She Wears My Ring: Good Times mit Elvis im Stax Studio

Weit verbreitet ist die Ansicht, dass Elvis Presley in den 1970ern schlicht nicht mehr viel zu lachen hatte. Meistens depressiv und einsam soll er nach der Scheidung von seiner Ehefrau Priscilla im Oktober 1973  bis zu seinem frühen Tod 1977 gewesen sein. Dass es ganz so schlimm wohl nicht gewesen ist, davon kann sich mittlerweile jeder selbst ein Bild machen, etwa beim Reinhören in Studioaufnahmen vom Dezember 1973. Wer Spaß an Elvis‘ Lachversion von Are You Lonesome Tonight hat, der kommt hier auf seine Kosten. Das Elvis-Sammlerlabel Follow That Dream (FTD) macht’s möglich.

Ein gut gelaunter Elvis im Dezember 1973

Ein gut gelaunter Elvis im Dezember 1973

Elvis at Stax

Der 16. Dezember 1973 war ein Sonntag. Ein Sonntag, an dem Elvis Presley arbeitete, und zwar im berühmten Stax Studio in Memphis, nur wenige Autominuten von Graceland entfernt. Dieser 16./17. Dezember markiert den Schlusspunkt einer produktiven Serie an Sessiontagen, die am Montag zuvor mit der Aufnahme von I Got A Feeling In My Body (→ Boxset Elvis At Stax) begann und mit She Wears My Ring endete.

Volle 18 Songs sang Nachteule Elvis in den späten Abendstunden und Nächten dieser einen Woche ein. She Wears My Ring ist darunter sicher nicht die bekannteste Aufnahme – der Titel dürfte an den Hit → Promised Land gehen -, aber wie kaum eine andere bringt sie die gute Atmosphäre der Sessions im Dezember 1973 auf den Punkt. Die ausgelassene Stimmung während der Dezember-Session haben gleich eine ganze Reihe der Musiker, die damals mit von der Partie waren, beschrieben:

„Those sessions were very exciting. They assembled some different musicians and put us together. James Burton was playing lead guitar and I was playing rhythm. We had David Briggs on the piano. […] It was more relaxed than I was used to. It was not work – it was fun. It was relaxed; we were able to take our time getting things right. It was very enjoyable that way, not being pressured by the clock. We were there all night, ‚til dawn the next morning – we worked. It was just a good time. I think that’s how good music comes about. He [Elvis] let us do what we wanted to do, and he trusted us. Elvis never really pressured anybody. I loved that. He did his job and let us do our job. He knew it would happen.“

Gitarrist Johnny Christopher im Interview mit Arjan Deelen – zitiert nach Ultimate Elvis: The Complete & Definitive Recording Sessions, Vol. 3 (2014)

Pianist und Sänger Per-Eric (Pete) Hallin ergänzt:

„It was so much creativity and freedom. We took risks when we played and had a lot more fun […] The arrangements were worked out on intuition and Elvis had his own input on the songs but on the whole everything was spontaneous. After every master there was a break when Felton Jarvis and Elvis gathered to listen to the demos. Elvis would then anounce ‚We’ll cut this‘. Very little was pre-planned, Elvis went for the spur of the moment idea and its inspiration. I remember that Elvis really gave his full commitment to the songs, almost as theatrically as on stage. It didn’t matter to him that no audience was present.“

Per-Eric Hallin im Interview mit Arjan Deelen – zitiert nach Ultimate Elvis: The Complete & Definitive Recording Sessions, Vol. 3 (2014)

Dabei war die Laune bei Elvis 2. Besuch im Stax Studio wesentlich besser als beim 1. im Juli 1973. Das Stax Studio, für das auch Chips Moman einige Zeit arbeitete, bevor er American Sound Studios in Memphis gründete, wurde 1960 inklusive angegliedertem Plattenladen von Jim Stewart und seiner Schwester Estelle Axton in einem umgebauten Kino in der 926 East McLemore Avenue etabliert. Schnell machte sich Stax – ein Kürzel für STewart und AXton – in den 1960ern einen Namen mit Southern Soul und produzierte sehr erfolgreich vor allem afro-amerikanischer Musiker, darunter Otis Redding, Rufus und Carla Thomas, Booker T. and the MG’s und Isaac Hayes mit dem sehr erfolgreichen Theme From Shaft (1972).

In der Regel vermieteten die Inhaber ihr Studio nicht an labelfremde Musiker, aber einige Ausnahmen machte man doch, so auch in Elvis‘ Fall. Für ihn soll Issac Hayes sogar eine eigene geplante Session verschoben haben. Klingt, als müsste der King 1973 richtig scharf auf eine Aufnahmesession im Sound von Stax gewesen sein. Dem war aber nicht so. Das Studio wurde in erster Linie wegen seiner Nähe zu Graceland gewählt, da Elvis wegen eines Besuchs seiner Tochter Lisa Marie, die nach der Trennung von Priscilla Presley bei der Mutter in Los Angeles lebte, Memphis nicht verlassen mochte.

