Buchtipp: Elvis & Ginger von Ginger Alden

Ginger Alden Leyser (* 13.11.1956) hat mich überrascht. Ich hatte einfach nicht mehr damit gerechnet, dass Elvis Presleys letzte Freundin und damit auch die Frau, die den King am 16. August 1977 tot in seinem Badezimmer fand, doch noch ihr jahrzehntelanges Schweigen brechen und ein Buch mit ihrer Version der Liebesgeschichte veröffentlichen würde. Dennoch hat sie es jetzt endlich getan – und das ist gut so!

Elvis Presley und Ginger Alden im Urlaub auf Hawaii, Frühjahr 1977

Elvis Presley und Ginger Alden im Urlaub auf Hawaii, Frühjahr 1977

Erst Anfang September 2014 ist Elvis & Ginger: Elvis Presley’s Fiancée and Last Love Finally Tells Her Story im bekannten Berkley-Verlag (Penguin-Gruppe) erschienen. Vom Start weg hat sich das Buch eine gute Platzierung unter den Top 20 der New York Times-Bestsellerliste erobert. Wer dort so zielsicher landet – nur wenige Autoren von Elvis-Veröffentlichungen wagen es, davon auch nur im Ansatz zu träumen – hat also etwas zu erzählen, was viele Menschen interessiert und berührt. Gingers Geschichte gehört ganz sicher dazu.

elvis_and_ginger_coverDabei kommt der 400 Seiten starke Hardcover-Band mit dem sperrigen Titel sehr leise und unspektakulär daher. Wer glaubt, er bekommt hier den Blick durchs Schlüsselloch, den endgültigen Beweis für die traurigen letzten Lebensmonate des King mit viel Drugs, mangels Potenz wenig, dafür aber umso eigentümlicheren Rock ‘n‘ Roll serviert (die BILD-Zeitung lässt grüßen), ist auf dem falschen Dampfer.

Doch Vorsicht! Elvis & Ginger ist zwar nichts für sensationslüsterne Voyeure, entfaltet dafür aber eine leise, umso nachdrücklichere Wucht. Es ist wie eine Bombe, die man nicht hochgehen hört, deren Detonation aber umso länger nachwirkt.

Wer das Buch gelesen hat, erkennt, dass gerade diese leise Wucht Gingers zurückhaltende, dabei fest zu ihrer Haltung stehende Persönlichkeit spiegelt – die Frau hat Rückgrat! Sie hat den Mut, sich in vielerlei Hinsicht gegen die etablierte Meinung über die letzten Lebensmonate des Mannes zu stellen, den sie – das vermittelt sie glaubhaft – trotz des großen Altersunterschieds (über 20 Jahre) und einer ganzen Kaskade widriger Umstände tatsächlich geliebt hat. Nicht den Superstar, sondern den Mann – eine faszinierende, komplexe Persönlichkeit, dabei oftmals bis zum Anschlag schwierig und ein bisschen verloren in der Welt, die er sich selbst geschaffen hat.

Bei alldem stellt die Autorin sich in ihrer Erzählhaltung nicht ins Zentrum des Geschehens, so als wäre sie das Wichtigste, Größte und Beste, was Elvis Presley je passiert ist. Das macht das Buch zu einer angenehmen Leküre. Viel Authentizität vermittelt Elvis & Ginger zudem durch die Tatsache, dass Ginger Alden ihr Buch über einen Zeitraum von 2 Jahren selbst geschrieben hat. Sie ist nicht den einfachen Weg gegangen und hat professionelle Co-Autoren engagiert, wie es weit verbreitet unter den ehemaligen Weggefährten Elvis Presleys ist, die bevorzugt andere ihre Bücher recherchieren und schreiben lassen, was einer der Hauptgründe ist, weshalb ihre „Aussagen“ oft nicht nur wenig erhellend, sondern im Laufe der Jahre auch sehr widersprüchlich sind.

