Elvis Presley Song by Song: A Study in Music

Am 8. Januar 2015 würde Elvis Aaron Presley seinen 80. Geburtstag feiern, wäre er nicht schon 1977 im Alter von nur 42 Jahren verstorben. Kaum jemand bezweifelt heute noch, dass der Memphis Flash zu den bedeutendsten Vertretern der Rock- und Popkultur des 20. Jahrhunderts gehört.

Der bekannte Musikjournalist → Ernst Hofacker (Von Edison bis Elvis, Reclam 2012)  spricht stellvertretend für viele von Elvis als einem „Urknall der Popkultur“, dessen Megaerfolg – neben kulturhistorischen und technischen Entwicklungen – auf eine ganze Reihe persönlicher Voraussetzungen zurückzuführen ist. Elvis, so Hofacker, sah nicht nur „blendend“ aus, er trug auch die „richtige Mischung an halbstarkem Selbstbewusstsein und romantischer Verletzlichkeit“ zur Schau, war eine „Naturbegabung als Entertainer“ mit „überwältigendem Charisma“ und „obendrein ein hochbegabter Sänger mit intuitivem Verständnis für die verschiedensten Stile“.

Elvis hört Elvis bei der Aufnahmesession von 'Hound Dog/Don't Be Cruel' 1956 - Foto 'Scream' von Fotograf Alfred Wertheimer

Der „hochbegabte Sänger“ hört sich selbst bei der Aufnahmesession von ‚Hound Dog/Don’t Be Cruel‘ in New York 1956 – Foto ‚Scream‘ (Schrei) von Alfred Wertheimer

Das klingt fast schon hymnisch. Und viel Hymnisches darf auch zum 80. des King wieder erwartet werden, wenn weltweit Popkulturliebhaber, Musikjournalisten und so ziemlich jeder, der eine Tastatur in Griffnähe hat, dieses Ereignis feiern wird, indem er oder sie die ohnehin schon endlos lange Liste an Veröffentlichungen über Elvis Presley entschlossen erweitert.

Doch ein Aspekt, den Hofacker in seiner hymischen Aussage verpackt hat, wird bei alldem wahrscheinlich erneut eine eher untergeordnete Rolle spielen: „der hochbegabte Sänger“. Denn Elvis kennt zwar (fast) jeder, das aber vor allem als Mythos, als eine Überfigur, der  – wie → Filmhistoriker Björn Eckerl es ausdrückt – kaum noch jemand wirklich zuHÖRT.

Schon vor langer Zeit haben die Anekdoten über den Liebhaber schneller Autos (→ Elvis‘ gelebte Auto Emoción), den König des Spielerparadieses Las Vegas (→ Meet and Greet the King), den exzentrischen Frauenliebling mit Hang zu gesundheitsschädlichen Konsumgewohnheiten (→ Elvis in der Werbung: Geht’s noch?), der Musik den Rang abgelaufen. Elvis-Biograf Peter Guralnick spricht in seiner umfangreichen Biografie von der „Kakophonie der Stimmen“, die niemals zu verstummen scheint und das Ohr auf das Eigentliche verstellt: Elvis Presleys Musik.

Tatsächlich gibt es unter den vielen Veröffentlichungen über den Memphis Flash (→ Interview mit Elvis-Buch- und Filmliebhaber Nigel Patterson) nur eine kleine, aber feine Auswahl von Publikationen, deren Autoren sich gerade damit kenntnisreich beschäftigen. Und genau diesen meist wenig bekannten Veröffentlichungen möchte ich eine Reihe widmen.

Ich starte mit einem Buch, dessen Erstausgabe mich vor allem durch seinen Minimalismus beeindruckt. Es ist so leise, dass es in der erwähnten Kakophonie seit Jahrzehnten kaum Gehör findet, ebenso wenig wie der Gegenstand seines Themas: Elvis Presley: A Study in Music von Robert Matthew-Walker.

Robert Matthew-Walker: Ein Klassikkenner goes Elvis

Wer aber ist bloß Robert Matthew-Walker? Die Frage ist durchaus berechtigt, denn Matthew-Walker kommt nicht aus der Ecke der etablierten Rock- und Popmusik-Journalisten. Der studierte Musikwissenschaftler hat sich vor allem im Klassikfach als Manager verschiedener Plattenlabels, als Autor, Musikkritiker, Produzent und Komponist einen Namen gemacht.

