Rassismus im Western Flaming Star: Elvis als Pacer Burton

Der Western Flaming Star (Flammender Stern, 1960) mit Elvis Presley in der Hauptrolle als Halbblut Pacer Burton ist gleich in mehrerer Hinsicht bemerkenswert. Außerhalb der Fangemeinde Elvis Presleys ist der Film heute kaum noch ein Begriff und dennoch sorgt die Figur des Pacer Burton regelmäßig für Schlagzeilen.

Elvis Presley als Pacer Burton in 'Flaming Star'

Gebrochener Held: Elvis Presley als Pacer Burton in ‚Flaming Star‘

Allerdings nicht für Schlagzeilen in Film- oder Musikkreisen, sondern in der internationalen Kunstszene, hat ihn doch ausgerechnet Pop Art-Genie Andy Warhol in seinen Siebdrucken eindrucksvoll verewigt und damit Kunstwerke geschaffen, für die  heute bis zu 100 Millionen USD gezahlt werden. Nun sind Elvis Presley und Andy Warhol als „Kings of Popular Art des 20. Jahrhunderts“ nachvollziehbar eine potente Mischung, aber was hat das jetzt genau mit einem fast vergessenen Western zu tun, der im Jahr 1878 spielt und der noch dazu alles andere als ein typisches Elvis-Musical ist, wie etwa der → Pop Art-Klassiker Viva Las Vegas (1964)?

Warum hat Warhol ausgerechnet ein Pressefoto des an der Kinokasse nicht besonders erfolgreichen Westerns Flaming Star (→ Elvis in Hollywood) – produziert 1960 von David Weisbart für die Twentieth Century Fox – als Vorlage für seine millionenschwere Elvis-Siebdruckreihe (1963) gewählt? Wäre nicht ein Motiv aus legendären Filmen des King wie Jailhouse Rock (1957) oder King Creole (1958) wesentlich naheliegender gewesen? Eine mögliche Antwort liegt in Warhols Siebdruck selbst und dem Hauptthema des Films Flaming Star: Rassismus.

Zwischen Cowboy und Indianer: Pacer Burton

Motiv 'Double Elvis' aus Warhols berühmter Siebdruckserie basierend auf einem Pressefoto für den Western 'Flaming Star" (1969)

Gebrochener Held Pacer in Warhols Siebdruck-Variante ‚Double Elvis‘

Der zum Kampf entschlossene Cowboy Pacer/Elvis wird in Warhols Siebdruck als gebrochener Held gezeigt, dessen kampfbereite Pose mit gezücktem Revolver deutlich mit der Unentschlossenheit und Verletzlichkeit in der Mimik des Helden kontrastiert. Der Cowboy zielt nicht richtig, sein Blick ist nicht auf ein konkretes Gegenüber, sondern in die Ferne auf einen unbekannten Feind gerichtet.

Besser kann man den Konflikt des Halbbluts Pacer im Film Flaming Star – das Drehbuch der Autoren Clair Huffaker (1926-1990) und Nunnally Johnson (1897-1977) basiert auf Huffakers Roman The Brothers of Broken Lance (1958) – kaum in ein einziges Bild packen.

Pacer mit einer Kiowa als Mutter und einem weißen Siedler als Vater hat als Mischling keinen Platz in der amerikanischen Gesellschaft. Er ist ein Außenseiter, der ständig mit der mehr oder minder subtilen Ablehnung, dem Rassismus seiner Umgebung konfrontiert ist. An Fahrt gewinnt Pacers Konflikt im Film, als die Kiowa den weißen Siedlern offen den Krieg erklären und sowohl Siedler als auch Kiowa von Pacer eine endgültige Entscheidung für ihre und damit gegen die jeweils andere Seite erwarten. Es ist eine Zerreißprobe, die Pacer nicht überlebt.

Was Flaming Star, der unter der Regie von Donald Siegel (1912-1991, bekannt u.a. für Dirty Harry mit Clint Eastwood) entstand, bis heute zu einem sehenswerten Film macht – trotz der nicht durchgängig überzeugenden Dialoge und der künstlichen Nachtaufnahmen – ist vor allem die Darstellung von Rassismus.

