Buchtipp: Elvis Presley A Listener’s Guide v. Shane Brown

Mit Robert Matthew-Walkers Elvis Presley A Study In Music  (1979, 1995) habe ich neulich meine kleine Reihe an interessanten Buchveröffentlichungen eröffnet, die sich in erster Linie mit der Musik des Memphis Flash – und zwar Song für Song – beschäftigen.

Buchcover Shane Browne: Elvis Presley A Listener's Guide

Buchcover Shane Browne: Elvis Presley A Listener’s Guide

Heute möchte ich eine Neuerscheinung vorstellen, die auf ähnlichen Pfaden wandelt wie A Study In Music: Shane Browns im Selbstverlag erschienenes Buch Elvis Presley A Listener’s Guide (2014).

Jeder der sich schon mal mit Elvis Presleys Diskografie beschäftigt hat und sei es auch nur, indem er leichtsinnigerweise einfach den Namen Presley bei Amazon in die Suchmaske eingegeben hat, kann sofort nachvollziehen, wieso man einen “Listener’s Guide” richtig gut gebrauchen kann auf der Suche nach den Aufnahmen des King, die man unbedingt gehört haben sollte oder besser meidet. So ein Führer ist also per se schon mal eine gute Idee, will man den Presleyschen Veröffentlichungsdschungel auch nur so einigermaßen lichten.

Doch Vorsicht! Beim Lichten des Dschungels gilt es mehr als nur einer Tretmine auszuweichen. Die Expedition durch das Elvis-Dickicht kann sich zu einer aufregenden und überraschend gefährlichen Sache entwickeln… vor allem für den Autor und dessen Reputation. Diese Erfahrung hat Shane Brown jedenfalls machen müssen, der laut eigener Aussage nach Veröffentlichung seines Buches Drohungen von Lesern erhielt – Stichwort Cybermobbing -, die er immerhin so ernst nahm, dass er die Polizei enschaltete.

Jetzt fragt sich natürlich jeder: Was um Himmelswillen schreibt der Mann denn in seinem Buch mit dem harmlos klingenden Titel Elvis Presley A Listener’s Guide, dass er solche Reaktionen erntet? Und wer ist überhaupt dieser Autor?

Beyond Boundaries: Elvis neu interpretiert über alle Grenzen hinweg?

Shane Brown (*1974 in Norwich, Großbritannien) ist studierter Filmwissenschaftler, hat kürzlich promoviert zum Thema Homosexualität im Film zwischen 1912 und 1934, betreibt außerdem einen eigenen Blog zu den Themen Film, TV und Musik → Beyond Boundaries und hat mit Breaking Point 2013 auch schon einen ersten Roman veröffentlicht. Darüber hinaus ist Shane seit langem ein großer Elvis-Fan, der sich rege in internationalen Elvis-Foren beteiligt.

Autor Shane Browne

Autor Shane Browne

Shane Brown kann also schreiben – das beweist er auch in A Listener’s Guide. Sein Guide  hat in gedruckter Form – ich habe die Kindle-Version – über 300 Seiten, besteht in erster Linie aus Text, hat also praktisch keine Fotos, ist dafür aber gut geschrieben, und zwar so, dass es für Leute mit Schulenglischkenntnissen auch noch zu verstehen ist. In deutscher Übersetzung liegt das Buch bislang nicht vor.

Inhaltlich im Grunde sehr ähnlich aufgebaut wie Klassikfan Matthew-Walker’s minimalistische Study In Music geht Brown chronologisch Aufnahmesession für Aufnahmesession vor – von Elvis’ ersten Songs aufgenommen in Sam Phillips Sun Studio 1953/4 bis zur den letzten Live-Aufnahmen, die für das CBS-Special 1977 entstanden.

Genau wie Matthew-Walkers Fokus liegt auch der von Shane Brown auf der Qualität von Elvis’ Songinterpretationen. Sessioninformationen gibt es nur insoweit sie zur Orientierung notwendig sind, biographische Details wenige. Auch geht Brown nicht darauf ein, inwieweit er tatsächlich die Originalveröffentlichungen für seine Song-für-Song-Beurteilung verwendet, obwohl er in der Einleitung durchaus anspricht, dass Elvis Presleys Aufnahmen im Laufe der Jahrzehnte in vielen unterschiedlichen Bearbeitungen neu herausgebracht wurden.