Robert Matthew-Walker

Robert Matthew-Walker; Foto: Heartbreak Hotel (1995)

Der Brite, 1939 in London geboren, war ab 1970 zunächst Leiter der Klassikabteilung, anschließend Marketingdirektor beim Plattenlabel CBS. 1975 wechselte Matthew-Walker dann zu Elvis Presleys Stammlabel RCA (heute unter dem Dach von SONY) in London, wo er die Klassikabteilung unter seine Fittiche nahm und maßgeblich für den Erfolg des bekannten Flötisten Sir James Galway verantwortlich zeichnete.

Nebenbei fand er Zeit, eigene Klassik-Labels zu gründen und selbst 130, zum Teil preisgekrönte Klassik-Alben zu produzieren, die auch in den Charts punkten konnten. Für BBC Radio stellte er 1980 eine 8-teilige Klassikhistorie zusammen, gab ferner Mitte der 1980er für mehrere Jahre das Magazin Music and Musicians heraus und arbeitete von 1996 bis 2008  für die Zeitschrift The Grieg Companion der britischen Grieg-Gesellschaft, die sich dem Werk des gleichnamigen norwegischen Komponisten widmet. Seit 2009 ist der umtriebige britische Musikliebhaber Herausgeber des Magazins Musical Opinion und der Schwesterpublikation The Organ.

Außerdem kann Matthew-Walker über 140 eigene klassische Kompositionen für sich verbuchen. Eine davon aus 2006 – Op. 147 Serenata Concertante for six violins und orchestra –  ist hier zu hören:

Als wäre das nicht schon mehr als genug, hat Matthew-Walker auch eine ganze Reihe von Büchern geschrieben, etwa über die Klassiker Sergei W. Rachmaninow, Edvard Grieg, Gustav Mahler, aber auch über David Bowie, Madonna, Simon & Garfunkel und Muhammad Ali.

Und jetzt kommt’s: Eines seiner ersten Bücher ist das besagte Elvis Presley: A Study in Music, erstmals erschienen 1979 bei Midas Books. Es gibt auch eine überarbeite Ausgabe unter dem Titel Heartbreak Hotel (1995), auf die ich ebenfalls kurz eingehe.

 

Elvis Presley: A Study in Music (1979)

Die Erstausgabe von A Study in Music ist eine unspektakulär daher kommende Publikation mit gerade einmal 154 Seiten bei einem Format von 21,8 x 14 cm. Das allein ist schon bemerkenswert, sind Bücher über den King doch in der Regel ziemlich umfangreiche Schwergewichte (→ A Boy From Tupelo, → Summer of ’61).

Cover von Robert Matthew-Walkers 'Elvis Presley: A Study in Music'

Cover von Robert Matthew-Walkers ‚Elvis Presley: A Study in Music‘

A Study in Music kommt mit 3 Hauptkapiteln aus. Der erste Part beschäftigt sich kurz und knapp mit der Biografie des King, der zweite – mit etwa 70 Seiten umfangreichste Part – mit Elvis Presleys veröffentlichten Musikaufnahmen zwischen 1954 und 1977, der dritte Teil unter der Überschrift „The Musician“ bringt ein sehr schönes Essay über den Künstler und dessen Bedeutung sowie eine ausgewählte Bibliografie, Filmografie und Diskografie. Alles sehr minimalistisch.

Bei Teil 1 und Teil 3 muss man einige Abzüge machen, da die präsentierten Informationen in dieser älteren Veröffentlichung von 1979 nicht mehr dem heutigen Kenntnisstand entsprechen. Auch sind dem Lektorat einige kuriose Fehler durch die Lappen gegangen, so wird etwa G.I. Elvis‘ Stationierungort in Deutschland kurzerhand von Friedberg nach Freiburg verlegt (nur ein Beispiel) – aua!

Aber hier liegt auch nicht der Fokus, der eigentliche Wert des Buches. Der liegt eindeutig in Teil 2: The Music, in dem der Musikwissenschaftler, Produzent, Komponist und Autor Matthew-Walker seine Kernkompetenz in den Ring werfen kann. Der Klassikfan nimmt sich dabei Elvis‘ originale Studio- und Liveaufnahmen (und ausdrücklich nur diese!), die zwischen 1954 und 1977 auf Tonträger erschienen, chronologisch vor, hört, beschreibt und bewertet sie. Dabei konzentriert er sich vor allem auf die Qualität von Elvis Presleys Gesang, kommentiert aber auch immer wieder die Arbeit der Musiker und Toningenieure. Dem Diktat der Vollständigkeit unterwirft er sich dabei nicht.

