Alfred Wertheimer in Memoriam

Sehr aufrecht, dabei langsam und vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzend, kommt er mir auf dem langen, spärlich beleuchten Hotelflur entgegen. Sportlich gekleidet in khakifarbene Fotografenweste und Freizeithose, an den Füßen weiße Turnschuhe, auf dem immer noch vollen grauen Haarschopf ein blaues Basecap mit kurzem Schirm, scheint Alfred Wertheimer mehr als bereit für das letzte, ganz große Abenteuer. An seiner linken Hand baumelt lässig ein kleiner Stoffrucksack, in der rechten hält er „schussbereit“ eine handliche Digitalkamera Marke Canon. Als er näher kommt, erkenne ich den Schriftzug auf dem runden Ansteckbutton seiner Weste: European Elvis Festival 2014.

  • Tipp vom Foto-Profi: "If your photos are boring, get closer!" Foto: www.memphisflash.de

Das Festival in Bad Nauheim ist auch der Grund für unsere Begegnung. Denn der 84-jährige Starfotograf und Dokumentarfilmer Alfred Wertheimer aus New York ist einer Einladung der Elvis Presley Gesellschaft gefolgt, um beim 13. European Elvis Festival Mitte August 2014 eine Ausstellung seiner berühmten Elvis-Fotos zu begleiten.

Alfred Wertheimer: der stille Beobachter des King

Etwa 2.500 Fotos – fast ausschließlich in Schwarz-Weiß, mit zwei Nikon S2, ohne Stativ und meist auch ohne Blitz aufgenommen – hat Wertheimer im Frühjahr und Sommer 1956, dann noch einmal im September 1958 vom King of Rock ‚n’ Roll gemacht. Es sind Fotos, die bis heute durch ihre Intensität und Authentizität beeindrucken. Fraglos gehören sie zu den künstlerisch wertvollsten Aufnahmen, die je von Elvis Presley gemacht wurden, zu bewundern u.a. in den hochwertigen Bildbänden des Kölner Taschen Verlags.

Dabei hätten der 21-jährige Elvis Presley aus den amerikanischen Südstaaten und der nur wenige Jahre ältere Fotograf aus New York auf den ersten Blick nicht unterschiedlicher sein können, als sie sich im Frühjahr 1956 erstmals begegnen. Der Zufall führt sie zusammen.

Ann Fulchino, beim Plattenlabel RCA für Öffentlichkeitsarbeit zuständig, beauftragt den jungen selbständigen Fotografen Wertheimer im März 1956 damit, Fotos von einem ihrer Nachwuchskünstler bei der CBS Stage Show von Jimmy und Tommy Dorsey zu machen. Bis zu diesem Zeitpunkt hat Wertheimer noch nie etwas von Elvis Presley gehört. Kein Wunder, sorgte der doch bis dahin vor allem in den Südstaaten für Furore und war erst seit kurzem bei RCA unter Vertrag – die erste Single Heartbreak Hotel/I Was The One beim neuen Label noch kein Chart-Hit.

Doch als Alfred Wertheimer und Elvis Presley sich in der dunklen Umkleidekabine hinter den Kulissen der Stage Show zum ersten Mal begegnen, passiert etwas für Wertheimer Unerwartetes: Er findet sein ideales Fotomotiv in dem Unbekannten. Ideal, weil das Motiv ihn gar nicht weiter beachtet, zu sehr ist Elvis vertieft in den Kauf eines Schmuckstücks von einem Straßenhändler. Sofort beginnt Wertheimer zu fotografieren.

Kaum ein Wort wird jetzt oder später zwischen Fotograf und seinem charismatischen Fotomotiv gewechselt. Elvis Presley nimmt die ständige Gegenwart des Fotografen einfach hin, und Wertheimer geht ganz in der Rolle des stillen Beobachters auf, der alle großen und kleinen Begebenheiten unablässig im Bild festhält.

 

  • Alfred Wertheimer nennt dieses Foto "Scream/Schrei". Es entstand bei der legendären Aufnahmesession 'Hound Dog/Don't Be Cruel' am 2. Juli 1956 in New York. Copyright: Alfred Wertheimer

Auf diese Weise entstehen nicht nur Fotos von Liveauftritten und legendären Aufnahmesessions – Wertheimer dokumentiert unter anderem die Aufnahmen zur Hit-Single Hound Dog/Don’t Be Cruel in RCAs Studio in New York –, sondern auch sehr private, die Elvis Presley beim Rasieren, Zähneputzen, Kämmen der berühmten Tolle, schlafend auf seiner Fanpost, zu Hause mit seinen Eltern, mit Nachbarskindern im Swimmingpool oder backstage beim verspielten Zungenkuss mit einer Verehrerin zeigen.

Diese spontanen, dabei sehr intimen Aufnahmen macht Wertheimer dabei auf eigene Rechnung, denn RCA ist nur an einer kleinen Auswahl PR-wirksamer Fotos vom Auftritt ihres jungen Künstlers interessiert. Diese zurückhaltende Einstellung zu Wertheimers Fotos von Elvis Presley hat sich in den letzten Jahrzehnten grundsätzlich geändert.

Zurück zu den Anfängen: Alfred Wertheimers letzte Reise

Ein bisschen nervös bin ich, als ich dem stillen Beobachter des King, dessen Fotos ich seit langem bewundere, im August 2014 in der Hotellobby des Dolce in Bad Nauheim gegenüberstehe, um ihn zu interviewen. Seit 60 Jahren, seit seiner Zeit als Soldat der U.S. Army sei er das erste Mal wieder in Deutschland, verrät er mir gleich zu Beginn unseres Gesprächs. Im Anschluss an das Festival möchte er  seine Heimatstadt Coburg besuchen. Dabei spricht er mit angenehm sonorer Stimme und zeigt trotz seiner 84 Jahre viel jungenhaften Charme – Alfred Wertheimer versteht es, aus den Augenwinkeln zu lächeln.

Das Interview mit Alfred Wertheimer ist in Ausgabe 219 des Magazins Graceland vom September/Oktober 2014 der Elvis Presley Gesellschaft erschienen. Zum Zeitpunkt des Interviews und der anschließenden Reise nach Coburg, auf der ich Alfred Wertheimer begleiten und näher kennenlernen durfte, konnte niemand wissen, dass der stille Beobachter seinen 85. Geburtstag am 16. November nicht mehr erleben würde. Alfred Wertheimer ist wenige Wochen nach seinem letzten großen Abenteuer, nach der Reise zurück zu seinen Anfängen am 19. Oktober 2014 in seiner Wohnung in New York friedlich entschlafen.

Ich habe Alfred Wertheimer als eine starke Persönlichkeit kennengelernt, die mich tief beeindruckt hat – weit über die legendären Fotos hinaus. Alfred Wertheimer war ein sehr aufmerksamer, intelligenter und begabter Mann, der die Beschwerlichkeiten des Alters mit viel Würde und Humor zu tragen wusste. Bis zum Schluss geistig fit war er ein anregender Gesprächspartner und ein exzellenter Erzähler.

Audio: Alfred Wertheimer spricht über seine Elvis-Fotografien, Sommer 2014:

 

Mehr über meine Reise mit Alfred Wertheimer zu seinen deutsch-jüdischen Wurzeln in Coburg → Elvis‘ Fotograf Alfred Wertheimer: Reise in die Vergangenheit.

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