Im Film wird Rassismus nicht als Verirrung einzelner, sondern als allgegenwärtig gezeigt. Er findet sich subtil oder offen ausgesprochen, ist nicht einfach eine Frage von „Gut“ oder „Böse“. Rassistische Ansichten werden ebenso bei mit Pacer sympathisierenden Familienmitgliedern wie den offen feindlich gesinnten Siedlern sichtbar. Auch beschränkt er sich nicht auf „die Weißen“ im Film: Pacers Mutter wird von Mitgliedern ihres Stammes diskriminiert, weil sie mit einem Weißen verheiratet ist.

Dolores del Rio als Kiowa Neddy Burton in Flaming Star: "The thin woman who deserted her folks"

Zwischen den Fronten: Schauspielerin Dolores del Rio als Pacers Mutter Neddy in Flaming Star

Wenn man sich vor Augen führt, dass Flaming Star in einer Zeit gedreht wurde, in der die amerikanische Bürgerrechtsbewegung (Civil Rights Movement) gegen Rassentrennung unter Führung von Galionsfiguren wie Martin Luther King stetig an Fahrt gewann, die Hauptrolle zudem an ein Jugendidol ging, das wegen seines Mixes aus „weißen“ und „afroamerikanischen“ Musikstilen (→ Spotlight 5. Juli 1954: Elvis schreibt Musikgeschichte) angefeindet wurde (→ White N.I.G.G.E.R.S und Black A.N.G.E.L.S), gewinnt der vergessene Hollywood-Western plötzlich an Relevanz.

Sicher, der Western spielt im 19., nicht im 20. Jahrhundert. Auch sind die ethnischen Gruppen, die sich hier bekämpfen, andere. Aber macht das wirklich einen großen Unterschied? Schließlich ist es nicht nur in der Literatur ein bewährter Trick, ein kontroverses Thema aus dem aktuellen Kontext zu lösen, um es – an möglichen Zensoren vorbei – an ein Publikum zu bringen.

Allgegenwärtig: Rassismus in Flaming Star

Gleich in der Eröffnungszene von Flaming Star wird das Rassismusthema eingeführt. Pacer und sein älterer Bruder Clint (gespielt von Steve Forrest) – Clint stammt aus einer früheren Ehe des Vaters mit einer Weißen, ist also kein Halbblut – kommen von einem Ausritt nach Hause auf die Farm. Dort findet eine Überraschungsparty für Clint statt, der kürzlich Geburtstag hatte. Befreundete Nachbarn haben sich bei den Burtons eingefunden: Es wird gelacht, getanzt und gut gegessen. Ehepaar Burton – er ein weißer Siedler, sie eine Kiowa – sind scheinbar gut integriert in die weiße Nachbarschaft.

Familie Burton mit Freunden - voll integriert?

Gemischte Verhältnisse: Familie Burton mit Nachbarn – voll integriert?

Doch sind sie voll akzeptiert? Schnell wird klar, es brodelt unter der Oberfläche. Vor allem Pacer ist ein Außenseiter. Zwar versteht er sich blendend mit seinem Bruder Clint…

Clint foppt seinen Halbbruder Pacer, der nicht im Reigen mittanzt

Clint foppt seinen Halbbruder Pacer, der nicht im Reigen mittanzt

… Mutter Neddy und auch Vater Sam (John McIntire), aber er hält sich immer ein wenig abseits, spricht nur, wenn er direkt angesprochen wird. Das gilt auch für die hübsche Roz (Barbara Eden, später bekannt durch ihre Rolle in der TV-Serie Bezaubernde Jeannie), Freundin seines Brudes Clint, in die er heimlich verliebt ist.

Pacer hält Abstand - er kennt seinen Platz

Pacer hält Abstand – er kennt seinen Platz

Schnell macht die eingeladene Nachbarschaft deutlich, dass dicht unter der freundlichen Oberfläche große Vorbehalte gegen die Burtons schlummern. Ein Besucher lobt das  hervorragende Essen und betont, man käme nicht auf die Idee, dass die Köchin eine Indianerin sei, dafür ist es einfach zu gut.

Neddy kann kochen, obwohl sie nur eine Squaw ist

Neddy kann kochen, obwohl sie nur eine „Squaw“ ist

Alle sind sichtlich peinlich berührt ob des Fauxpas, aber nur weil er ausgesprochen wurde. Keiner springt Neddy bei. Hier wird erstmals deutlich, dass das Leben von Neddy und Pacer voll mit Anspielungen und Herabsetzungen dieser Art ist. Neddy kontert mit Liebenswürdigkeit, indem sie dem Besucher ein weiteres Stück Kuchen anbietet, Pacer mit einer Miene, die viel Frust erahnen lässt.

