Vernon Elvis Presley

Für Eltern kann es kaum etwas Schlimmeres geben, als den Tod des eigenen Kindes zu erleben. Mit dem eigenen Kind stirbt unwiderruflich ein Teil von einem selbst. Als Vernon Presley 1977 ein letztes Mal für die CBSKonzertdokumentation Elvis in Concert vor die Kamera tritt, um der Welt für ihre überwältigende Anteilnahme am Tod seines Sohnes zu danken, ist er sichtlich ein schwer kranker und gebrochener Mann.

In dem mit Kondolenzbriefen gefüllten Büro in Graceland, das über fast 2 Jahrzehnte sein Reich war, kann der einst so stattliche, nun beängstigend fragile Vernon sich kaum aufrecht halten für seine kleine Dankesrede. Das Sprechen fällt ihm sicht- und hörbar schwer. Nach mehreren Herzinfarkten und dem frühen Tod seines einzigen Sohnes fehlt ihm schlicht die Kraft → Video ab 2:19.

Dennoch strahlt er eine gewisse Entschlossenheit aus: Dies ist etwas, das er einfach tun muss, ein letzter Dienst, ganz genau so wie seine Entscheidung – trotz aller Sicherheitsbedenken der Security – am Tag vor der Beerdigung die Tore Gracelands zu öffnen, damit möglichst viele Leute, die zum Teil von weither angereist sind, persönlich Abschied von seinem aufgebahrten Sohn nehmen können. Elvis hätte es so gewollt, nur das zählt jetzt noch.

Wenig überraschend wird Vernon Elvis Presley seinen berühmten Sohn keine zwei Jahre überleben. Er stirbt am 26. Juni 1979  im Alter von 63 Jahren und wird neben Sohn und seiner 1958 verstorbenen 1. Ehefrau → Gladys Love Presley im Meditationsgarten Gracelands in Memphis zu letzten Ruhe gebettet. Die Presleys sind wieder vereint.

Vernon und Elvis Presley: Wenn der Vater mit dem Sohne…

Aber wer war Vernon Presley eigentlich? Wenn es um die Eltern Elvis Presleys geht, dann steht im Grunde immer Mutter Gladys im Zentrum des Interesses. Dabei hatten Vater und Sohn Presley ebenfalls ein sehr enges Verhältnis –  letztendlich auch die längere gemeinsame Geschichte. Bis zum Tod Elvis Presleys lebten sie mehr oder weniger ständig unter einem Dach, zumindest aber Tür an Tür. 42 Jahre lang.

Elvis_Vernon_1959_Deutschland_Anf1959

vernon_elvis_army

Fotos: Auch in Deutschland immer an der Seite seines Sohnes: Vernon Presley

 

Der Vater war bei seinem Sohn seit den frühen Tagen des Erfolgs angestellt, führte dessen Büro, kümmerte sich um die Angestellten und die privaten Finanzen. Diese Aufgaben nahm er auch in Deutschland war, wo Elvis Presley von 1958 bis 1960 als regulärer GI der U.S. Army diente.

Vernon mit Sohn Elvis bei der Pressekonferenz zur Eröffnung des 1. Las Vegas-Engagements im Hilton 1969

Vernon mit Sohn Elvis bei der Pressekonferenz zur Eröffnung des 1. Las Vegas-Engagements im Hilton 1969

Schaut man sich Fotos von wichtigen Karrierestationen Elvis Presleys an, dann fällt auf, wie häufig der Vater auch in späteren Jahren neben seinem Sohn im Bild zu sehen ist. Bei wichtigen Pressekonferenzen sitzt er wie selbstverständlich neben seinem Sohn, drängt sich jedoch nie in den Vordergrund, ist einfach nur da. Die beiden stehen sich nahe, man sieht es schon an der Gestik: Oft hat der Vater die Hand auf der Schulter des Sohnes, der sich sichtlich wohl dabei fühlt.

Gemeinsam auf der Bühne 1977: Elvis stellt Vater Vernon während eines Konzerts vor

Gemeinsam auf der Bühne 1977: Elvis stellt Vater Vernon während eines Konzerts vor

Sieht man Vernon in alten Videos, dann ist schnell klar: Bei den Presleys fällt der Apfel nicht weit vom Stamm. Auch wenn der Vater ruhiger und manchmal auch etwas schwerfällig wirkt, ist die Ähnlichkeit in Gestik und Mimik unverkennbar. Es steckt nicht nur dem Namen nach viel Elvis in Vernon – oder besser gesagt: viel Vernon in Elvis.

Auch war Vernon selbst ein recht talentierter Sänger, wie die Aufnahme von Don’t Close Your Door (1973) zeigt.

Doch was haben Sohn und Vater ineinander gesehen? Erstaunlich wenig ist darüber bekannt. In den Büchern der Memphis Mafia-Mitglieder, Elvis Presleys berühmter Spiel- und Spaßtruppe, eine Gruppe persönlicher Assistenten mit mehr oder minder wichtigen Jobs, kommt der Vater in der Regel nicht gut weg. Zu unverhohlen war seine Vorbehalte gegen die meisten “Mafiosi”, zu teuer und ineffizient, schlicht überflüssig fand er sie.