Das alles geschieht sehr sachlich, kurz und knapp, konzentriert auf das absolut Wesentliche: die Musik. Da Matthew-Walker ein breites musikalisches Wissen hat, bewertet er die Aufnahmen nicht in erster Linie nach Genre und inwieweit sie zum Image Presleys als King of Rock ’n‘ Roll passen, sondern nach der Qualität des Songmaterials, der Art, was der Künstler Elvis Presley – und ein großer, weitgehend unterschätzter Künstler ist der Memphis Flash für den Autor zweifellos – aus dem jeweiligen Song machte und inwieweit Band und Backgroundsänger zur Aufnahme beitrugen.

Diese minimalistische Präsentation ermöglicht einen unverstellten, frischen Blick auf zum Teil oft gehörte Aufnahmen – auch dann, wenn man als Leser nicht immer einer Meinung mit dem Autor sein mag. Hier einige Beispiele aus A Study in Music zu den Aufnahmen vonBlue Moon (1954),Heartbreak Hotel (1956), All Shook Up (1957), Reconsider Baby (1960) und Return to Sender (1962) ergänzt mit Hörproben der Songs – jeweils unter dem Walker-Zitat. Die Hörproben stammen vom Boxset The Complete Elvis Presley Masters (2010).  Das ist eine relativ willkürliche Auswahl an Beispielen, ein Mix aus sehr bekannten und etwas weniger bekannten Aufnahmen:

„However it is clear that from the very first, Presley’s unique voice and style were fully-formed. ‚Blue Moon‘ the Rodgers and Hart song from 1934, receives a totally unique performance. Presley’s high-register voice exerts a hypnotic fascination. The accompaniment is simple, but effective: gently picking on acoustic guitar and bass, with a hazy sound-image that both mirrors the song, and provides the perfect background to Presley’s singing.“

Robert Matthew-Walker in A Study in Music, S. 31

 

„‚Heartbreak Hotel‘ is a classic performance, yet when it is analyzed it appears so simple that one cannot recall a time when one did not know it. It is all the more effective for being so restrained. This may be surprising in view of Presley’s early image, but the beat is held back; the smouldering intensity and wounded defiance is conveyed entirely by the voice. ‚Heartbreak Hotel‘ is a basic blues, with a syncopated throb. The key, E minor, fits Presley’s voice like a glove […] Floyd Cramer’s piano is ideal: it is impossible to imagine this song without his phrases high on the piano pattering like sad rain. The whole performance is outstanding.“

Robert Matthew-Walker in A Study in Music, S. 35

 

„‚All Shook Up‘ shows the early Presley at the heigth of his powers. This is a classic cut, brilliantly sung, a lesson to all aspiring rock ’n‘ roll singers, who should study every beat of Presley’s performance. Note, too, Presley’s use of the back of the guitar, almost as an additional drum. The medium-fast tempo of this rocker […] is not punched out regardless. This sustained chords of the Jordanaires, the delicate touches from Moore, Black, Fontana and Brooks prove that basic rock’n’roll is not all sound and fury.“

Robert Matthew-Walker in A Study in Music, S. 40

 

„In spite of the major successes of ‚Are You Lonesome Tonight?‘ and ‚It’s Now Or Never‘, a possibly more lasting example of Presley’s genius is to be found in ‚Reconsider Baby‘. This is a classic blues, not contaminated by other types of music or commercial pressures. It is clear that he was a blues singer of importance. It is tragic that he never cut a blues album, but performances such as this give a tantalizing glimpes of what might have been. This is a classic blues performance, timeless and awe-inspiring in its power and emotion. Boots Randolp’s [saxophone] contribution is staggering and everyone on this take struck musical sparks from the others. This track is a refutation of those who do not recognize what a phenominal artist Presley was.“

Robert Matthew-Walker in A Study in Music, S. 49

 

„[…] ‚Return to Sender‘ is a classic cut, an outstanding example of Presley’s art at his best. The song is difficult to bring off, but the vocal tight-rope Presley treads is superbly done. Not for a second do the repititions of the title seem too many, and the unusual words are commandingly put across. The beat is exactly right, and although nothing to do with rock, this is Presley at his best.“

Robert Matthew-Walker in A Study in Music, S. 58

 