 

Brutaler Überfall auf Nachbarfamilie Howard

Brutaler Überfall auf Nachbarfamilie Howard

Offen brechen die Vorbehalte der Nachbarn aus, als sich herausstellt, dass eine der Nachbarsfamilien unmittelbar nach der Geburtstagsfeier von Kiowa-Indianern auf dem Kriegspfad brutal ermordet wurde. Ausgerechnet die hübsche Roz ist es, deren Hass sich sofort gegen Pacer persönlich richtet. Familie Howard wurde abgeschlachtet, die Burtons wurden verschont, weil sie – vor allem Pacer – selbst „Rote“ sind. Auch das erduldet Pacer scheinbar regungslos mit gesenktem Kopf.

Roz beschuldigt Pacer - er ist schuldig am Überfall wegen seiner Hautfarbe

Roz beschuldigt Pacer – er ist schuldig am Überfall wegen seiner Hautfarbe

Doch sich wegducken, um eine weitere Eskalation zu verhindern, hilft nicht. Der Ermordung der Howard-Familie setzt die bislang unterdrückten Vorbehalte der Siedler gegen die Mischfamilie Burton in vollem Umfang frei. Entscheiden soll sich vor allem Clint – der einzige „richtige Weiße“ der Burtons -, ob er seine Familie verlässt und mit ihnen in den Krieg gegen die Kiowa zieht. Begleitet ist die Aufforderung der Siedler von eine ganzen Reihe rassistischer Bemerkungen.

Noch sind die Burton-Männer sich einig - die Siedler werden vertrieben

Noch sind die Burton-Männer sich einig – die Siedler werden gemeinsam vertrieben

Als Clint sich unmissverständlich hinter seine Familie stellt, allerdings nur zum Schein auf einen der Siedler schießt, um die Truppe zu vertreiben, vollzieht sich in Pacer eine Wandlung. Er hinterfragt das inkonsequente Verhalten des großen Bruders und artikuliert erstmals offen seine eigenen Vorbehalte: „Das sollen unsere weißen Freunde sein„?

Wandlung: Pacer ist nicht länger duldsam

Pacers Wandlung: Wenn nicht Freund, dann Feind?

Pacer erkennt den Riss im Familienverbund. Nach außen halten die Burtons noch zusammen, aber das kann nicht über den Graben in der Familie hinwegtäuschen, das weiß er jetzt. Er und Neddy sind anders. Sie werden nie gleichberechtigt behandelt werden – auch in der eigenen Familie nicht.

Wenn Clint seinen Bruder gut gelaunt damit aufzieht, dass er manchmal schon glaubt, Pacer sei mehr als nur ein halber Indianer, so meint er es nicht herablassend, aber er spricht einen Makel an: Pacer ist nicht richtig weiß. Wenn andererseits Neddy versucht, das Verhalten der Kiowa zu erklären, indem sie Ehemann Sam darauf hinweist, dass das Land der Siedler früher das der Indianer war, so tut Sam dies einfach ab mit dem Satz: „Es ist aber nicht mehr ihr Land. Wir sind hier schon seit 20 Jahren„. Diskussion beendet.

Im 2. Teil des Films wird der Riss im Familienverbund nach außen sichtbar – die Familie teilt sich auf in 2 Gruppen. Vater Sam und Clint reiten aus, um bei der Viehherde nach dem Rechten zu sehen, Halbblut Pacer bleibt mit seiner indianischen Mutter auf der Farm. Vielsagend ist dabei sowohl das 4-Augen-Gespräch zwischen Vater Sam Burton und Sohn Clint als auch die Szenen von Pacer mit Mutter Neddy.

Vater Sam Burton spricht mit Sohn Clint über die schwierige Familiensituation

Vater Sam Burton spricht mit Sohn Clint über die schwierige Familiensituation

Sam bringt gegenüber Clint zum Ausdruck, dass die Mischehe mit Neddy, die er zweifellos sehr liebt, ein Fehler war, weil er die Familie in so große Schwierigkeiten bringt. Sollte Clint sich also dazu entschließen, doch mit den weißen Siedlern gegen die Kiowa – und damit auch gegen die Familie seiner Frau – vorzugehen, so wird Sam diese Entscheidung akzeptieren. Hier wird also die Entscheidung, wie die Familie mit der schwierigen Situation am besten umgehen sollte, an den ältesten Sohn abgetreten. Sam selbst hält die Mischehe für einen Fehler, es gibt keinen Ruf von seiner Seite nach mehr Toleranz. Für ihn stellt sich die Lage als ausweglos dar.