Ebenso knausrig wie sein Sohn großzügig sei Vernon gewesen, heißt es. Ein schwacher Charakter, der sich von seinem berühmten Sohn aushalten ließ, die privaten Finanzen mehr recht als schlecht führte, hatte er doch weder einen Schulabschluss noch eine Ausbildung genossen. In den 1930ern saß er einige Monate im Gefängnis, weil er einen Scheck gefälscht hatte. Ist so einer der Richtige, um ein Vermögen zu verwalten? Ja, wenn er das volle Vertrauen des Sohnes genießt. Und das war trotz der für den Sohn schmerzhaften 2. Eheschließung des Vaters nur wenige Jahre nach dem Tod der Mutter der Fall, wie Priscilla Presley in ihrer Autobiographie Elvis and Me (1985) beschreibt.

Elvis Presley amüsierte sich zwar gerne über die Knausrigkeit seines Vaters: Es sei viel schwieriger von seinem Vater Geld zu bekommen als einen Kredit von einer Bank, erzählte er seiner späteren Ehefrau, aber er könne seinem Vater hundertprozentig vertrauen. War er deprimiert und frustriert, dann suchte Elvis den Rat Vernons. Der Vater riet ohne Besserwisserei, machte keine Vorschriften und mischte sich nicht ungefragt ein.

Gladys-Vernon-1950er

elvis_gladys_vernon_ca

vernon_elvis_gradys_death

Familienbande (v.o.n.u.): Gladys und Vernon Presley, Gladys und ihre Männer, Vernon und Elvis beweinen den Tod von Gladys 1958

 

Vernon war offensichtlich ein ziemlich entspannter Vater, der darauf vertraute, sein Sohn werde es schon machen, was immer “es” denn sein möge. In einem Interview mit der Zeitschrift Good Houskeeping 1978 brachte Vernon die Familiensituation der Presleys und das Verhältnis zu seinem Sohn auf den Punkt:

“Elvis grew up very close to his mother. He used to call her by a pet name, ‘Baby’. He was also close to me, so that we had a wonderful, balanced family relationship. I didn’t choose a goal for him and then shove him in that direction. Some fathers want their sons to be football players or lawyers or whatever. I only wanted Elvis to do what made him happy. […]

Elvis was a special gift who would fill our lives completely. Without little Jesse who was born dead, without the other children we’d hoped to have, we understood that we were an extraordinarily complete family circle. As soon as I realized that Elvis was meant to be an only child, I felt as though a burden was lifted. I never again wondered why we didn’t have additional sons and daughters. It’s hard to describe the feelings Elvis, his mother and I had for each other. Though we had friends and relatives, including my parents, the three of us formed our own private world. Elvis was a good child who seldom gave us trouble. I did spank him a few times, but now that I think back, I believe it was for nothing.”

– Vernon Presley in Good Housekeeping (1978)

Elvis grew up very close to his mother. He used to call her by a pet name, ‘Baby’. He was also close to me, so that we had a wonderful, balanced family relationship. I didn’t choose a goal for him and then shove him in that direction. Some fathers want their sons to be football players or lawyers or whatever. I only wanted Elvis to do what made him happy. – See more at: http://www.elvis.com.au/presley/interview_with_vernon_presley_1978.shtml#sthash.1ZIfhmWU.dpuf
Elvis grew up very close to his mother. He used to call her by a pet name, ‘Baby’. He was also close to me, so that we had a wonderful, balanced family relationship. I didn’t choose a goal for him and then shove him in that direction. Some fathers want their sons to be football players or lawyers or whatever. I only wanted Elvis to do what made him happy. – See more at: http://www.elvis.com.au/presley/interview_with_vernon_presley_1978.shtml#sthash.1ZIfhmWU.dpuf

Das klingt nach einer glücklichen Familie und einem wirklich liebevollen Elternhaus. Was genau Elvis Presley an seinem Vater schätzte, das hat er nur wenige Monate vor seinem Tod von der lyrisch begabten Janelle McComb – einer Freundin der Familie aus Tupelo – in eine Danksagung fassen lassen, die er Vernon Weihnachten 1976 zum Geschenk machte. Sie lässt keinen Zweifel an der großen Zuneigung und dem Respekt dem Vater gegenüber:

To Dad

I not only live for today but for the day
after today. I have pursued my vision and
reached the mountain top. But the peak of
a mountain can be a lonely place. I want to
thank you for understanding. I learned
early in life that only by filling my
existence with an aim, could I find an
inner peace.

I want to thank you for giving me
intangible gifts. You gave me gifts from
your heart – understanding, tolerance and
concern. You gave me gifts of your mind –
purpose, ideas and projects. You gave me
gifts of your words – encouragement, empathy
and solace.

Respect is avid; it wants to contain
everything and to retain everything. To you
my father – my friend – my confidante, I have
an avid respect.

