Buchtipp: Memphis Mafia Princess von Shirley Dieu

Manche Bücher fallen schon durch ihren Titel aus dem Rahmen. Shirley Dieus Buch, vor ein paar Wochen erst erschienen, ist so eins. Übersetzt heißt der Titel so viel wie Memphis Mafia-Prinzessin, was nicht für jeden spontan erhellend ist – erst der Untertitel Leben in der “Elvis-Welt” enthüllt, dass es sich hier um eine Veröffentlichung über Elvis Presley handelt. Eins ist damit sofort klar: Shirley Dieu fällt nicht gleich mit der Tür ins Haus, sie geht einen eigenen Weg.

Schutzumschlag des Buches 'Memphis Mafia Princess' von Shirley Dieu (2014)

Cover ‘Memphis Mafia Princess’ von Shirley Dieu (2014)

Ungewöhnlich ist das Ganze, weil die meisten Veröffentlichungen von Elvis-Weggefährten praktisch immer mit der Tür ins Haus fallen und mit schöner Regelmäßigkeit mit so wenig einfallsreichen Titelvarianten wie M’ n Elvis (Charlie Hodge, 1984), Elvis and Me (Priscilla Presley, 1985) oder Me and a Guy Named Elvis (Jerry Schilling, 2006) um die Ecke kommen. Und das ist längst nicht das Einzige, was bei Shirleys Buch aus dem Rahmen fällt.

Den Hardcover-Band schmückt ein geschmackvoller Schutzumschlag, auf dem… neeeiiin… eben nicht die zu erwartende Großaufnahme Elvis Presleys prangt, sondern ein sehr schönes Porträt der Autorin selbst. Ein bisschen sieht die hübsche Shirley (*1954) – heute Geschäftsfrau mit eigener PKW-Leasing-Firma, in jungen Jahren Kellnerin, Fotomodell, Schauspielerin in TV-Serien (Fantasy Island), später Inhaberin einer Werbespot-Produktionsfirma – auf dem Cover aus wie einst Lady Diana.

Analog zum Aufbau von Titel/Untertitel grenzt erst die dezente Fotoleiste am Fuß des Covers das Thema des Buches ein. Zu sehen ist hier eine Reihe privater Schnappschüsse aus den 1970ern, die Elvis Presley mit Mitgliedern seiner legendären Entourage – wegen ihrer Vorliebe für Schusswaffen und martialisches Auftreten auch Memphis Mafia genannt – und Shirley Dieu zeigen. Damit macht schon das Cover des Buches klar: Es geht inhaltlich in erster Linie um das private Umfeld Elvis Presleys der Jahre 1974-1977 und es handelt sich hier nicht um ein Enthüllungsbuch, das auf Sensation und kurzfristige Schockwirkung setzt.

Ein erster Blick in den Innenteil des Buches bestätigt diesen Eindruck. Ein ansprechendes, lesefreundliches Layout, die klare Kapitelstruktur mit Überschriften, die das Prinzessinnenmotiv des Titels sehr schön aufgreifen (More Than a Glass Slipper/Mehr als ein gläserner Schuh), sowie die Präsentation weniger, zum Inhalt passender Fotos (4-farbig, s/w) signalisieren: Hier hat sich jemand Gedanken gemacht, was und vor allem wie erzählt werden soll. Das ist nicht mal eben schnell zuammengestückelt – und bei 236 Seiten gibt es auch ordentlich was zu lesen.

Fast am überraschensten ist aber, dass Shirley Dieu sich nicht – wie die meisten Elvis-Weggefährten – hinter einem Co-Autor versteckt. Shirley ist die Autorin ihres Buches, was ein großer Pluspunkt in Sachen Authentizität ist!

Memphis Mafia Princess: Wer ist Shirley Dieu?

Wer Shirley auf dem Cover ihres Buches nicht sofort erkannt hat, bei dem “klingelt’s” wahrscheinlich, wenn er die folgenden Fotos sieht (weitere im Buch), die im Frühjahr 1977 gemacht wurden und Elvis Presley mit Shirley Dieu bei seinem letzten Urlaub auf Hawaii zeigen.

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1977: Shirley und Elvis haben Spaß am Strand von Hawaii – Foto: © Shirley Dieu

 

Bei der Art der Fotos liegt es nahe zu glauben, Shirley sei eine weitere der vielen Gespielinnen des King gewesen, dem ist aber nicht so. Die hübsche Blondine war von 1974 bis 1979 die feste Freundin Joe Espositos, seines Zeichens Leitwolf der Memphis Mafia, Elvis Presleys Road Manager, Manager “Personal Affairs” des Superstars und manches Mal wohl auch so etwas wie sein Babysitter. Esposito, der Elvis Presley während beider Zeit in der U.S. Army hier in Deutschland kennenlernte, gehörte zu den engsten Mitarbeitern des King bis zu dessen Tod 1977.

