Triple Elvis: Andy Warhols Westernheld

73 zum 1., zum 2. zum 3.! Mit Wucht knallt Auktionator Jussi Pylkkänen seinen Hammer auf das Mahagonipult vor sich und besiegelt damit das Schicksal von Lot 9. Es ist der 12. November 2014 in New York, der Auktionssaal bei Christie’s im Rockefeller Center ist mit 600 betuchten Kunstliebhabern gut gefüllt, weitere Sammler aus 43 Ländern sind per Telefon zugeschaltet. Die mit Spannung erwartete, besondere Attraktion des Abends: 2 Siebdrucke von Pop Art-Künstler Andy Warhol aus deutschem Besitz – genauer aus dem Fundus der zur NRW.Bank gehörenden Spielcasinogruppe Westspiel – stehen zur Versteigerung an.

Schon Wochen vorher hatte die Versteigerung, mit der sich die finanziell angeschlagene Westspiel-Gruppe sanieren möchte, vor allem in der bundesdeutschen Politik und Kulturszene für Schlagzeilen gesorgt. Von Raubbau und Sündenfall war vielerorts die Rede, genützt hat es nichts. 100 Millionen USD erhoffte sich Westspiel im Vorfeld von den beiden Warhols, die Ende der 1970er zur Dekoration des zur Gruppe gehörenden Spielcasinos in Aachen für weniger als 200.000 angeschafft worden und seit 2009 wegen ihrer immensen Wertsteigerung eingelagert waren.

  • Christie-Auktionator Pylkkänen bei der Versteigerung der Westspiel-Warhols in New York, 12. November 2014

Allein für Lot 9 legt ein unbekannter Käufer an diesem grauen Novemberabend 2014 satte 82 Millionen USD auf den Tisch – 73 Millionen für den Siebdruck, 9 Millionen als Aufschlag für Auktionshaus Christie’s. Der 2. Warhol des Abends geht für einige Millionen weniger an einen weiteren Bieter. Alles in allem beschert das der Westspiel mehr als die erwarteten 100 Millionen USD „Spielgeld“.

Warhols Elvis: ein Westernheld?

Das Motiv von Lot 9, auf das die Bieter im Auktionssaal schauen, während die Millionen geradezu im Sekundentakt durch die Luft sausen, scheint von alldem völlig unberührt. Silbrig glänzend, breitbeinig in feinster Cowboy-Manier und das gleich in dreifacher Ausführung zielt es mit seinem Revolver weniger auf seine Bieter als auf einen imaginären Feind in der Ferne.

Lot 9 ist Warhols rarer Siebdruck Triple Elvis (1963) – er zeigt eins von Warhols Lieblingsmotiven, nämlich den King of Rock ’n‘ Roll in Hollywoods Western Flaming Star (Flammender Stern, 1960). Triple Elvis ist nicht der erste Flaming Star-Warhol, der für eine Rekordsumme steht: 8 Elvises fand 2008 für unglaubliche 100 Millionen USD einen neuen Liebhaber → Elvis und Andy: Kings of Popular Art.

Was aber macht dieses Motiv so interessant, abgesehen von der geradezu exorbitant anmutende Summe, die jetzt wieder ein unbekannter Aficionado dafür auf den Tisch legt und damit ganz nebenbei die deutsche Westspiel saniert? Kurz: Es ist Warhols einfache wie geniale Darstellung der Essenz dessen, was Elvis Presley in Flaming Star symbolisiert.

Was kann das schon sein, werden die Spötter jetzt fragen, schließlich ist der King nicht gerade als Oscars einheimsendes Schauspieltalent bekannt (→ Elvis in Hollywood). Die Antwort liegt im Bild selbst. Es stellt – auf den ersten Blick – das Paradebeispiel eines wagemutigen amerikanischen Cowboyhelden dar, wie ihn der Betrachter aus vielen Western Hollywoods kennt. Zudem wird der archetypische Cowboy hier von dem amerikanischen Jugendidol des 20. Jahrhunderts schlechthin repräsentiert: Elvis Presley. Eine potente, symbolträchtige Mischung also.

Doch etwas stimmt nicht mit dem Cowboy. Seine Körperhaltung ist nur vordergründig entschlossen zum Angriff bereit. Breitbeinig steht er sicher auf beiden Beinen, doch Oberkörper und Mimik verraten ihn: Er zielt nicht wirklich genau mit seinem Revolver, der Blick ist vom Betrachter weg in die Ferne gerichtet, die Mimik lässt eine Verletzlichkeit erkennen, die nicht so recht zu einem Westernhelden passen will. Dieser Cowboy ist unentschlossen, er weiß nicht, was er tun soll. Soll er schießen oder lieber nicht? Wenn er schießt, auf wen?

Der Eindruck der Unentschlossenheit, der innerlichen Zerissenheit, wird von Warhol durch die Verdreifachung im Siebdruck eindrucksvoll in Szene gesetzt. Keiner der drei Elvisse steht im Vordergrund, sie überlagern sich. Indem der Künstler seinem Motiv zudem die Farbe entzieht – das Originalpressefoto, die Vorlage für den Siebdruck, ist vierfarbig – bringt er durch Reduktion das Wesentliche hervor: den gebrochenen Helden.

Warum Warhols millionenschwerer dreifacher Elvis vor allem ein gebrochener Held ist, darum geht es im Beitrag → Rassismus im Western Flammender Stern.

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