Thanks for always being near the top
of the mountain when I needed you.

Your son,
Elvis

© 1976, Janelle McComb im Auftrag Elvis Presleys

 

If you’re looking for trouble…: Vater und Großvater Presley

Vernon Presley in jungen Jahren

Gutaussehend: Vernon Presley in jungen Jahren

Vater, Freund und Vertrauter war Vernon seinem Sohn also. Nun liegt die Vermutung nahe, dass Vernon selbst einen liebevollen Vater hatte, an dessen Vorbild er sich einfach orientierte. Dem war aber nicht so.

Vernon Elvis Presley kam am 10. April 1916 in Fulton, Itawamba County, Mississippi als zweitältester Sohn von Jessie D. McDowell (veschiedentlich auch McClowell, ) Pres(s)ley und Minnie Mae “Dodger” Hood zur Welt.

Neben Vernon hatten Jessie und Minnie Mae 4 weitere Kinder: Vester, Delta Mae, Nashville (Nash) und Lorene.

Jessie D. (1896-1973) hatte seine 8 Jahre ältere Frau Minnie Mae (1888-1980) schon mit 17 geheiratet und hatte schnell den Ruf weg, ein zwar hart arbeitender, aber reichlich trinkfreudiger und keiner Kneipenschlägerei aus dem Weg gehender Zeitgenosse zu sein. Wegen seines Hangs zu Alkohol und Schlägereien verbrachte er so manche Nacht hinter schwedischen Gardinen. Doch er hatte meistens einen Job und brachte die Familie irgendwie durch – die Presleys waren arm, aber nicht “bettelarm”, wie sie betonten.

Jessie D. soll in jungen Jahren ausgesprochen gutaussehend gewesen sein, was er seinem Sohn Vernon vererbte. Obwohl das Geld immer knapp war, legte er Wert auf gute Kleidung und leistete sich den ein oder anderen maßgeschneiderten Anzug. → Kleider machen Leute, das wusste auch schon Jessie D. Er soll ein Womanizer gewesen zu sein…

Jessie D. Pres(s)ley in den 1950ern

Kann jetzt gut auf ein “S” in seinem Namen verzichten: Jessie D. Pres(s)ley in den 1950ern

Ein Familienmensch war Jessie allerdings nicht gerade. Wenn die Kinder nicht spurten, gab’s schnell Prügel. Besonders Vernon fürchtete den Vater und er hatte auch auch allen Grund dazu, richtete sich der Zorn Jessies – warum auch immer – doch besonders häufig gegen ihn, so wird erzählt. Eine liebevolles Vater-Sohn-Verhältnis hat Vernon in seiner Kindheit also ganz sicher nicht erlebt.

Da war es schon gut, dass Vernon sich ausgezeichnet mit seinem 18 Monate älteren Bruder Vester verstand, mit dem er zeitlebens sehr eng war: Vernon und Vester hatten immer wieder dieselben Jobs, etwa in der Landwirtschaft oder während der Großen Depression beim WPA (Work Progress Administration), verbrachten fast ihre komplette Freizeit miteinander, waren beste Freunde und gingen auch schon mal mit denselben Frauen aus, wie etwa in East Tupelo mit den Schwestern → Gladys und Clettes Smith, aber dazu ein andermal mehr…

Jessie D. jedenfalls hatte Mitte der 1940er genug von seiner Familie und reichte die Scheidung ein, um später in Louisville/Kentucky, wo er für Pepsi Cola als Nachtwächter arbeitete, erneut zu heiraten. Als sein Enkel Elvis berühmt wurde, verabschiedete sich Jessie D. ebenso schnell vom Doppel-S in seinem Nachnamen wie einst von seiner Familie. Plötzlich hatte der Familienname einen ganz neuen Glanz…

Da Jessie nie Unterhalt für seine 1. Frau zahlte, nahmen Vernon, Gladys und Elvis die verlassene Minnie Mae ebenso in ihre Familie auf wie später die Schwester bzw. Tante Delta Mae – beide Frauen waren nach dem Tod von Elvis und Vernon die letzten Bewohnerinnen Gracelands. Sie genossen dort lebenslanges Wohnrecht.

Ein vertrauensvolles Vater-Sohn-Verhältnis, wie Vernon und Elvis es offensichtlich lebten, hat bei den Presleys also gar keine lange Tradition. Geht man weiter zurück in der väterlichen Familienlinie, was die Vorarbeit eifriger Ahnenforscher wie etwa Lorina Bolig mit ihrer umfassenden Veröffentlichung Ancestors of Elvis Presley 50 Generations (2008) heute möglich machen, dann bestätigt sich das einmal mehr.

Weitere Beiträge zur Familie:

Gladys Love Presley

→  Spotlight 8. Januar 1935: A King Is Born

Alwin Bressler oder Elvis Presleys deutsche Vorfahren

Priscilla Beaulieu Presley: Elvis and Me

Des Königs Tochter: Lisa Marie Presley

 

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.