Shirley, die den 16 Jahre älteren Esposito 1974 als 20-Jährige in Las Vegas kennenlernt, wo sie als Casino-Kellnerin arbeitet, ist kein Fan, keine ausgesprochene Verehrerin Elvis Presleys – sie stolpert eher zufällig in das Königreich des → Königs von Las Vegas. Shirleys Begeisterung für Elvis hat – bevor sie ihn kennenlernt – vor allem etwas mit dem satten Besucherandrang und den daraus resultierenden dicken Trinkgeldern zu tun, für die er im Bespaßungsmekka sorgt. Köstlich ist ihre Erzählung von der ersten Begegnung mit dem Entertainer, die schon sehr speziell ist und den Ton für die Neckereien und  Späßchen (siehe Fotos oben) setzt, die er sich auch später gerne mit ihr erlaubt… mehr wird hier aber nicht verraten ;-).

Auf Tournee: Shirley Dieu mit Joe Esposito an Bord der Lisa Marie, Elvis Presleys Flugzeug

Auf Tournee: Shirley Dieu mit Joe Esposito an Bord der Lisa Marie, Elvis Presleys Flugzeug

Was die Autorin schon auf den ersten Seiten sympathisch macht, ist, dass sie offensichtlich ein fröhliches, ausgeglichenes Naturell gepaart mit einer gesunden Bodenständigkeit hat. Shirley nimmt sich nicht allzu wichtig, dazu musste sie wohl auch zu früh auf eigenen Füßen stehen. Mit 20 ist sie schon seit Jahren für ihren eigenen Lebensunterhalt verantwortlich – eine frühe, kurze Ehe hatte sich schnell als Reinfall entpuppt. Las Vegas ist ein hartes Pflaster, Shirley kein Groupie – sie möchte einmal eine eigene Familie mit Kindern. Später wird sie ihre beiden Kinder erfolgreich als alleinerziehende berufstätige Mutter durchbringen. Darauf ist sie stolz.

Die Welt des Elvis Presley, zu der Shirley durch ihre Beziehung mit dem älteren, gut situierten und von ihr als charmant beschriebenen Joe Esposito Zutritt  erhält, wird von der jungen Frau als märchenhaft empfunden.

Sobald sie mit dem Umfeld des King assoziiert wird, öffnen sich wie durch Magie alle Türen, sie hat schnell keine Geldsorgen mehr, isst mit Joe in den besten Restaurants, bekommt von ihrem Arbeitgeber Sonderurlaub, wann immer sie mit der Elvis-Crew auf Tour ist und hat einen Freund, der nicht nur hohes Ansehen genießt, sondern sie auch sehr zuvorkommend behandelt. Wie eine Prinzessin fühlt sie sich, daher auch der Begriff Memphis Mafia Princess, den sie für alle Frauen im inneren Kreis des Elvis-Königreichs und als Titel für ihr Buch wählt.

Rucke di Guh, Blut ist im Schuh: Licht und Schatten im Königreich

Doch aufgepasst: Naiv ist Shirley nicht. Sie hat eine feste Aufgabe im Königreich, bei der Naivität ein schlechter Ratgeber wäre. So ist sie u.a. zuständig dafür, sich mit den wechselnden Freundinnen Mr. Presleys – oft sind mehrere gleichzeitig im Rennen – anzufreunden, um bei den Damen für eine harmonische Atmosphäre und schnelles Einleben zu sorgen. Und schnelles Einleben ist wichtig, schließlich ist die Verweildauer der Damen im Königreich Presley, ihre Amtszeit als Prinzessinnen, in der sie mit Aufmerksamkeit und Geschenken aller Art überhäuft werden, meistens ziemlich kurz…

Das erfordert Diplomatie und vor allem Verschwiegenheit. Denn anders als die meisten Frauen im Umfeld der Memphis Mafia spielt Shirley als Freundin des geschiedenen Esposito auf beiden Seiten der Bande. Da die Memphis Mafia es ihrem Boss in allem gleichtun möchte, die meisten aber verheiratet oder zumindest fest liiert sind, werden Tourneen so organisiert, dass mitreisende Ehefrauen sich mit den Freundinnen abwechseln, sich dabei tunlichst nie begegenen, denn Indiskretionen und daraus resultierende “emotionale Verwerfungen” sind unter allen Umständen zu vermeiden. Dergestalt für einen reibungslosen Ablauf zu sorgen, fällt ebenfalls unter Elvis Presleys Wahlspruch → “Taking care of business”.

Das Minenfeld, in dem Shirley sich bewegt (was sie niemals so nennen würde ;-)) erfordert die Fähigkeit, die unterschiedlichsten Charaktere im inneren Kreis Elvis Presleys richtig einschätzen zu können. Shirley überlebt das Minenfeld und erarbeitet sich die Freundschaft und den Respekt des King vor allem, weil sie diese Kunst offensichtlich beherrscht. Zu den Höhepunkten ihres Buchs gehören daher auch die treffenden Beschreibungen der verschiedenen Personen, etwa der wechselnden Freundinnen und ihre unterschiedlichen Rollen im Leben Elvis Presleys.