Brown schließt sein Buch mit einem Kapitel, bei dem er – sehr kritisch – auf die Veröffentlichungspolitik des Elvis-Sammlerlabels Follow That Dream (FTD), verantwortet von Ernst Jorgensen und Roger Semon unter dem Dach von Sony, eingeht. Das findet sich naturgemäß in Matthew-Walkers älterer Publikation nicht – das Sammlerlabel exisiert erst seit 1999.

Bleibt die Frage, wieso Filmwissenschaftler Shane Brown sich quasi an ein Remake von Matthew-Walkers Studie macht. Eine Erklärung findet sich in der Einleitung. Brown ist nämlich der Ansicht, dass eine Neubewertung von Elvis Presleys musikalischen Nachlass nötig ist, da der bis heute fast durchgängig von der einseitigen Perspektive der Rockmusikkritiker der 1960er und 1970er sowie Fans der ersten Stunde geprägt ist, die sich enttäuscht und offen negativ über die Orientierung des “King of Rock ‘n’ Roll” hin zu andern musikalischen Gefilden nach den richtungsweisenden 1950ern zeigten – eine Einstellung, die für eine jüngere Generation nicht mehr nachzuvollziehen sei. Dazu ein Auszug aus der Einleitung von A Listener’s Guide:

 

 “Elvis may have been crowned the King of Rock ‘n’ Roll but, in reality, he only lived up to the title for a relatively short period of his career. From 1960 onwards, rock ‘n’ roll was not the dominant genre of music that Elvis recorded. Despite this, virtually every book concentrating on Elvis’s music (and there aren’t many of them) comes from the viewpoint that his rock ‘n’ roll recordings are most important and everything else is of barely passing interest. There is a good reason for this. Many of those who have critiqued Elvis’s work grew up at the same time as Elvis and, as such, were highly disappointed when Elvis produces singles such as ‘Separate Ways’ or ‘Hurt’ rather than those along the lindes of ‘Burning Love’ and ‘Promised Land’. Those who viewed Elvis as a rocker seemingly felt betrayed of the direction his recording career took in the last seven years of his life in particular – and that sense of betrayal was (and still is) understandable.
However, those of us borne after the event (I was three when Elvis died) have never felt the same disappointment about his move into country and easy listening during the 1970s. To us, the apparent betrayal never happened because we didn’t follow the Elvis story in a linear fashion. […] The rock critics, whose views have dominated work on Elvis’s music, could not forgive Elvis for straying from their preferred genre. But those of us not following the story in real time have never quite grasped why genre mattered as long it was performed well. No doubt there will be cries from the rafters that this modest tome is an antirock view of Elvis’s music. It isn’t. Instead it is a re-evaluation of Elvis’s musical legacy which benefits from being written nearly four decades after he made his final, sad recordings.”

Shane Brown in: Elvis Presley A Listener’s Guide 2014

Damit ist klar: Shane Brown rüttelt an den Grundfesten der etablierten Elvis-Rezeption, die vor allem durch Lichtgestalten wie Peter Guralnick – den hochangesehenen Verfasser der 2-bändigen Elvis-Biographie Last Train to Memphis/Careless Love – wie in Beton gegossen scheint. Und die ist nun mal der Überzeugung, dass Genre sehr wohl “matters”.

Dass die Sicht des Autors nicht aus der Luft gegriffen ist im Hinblick auf die Rockkritik der 1960er und 1970er, die nicht bereit war zu akzeptieren, dass der “King of Rock ‘n’ Roll” es tatsächlich ernst meinte mit seiner schon 1953 getätigten legendären Äußerung “I sing all kinds” und sich schlicht weigerte, immer wieder die 1950er zu beschwören, belegt Brown gleich mit mehreren Rezensionen aus der Comeback-Ära Elvis Presleys:

“And yet it’s still not the same. […] You can’t recapture the innocent ease of those first sides [Elvis’ Aufnahmen in Sam Phillips Sun Studio], you can’t bring back the easy innocence of new adulthood, whether for listener or singer. What is so striking about the sides cut for Sun Records, even today, fifteen years after their release, is the freshness of style, the cleanness and the enthusiasm.”