Doch Clint will es sich nicht so einfach machen. Der Ausweg, sich mit den weißen Siedlern zu verbünden, kommt für ihn nicht in Frage. Interessant ist, wie er diese Haltung zum Ausdruck bringt. Er stellt sich zwar offen gegen die Vorgehensweise der weißen Siedler, aber zeigt auch seine Ambivalenz gegenüber den Kiowa deutlich: „They [Siedler] are worse than Indians. Indians rob you blind, if they can, but this is pure waste and meanness„.

Derweil sieht sich Pacer auf der Farm ebenfalls mit einer schicksalhaften Entscheidung konfrontiert. Der neue Häuptling der Kiowa – Buffalo Horn (Rodolfo Acosta) – fordert von Pacer eindringlich eine Entscheidung für oder gegen sein Volk.

Pacer vor die Wahl gestellt von Buffalo Horn...

Pacer vor die Wahl gestellt

Dabei macht er, ähnlich wie die weißen Siedler vor ihm, deutlich, dass eine Entscheidung für die ein oder andere Seite unabdingbar ist. Er äußert sich dabei allerdings nicht rassistisch, sein Argument ist Überlebenskampf: „We have to fight or we die„.

Buffalo Horn: "We have to fight or we die"

Buffalo Horn: „We have to fight or we die… I need many more warriors, we have no place to go“

Doch Buffalo Horn hat auch Verständnis für Pacers Argument, dass er diese folgenschwere Entscheidung nicht aus dem Moment heraus treffen kann, er gewährt ihm Bedenkzeit. Pacer möchte sich mit Mutter Neddy beraten, die ihrerseits dafür plädiert, bei ihrem Stamm Rücksprache zu halten.

Buffalo Horn: I want you to come back to your people. Think about it

Freundschaftliche Gesten – Buffalo Horn: „I want you to come back to your people. Think about it“

Noch versuchen Neddy und Pacer, den Konflikt gewaltfrei zu lösen. Pacer argumentiert gegenüber Mutter Neddy – ähnlich wie Clint gegenüber Sam -, dass er nicht mordend durch die Gegend ziehen kann. Trotz der Diskriminierung ist dies keine Option für ihn – noch nicht.

Eine weitere Eskalationsstufe erreicht Pacers hochgradig ambivalentes Verhältnis zu seinem Umfeld, als zwei ausgehungerte, weiße Trapper die Farm besuchen, um dort kurz Rast zu machen. Zunächst geradezu unterwürfig um Hilfe bittend, werden sie sofort übergriffig, als sie bemerken, dass ihre Gastgeber indianisches Blut in den Adern haben. Eine rassistische Bemerkung folgt auf die andere und als Pacer kurz den Raum verlässt, versucht einer der Trapper Neddy zu vergewaltigen.

Neddy versucht sich gegen den Trapper zur Wehr zu setzen.

Neddy versucht, sich gegen den Trapper zur Wehr zu setzen

Doch Pacer kommt rechtzeitig zurück und gemeinsam mit Neddy schafft er es, die beiden Trapper vor die Tür zu setzen – scheinbar ruhig. Doch hinter dem Haus nimmt er sich die beiden so richtig vor. Dabei entlädt sich erstmals im Film seine ganze aufgestaute Wut – er rastet regelrecht aus.

Pacer rastet aus

Jetzt reicht’s wirklich: Pacer rastet aus

Selbst als die Trapper schon längst erledigt sind, schlägt er den Kopf des einen mehrfach so heftig gegen die kleine Scheune, dass der Mann das eigentlich kaum überlebt haben dürfte. So explosionsartig schnell Pacers Gewaltausbruch auch ist, so rasch ist er vorüber. Sofort hat er sich wieder im Griff  und kehrt zu Neddy zurück ins Farmhaus als hätte es den Vorfall nie gegeben.