Bei den Beschreibungen der verschiedenen Frauen und Männer im Privatleben des King bleibt Shirley in der Regel fair, auch wenn sie so manches Verhalten wohl mehr als fragwürdig findet. Und nicht nur sie, dem Leser geht es ähnlich.

Linda Thompson 1975

Shopperin Linda Thompson 1975

Geht es um die “Prinzessinnen”, so will Shirley sie keinesfalls als Opfer verstanden wissen. Dazu sind die Damen, vor allem, die die länger im Rennen sind, auch viel zu clever. Sie wissen die Situation für sich zu nutzen und das Spiel in ihrem Sinne zu spielen, zumindest für eine gute Weile.

Linda Thompson, die mit Elvis Presleys Einverständnis, seine Kreditkarte bis zum Anschlag einsetzt, wenn es wieder heißt: “Schatzilein, geh’ doch mal schön shoppen”, ist ein gutes Beispiel. Wäre die daraus resultierende Rechnung zu niedrig, könnte der Mann am Ende denken, es läge ihr nichts an ihm und seinen Abenteuern. Also fällt die Rechnung ordentlich dick aus… für immerhin 4 1/2 Jahre.

Dabei sind die Herrschaften bei aller zur Schau gestellten Promiskuität im Grunde erstaunlich konventionell. Frauen, die sich nicht erobern lassen, die leicht zu haben sind oder von denen geglaubt wird, sie sind nur mit Mitgliedern des inneren Kreises befreundet, weil sie Elvis Presley kennenlernen wollen, werden nicht gerne gesehen.

Und das wird vom King auch schon mal persönlich getestet und kommuniziert, wie Shirley aus eigener Erfahrung weiß. Dass sie loyal zu ihrem Freund Joe steht und sich nicht auf ein Abenteuer einlässt, sobald sich nur eine günstige Gelegenheit ergibt, bringen ihr Wertschätzung und Sympathie ihres väterlichen Freundes ein: “I love you too, Shirley, because I know how much you love Joe“, lässt Elvis sie mehrfach wissen. Gerne steckt er “dem Mädscher” einfach mal Geld zu, allerdings nicht ohne sie gleich darauf mit einem provozierenden Blick oder Spruch zu necken.

Die Sympathie ist beiderseitig. Dass Shirley Elvis Presley wie eine Art großen Bruder liebt, ist offensichtlich. Ihn zu schützen, etwa vor den Angriffen ehemaliger Entourage-Mitglieder, Verfassern diverser Enthüllungsbücher, schneidenden Kommentaren zum körperlichen Verfall Elvis Presleys in seinen letzten Lebensjahren, liegt ihr am Herzen. Das wird vor allem in den finalen Kapiteln ihres Buches deutlich, in denen sie auf seinen Gesundheitszustand und frühren Tod zu sprechen kommt, nachdem sie das Thema bis dahin praktisch völlig ausgeklammert hat. Es fällt ihr offenbar sehr schwer.

Memphis-Mafia-Princess-BOOK-COVER-644x1024Durchaus selbskritisch hinterfragt sie ihre eigene Rolle, etwa beim Ersetzen von Medikamenten durch Placebos, in das sie involviert ist, um den Medikamentenkonsum Elvis Presleys in den Griff zu bekommen. Hat sie wirklich alles getan, was sie (und Joe Esposito) hätte(n) tun können, um seinen frühen Tod zu verhindern? Ja, aber… ein quälender letzter Zweifel bleibt in ihr – nicht so beim Leser.

Fazit: Shirley Dieus geschmackvoll präsentiertes Buch Memphis Mafia Princess ist lesenswert, weil es einen interessanten Blick auf das private Umfeld Elvis Presleys in den letzten Jahren seines Lebens aus der Perspektive einer Frau wirft. Darunter ist sowohl Bekanntes als auch Neues. Wer sich in erster Linie für Musik und Karriere Elvis Presley interessiert, für den hält Shirleys Buch hingegen wenig bereit.

Auch darf man sehr gespannt sein, wie Ginger Alden, die letzte offizielle Freundin Elvis Presleys, ihr lange erwartetes Buch, das in Kürze erscheint, im Vergleich zu Shirley angeht → Buchtipp Elvis & Ginger (September 2014).

Shirley Dieu: Memphis Mafia Princess. Living In The “Elvis World”, rd. 240 Seiten, nur in engl. Sprache erhältlich, JD Powell, 2014; ISBN 978-1-935497-93-6, ab 25 USD, Bestellungen über www.memphismafiaprincess.com  und über Amazon.

Wegen der hohen Portokosten nach Europa und Übersee gibt es außerdem die Möglichkeit der Sammelbestellung, die man über den E-Mail-Support auf www.memphismafiaprincess.com und anschließende Paypal-Zahlung individuell aufgeben kann.

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