Spotlight Mai 1955: Elvis auf Tournee im Pink Cadillac

Im Frühjahr 1955 hatte Elvis Presley allen Grund, zuversichtlich in die Zukunft schauen. Noch kein ganzes Jahr war es her, seit er bei Sam Phillips SUN Records in Memphis seine  erste, vom Start weg erfolgreiche Single That’s All Right Mama/Blue Moon Of Kentucky (1954) aufgenommen und einen festen Vertrag mit regelmäßigen Auftritten beim berühmten → Louisiana Hayride ergattert hatte.

Weitere SUN-Singles waren gefolgt. Im Musikmagazin Billboard hieß es über den Jungstar Anfang 1955: „Presley continues to impress with each release as one of the slickest talents to come up in the country field in a long, long timezitiert nach Ernst Jorgensen: A Boy From Tupelo (Boxset 2012).

Und hinter den Kulissen? Mit Colonel Tom Parker (alias Andreas Cornelis van Kuijk) hatten sich ein neuer Manager, der zuvor schon die Country-Legenden Gene Austin und Eddy Arnold gemanagt hatte und aktuell mit Hank Snow zusammen eine Konzertagentur für Country-Musiker betrieb, sowie ein großes Plattenlabel in Position gebracht, um den Nachwuchsstar unter ihre Fittiche zu nehmen.

Elvis Presley mit Bassist Bill Black und Gitarrist Scotty Moore auf der Fahrerseite seines berühmten pinkfarbenen Cadillacs - Mai 1955; Foto: A Boy From Tupelo

Elvis Presley mit Bassist Bill Black und Gitarrist Scotty Moore (mit Sonnenbrille) auf der Fahrerseite seines berühmten pinkfarbenen Cadillacs – Mai 1955; Foto: A Boy From Tupelo

Zwischen den Auftritten beim Lousiana Hayride war Elvis 1955 mit seiner Band – den Blue Moon Boys – fast ständig auf Tournee, von einem kleinen Gig zum anderen quer durch die amerikanischen Südstaaten, in einem pinkfarbenen Cadillac mit weißem Top, auf dem Bill Blacks großer Bass festgezurrt war. Den Pink Cadillac hatte Elvis, der gerne pinkfarbene Klamotten trug (→ Elvis im Lansky-Look), erst im Frühjahr ’55 gekauft und kurz darauf die Beifahrerseite eigenhändig und unübersehbar mit seinem Namen in weißer Farbe bepinselt: ein bisschen Eigenwerbung hat schließlich noch keinem geschadet ;-).

Legendär geworden ist der Pink Cadillac nicht nur wegen der Photos von 1955. Elvis hat ihm gleich noch ein Denkmal in einem seiner bekanntesten Songs aus den Anfängen bei  SUN Records gesetzt, und zwar in Baby Let’s Play House mit der Änderung einer Textpassage (Audio: A Boy from Tupelo – The Complete 1953-55 Recordings, 2012):

Well, you may go to college, You may go to school, You may get religion have a pink cadillac, But don’t you be nobody’s fool…

 

Der Mann liebte seine Autos, so viel ist mal sicher → Elvis und die gelebte Auto Emoción. Und dem Song hat es auch nicht geschadet, denn er kam 1955 in Billboards nationalen Country-Charts immerhin auf Rang 5! Neben den Plattenaufnahmen überzeugten im Frühjahr 1955 aber vor allem die energiegeladenen Live-Auftritte des Memphis Flash, die für reichlich Aufsehen und eine stetig wachsende Fangemeinde sorgten, die „Strippenzieher“ hinter den Kulissen davon, dieses neue Talent weiter aufmerksam zu beobachten… möglichst unauffällig.

Mai 1955: Elvis auf Tournee mit Hank Snow

Deswegen dachten sich der findige Colonel und sein Partner Hank Snow: Das Kerlchen und seine Band buchen wir für unsere dreiwöchige Jamboree Attractions-Tournee, die am 1. Mai 1955 in New Orleans startete und von dort weiter durch Louisiana, Alabama, Florida, Georgia, Virginia, North Carolina und Tennessee führte. Ein ganz schöner Ritt, wenn man sich die Entfernungen mal vor Augen führt. Wer neben Hank Snow – dem Star der Show – und seinem Sohnn Jimmie Rodgers Snow – sonst noch mit von der Partie war, geht aus dem Programmheft hervor:

Seite aus dem Programmheft des All Star Jamboree 1955 - A Boy From Tupelo, 2012

Seite aus dem Programmheft des All Star Jamboree 1955 – A Boy From Tupelo, 2012

Hank Snow dürfte seine Entscheidung, mit Elvis Presley auf Tournee zu gehen, schon nach dem ersten Auftritt in New Orleans bitter bereut haben. Als Star der Show trat er zuletzt auf – man ging logischerweise davon aus, dass die meisten Leute im Publikum seinetwegen kamen. Am 1. Mai war das anders: Nach Elvis‘ Auftritt wollte kaum einer mehr Hank Snow hören – das Publikum wollte mehr Elvis und verlangte lautstark nach Zugaben. Als der Ansager versuchte, die Meute zu beruhigen…

„Okay now, you’ll all be nice, folks. Wait a minute. Y’all be nice. Hank Snow is a legend in this business. Let’s show Hank Snow a little courtesy, ‚cause this gentleman’s in the business for 360 years! If y’all want to see Elvis, he’s out in the parking lot behind the building signing autographs.“
– zitiert nach: A Boy From Tupelo

… verließ etwa die Hälfte des Publikums einfach den Saal, um sich auf dem Parkplatz davor ein Autogramm vom Flash zu holen. Kein Wunder, dass Hank Snow nicht gerade begeistert war und zu den anderen Entertainern der Truppe meinte: „You know, by God, I should not have followed that little bastard out there„.