Terry Alden, Elvis Presley und Ginger auf Hawaii 1977

Rosemary Alden, Elvis Presley und Ginger auf Hawaii 1977

Nein, Ginger hat ihre persönlichen Erinnerungen, die sie in der Trauerphase nach dem Tod ihres Freundes zu Papier gebracht hat, zugrunde gelegt. Warum sie sie so spät veröffentlicht? Wie  im Falle → Anita Woods – Elvis’ Freundin der Jahre 1957 – 1962 – hat das vor allem familiäre Gründe. Ginger Alden hat nach einer recht erfolgreichen Karriere als Fotomodell und Schauspielerin erst Anfang der 1990er Jahre geheiratet und sich dann fast 20 Jahre ausschließlich ihrer Familie gewidmet, wie sie im Vorwort erklärt. Jetzt, wo der Sohn aus dem Haus ist, hat sie die Zeit und die emotionale Energie, in ihre Vergangenheit einzutauchen. So einfach können die Dinge manchmal sein.

Eine Außenseiterin erobert den King

Aber wer ist diese Frau eigentlich, die so selten Interviews gibt und nicht auf Elvis-Fanveranstaltungen zu finden ist? Ginger kommt am 13. November 1956 in Memphis in einer ganz normalen Familie zur Welt. Vater Alden arbeitet in den 1950ern als PR-Mann für die US-Armee und begegnet Elvis Presley erstmals, als dieser sich im März 1958 zur Einberufung meldet.

Ginger wächst mit 3 älteren Geschwistern in Memphis auf – einem Bruder und den beiden Schwestern Terry und Rosemary. Familie wird großgeschrieben bei den Aldens, die weder reich noch arm sind, einfach eine durchschnittliche Familie mit großen und kleinen Sorgen. Und es liegt auch schon mal Elvis auf dem Plattenteller der Aldens, vor allem die Gospels werden gerne gehört.

Die Geschwister Alden (v.l.n.r.): Ginger, der große Bruder, Rosemary und Terry

Die Alden-Ladies  (v.l.n.r.): Ginger, Rosemary und Terry – in der Mitte Rosemarys Ehemann

Die junge Ginger ist burschikos, sie fährt gerne Motorrad, interessiert sich für Karate und schaut zu ihrem großen Bruder auf. Doch vor allem ist sie musisch begabt. Schon als Kind singt sie gerne, nimmt sogar Gesangsunterricht, spielt Gitarre, ist als junge Frau aber viel zu schüchtern, um daraus einen Beruf zu machen. Erst Jahre nach Elvis Presleys Tod traut sie sich dann doch – in diesem Video aus dem Film Lady Grey (1980), in dem sie eine Countrysängerin spielt, ist sie zu hören mit dem Song I’d rather have a memory than a dream:

Noch mehr als die Musik liebt sie die Malerei, nimmt erfolgreich an lokalen Wettbewerben teil. Nach Ihrem High School-Abschluss 1974 besucht sie die Kunstakademie in Memphis und arbeitet nebenher in einer Boutique.

In das Leben Elvis Presleys platzt Ginger Ende 1976 durch einen reinen Zufall. Eigentlich ist es ihre ältere Schwester, Schönheitskönigin Terry, die zur Audienz beim King in Graceland geladen ist. Ganz großzügige ältere Schwester nimmt Terry  Ginger und Rosemary mit – das Abenteuer will sich die hübsche Mädelstruppe nicht entgehen lassen. Schnell wird bei dieser reichlich kurios verlaufenden Audienz (mehr wird hier nicht verraten ;-)) klar: Elvis hat nur Augen für die schüchterne Ginger, die sich das so gar nicht vorstellen kann. Doch die Liebesgeschichte mit vielen Aufs und Abs nimmt schnell Fahrt auf. Wenn der King zu etwas entschlossen ist, das lernt Ginger schnell, dann wird es sofort angegangen 😉 – der Mann will ständig ALLES unter Kontrolle haben.

Was Gingers Buch so lesenswert macht, ist, dass es ausgerechnet ihr, der krassen Außenseiterin in der Welt Elvis Presleys (kaum ein Mitglied aus der Entourage des King kann bis heute viel mit ihr anfangen) gelingt, die Ereignisse, die sie beobachtet und erlebt hat, zu beschreiben, ohne zu be- oder zu verurteilen. Dabei ist vom Start weg klar, dass sie eine sehr intime Beziehung zu Elvis Presley hat. Und damit ist nicht Körperlichtkeit allein gemeint.