Es ist eine fast wortlose Schlüsselszene im Film – und es ist eine, in der Elvis Presley in der Rolle des Pacer brilliert. Den Kontrast zwischen der Brutalität in dieser Szene, gefolgt von der zärtlichen mit Mutter Neddy in der nächsten…

Mutter Neddy küsst die verletzte Hand ihres Sohnes

Mutter Neddy küsst die verletzte Hand ihres Sohnes

… transportiert er eindrucksvoll und glaubwürdig. Der sonst so zurückhaltende Pacer ist ein Pulverfass kurz vor der Explosion, das ist jetzt klar. Die endgültige Wende in seinem Verhalten tritt jedoch erst nach seinem und Neddys Besuch bei ihren Kiowa-Verwandten ein, bei dem beide noch einmal vergeblich versuchen, den Konflikt gewaltfrei zu lösen. Auf der Rückfahrt zur Farm wird Neddy von dem einzigen Überlebenden des Howard-Massakers schwer verletzt.

Neddy: Pacer, I'm dying. I can see the Flaming Star of death

Neddy: „Pacer, I’m dying. I can see the Flaming Star of death“

Gemeinsam mit den inzwischen zurückgekehrten Sam und Clint sucht Pacer ärztliche Hilfe in einer nahegelegenen Siedlung. Doch die Siedler verweigern jede Hilfe, der einzige Arzt des Ortes wird daran gehindert, die Familie zu begleiten. Verhöhnt werden die Burtons, man solle doch einen Medizinmann besorgen, das sei angemessen. Neddy ist nur eine „Rote“, je weniger es davon gibt, desto besser. Schließlich gelingt es Pacer, den Arzt doch noch zum Mitkommen zu bewegen, indem er dessen Tochter als Geisel nimmt.

Pacer mit der Tochter des Arztes

Pacer mit der Tochter des Arztes

Unter den Drohungen der Siedler (If you kill that child, you godless savage…) geht es in Windeseile zurück zur Farm. Doch jede Hilfe kommt zu spät, Neddy ist bereits verblutet.

Pacer am Grab seiner Mutter

Pacer am Grab seiner Mutter

Pacers Katharsis: „I’m changing my whole life!“

Der Tod der Mutter bringt das Fass für Pacer endgültig zum Überlaufen. Nach Neddys Beerdigung bricht die ganze Wut und Verzweifung ob die jahrelangen Diskriminierung offen aus ihm heraus. Erstmals bringt er zum Ausdruck, wie er denkt und fühlt. Weiße haben seiner Mutter ärztliche Hilfe verweigert, Weiße haben sie getötet – sie ist dem alles durchdringenden Rassismus zum Opfer gefallen. Das ist für ihn der Endpunkt einer langen Entwicklung.

Pacer spricht Klartext

Pacer spricht Klartext: „White men shot her and white man let her die“

Alles bringt Pacer jetzt auf den Tisch, die geringschätzigen Blicke, die Neddy und er still ertragen mussten, die subtilen Beleidigungen, die Zurückweisung durch seine heimliche Liebe Roz und vor allem den Tod der Mutter.

Roz ist überrascht. Dass Pacer in sie verliebt sein könnte, hielt sie für undenkbar

„He is Kiowa – Clint is alright, but watch out for Pacer“: Roz ist überrascht, als Pacer ihr seine Gefühle gesteht

Am liebsten will er alle umbringen, die das zu verantworten haben. Selbst Bruder Clint kann ihn diesmal nicht besänftigen. Niemals kann er vergessen, dass es Weiße sind, die seine Mutter auf dem Gewissen haben. Es kommt zu einem heftigen Kampf zwischen den Brüdern.

"Good God, Pacer, you are a civilized human being"

„I wanna see everyone of them dead“

Vergeblich versucht Clint, beruhigend auf Pacer einzuwirken. Dabei offenbart er einmal mehr seine eigene tief verwurzelte Ambivalenz dem „roten Bruder“ gegenüber. Sie zeigt sich überdeutlich in Aussagen wie: „You are talking foolish, when you talk like this you sound like a KiowaGood God, Pacer, you are a civilized human being„.

"Good God, Pacer, you are a civilized human being"

„Good God, Pacer, you are a civilized human being“

Aussagen wie diese bestärken Pacer nur noch mehr in seiner Haltung. Clint fühle den Verlust der Mutter nicht so wie er, so Pacer. Zu groß sind die Vorbehalte gegen ihre Abstammung selbst in der eigenen Familie. Doch er, er macht jetzt endlich Schluss damit: „I’m changing my whole life„, verspricht Pacer, ein Kiowa, das wolle er von nun an voll und ganz sein. Er lässt keinen Zweifel daran, dass er sich nun Buffalo Horn anschließen wird.

