Legendär: Elvis und The Million Dollar Quartet 1956

Am 4. Dezember 1956 hat Elvis Presley einen seiner berühmten spontanen Einfälle. Mit seiner neuesten Flamme Marilyn Evans aus Las Vegas und Musikerfreund Cliff Gleaves im Schlepptau ist er in einem seiner Straßenkreuzer unterwegs durch Memphis, als er sich spontan entschließt, bei seiner alten Wirkungsstätte – Sam Phillips SUN-Studio, 706 Union Avenue – vorbeizuschauen.

Genau hier im SUN-Studio hat er fast auf den Tag genau zweieinhalb Jahre zuvor seine erste kommerzielle Single That’s All Right (Mama)/Blue Moon Of Kentucky aufgenommen und damit praktisch aus dem Stand heraus seine Megakarriere gestartet. Inzwischen ein  Superstar mit lukrativem Plattenvertrag beim bekannten New Yorker Label RCA und einer beeindruckenden Folge an Nummer-1-Hits sowie gleich 2 Nummer-1-Alben in den amerikanischen Charts innerhalb weniger Monate, kehrt der King of Rock ’n‘ Roll an diesem milden Dezembernachmittag 1956 dorthin zurück, wo alles anfing für ihn.

  • The Kings of Rock 'n' Roll haben richtig Spaß (v.l.n.r.): Jerry Lee Lewis, Carl Perkins, Elvis (am Klavier) und Johnny Cash am 4. Dezember 1956 im Sun Studio in Memphis

Als Elvis gut gelaunt zusammen mit Marilyn Evans und Cliff Gleaves bei Sam Phillips reinschneit, ist einer seiner erfolgreichen Nachfolger bei SUN – Carl Perkins – gerade mit einer eigenen Aufnahmesession zugange. Perkins nimmt an diesem Tag einen seiner bekanntesten Songs – Matchbox – auf und wird dabei unterstützt von seinen Brüdern Clayton und Jay, Schlagzeuger W.S. Holland und einem noch wenig bekannten Mann am Klavier: Jerry Lee Lewis. Lewis arbeitet für Studioinhaber Phillips als Session-Pianist.

Nach ein bisschen Smalltalk mit Entdecker Phillips und Anhören der Perkins-Aufnahme, die ihm gut gefällt, gesellt sich Elvis zu den anderen Musikern im Aufnahmeraum, setzt sich ans Klavier und startet damit eine Jam-Session unter seiner Führung, an der alles spontan, nichts vorbereitet und erst recht nichts geprobt ist. Mit anderen Worten die Session ist vor allem eins: very Elvis, d.h. Spaß unter Kumpels, die einen sehr ähnlichen musikalischen Hintergrund haben.

Elvis übernimmt bei den meisten Songs den Leadgesang, ist an der Gitarre zu hören und gibt bald den Platz am Klavier frei für Jerry Lee Lewis, der ordentlich in die Tasten haut und auch gesanglich ganz vorne mit dabei ist. Zurückhaltender als Lewis gibt sich Carl Perkins, der Gitarre und Gesang beisteuert. Auf den erhaltenen Aufnahmen dieser Jam-Session praktisch gar nicht zu hören ist der 4. berühmte SUN-Künstler, der an diesem Tag ebenfalls bei Sam Phillips vorbeischaut: Johnny Cash.

Irgendwann sind die Herren so in Fahrt, dass Sam Phillips das Aufnahmeband mitlaufen lässt. Und weil die spontane Jam-Session so schön werbewirksam ist, bestellt er auch gleich den Journalisten Bob Johnson vom Lokalblatt Memphis Press Scimitar samt Fotografen ein. Johnson ist es denn auch, der dem Zusammentreffen der 4 großen Rock ’n‘ Roller in seinem Artikel den passenden Namen verpasst: The Million Dollar Quartetdas Millionen-Dollar-Quartett.

Dass Cashs Anwesenheit im Grunde nur durch das Begleitfoto zum Artikel dokumentiert ist, führt später zu Diskussionen darüber, ob er am Ende nur für den berühmten „Schnappschuss“ vorbeischaute. Eine Interpretation, der Cash in seiner Jahrzehnte später erschienenen Autobiographie energisch widerspricht. Seine markante Stimme sei auf den Bändern zu hören, allerdings in höherer Tonlage als gewohnt, zu dem sei er am weitesten entfernt vom Mikro gewesen, wird der „Man in Black“ argumentieren.

Wie dem auch sei, es bleibt die Frage, was die Jungs an diesem denkwürdigen 4. Dezember 1956 denn nun zum Besten gegeben haben. Naheliegend ist dass sie vor allem ihre eigenen Rock ’n‘ Roll-Hits rauf und runter gespielt haben. Doch weit gefehlt: Es sind vor allem traditionelle Gospels und Country-Songs von Legenden wie Bill Monroe, Ernest Tubb, Hank Snow und Gene Autry, ergänzt mit ein bisschen Chuck Berry und Einsprengseln von Elvis-Titeln sowie ganz zum Schluss Jerry Lee Lewis.

