Elvis Presley On Stage 2014

Dieser Tage hat Elvis Presley wieder mächtig viel zu tun. Gerade erst hat er eine Europa-Tournee absolviert, die ihn mit 5 Konzerten auch nach Berlin, Hamburg, Halle, München und Mainz führte. Ähhh, wie bitte? Ist das ein schlechter Scherz? Oder hatte hier jemand eine außerirdische Erscheinung infolge eines Sonnenstichs, was bei den aktuellen Temperaturen bei uns ja durchaus denkbar wäre…

Elvis On Stage 2014

Elvis On Stage 2014

Aber nein, der King, 1977 viel zu früh verstorben, tourt posthum. Das macht er regelmäßig seit Ende der 1990er, in Deutschland zuletzt 2012 mit Originalmusikern seiner Band ab 1969 (→ Elvis in Concert rockt Deutschland, → Elvis‘ TCB-Band).

Das Prinzip dabei ist einfach wie genial: Band, Backgroundsänger und Orchester spielen live und Elvis wird per großer Videoleinwand optisch und per separierter Tonspur akustisch mit Original-Liveaufnahmen aus dem Zeitraum 1968 bis 1973 zugespielt. Klingt gut. Wer Elvis kennt, weiß, der King war eine stimmgewaltige, humorvolle Rampensau erster Güte, die ständig mit Band und Publikum interagierte. Kurz: hörens- und sehenswert.

Elvis, das Original, in seinen Element – 1970

Nun ist aber in den letzten Jahren ein kleines, aber nicht unerhebliches Problemchen aufgetaucht, welches das lange sehr erfolgreiche Konzept von → Elvis In Concert unter der Ägide von Stig Edgren von SEG Events und Elvis Presley Enterprises erschwert. Die Originalmusiker Elvis Presleys sind nämlich unübersehbar in die Jahre gekommen, teilweise gesundheitlich angeschlagen oder schon verstorben, während der per Videoleinwand transportierte King ein ewig knackiger Mitt- bis Enddreißiger bleibt…

Ein neues Konzept muss also her. Und genau das kann man Anfang Juni 2014 in Deutschland sehen, etwa in der Rheingoldhalle in Mainz, deren Sitzplatzkapazität etwa zu 75 Prozent mit Fans und Neugierigen gefüllt ist. Das Publikum ist deutlich 40+ mit einigen Endzwanzigern und Dreißigern darunter.

Elvis On Stage 2014 oder bei uns sitzen Sie in der ersten Reihe

Das neue Konzept zeigt Elvis als Videoprojektion auf einer transparenten Leinwand, hinter der ich schemenhaft eine junge Band mit Backgroundsängern und Orchester erkennen kann. Neu ist bei Elvis on Stage 2014 gegenüber Elvis in Concert 2012, dass Elvis überlebensgroß  – und reichlich pixelig, d.h. zu niedrig aufgelöst – auf einer die volle Breite der Bühne abdeckenden, großen Leinwand klar im Vordergrund steht, während die Band dahinter praktisch nicht zu sehen ist. Nur in wenigen Sequenzen dürfen einzelne Bandmitglieder vor den großen transparenten Vorhang – und genau dann wirkt das neue Konzept am stimmigsten.

Der King mit Originalmusikern 1968 und neuen Bandmitgliedern vor der Videoprojektion 2014

Der King mit Originalmusikern und Publikum von 1968 auf der Videoleinwand und 3 neuen Bandmitgliedern vor der Videoprojektion 2014

Sympathisch, aber ein bisschen unsicher wirken sie, die Jungs und Mädels der neuen Band, die meisten davon wohl noch nicht einmal geboren, als Elvis Presley das Zeitliche segnete. Sie spiegeln mit ihrer Formation Elvis Presleys Live-Konzeption der 1970er mit TCB-Band, Soul- und Gospel-Backgroundsängern sowie Orchester und sie spielen gut, das zeigt der Verlauf des Konzerts in Mainz, auch wenn sie nicht immer ganz synchron mit der Videoprojektion sind. Aber das gelang Elvis‘ Originalband auch nicht dauernd…