Weiter geht’s mit meiner kleinen ziemlich willkürlichen Auswahl an Beispielen aus A Study In Music mit Aufnahmen ab Mitte der 1960er: How Great Thou Art (1966 aufgenommen und auf dem → gleichnamigen Gospel-Album erschienen), You Don’t Know Me (1967), Power Of My Love und Stranger In My Own Home Town (1969), I Just Can’t Help Believin‘ (1970 live), Early Morning Rain sowie I’m Leavin‘ (beide 1971 aufgenommen):

„In ‚How Great Thou Art‘ we have one of Presley’s finest recorded performances. It is sung almost throughout his low register, with deep rumblings from the piano, timpani and male voice singers. The overall effect is overwhelming. Presley brings a magical top F at the end.“

Robert Matthew-Walker in A Study in Music, S.68

 

„In ‚You Don’t Know Me‘, Presley re-recorded a song which he had already taped for the film ‚Clambake‘. The fine song was a hit for Ray Charles in 1962, an the re-recording is outstanding, with superb breath control from Presley, and the Jordanaires in top form. Apart from these virtues, Floyd Cramer’s fine pianism is audible.“

Robert Matthew-Walker in A Study in Music, S.73

 

„‚Power Of My Love‚ is worlds away. It is remarkable in that it is both old-school rock ’n‘ roll and in 3/4 time. Solid and raunchy, Presley’s performance is irresistible: full of sly innuendoes and double-entendres. There are a few singers who can manage this, yet it stems from the Presley of 1954/55. It is explosive, breathy and rich, with an extraordinary ending.“
Stranger In My Own Home Town‚, a Curtis Mayfield number, begins with a superb orchestral opening. The big orchestral backing is fused with basic rhythm-and-blues. Presley moves around the music, like a collector savouring his possessions; and this electrifying performance is an outstanding example of Presley’s art.“

Robert Matthew-Walker in A Study in Music, S.81

 

„These recordings were used in the documentary film ‚That’s The Way It Is‘, and show Presley’s genius as a live performer. […] In  ‚I Just Can’t Help Believing‘ Presley is enthralling: he is in good voice, relaxed but powerful, and the orchestration is all that could be desired. In particular, his singing of the word ‚girl‘ at the end of the first verse is almost unbelievable. In its way, this performance is a classic.“

Robert Matthew-Walker in A Study in Music, S.88

 

„‚Early Morning Rain‘ is by Gordon Lightfoot; this begins with fine acoustic guitar and receives a marvellous performance from Presley. It is warm and intimate capturing exactly the spirit of the song. It is enhanced by excellent harmonica work by Charlie McCoy, and is a classic performance.“

Robert Matthew-Walker in A Study in Music, S.90

 

„‚I’m Leavin‘ is a remarkable performance of an unusual song. the title was in tune with the times and his performance is startling. Presley changes the quality of his voice to emphasize the despairing nature fo the lyrics. This performances deserves to be better known“.

Robert Matthew-Walker in A Study in Music, S.91

 

Das kann sich lesen und hören lassen, oder? Mein Fazit ist jedenfalls: Robert Matthew-Walkers Büchlein Elvis Presley: A Study In Music (1979) ist trotz der beschriebenen Schwächen ein sehr lesenswertes Buch für alle, die sich für die Musik Elvis Presleys interessieren.

1995 hat der Autor eine erweiterte Version von A Study In Music unter dem Titel Heartbreak Hotel herausgebracht, bei der er leider seine minimalistische Linie und die Konzentration auf musikalische Aspekte aufgeweicht hat. Mit der Ergänzung von Details, etwa zur Biografie des King, haben sich neue Fehler eingeschlichen, alte hingegen wurden nicht korrigiert (Friedberg/Freiburg), was diese Ausgabe trotz sehr interessanter neuer Kapitel wie etwa „Presley als Performer“ zu einem nicht durchgängig überzeugenden Leseerlebnis macht. Und dennoch: Kaum jemand sonst hat die Essenz Elvis Presleys in der finalen Analyse so gut auf den Punkt gebracht wie dieser Autor.

Robert Matthew-Walker gebührt uneingeschränkt Anerkennung dafür, einer der wenigen Autoren zu sein, die die „Kakophonie der Stimmen“ durchbrechen und Lust darauf machen, Elvis Presley wieder richtig zuzuHÖREN. Einer, der auf ähnlichen Pfaden wandelt wie Andrew-Walker, ist → Shane Brown mit Elvis Presley: A Listener’s Guide (2014).

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