1973: Elvis hinter dem Steuer mit Tochter Lisa Marie auf dem Beifahrersitz

1973: Elvis hinter dem Steuer mit Tochter Lisa Marie auf dem Beifahrersitz

Zudem stellte sich bei Elvis Presleys erstem Einsatz bei Stax im Juli heraus, dass das Studio trotz seiner Erfolge aufnahmetechnisch nicht auf dem neuesten Stand war. Daher ging das Elvis-Team im Dezember 1973 auf Nummer sicher und brachte einen eigenen Aufnahmetruck – ein mobiles Studio von RCA – mit zur Session. D.h. es wurde kein Equipment von Stax verwendet.

Aber nicht nur das: Der King brachte auch seine eigenen Musiker mit: vorne weg Gitarrist James Burton und Drummer Ronnie Tutt von der legendären TCB-Band sowie die Muscle-Shoals-Veteranen David Briggs (Keyboard) und Norbert Putnam (Bass).

Bei den Background-Sängern die live vielfach eingesetzten J.D. Sumner and The Stamps, Voice und die Sopranistin Kathy Westmoreland, außerdem Mary Holladay und Mary „Jeannie“ Green, die zuvor schon andere Studioaufnahmen des King (etwa From Elvis in Memphis) veredelt hatten. Mit von der Partie war natürlich Elvis‘ hauseigener Produzent Felton Jarvis und der vom Plattenlabel RCA neu ins Spiel gebrachte Toningenieur Mike Moran.

Das Stax Studio in Memphis Ende der 1960er

Das Gebäude des Stax Studio in Memphis Ende der 1960er

Man kann also sagen: Elvis Presley nutzte für seine Aufnahmen eigentlich nur die Hülle von Stax, das Gebäude. Konsequenterweise hätte er auch gleich zu Hause aufnehmen können, was er 1976 dann auch tatsächlich machte mit den legendären Jungle Room Sessions.

War die Stimmung im Dezember 1973 bei Stax also richtig gut, dann hatte das vor allem etwas damit zu tun, dass Elvis Presley sich bei Stax nun very much at home fühlte.

Geholfen haben dürfte allerdings auch der vorangegangene Krankenhausaufenthalt, bei dem die Ärzte eine ganze Reihe seiner gesundheitlicher Probleme inkl. Medikamentenkonsum (zunächst) in den Griff bekamen, und der freundschaftlich verlaufene Scheidungstermin mit nun Ex-Frau Priscilla. Der Mann aus Memphis konnte also wieder zuversichtlich in die Zukunft schauen.

Having fun: ‚She Wears My Ring‘

Und so hörte sich das in den frühen Morgenstunden des 17. Dezember 1973 an, als Elvis sich mit seinen Musikern an den letzten Song der Stax-Session machte: She Wears My Ring – Lachanfall inklusive.

Takes 1 – 7 von der FTD Good Times (2009):

 

Ja, die haben das noch geschafft an diesem Morgen ;-). Beim nächsten Take 8 geht das schon ohne Lachunterbrechungen, aber irgendwie hört man doch, dass Mr. Presley sich zusammenreißen muss.

Aufnahmeversuch 10 ist dann die finale Version gewesen, die mit 9 weiteren Songs auf dem Album Good Times – na, der Titel passt wirklich – im März 1974 veröffentlicht wurde. In den Chartaufstellungen des Musikmagazins Cashbox – das Fachmagazin erschien in den USA zwischen 1942 und 1996 (seit 2006 gibt es eine Onlineversion) – kam Good Times auf Platz 1, ein Charttopper also. Und das obwohl von den Lachern gar nichts mehr zu hören war. Positiv fiel auch die Rezenson von Good Times im Cashbox-Magazin aus:

Besprechung des Album Good Times in Cashbox 1974 - Quelle: Boxset Elvis At Stax (2013)

Besprechung des Album ‚Good Times‘ in Cashbox 1974 – aus: Boxset Elvis At Stax (2013)

Beim Konkurrenten Billboard erreichte das Album immerhin Rang 5 in den Country-Charts, kam allerdings nur bis auf einen mageren Platz 90 der Pop-Charts.

