound Dog’s In Town, Charlie Gores und Louis Innis You Ain’t Nothin‘ But A Female Hound Dog oder John Brims Rattlesnake.

Das brachte Robey und andere Labelinhaber erst so richtig auf die Palme, jetzt wollte man die Sache mit den Antwort-Songs ein für alle Mal rechtlich geregelt sehen. Bear Cat  vs. Hound Dog wurde zum Präzedenzfall. Im Juli 1953, also etwa zu der Zeit als Elvis Presley zum ersten Mal Sam Phillips Studio in der Union Avenue für eine private Aufnahme aufsuchte, wurde der Studioinhaber verklagt, musste Teile seiner Einnahmen aus dem Verkauf von Bear Cat abtreten sowie die Gerichtskosten tragen.

Das soll Sam Phillips Studio an den Rand des Ruins gebracht haben. Wie gut, dass er kurz darauf die wohl lukrativste Entdeckung überhaupt für sein Label machte: Elvis Presley. Und der musikbegeisterte künftige Superstar dürfte schon allein wegen der räumlichen und zeitlichen Nähe sowohl bestens mit Willie Maes Hound Dog als auch mit Rufus Thomas Parodie Bear Cat vertraut gewesen sein.

Der Windhund von Freddy Bell and The Bellboys

Jetzt könnte man meinen, dass nach der Sache mit Sam Phillips alle künftigen Ideen, den Windhund kreativ zu veredeln, schleunigst in der Mottenkiste verschwanden. Dem war aber nicht so. 1955 kam Bernie Lowe, Mitbegründer des Plattenlabels Teen Records in Philadelphia, auf die Idee, Hound Dog für ein breiteres Publikum aufzubereiten. Er bat Freddie Bell, der mit seiner Band erfolgreich in Las Vegas auftrat, einen neuen Text für den Leiber & Stoller-Hit zu schreiben.

So richtig neu war das, womit Freddie Bell als Liedtext für seine auschließlich mit Männern bestückte Bellboy-Band dann aufwartete, allerdings nicht. Und originell – wie Sam Phillips Antwort-Parodie Bear Cat – schon gar nicht. Bell glättete die Passagen mit den sexuellen Anspielungen im Original und machte aus „You can wag your tail but I ain’t gonna feed you no more“ einfach „Well, you ain’t never caught a rabbit and you ain’t no friend of mine“. „Snoopin‘ ‚round my door“ wurde ersetzt durch „cryin‘ all the time„, woraufhin der Song vor allem eins wurde: weitgehend sinnfrei und unfreiwillig komisch.

Hound Dog (1955)

You ain’t nothing but a hound dog
Crying all the time
You ain’t nothing but a hound dog
Crying all the time
Well, you ain’t never caught a rabbit
And you ain’t no friend of mine

When they said you was high classed
Well, that was just a lie
When they said you was high classed
Well, that was just a lie
You ain’t never caught a rabbit
And you ain’t no friend of mine

Leiber und Stoller – die ursprünglichen Komponisten – fanden das eher weniger lustig. Allerdings waren die Bellboys so clever, sich nicht  – wie Phillips – als Autoren auf der Platte, die sie 1955 herausbrachten und die ein lokaler Hit im Raum Philadelphia wurde, zu verewigen. Nein, die Bellboys gaben brav „Leibler [sic] und Stoller“ an. Und das obwohl ihre Aufnahme nur noch wenig Ähnlichkeit mit dem Original hatte.

 

 

Was das jetzt alles mit Elvis‘ Version von Hound Dog zu tun hat? Eine Menge – und das nicht nur, weil es ausgerechnet die Nummer der Bellboys war, die Elvis im Frühjahr 1956 dazu inspirierte, Hound Dog in sein Live-Repertoire aufzunehmen.

Wie Elvis Presley sehr kreativ die musikalischen Traditionen von Willie Mae und Rufus Thomas mit Freddie Bell and The Bellboys zu einer sehr individuellen eigenen Version des Windhunds verband und damit einen Megahit schuf, darum geht es im dritten Beitrag zu Hound Dog demnächst hier im Blog.


Hound Dog-Special:

Teil 1: Spotlight 5. Juni 1956: „You ain’t nothing but a Hound Dog“

Teil 2: Hound Dog-Versionen vor Elvis – Mann und Frau wie Hund und Katze

Teil 3: Elvis Presleys Hound Dog

Teil 4: Elvis‘ Monster-Single Hound Dog/Don’t Be Cruel

 

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