Buchtipp: The Elvis Movies von James L. Neibaur

Elvis was always a good actor, but the material was not always on his side.” Dieses Statement klingt kühn. Kann das wirklich ernst gemeint sein? Das kann doch nur von einem beinharten Elvis-Fan mit rosaroter Brille auf der Nase kommen, der sich weigert, eine längst anerkannte Tatsache zu akzeptieren, die da lautet: Der Schauspieler Elvis Presley ist einfach nicht der Rede wert (→ Elvis in Hollywood).

Filmhistoriker James L. Neibaur

Filmhistoriker James L. Neibaur

Weit gefehlt! Wer sich hier so kühn aus dem Fenster lehnt, ist der bekannte Filmhistoriker James L. Neibaur in seinem gerade erst erschienenen Buch The Elvis Movies (2014).

Neibaur ist kein ausgewiesener Elvis-Aficionado, sondern hat sich vor allem einen Namen als Autor von Büchern über die Filme Charlie Chaplins, Buster Keatons, Bob Hopes, Harry Langdons und James Cagneys gemacht. Aktuell arbeitet er an einem weiteren Buch über die Filme Clint Eastwoods.

Mit über 40 Essays in der angesehenen Encyclopedia Britannica ist Neibaur wahrlich kein intellektuelles Leichtgewicht. Wie kommt er also zu der eingangs zitierten kühnen Aussage über den  Schauspieler Elvis Presley, bekannt vor allem als Darsteller seichter Unterhaltungsfilme? Ganz einfach: Der Filmkenner hat sich intensiv mit dem Thema beschäftigt, ganz offensichtlich auch alle (!) 31 Spielfilme plus die Konzertdokumentationen genau angeschaut und selbst detailliert analysiert.

Seine Erkenntnisse präsentiert Neibaur in The Elvis Movies  auf 281 Seiten in 36 klar strukturierten Kapiteln, wobei jeder Spielfilm sein eigenes Kapitel hat. Die Konzertdokumentationen sind in einem weiteren Abschnitt zusammengefasst. Einleitende und abschließende Kapitel sowie Fußnoten und ein Literaturverzeichnis runden die Publikation ab. Die Filme werden chronologisch vorgestellt, was der Übersichtlichkeit dient und die Fülle der Information auch für diejenigen Leser verdaulich macht, die keine ausgewiesenen Elvis-Kenner sind.

Hilfreich ist auch, dass Neibaur seine Ausführungen zu den Filmen neben einer  Inhaltsangabe immer wieder kurz und knapp mit Informationen zur Karriere des Musikers Elvis Presley (Studioalben, ’68 Comeback-Special) ergänzt, was eine zeitliche und inhaltliche Einordnung erleichtert und so manches erstmals richtig nachvollziehbar macht. Dennoch liegt Neibaurs Fokus klar auf den Filmen selbst, auf die Soundtracks geht er nur am Rande ein, listet allerdings alle Filmsongs jeweils in den Kapitelanfängen zusammen mit den Übersichtsangaben zu Filmcrew, Drehzeitraum und Budget.

Elvis als Lucky Jackson in Viva Las Vegas, dem wahrscheinlich besten Elvis-Musical

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The Elvis Movies ist kein Fotobuch, nein hier geht es in erster Linie um Inhalte, wie auch in Paul Simpsons ebenfalls sehr empfehlenswerter Publikation Elvis Films FAQ (2013)! Neibaurs Buch ist gut geschrieben, liegt aktuell jedoch nur in englischer Sprache vor. Der Erzählstil ist unaufgeregt sachlich, dabei nicht langweilig. Man merkt: Hier nimmt einer sein Thema wirklich ernst.

Der Autor beschönigt nicht, aber er macht den Verlauf von Elvis Presleys Filmkarriere nachvollziehbar: von den vielversprechenden Anfängen in den 1950ern über die formelhaften, lange sehr erfolgreichen Musicals der 1960er, die in eine künstlerische Sackgasse führten, bis hin zu dem zaghaften, aber vielversprechenden Neuanfang, der in den letzten Spielfilmen Ende der 1960er (→ The Trouble With Girls) zu erkennen ist.