Ginger und Elvis Presley händchenhaltend Ende 1976

Ginger und Elvis Presley händchenhaltend am 31.12.1976

Der Eindruck von großer Intimität entsteht vor allem durch die liebevollen Beschreibungen seiner Persönlichkeit, seines ungewöhnlichen Lebensstils, seiner Vorlieben und Abneigungen, seiner ausgeprägten, oft nur schwer erträglichen Macken (ich sage nur: attention getter!) und seiner großen Spiritualität, für die sie sehr empfänglich ist.

Ginger weiß gut Bescheid über seine Buchvorlieben –  das scheinbar so ungleiche Paar liest viel zusammen. Sie kennt sich aus mit der Musik, die der King privat gerne hört und macht. Bei fast allen seinen Konzerten ist sie dabei. Das wird in einer Form präsentiert, wie ich sie bislang in kaum einem anderen Buch ehemaliger Weggefährten vorgefunden habe. Manches davon überrascht und wird unter Umständen nicht bei jedem Leser auf Gegenliebe stoßen.

Auch Gingers Beschreibungen des persönlichen Umfelds Elvis Presleys sind sehr auf den Punkt. Geht es um Personen – wie etwa Charlie Hodge oder auch Shirley Dieu, die erst vor ein paar Wochen ihr Buch Memphis Mafia Princess veröffentlicht hat – bleibt Alden immer sachlich und fair. Vieles steht bei Elvis & Ginger zwischen den Zeilen und vermittelt dennoch – oder gerade deswegen – ein manchmal verstörendes, aber sehr pointiertes Bild.

Ein Beispiel unter vielen: Es gibt eine Szene im Buch, in dem Ginger erzählt, wie sie Elvis und den betrunkenen Charlie Hodge in Elvis’ Badezimmer in Graceland – das Badezimmer ist in Elvis’ Welt der Ort für die wirklich privaten Gespräche – vorfindet, nachdem es zu einer sehr hässlichen, handgreiflichen Auseindandersetzung zwischen beiden Männern gekommen ist. Die Schilderung der Szene und ihrer unmittelbaren Folgen bringt die Sackgasse, in die sich Elvis Presley und sein nahes Umfeld zu diesem Zeitpunkt manövriert haben, mit der schon erwähnten “stillen Wucht” eindrucksvoll auf den Punkt.

Eine schöne Frau mit Klasse: Ginger Alden Leyser heute

Eine schöne Frau mit Klasse: Ginger Alden Leyser heute

Wer außerdem die Bücher von Bodyguard Dick Grob, Hausarzt Dr. George Nichopoulos und Esposito-Freundin Shirley Dieu gelesen hat, wird das eine oder andere Aha-Erlebnis haben und zu der Erkenntnis kommen, dass es eben nicht nur die “eine Wahrheit” gibt, sondern vor allem unterschiedliche Perspektiven. Und so manch’ einem Memphis Mafiosi kann man nur den Ratschlag geben: “Lies’ doch mal das, was andere schreiben, oder sprich mit ihnen, bevor du deine eigenen “Weisheiten” unreflektiert in die Welt posaunst”!

So ganz nebenbei räumt Ginger mit ein paar lang gehegten Elvis-Mythen auf. Das macht sie allerdings ziemlich beläufig. So wartet sie etwa mit Elvis’ eigener Erklärung dafür auf, weshalb er die männliche Hauptrolle neben Barbra Streisand in A Star Is Born (→ mehr zu Elvis in Hollywood: Interview mit Paul Simpson und Nigel Patterson) abgelehnt hat. Ginger schildert, wann sie mit wem am 16. August 1977 telefoniert hat (schöne Grüße an Bodyguard Dick Grob, der in seinem Buch The Elvis Conspiracy diesbezüglich spekuliert) und wie genau sie ihren Freund tot im Badezimmer vorfand.