"I'm changing my whole life. Kiowa. That's what I'm gonna be from now on"

„I’m changing my whole life. Kiowa. That’s what I’m gonna be from now on“

Verständnis für den Entschluss Pacers zeigt zunächst nur Vater Sam. Er gibt zu, dass Pacer nie fair behandelt worden ist und akzeptiert daher seinen Entschluss, sich den Kiowa anzuschließen. Etwas ganz Entscheidendes, das Pacer später noch einmal zum Umdenken bewegen wird, sagt er in diesem Moment: „Die Leute beurteilen einen immer danach, wer man sein sollte, nicht danach, wer man ist. Du warst immer ein guter Junge. Ich war immer stolz auf dich. Du hast meinen Segen„.

Sam nimmt Abschied: "I think folks have never been fair to you, Pacer"

Sam nimmt Abschied: „I think folks have never been fair to you, Pacer“

Es ist wohl gerade diese liebevolle Verabschiedung des Vaters, die Pacer dazu bringt, Buffalo Horn das Versprechen abzunehmen, seine Familie zu verschonen. Nur dann wird er sich ihnen tatsächlich anchließen.

Blutsbrüderschaft: Buffalo Horn gibt Pacer sein Versprechen

Blutsbrüderschaft: Buffalo Horn gibt Pacer sein Versprechen

Der Flammende Stern des Todes: Pacer opfert sich

Buffalo Horn mag sein Versprechen sogar ernst gemeint haben, nicht aber seine Gefolgsleute. Als die auf ihrem Kriegspfad kurz darauf auf Sam Burton treffen, erkennen sie ihn und überlegen auch, ob sie ihn tatsächlich verschonen, entscheiden sich dann aber doch anders. Zu günstig ist die Gelegenheit, einen Weißen den Garaus zu machen.

Clint findet seinen Vater und wird daraufhin ebenfalls in einen Kampf auf Leben und Tod mit den Kiowa verwickelt. Als Pacer die Zwangslage seines schwer verwundeten Bruders erkennt – erneut haben die Kiowa ihr Wort gebrochen – gibt es für ihn kein Zögern: Er wird seinen Bruder retten.

Pacer und Clint auf der Flucht vor den Kiowa

Pacer und Clint auf der Flucht vor den Kiowa

Dazu setzt er gekonnt alles ein, was er über das Verhalten der Kiowa weiß. Sein Wissen als Halbblut rettet dem Bruder schließlich das Leben.

Indian fights Indian: Pacer überlistet die Kiowa

Indian fights Indian: Pacer überlistet seine indianischen Brüder

Clint gibt sich vertrauensvoll in die Hände Pacers, den er nun – ohne das früher stets spürbare Unbehagen –  liebevoll einen“damn savage/vedammten Wilden“ nennt. Auch Clint hat dazugelernt.

Pacer rettet Clint und opfert sich

Pacer rettet Clint und opfert sich

Gleichzeitig akzeptiert Pacer, dass es für ihn selbst keine Rettung geben kann. Es gibt keinen Platz für ihn in dieser Gesellschaft. Er wird weder von der einen noch der anderen Seite akzeptiert – einen wie ihn darf es einfach nicht geben.

Pacer: "You live for me, Clint. Maybe some day somewhere people understand folks like us"

Pacer: „You live for me, Clint. Maybe some day somewhere people understand folks like us“

Pacer opfert sich, damit Clint leben kann. In der dramatischen Schlussszene des Films vergewissert sich der vom finalen Kampf mit den Kiowa tödlich verletzte Pacer ein letztes Mal, dass es Clint in der Mitte der weißen Siedler, wohin er ihn in Sicherheit gebracht hat, gut geht. „Du lebst für mich, Clint. Vielleicht gibt es irgendwann irgendwo Menschen, die Verständnis für Leute wie uns haben„, so Pacers letzte, dramatische Worte.

Überzeugend: Elvis Presley in Flaming Star

Rassismus ist also Dreh- und Angelpunkt der Handlung im Western Flaming Star. Damit war der Film 1960 auf der Höhe der Zeit – und ist es bis heute. Sehenswert ist der Flammende Stern davon abgesehen aber auch, weil ein gerade 25-jähriger Elvis Presley die Rolle des gebrochenen, innerlich zerrissenen Helden Pacer Burton – von Andy Warhol eindrucksvoll in seinen Siebdrucken festgehalten – sehr überzeugend spielt.