Peter Guralnick im Magazin Rolling Stone, 23. August 1969

Weniger sentimental, dafür aber umso deutlicher drückte sich Jon Landau aus:

“Put Elvis in the studio with a bunch of good, contemporary rockers, lock the studio up, and tell him he’s made an album that rocks from beginning to end. You’ll get the best selling Elvis Presley album of the last ten years, and we’ll get Elvis Presley doing what he’s supposed to do”.

Jon Landau in Rolling Stone, 22. Juli 1971

Na, da hat Shane die Herren Musikkritiker aber ordentlich am Wickel: Guralnick wirkt wie ein Fall von mittelschwerer Midlife-Crisis und bei Landau wird der Künstler eingesperrt und hat selbst nix zu melden… äh, ja. Schon witzig, dass solche Aussagen richtungsweisend gewesen sind und bis heute den Status Quo stellen.

Allerdings ist Browns Argumentation, Genre- und Imagefragen bei Elvis Presley besser außen vor zu lassen und sich stattdessen ganz auf die Qualität der Songinterpretationen zu konzentrieren, gar nicht so neu. Sie findet sich im Grunde schon bei Matthew-Walker 1979, der Elvis Presleys Aufnahmen ebenfalls nicht danach beurteilt, aber kein “Ding” daraus macht. Und sie finden sich etwa auch bei dem bekannten amerikanischen Musikkritiker Will Friedwald (*1961), der Elvis Presley ein geradezu hymnisches eigenes Kapitel in A Biographical Guide to the Great Jazz and Pop Singers (2010) widmet und offen darüber spricht, wieso er die beschriebene gängige Elvis-Rezeption nicht nachvollziehen kann.

Bleibt also die Frage: Ist Shane Browns Buch im Endergebnis eine überzeugende Neubewertung des Elvis-Nachlasses? Nein, das dann wohl doch nicht. Er krittelt zwar nachvollziehbar am Heiligen Gral – den Sun-Recordings – und belegt ähnlich gut wie bei der beschriebenen Haltung der Rockmusikkritiker oben, dass insgesamt bei den Aufnahmen der 1950er auch nicht alles Gold war, was glänzt, liefert außerdem gute kritische Argumente zur Qualität der → Madison Square Garden-Konzerte und dem Dokumentarfilm Elvis On Tour (beides 1972), aber so richtig nachhaltig ist das nicht.

Sieht man A Listener’s Guide als Ganzes, fällt schnell auf, dass Shane Brown, vor allem was die Aufnahmen ab den 1960ern angeht, letztlich weitgehend etablierten Rezeptionsmustern folgt und im Grunde mit weit weniger Überraschungen aufwartet als der Leser aufgrund der Einleitung vermuten könnte.

Trotzdem gibt es viele spannende Passagen in Browns Buch, vor allem dort, wo der Autor auf einzelne Songs eingeht. Dabei setzt er schon bei den Sun-Aufnahmen andere Akzente als etwa Matthew-Walker, was sein Buch zu einer sinnvollen Ergänzung von A Study In Music (1979) bzw. der späteren, ergänzten Ausgabe unter dem Titel  Heartbreak Hotel (1995) macht. Hier eine Passage zu Elvis Presleys erster Aufnahme My Happiness (1953), in der sich Brown direkt auf Matthew-Walker bezieht:

“Like so many of Elvis’s early recordings, this one has often been romanticized, when previously discussed. For example, Robert Matthew-Walker [in Heartbreak Hotel] writes that ‘the nineteen year old’s voice is fully formed, entirely unique and leaps from old, worn grooves with a force that is literally astonishing’. This is simply not the case; there is nothing remotely fully formed about this recording. It’s a tentative little performance, and there’s little doubt that anyone hearing it blind would neither recognise the singer nor believe he was bound for a huge singing career. That’s not to say there aren’t some interesting touches, most notably the change to the melody the second time Elvis sings ‘any place on earth will do’.”