Damit man sich das ein bisschen besser vorstellen kann, gibt’s hier eine kleine Auswahl (!) des berühmten Quartetts für den „Lauscher an der Studiowand“. Man hört sofort, wie informell das Ganze ist, Gespräche im Hintergrund sind zu hören, Leute kommen und gehen, Anekdoten werden erzählt, ein guter Teil der über 40 erhaltenen Stücke sind nicht vollständig und die Soundqualität könnte natürlich auch besser sein – war ja nicht als professionelle Aufnahme gedacht.

Aber all das wird aufgewogen durch die Spielfreude der Beteiligten und das sich einstellende Gefühl beim Zuhörer, selbst mit dabei zu sein im berühmten SUN-Studio an diesem 4. Dezember 1956. Per Zeitreise sozusagen. Sam Phillips Mitschnitt der Aufnahmen geriet übrigens über 10 Jahre in Vergessenheit. Wiederentdeckt wurde er erst 1969, als ein gewisser Shelby Singleton Sun Records kaufte und in diesem Zuge das Archiv durchging. Und hier ist, was er u.a. fand:

Just A Little Talk With Jesus (Clevant Derricks)

 

Jesus Walked That Lonesome Valley (Traditional)

 

I Shall Not Be Moved (Traditional) mit Diskussion über die Blackwood Brothers, einer der Lieblings-Gospelgruppen Elvis Presleys

 

There’ll Be Peace In The Valley For Me (Thomas A. Dorsey)

 

Down By The Riverside (Traditional)

 

Farther Along (Traditional) auf besonderen Wunsch von Elvis‘ Freundin Marilyn Evans

 

I Just Can’t Make It By Myself (Herbert Brewster): Reverend Herbert Brewsters Gottesdienste in der East Trigg Baptist Church besuchte Elvis in seiner Jugend vor allem wegen der Musik → Spotlight 5. Juli 1954: „I just loved music… all type of music!“

 

Nach zahlreichen Gospels „arbeitet“ man sich jetzt zu Country vor, wobei die Jungs hier insgesamt weniger textsicher sind. Little Cabin On The Hill hat Elvis viel später für sein 1971 erschienes Album Elvis Country richtig aufgenommen.

Little Cabin On The Hill (Bill Monroe/Lester Flatt)

 

I Hear A Sweet Voice Calling (Bill Monroe)

 

Sweetheart You Done Me Wrong (Bill Monroe)

 

Keeper Of The Key (u.a. Beverly Stewart/Harland Howard): A terrific team

 

Don’t Forbid Me (Charles Singleton): Hier erzählt Elvis, der Pat Boone-Song sei eigentlich für ihn geschrieben, das Demo läg schon ewig ungenutzt bei ihm zu Hause rum…

 

Und schwupps ist die Truppe bei Chuck Berry’s…

…Brown Eyed Handsome Man (Chuck Berry)

 

Out Of Sight Out Of Mind (Ivory Joe Hunter/Clyde Otis)

 

Don’t Be Cruel (Otis Blackwell/Elvis Presley): Elvis erzählt von seinem Aufenthalt in Las Vegas 1956, bei dem er sich Auftritte der bekannten R&B-Gruppe Billy Ward & The Dominoes angesehen hat. Besonders angetan hat es ihm dabei Jackie Wilson mit seiner Elvis-Imitation, die er nicht nur verdammt gut, sondern auch so witzig fand, dass er lachend unter dem Tisch lag. In den beiden folgenden Audios macht Elvis zum Amüsement der anderen nach, wie Jackie Wilson ihn nachmachte. Von da an waren Jackie Wilson und Elvis übrigens ziemlich gute Freunde…

 

Paralyzed (Otis Blackwell/Elvis Presley): Bei diesem Song, den Elvis im September 1956 aufgenommen hatte, gibt es nochmal Elvis im Jackie Wilson-Stil, Jerry Lee Lewis haut dabei ordentlich in die Tasten

 

When The Saints Go Marching In (Traditional)

 

Softly And Tenderly (Traditional)

 

That’s When Your Heartaches Begin (Hill/Fisher/Raskin)

 

I’m Gonna Bid My Blues Goodbye (Hank Snow)

 

Crazy Arms: Elvis bricht langsam auf –  Jerry Lee legt noch mal ordentlich los

 

Und Schluss! Elvis has left the building.

 

Spaß bekommen am Million Dollar Quartet? Mehr von der gut gelaunten Truppe gibt’s etwa auf  der Veröffentlichung The Complete Million Dollar Quartet Original Recording Remastered von 2006, bestellbar über Amazon. Diese bis dato vollständigste Veröffentlichung basiert auf einer Kopie der Million Dollar Quartet-Aufnahmesession aus dem persönlichen Besitz von Elvis Presley. Er scheint’s gemocht zu haben. Ich auch.

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