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Am 23. September 1958 steht es in der Wetterauer Zeitung: Presley kommt nach Friedberg. Was hier so leidenschaftslos kurz und knapp in 7 Zeitungszeilen verkündet wird, versetzt die Wetterauer Fans des King of Rock ’n‘ Roll in einen emotionalen Ausnahmezustand. Elvis Presley wird nicht nur als GI der US-Armee in Westdeutschland stationiert – das allein ist schon wie ein Lotteriegewinn -, nein, er wird seinen Wehrdienst ganz in ihrer Nähe, in den Friedberger Ray Barracks, ableisten.

GI Elvis Presley in Deutchland - Foto: Schüssler

GI Elvis Presley in Deutchland – Foto: Schüssler

Der Elvis kommt!

Plötzlich ist der Megastar aus dem fernen Amerika ganz nah: Das beschauliche Friedberg und die Kurstadt Bad Nauheim werden für gut 17 Monate die deutsche Heimat des King. Einer seiner ganz großen Fans ist Elvira Schmitt, 1958 süße 10 Jahre alt. Bis kurz vor Elvis‘ Ankunft hat sie mit ihrer Familie in Bad Nauheim gewohnt, nicht weit von der Goethestraße 14 entfernt, wo der King mit Familie und Bodyguards seit Anfang 1959 in einem Privathaus zur Miete wohnt.

Doch ausgerechnet jetzt, wo Elvis zum Greifen nah ist, muss Elvira mit der Mutter zur Oma aufs Land ziehen. 13 Kilometer trennen sie jetzt von ihrem Idol. Das klingt nicht nach viel, aber für eine 10-Jährige im grauen Nachkriegsdeutschland der 1950er könnten es ebenso gut 3.000 Kilometer sein. Wie soll sie nach Bad Nauheim kommen? Die Mutter erlaubt es nicht. Zum Elvis, diesem „heulenden Derwisch“, dem die Jugend verderbenden Symbol für Rebellion, dem amerikanischen Besatzer – auf gar keinen Fall!

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Spätestens seit → Jana Scheerers erfolgreichem Roman Mein innerer Elvis (2010) ist der King als literarische Figur auch in der deutschen Kinder- und Jugendbuchliteratur ein Begriff. In den USA ist das schon länger der Fall. Hier hat Elvis Presley über  zeitgenössische Jugendbücher zudem längst einen festen Platz in den Unterrichtsplänen der Schulen gefunden. Das mag überraschen, war der King of Rock ’n‘ Roll in den 1950ern doch vor allem als jugendverderbender Bürgerschreck verschrien.

"Jugendverderber" Elvis bei seinem umstrittenen Auftritt in der Milton Berle Show, 4. Juli 1956 - Foto: Elvis Australia

Individualist und „Jugendverderber“ Elvis bei seiner umstrittenen Performance von Hound Dog in der Milton Berle Show, Juni 1956 – Foto: Elvis Australia

Wie passt das zusammen? Überraschend gut, wenn man sich anschaut, wie Kinder- und Jugendbuchautoren dies- und jenseits des Atlantiks den King als literarische Figur einsetzen. Zwei Buchveröffentlichungen jüngeren Datums möchte ich in diesem Zusammenhang vorstellen: Shirley Pearsalls All Shook Up (2008) und in einem zweiten, separaten Beitrag Elvis verschwindet (2012) des deutschen Autors Robert Jüttner.

Gemeinsam ist beiden Veröffentlichungen, die ansonsten in völlig unterschiedlichen Milieus spielen, dass sie den schwierigen Reifeprozess ihrer männlichen Protagonisten schildern: Bei Pearsall ist es der 13-jährige Josh Greenwood, bei Jüttner der 17-jährige Daniel Nawrat. Und genau dabei spielt Elvis Presley eine wichtige Rolle. Hier gibt es eine deutliche Parallele zu Jana Scheerers Roman, in dem die 15-jährige Antje über die Beschäftigung mit bzw. die Suche nach Elvis schließlich ihren eigenen „inneren Elvis“, also ihre Identität findet, sich vom Elternhaus emanzipiert und erwachsen wird.

Stärker als bei Jana Scheerer ist in Pearsalls und Jüttners Romanen das Themenumfeld Erwachsenwerden/Elvis/Entdecken der eigenen Individualität/Generationenkonflikt an Vaterfiguren geknüpft. Daniel aus Jüttners Buch wächst ohne Vater auf, als Ersatz der männlichen Bezugsperson dient dem 17-Jährigen Elvis Presley, dessen großer Fan er ist.

Ganz anders Josh Greenwood: Er hat vielmehr ein riesiges Problem damit, dass sein geschiedener Vater sich quasi in Elvis verwandelt. Das führt dazu, dass Josh wirklich „all shook up“ ist, um die Situation mit einem berühmten Elvis-Hit auf den Punkt zu bringen.

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