Das musste er von da an auch nicht mehr, denn Elvis Presleys Auftritt im Rahmen des Tourprogramms wurde kurzerhand nach hinten „verlegt“. Das machte ihn zum eigentlichen Star der Show – Programm hin oder her. Auch die jüngeren Mitglieder der „Pink Cadillac-Tour“, wie etwa Faron Young und Curtis Gordon, waren alles andere als scharf darauf, nach dem Flash auf die Bühne zu gehen: Da hätte man sich karrieretechnisch ja gleich einen Strick nehmen können.

Dass das keine Übertreibung war, zeigten Elvis‘ Folgeautritte in Jacksonville/Florida Mitte Mai 1955, als sich vor allem das weibliche Publikum nach seinen Auftritten so über ihn her machte, dass er Teile seiner Kleidung einbüßte, wie Kollege Faron Young mächtig beeindruckt erzählt:

„I was with him at the Gator Bowl [sic] the first night he got attacked. He came off that stage, and somehow those little girls got to him and tore his clothes off. Them girls pounced on that son-of-a-bitch like alligators.“
Faron Young zitiert nach A Boy From Tupelo

 

Elvis beim Jimmie Rodgers Memorial-Festival

"The freshest, newest voice in country music" - Werbung für Elvis Presley in MeridianSchwer beeindruckt war nun auch endgültig Colonel Tom Parker – vor allem war er nun mehr als entschlossen, den Jungstar künftig selbst zu managen, ihn bei SUN Records loszueisen und auf ein großes Plattenlabel zu bringen.

Doch erst einmal ging es für Elvis im Pink Cadillac weiter nach Meridian/Mississippi zum Jimmie Rodgers Memorial-Festival. Das Country-Festival wurde 1955 zum dritten Mal zu Ehren des berühmten Sohnes der Stadt – Country-Legende Jimmie Rodgers (1897 – 1933) – am 25./26. Mai ausgerichtet und vom → Louisiana Hayride gesponsort. Das Country-Festival hatte sich schnell zu einem wichtigen Treff der Country-Musikbranche entwickelt, zu dem Plattenlabel, Radiosender und Musikverleger ihre Vertreter schickten.

Neben den Auftritten vieler Country-Größen nebst Elvis Presley gab es für Country-Musikliebhaber Barbecues und Tanzveranstaltungen, kurz ganz Meridian und Umgebung war auf den Beinen – 75.000 Zuschauer wurden zu dem mehrtägigen Volksfest erwartet, weitere verfolgten das Spektakel am Radio.

Am 26. Mai gab es eine große Parade durch die Straßen von Meridian mit allen Country-Stars, bei der Elvis mit seinem Pink Cadillac natürlich nicht fehlen durfte. Zu übersehen war er jedenfalls nicht, wie er zusammen mit Hank Snows Sohn vorne auf der Motorhaube seines farbenfrohen Gefährts saß und seinerseits Fotos schoss.

Auch mit seinen Auftritten konnte der Memphis Flash in auf dem Jimmie Rodgers- Festival mehr als überzeugen, wie der Country Song Roundup später berichtete. „Folk Music Fireball“ Elvis gab auf Wunsch des Publikums mehrfach Zugaben seiner SUN-Titel. Der Youngster hat Zukunft, da war man sich sicher.

Elvis Presley und Jimmie Rodgers Snow (links) bei der Parade in Meridian

Elvis Presley und Jimmie Rodgers Snow (links) bei der Parade in Meridian am 26. Mai 1955 – A Boy From Tupelo, 2012

Elvis Presley auf seinem 'Pink Cadillac' am 26. Mai 1955 in Meridian/Mississippi

Elvis Presley fotografierend auf seinem ‚Pink Cadillac‘ am 26. Mai 1955 in Meridian/Mississippi – A Boy From Tupelo, 2012

 

Wenig Filmaufnahmen sind aus dieser Zeit erhalten, aber ein paar gibt es doch. In diesem Clip sind Szenen vom Festival in Meridian zu sehen, die Elvis mit DJ Charlie Walker, Tourkollege Jimmie Rodgers Snow und am Schluss mit Gitarrist Scotty Moore und Bassist Bill Black zeigen, wie er seinen Pink Cadillac liebevoll tätschelt ;-). Hinterlegt ist der Clip mit einer Live-Version von Elvis‘ erstem regionalen Hit That’s All Right vom 26. Mai 1955.

Leider haben die Streicheleinheiten nicht viel geholfen. Am 7. Juni 1955 ging der Pink Cadillac auf der nächtlichen Fahrt zu einem weiteren Auftritt in der Nähe von Texarkana in Flammen auf. Alle Versuche Elvis Presleys, das Feuer zu löschen, waren vergeblich. Das Auto brannte restlos aus…

Da geht er dahin, der pinkfarbene Traum - die Reste des 'Pink Cadillac' am 7. Juni 1955

Da geht er dahin, der pinkfarbene Traum – die Reste des ‚Pink Cadillac‘ am 7. Juni 1955

… aber glücklicherweise blieben der Besitzer und seine weibliche Begleitung unversehrt. Weiter Fahrt auf nahm Elvis Presleys Karriere allerdings erst einmal ohne Pink Cadillac.

Buchtipp:
Ernst Mikael Jørgensen: Elvis Presley. A Boy From Tupelo. The Complete 1953 – 1955 Recordings. Follow That Dream Records/FTD Books 2012.

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  3. […] ergänzte Gladys die mit eigenen ihrer Lieblingsmusik: Songs des bekannten Countrysängers → Jimmie Rodgers (1897 – 1933) – hier zu hören mit Any Old Time, 1929 auf Elvis’ späterem […]

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