Talentiert, jung und sympathisch: Elvis' neue Band 2014

Talentiert, jung und sympathisch: Elvis‘ neue Bandmitglieder stellen sich vor

Nein, das Problem, das ich wider Willen vom Start weg mit dieser Aufstellung habe, ist, dass hier das Konzerterlebnis der Elvis-Show, wie sie etwa in Elvis That’s The Way It Is oder Elvis On Tour zu erleben ist, nicht durchgängig einstellen will. Elvis und seine Band sind keine Einheit mehr – weder optisch noch akustisch.

Elvis wird hier überlebensgroß in den Vordergrund gestellt. Seine Showkonzeption der 1970er  (→ Heinrich Detering über den Schamanen in Las Vegas) – die meisten Videosequenzen stammen aus dem Dokumentarfilm Elvis That’s The Way It Is von 1970 – wird aufgelöst zugunsten einer Zurschaustellung von E.L.V.I.S., eines grandiosen Live-Entertainers, den zu spät gekommene Generationen nun leider nicht mehr live erleben können.

Elvis 2014: überlebensgroß und frei schwebend

Elvis 2014: überlebensgroß und irgendwie völlig frei schwebend

Die Videosequenzen wirken in ihrer Reihenfolge teilweise willkürlich, mehr wie ein „Best of“ als ein reguläres Elvis-Konzert. Gestartet wird mit That’s All Right Mama und weiteren Mitschnitten aus der Doku That’s the Way It Is von 1970. Es folgt dann eine Sequenz mit 4 Songs aus dem ’68-Comeback-Special (alias Elvis im Lederdress, kennt eigentlich jeder) und dann wieder zurück zu Elvis 1970. So sieht das im Detail aus:

  • That’s All Right Mama – ab hier Perfomances aus That‘ The Way It Is (1970)
  • I Got A Woman
  • Hound Dog
  • Don’t Be Cruel
  • Mystery Train / Tiger Man
  • Just Pretend
  • You Don’t Have To Say You Love Me
  • Sweet Caroline
  • Hearbreak Hotel
  • Are You Lonesome Tonight – ab hier Sequenzen aus ’68 Comeback Special
  • Baby. What You Want Me To Do
  • Lawdy Ms. Clawdy
  • One Night With You – hier Wechsel zu That’s The Way It Is (1970)
  • I Can’t Stop Loving You
  • Love Me Tender
  • Polk Salad Annie
  • Bridge Over Troubled Water

Pause. Weiter geht’s mit Teil 2. Insgesamt funktioniert der 2. Teil der Show besser als der 1. Vielleicht weil sich Band und Publikum „warm“ gelaufen haben, aber sicher auch, weil Elvis letztendlich doch wieder die Unzulänglichkeiten seiner Rahmenbedingungen überwindet mit seinen Hammer-Perfomances von Trouble/Guitar Man aus dem ’68 Comeback-Special als Auftakt, mit der legendären Polk Salad Annie oder der grandiosen Live-Version von Suspicious Minds, beides Elvis That’s The Way It Is (1970) und hinlänglich zu bewundern auf YouTube.

  • Trouble / Guitar Man – ‚68 Comeback-Special
  • Jailhouse Rock
  • All Shook Up
  • Blue Suede Shoes
  • You Lost That Lovin Feelin‘ – That’s the Way It Is (1970)
  • Patch It Up
  • Make The World Go Away
  • Don’t Cry Daddy – Duett mit Lisa Marie Presley
  • In The Ghetto
  • Walk A Mile In My Shoes
  • How Great Thou Art – Elvis On Tour (1972)
  • The Wonder Of You
  • Suspicious Minds
  • Can’t Help Falling In Love

Zum Schluss eine Zugabe:

  • American Trilogy – Performance aus Aloha From Hawaii (1973)

Wie man sieht, ist nur jeweils 1 Performance der Dokumentation Elvis On Tour (1972) und dem berühmten Aloha From Hawaii-Konzert (1973) entnommen: How Great Thou Art und American Trilogy. Überhaupt YouTube: Dort kann man fast alles, was das Videokonzert zu bieten hat, auch sehen, noch dazu kostenlos, ähem…

Bin ich zu kritisch, zu nörgelich, zu satt? Mein Sitznachbar zur Rechten, kein Fan, wie er gleich betont, ist angetan. Er ist vor allem aus Neugierde gekommen und es gefällt ihm. Meine Sitznachbarin zur Linken geht in ihrem Sitz bei jedem Song mit. Ihr Mann verzieht keine Miene. Ob’s ihm auch gefällt? Ich trau‘ mich nicht, ihn zu fragen.

Das Publikum in den Reihen dahinter schaut andächtig und scheint am Ende zufrieden. Standing Ovations gibt’s außerdem zum Schluss bei Suspicious Minds und Can’t Help Falling In Love. Das ist fast schon so etwas wie ein Ritual – wie der Tatort am Sonntag! Witzigerweise läuft gerade die Tatort-Folge Freigang in der ARD – und man glaubt es kaum, die hat doch glatt ein Elvis-Thema ;-). Passt.

Aber wo bleibt die ganz große Emotion, die man selbst bei den akustisch schlechten, in feinster Guerilla-Taktik illegal aufgenommenen Publikumsmitschnitten der Elvis-Konzerte der 1970er hören kann? Der hör- und fühlbare Ausnahmezustand des Publikums, wenn „Elvis owned the stage„. Das will sich hier einfach nicht einstellen, auch mit viel gutem Willen nicht.

Mein Fazit: Das aktuelle Konzept von Elvis On Stage ist wohl eher Zwischenlösung, die dem King nicht wirklich gerecht wird. Es gibt nach wie vor eine bemerkenswerte Elvis-Nachfrage, aber aktuell kein wirklich zeitgemäßes, überzeugendes Konzept zur Präsentation des Elvis-Live-Erlebnisses. Es gibt nun Elvis live ohne seine Original-Band und den noch rüstigen Teil von Elvis‘ → TCB-Band, der ohne Elvis durch Europa tourt. Dann natürlich noch die Imitatoren – ein Konzept völlig ohne Elvis und meist auch ohne Elvis-Band. Meistens wenig überzeugend.

Was wirklich her muss, ist weniger ein überlebensgroßer Elvis auf einer Videoleinwand als Elvis, der grandiose Live-Performer mit seinem eigenen, von ihm selbst entwickelten Showkonzept. Der war in Lebensgröße ohne Schnickischnacki mehr als ausreichend, um ein Publikum von den Sitzen zu reißen.

Aber wie will man das machen? Ob Elvis als Hologramm Basis für ein zukunftsweisendes Konzept sein kann? Wenn es gut gemacht ist, vielleicht. Erste Versuche gab es ja schon vor einigen Jahren mit einem gestellten Duett von Elvis mit Celine Dion. Das Michael Jackson-Hologramm, das kürzlich bei den Music Awards gezeigt wurde, reißt mich allerdings auch nicht vom Hocker. Es wirkt steril. Und steril ist einfach nicht gut genug für den King of Pop, und schon gar nicht für den King of Rock! Und wer das jetzt immer noch nicht verstanden hat: Das ist eine Aufforderung, nachzulegen ;-)!

2 Antworten
  1. Andi
    Andi says:

    Yes, dann hab ich es also richtig gemacht. 2012 gerade noch das letzte „echte“ Live-Konzert miterlebt. Dieses Konzept war (und ist) meiner Meinung nach das einzig überzeugende. Dafür war es mir es wert, den Altersdurchschnitt rapide nach unten gezogen zu haben 😉

    Antworten

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