Ginger kennt Elvis’ eigene Erklärung, warum er so gar nicht mit dem betrunkenen Jerry Lee Lewis sprechen wollte, als der mal eben in Graceland vorbeischaute. Und auch über das Ende der Beziehung zu ihrer Vorgängerin Linda Thompson und seinen Vorbehalten bei anderen Beziehungen weiß sie wahrscheinlich mehr als die meisten. Und natürlich erzählt sie auch, was es mit ihrer Verlobung und der geplanten Hochzeit auf sich hat und wie sie den Medikamentenkonsum ihres Freundes wahrnahm. Das ist jetzt nur ein Tropfen auf den heißen Stein – das Buch enthält auf 400 Seiten noch viel mehr.

Fazit: Ginger Aldens lang erwartete Buchveröffentlichung über ihre Zeit mit Elvis Presley ist wirklich zurecht auf der Bestsellerliste der New York Times. Elvis & Ginger ist uneingeschränkt lesenswert für alle, die mehr über die letzten 9 Monate im Leben des King, seine privaten Vorlieben und auch seine Probleme wissen möchten. Ginger Alden und ihr Buch, gegen das im Vorfeld von mancherlei Seite ordentlich gewettert wurde, ist ein schöner Fall dafür, dass man sich ein eigenes Bild machen sollte, nachdem man es selbst (!) gelesen hat. Wer allerdings heißen Sex erwartet, der sollte sich besser an Shades of Grey halten.

elvis_and_ginger_coverOb Elvis Presley Ginger Alden nun tatsächlich geheiratet hätte, weiß ich nicht. Wenn er mich fragen würde, hätte ich allerdings folgenden Rat für ihn: “Mach’ es, trau’ dich, Mann! Die Frau ist nicht nur schön, sie ist bodenständig, teilt deine Interessen und sie hat Klasse. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass sie tatsächlich die Richtige für den 2. Anlauf in Sachen Gründung einer eigenen, großen Familie ist. Eine eigene Familie (statt bezahlter Angestellter) gibt dir die Nestwärme, die du offensichtlich so dringend brauchst. Ein Restrisiko bleibt natürlich immer”.

Aber auf mich hört hier ja keiner ;-).

Ginger Alden: Elvis and Ginger. Elvis Presley’s Fiancée and Last Love Finally Tells Her Story. Hardcover, 400 Seiten , aktuell nur in englischer Sprache, Berkley, 2014, ISBN 9780425266335, Preis bei Amazon 15,95 EUR. Das Buch ist außerdem als Kindle-Edition und als Hörbuch erhältlich.

3 Antworten
  1. memphisflash
    memphisflash says:

    Liebe Lilo,

    zu Deiner Frage, ob eine deutsche Übersetzung von Elvis & Ginger geplant ist: Ginger Alden hat mir auf meine Anfrage hin geantwortet, dass sie hofft, die Auslandsrechte ihres Buches werden von einem deutschen Lizenznehmer gekauft. Mit anderen Worten: Es ist noch nicht sicher. Vielleicht verhandelt man noch.

    Wie schon gesagt, ich persönlich glaube, wir können da ziemlich sicher sein. Das Buch ist super gestartet auf der Bestsellerliste der New York Times und ist bei Amazon in den USA gut platziert. Das sind gute Voraussetzungen, um einen deutschen Lizenznehmer zu finden. Übrigens ist es auch in englischer Sprache gar nicht so schwierig zu lesen. Machbar.

    Gruß
    memphisflash

    Antworten
  2. Lilo Herrmann
    Lilo Herrmann says:

    . . . wird es das Buch “Elvis und Ginger” auch mal in Deutsch geben?
    Das trifft auch noch für etliche andere englischsprachige “Elvis-Bücher” zu.
    Forever
    Elvis

    Antworten
    • memphisflash
      memphisflash says:

      Hallo Lilo,

      ich frage bei Ginger an, ob eine deutsche Ausgabe geplant ist. Vorstellen kann ich es mir, da ihr Buch auf der Bestsellerliste der New York Times war. Das ist erfolgversprechend für eine deutsche Lizenzausgabe. Ich melde mich wieder an dieser Stelle, sobald ich Genaueres weiß.

      Liebe Grüße
      memphisflash

      Antworten

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