Dass Neibaur in seinen Ausführungen auf den erhobenen Zeigefinger, das Besserwissertum in Form von “Hättest du mal besser, Elvis”, verzichtet, also keinerlei Überheblichkeit oder gar Herablassung erkennen lässt, macht das Buch auch für einen passionierten Fan zu einer gut verdaulichen Lektüre.

Flaming Star 1960: Elvis Presley in der Hauptrolle als Pacer Burton mit Co-Stars Barbara Eden and Steve Forrest

Flaming Star 1960: Elvis Presley in der Hauptrolle als Pacer Burton mit Co-Stars Barbara Eden and Steve Forrest

Die Highlights in Neibaurs Publikation liegen jedoch in seiner Analyse der Filme selbst, ihrer Handlungsstränge, dem Einsatz der Kameraeinstellungen, der Arbeitsweise der verschiedenen Regisseure und der Leistungen der einzelnen Schauspieler – kurz: der Perspektve des Film-Kenners. Was in welchem der Filme gelungen ist, was eher nicht und warum, darauf geht der Autor ein.

Dabei spricht Neibaur Elvis Presley selbst ein natürliches Schauspieltalent (innate talent) zu, das sich mit guten Drehbüchern und ebenso guten Regisseuren, über die er in einigen Fällen ja durchaus verfügte, viel weiter hätte entwickeln können, aber leider durch die Art der angebotenen Rollen nicht gefördert wurde. Und: Neibaur kann das anhand der Filme auch belegen. In seiner Einschätzung trifft sich der Autor mit Regisseur Norman Taurog, der Ende der 1960er über Elvis Presley sagte, dieser habe gute Aussichten, sich zu einem feinen Charakterdarsteller zu entwicklen (→ Originalzitat Norman Taurogs).

Besonders interessant sind in diesem Zusammenhang auch die Hinweise Neibaurs, etwa bei der Analyse des Films Flaming Star (Flammender Stern, 1960), auf die “effectively understated performance” Elvis Presleys, hier in der Rolle des Halbbluts Pacer Burton. Dies berührt einen Aspekt, der bislang kaum je zur Sprache gekommen ist: Elvis Presley spielte seine Charaktere – sofern er nicht auf den stereotypen Elvis des → typischen Musicals beschränkt blieb – mit sehr viel Understatement, einer überraschenden Zurückhaltung, geradezu leise, was in krassem Gegensatz zu seinem eher lauten Image als Performer steht.

All dies lässt Neibaurs eingangs zitierte Aussage plötzlich weit weniger kühn erscheinen und stützt die in der Einleitung zu The Elvis Movies ausgesprochene These des Autors:

“The importance of Elvis Presley to music is so all-encompassing that it is easy to look at his movie career as a mere tangent worth little of any discussion. This book argues that Presley’s film career is yet another extension of his talent, does merit serious discussion, and is better than its unfortunate reputation.”

– zitiert nach James L. Neibaur: The Elvis Movies

Buchcover: The Elvis Movies

The Elvis Movies

Fazit: Ein sehr lesenswertes Buch, das eine wunderbare Ergänzung zu anderen, erst kürzlich erschienenen Publikationen über die Filmkarriere Elvis Presleys ist, etwa Paul Simpsons → Elvis Films FAQ, Michael A. Hoeys → Elvis Favorite Director und Björn Eckerls → Elvis im Kino.

Wurde ja auch langsam Zeit, dass die Filmleute mal “in die Puschen” kommen, was den King angeht ;-). Mal schauen, was zu diesem Thema noch Interessantes nachkommt.

James l. Neibaur: The Elvis Movies
281 Seiten (gebundene Ausgabe), in englischer Sprache
Rowman & Littlefield, 2014
ISBN: 978-1442230736
Erhältlich als Buch- oder Kindleausgabe
Preis bei Amazon: ab 23,39 EUR

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