Elvis ist hier in einer für ihn sehr ungewöhnlichen und schwierigen Rolle zu sehen – einer der wenigen Rollen, in der nicht sein Image als Gesangsstar (→ Elvs Presely in Fun In Acapulco) dominiert, sondern der singende Superstar ganz hinter der Rolle des entwurzelten Pacer zurücktritt. Der Film hat abgesehen vom Titelsong und einem situationsbezogenen Lied am Anfang keine Gesangseinlagen, so wie Elvis Presley es sich für seine Schauspielkarriere wünschte, aber selten realisieren konnte (→ Elvis in Hollywood).

Pacer Burton ist Elvis Presley wie auf den Leib geschrieben, obwohl er für die Rolle zunächst gar nicht vorgesehen war. Für eine ältere Version der Romanverfilmung waren Frank Sinatra und Marlon Brando als Brüderpaar Burton im Gespräch. Für einen immer noch verhältnismäßig unerfahrenen Schauspieler ohne Ausbildung, noch dazu ohne Möglichkeit einer längeren Vorbereitung, war die Rolle des Pacer zweifellos eine Herausforderung, aber auch eine, mit der Elvis Presley sich identifizieren konnte, lieferte sie doch gleich mehrere Anknüpfungspunkte zur eigenen Biografie.

Da ist zum einen die enge Beziehung zu Mutter Gladys, die wie Neddy im Film indianische Vorfahren hatte (→ Gladys Love Presley), der eigene Außenseiterstatus aufgrund der sozialen Herkunft (white trash) und die offenen Anfeindungen wegen seines Musikstils, der sich nicht um Rassentrennung scherte (→ White N.I.G.G.E.R.S und Black A.N.G.E.L.S). Die Figur des Pacer Burton hat also durchaus einiges gemeinsam mit Elvis Presley – ironischerweise vielleicht sogar mehr als die „leibgeschneiderten“ und in Serie produzierten Rollen des singenden Playboys im typischen Elvis-Musical der 1960er.

Unter der einfühlsamen Regie Don Siegels gibt der King in Flaming Star neben King Creole (1958) seine wahrscheinlich überzeugendste Vorstellung als Schauspieler. Was dabei überrascht, ist, wie leise, geradezu minimalistisch er sich dabei präsentiert. Das steht im deutlichen Gegensatz zu seinem Image als singender Superstar. Regisseur Don Siegel jedenfalls – anfangs skeptisch ob der Besetzung der Hauptrolle (was sollte ein singendes Teenie-Idol ausgerechnet in diesem Film?) – war vom Potenzial seines Hauptdarstellers schnell überzeugt:

„I found Elvis sensitive and very good – with the exception that he was very unsure of himself. […] But when I was able to calm him down, I thought he gave a beautiful performance.“

– Zitat Regisseur Don Siegel

Bleibt zu hoffen, dass Flaming Star anlässlich des Gedenkens an Elvis Presley zu seinem 80. Anfang Januar 2015 wieder einmal im deutschen TV gezeigt wird. Aktuell genug ist das Grundthema des Westerns schließlich nach wie vor – völlig unabhängig von der schlagzeilenträchtigen Versteigerung von Warhols Pacer alias Triple Elvis aus dem Fundus des Aachener Spielcasinos im November 2014.

2 Antworten
  1. Andi
    Andi says:

    Der Artikel war mir jetzt ein bisschen zu lang und ich habe leider kaum Erinnerung an diesen Film, was mir aber sehr in Erinnerung geblieben ist, ist, dass ich ihn tatsächlich gut fand. Ich habe nur sehr wenige Filme mit Elvis gesehen und bin auch wenig bis gar nicht an ihnen interessiert, aber der war überraschenderweise nicht schlecht. „Charro“ war glaub ich auch ganz gut.

    Antworten
    • memphisflash
      memphisflash says:

      Hallo Andi,

      da hast Du wirklich Recht, der Beitrag ist ziemlich lang geworden. Habe auch ziemlich damit gekämpft. Mal schau’n, ob ich das mit ein wenig Abstand noch ein bisschen entfrachten kann. Das Thema ist allerdings auch ziemlich komplex.

      Hoffe, er macht Dir und anderen trotzdem Spaß und vor allem Lust, den Film nach längerem mal wieder anzuschauen, jetzt vielleicht unter einem neuen Blickwinkel.

      Frohe Weihnachten und einen tollen Start ins Elvis-Jubiläumsjahr 2015!
      memphisflash

      Antworten

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