Hier alle Songs des Originalalbums Good Times (1974) im Überblick:

  • I’v Got A Thing About You Baby
  • My Boy
  • Spanish Eyes
  • Talk About The Good Times
  • Good Time Charlie’s Got The Blues

La Golondrina: Evolution eine Songs

Good Times ist nicht in den Kanon der großen Elvis-Alben eingegangen, obwohl die Aufnahmen des King im Stax-Studio vor allem seit der Veröffentlichung des Boxsets Elvis At Stax (2013) im allgemeinen positiv bewertet werden. Und auch She Wears My Ring ist nicht bekannt als ein Elvis-Hit. Den hatten zuvor andere mit dem Song, etwa Solomon King, dessen größter Erfolg She Wears My Ring in den späten 1960ern war. Auch Ray Price und Roy Orbinson haben den Song vor Elvis gecovert…

Dabei hätte das gar nicht sein müssen. Denn Elvis kannte den Song, der sich in den USA mit dem englischen Text von Felice & Boudleaux Bryant schnell zu einem Hochzeitsklassiker entwickelte, schon viel länger, nachweisbar seit 1960, wie diese Privataufnahme belegt:

Privataufnahme Elvis Presley She Wears My Ring 1960 – FTD In A Private Moment:

Nix da Ray Price, Roy Orbison oder Solomon King. Elvis dürfte 1960 eher diesem Goldkehlchen auf den Fersen gewesen sein.

Jimmy Bell alias Jimmy Sweeney war ein Country und Rhythm & Blues-Sänger, der sich einen Namen als Mitglied der R&B-Gruppen The Four Bars und The Varieteers gemacht hatte. Sehr gut möglich, dass Elvis so auf Bell alias Sweeney und Song aufmerksam wurde.

Allerdings ist auch Bells Version von She Wears My Ring, die sich wie die Mutter aller sentimentalen Hochzeitssongs anhört, längst nicht der Startschuss für den späteren Hit. Eigentlich hat das Lied nämlich gar nichts mit dem Jawort vorm Altar zu tun.

She Wears My Ring geht auf das bekannte mexikanische Volkslied La Golondrina (Die Schwalbe) zurück, das schon 1862 von dem mexikanischen Arzt Narciso Serradell Sevilla komponiert wurde, als dieser, so wird erzählt, nach der Invasion der Franzosen in Mexiko seine Heimat verlassen musste, um im Exil zu leben. Jedenfalls geht es im spanischen Original nicht um die Liebe zu einer Frau, sondern um die Sehnsucht nach dem Vaterland:

La Golondrina

A donde irá veloz y fatigada
La golondrina que de aquí se va
O si en el viento se hallará extraviada
Buscando abrigo y no lo encontrará.

Junto a mi lecho le formaré su nido
En donde pueda la estación pasar
Tambien yo estoy en la región perdido
Oh cielo santo y sin poder volar.

Deje también mi patria idolatrada
Esa mansión que me miró nacer
Mi vida es hoy errante y angustida
Y ya no puedo a mi mansión volver

Ave querida amada peregrina
Mi corazón al tuyo acercare
Voy recordando tierna golondrina
Recordare mi patria y llorare

Erstmals aufgenommen worden sein soll La Golondrina 1897 von der U.S. Marine Band, eine frühe Gesangsaufnahme von Arturo Adamini folgte 1898, eine weitere ist bekannt von Senor Francisco (1906), die erste mit einem englischen Text könnte die der Sopranistin Rosa Ponselle von 1934 sein. La Golondrina ist also ein echter Klassiker, der viel älter ist, als man aufgrund der heute weithin bekannten Versionen vermuten würde.

Ein Begriff ist La Golondrina auch als Filmmusik in einer Schlüsselszene von Sam Peckinpahs Kult-Western The Wild Bunch/Sie kannten kein Gesetz aus dem Jahr 1969. Auch hier gut möglich, dass Kinofan Elvis Presley den Film und damit die Szene kannte, als er She Wears My Ring 1973 aufnahm.

Allen bekannten Versionen gemeinsam ist jedenfalls, dass sie einen ernsten, feierlichen Charakter haben. Die einzige Lachversion geht damit wohl auf Elvis Presleys Konto. Lang leben die Good Times!

1 Antwort
  1. Slobodan
    Slobodan says:

    So beautiful song, yes, in deed! Nana Mouskouri is the best non-Spanish female singer regarding to „La Golondrina“ /she has 4 versions in different languages, but NOT ONE in her Greek language! Some titles of „La Golondrina“ in German language: „Du Sollst Nicht Weinen“, „Du Hast Geweint“, „Bei Uns Zuhaus“, „Wenn ich nun geh'“, „Ein Girl Wie Du“, „Mexikanische Nächte“, „Die Schwalbe“ -but also „Das Lied der Taube“ (!). Also, „Wo Der Berg Sich Mit Dem Himmel Vermählt“, etc. Karel Gott /Czech Republic/ has 2 beautiful versions > „Prazdny Dum“ and „Komm Zu Mir“. And so on! Again, I thank you so much for your hard work here and for remembering this beautiful Mexican song! Regards and all the best!

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