Shane Brown: Elvis Presley A Listener’s Guide, Pos. 223

 

Hier die Hörprobe dazu: Elvis Presley mit My Happiness (1953) – Audio vom Boxset → The Boy from Tupelo (2012):

 

Interessant, wie weit die Wertungen hier auseinander gehen. Problematisch wird es bei Brown für mich, wenn es um die 1970er geht, dem umstrittensten Kapitel in Elvis Presleys Karriere. Da habe ich mir schlicht mehr von diesem Autor erwartet. Ich hatte stellenweise den Eindruck, vieles ähnlich aus Ernst Jorgensens Standardwerk Elvis Presley A Life In Music zu kennen. Letzteres erstaunt, weil der Autor mit den Veröffentlichungen des Sammlerlabels, dessen Kopf Jorgensen ist, ja doch ein Problem hat, wie das letzte Kapitel seines Buches zeigt.

Zudem verliert Brown besonders hier in einigen Passagen an Glaubwürdigkeit. So spricht er etwa von einem “lacklustre” (glanzlosen) Las Vegas-Engagement Anfang 1971, belegt das allerdings nicht anhand von Aufnahmen, die er sich selbst angehört hat. Und das entspräche je letztendlich der Ziesetzung seines Buches: eigene Erkenntnisse Song für Song. Allerdings dürfte das im Falle dieses Las Vegas-Engagement auch schwierig werden, es gibt nämlich kaum Mitschnitte – und schon gar nicht in guter Soundqualität – von diesem Engagement.

Wie kommt Brown also dann zu seinem Urteil? Eine Fußnote dazu gibt es nicht. Lese ich zum Vergleich in Jorgensens Elvis Presley A Life in Music (1998) dazu, schwant mir, was die Quelle sein könnte… Allerdings wird auch bei Jorgensen nicht ganz klar, woher er seine Wissen genau hat. Evtl. hat der Sammlerlabelchef noch den ein oder anderen unveröffentlichten Mitschnitt in der Schublade liegen? Gut möglich, er allein wird es wissen. Wie auch immer: Shane Brown bewegt sich hier auf dünnem Eis, ganz dünnem Eis.

Ziemlich platt fand ich zudem einige Äußerungen Browns zu Elvis Presleys Filmen. Hier hätte ich von einem Filmwissenschaftler differenziertere Aussagen erwartet, auch wenn das nicht Gegenstand des Buches ist. Auch das belegt für mich, dass der Autor am Ende des Tages weitaus weniger von etablierten Sichtweisen abrückt als er vorgibt. Letzteres muss er ja auch nicht zwingend, nur begründen sollte er seine Haltung schon, wenn er im Kontext seines eigentlichen Themas nicht darauf verzichten möchte.

shane-browne-elvis-presley-a-listeners-guide-coverFazit: Shane Browns Elvis Presley A Listener’s Guide ist trotz der beschriebenen Schwächen ein lesenswertes Buch für alle, die sich in erster Linie für die Musik Elvis Presleys interessieren. Mir jedenfalls hat die Lektüre Spaß gemacht, auch wenn ich nicht immer einer Meinung mit dem Autor bin. Es regt an, bei der ein oder andere Aufnahme noch einmal genauer hin zu hören. Als Neubewertung des musikalischen Nachlasses Elvis Presleys geht A Listener’s Guide allerdings nicht durch. Trotzdem: Respekt, Shane Brown, für die Chuzpe, das Thema anzugehen und damit den Zorn so manches Lesers in Kauf zu nehmen! Ich bleibe gespannt, wer sich das in Zukunft noch trauen wird.

Shane Browns Elvis Presley A Listener’s Guide (2014) ist über Amazon beziehbar. Die Kindle-Version kostet aktuell nur 6,91 EUR.

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