Elvis Presleys TCB-Band: Schlagzeuger Ron Tutt

Wie ein Fels in der Brandung wirkt Ronnie Tutt, langjähriger Schlagzeuger in Elvis Presleys TCB-Band, beim Treffen mit Fans, die aus ganz Europa zum European Elvis Festival nach Bad Nauheim gereist sind, um ihn und seine Bandkollegen James Burton und Glen D. Hardin endlich einmal fragen zu können: Hey, sag‘ mal, wie war es denn nun wirklich mit dem King auf der Bühne und im Aufnahmestudio?

Schlagzeuger Ron(nie) Tutt beim European Elvis Festival 2013

Schlagzeuger Ron(nie) Tutt beim European Elvis Festival 2013

Eins wird dabei schnell klar, der Texaner  Ron Tutt (*12.3.1938 in Dallas) wirkt nicht nur wie die Ruhe selbst, der Vater von 10 Kindern hat die Ruhe wirklich weg in dem ganzen Trubel um die TCB-Band. Man kann sich fast nicht vorstellen, welche Dynamik dieser freundliche, weißhaarige Bär mit Vollbart – von Elvis bei Konzerten gerne mit „on drums hard working Ronnie Tutt“ vorgestellt – entfalten kann, wenn er am Schlagzeug sitzt. Hier ein Tutt-Solo bei einem Elvis-Konzert in den 1970ern, bei dem wahrlich nix mehr zu spüren ist von „die Ruhe selbst“:

Während TCB-Gitarrist James Burton gerne im Mittelpunkt steht, Pianist Glen Hardin den charmanten Clown spielt, ist Ron Tutt vor allem eins: zurückhaltend. Er schaut sich alles erst einmal genau an, peilt gewissermaßen aus der Distanz die Lage – auffällig dabei sein scharf beobachtender Blick. Alles klar: Ron Tutt entgeht so schnell nichts.

Fragen beantwortet der Mann am Schlagzeug überlegt, intelligent und auf den Punkt. Und klar, Humor hat er auch, ebenso wie ein gutes Gedächtnis. Daher hat man bei ihm sehr gute Chancen, auch bei direkten Fragen zu einzelnen Aufnahmesessions, die über 40 Jahre her sind – etwa zu  Elvis At Stax – spontan präzise Antworten zu bekommen. Gar nicht so selbstverständlich für einen Berufsmusiker, der eine aktive Karriere von 60 Jahren hat. In Sachen Stax-Session 1973  ist ihm vor allem die große Anzahl Musiker, die zum Einsatz kamen, im Gedächtnis geblieben, darunter mit Jerry Carrigan auch ein 2. Drummer.

Fehlstart – Ron Tutt: „Ich mochte Elvis zuerst überhaupt nicht!“

Ronnie Tutt gibt mal wieder alles!

Die Ruhe vor dem Sturm – Ronnie Tutt kurz bevor er so richtig loslegt

Witzigerweise hat Ron Tutt, der vielen als Weltklasse-Drummer gilt, seine Showbusiness-Karriere nicht am Schlagzeug, sondern als Stepptänzer im zarten Alter von 3 Jahren begonnen. Stepptanz machte er über 8 Jahre und galt als Wunderkind. Er war schon fast ein Teenager, als er anfing, im Schulorchester Trompete zu spielen. Erst kurz vor dem Abitur entdeckte Ronnie seine große Leidenschaft für das Schlagzeug: Es sollte eine lebenslange Liebe werden.

Schon kurz darauf wurde er Mitglied in einer Western Swing-Band, die Mitte der 1950er zur Hausband der Radio-Show The Northside Jamboree in Texas wurde. Und genau hier hatte Ron Tutt – ganz ähnlich wie sein Bandkollege James Burton beim Louisiana Hayride – seine erste Berührung mit Elvis Presley, der dort mit den Blue Moon Boys Scotty Moore und Bill Black zu einem Gig vorbeischaute. Und wie war der erste Eindruck? Total negativ…!

Ron und Elvis hatten bei dieser Gelegenheit zwar keinen näheren Kontakt, aber der King hinterließ keinen guten Eindruck, weil er die Gitarre von Rons Bandkollegen ruinierte, sich nicht einmal dafür entschuldigte und – noch viel wichtiger – weil Rons damalige Freundin auch noch auf den Typen flog. Hier (ab 00:35) erzählt Ron selbst, wie es dazu kam:

Ron hatte erst einmal die Nase voll von Elvis, studierte einige Semester Musik an der University of North Texas, brach dann aber das Studium ab, um sich ganz einer Karriere als Profimusiker zu widmen. Er arbeitete erfolgreich als Studiomusiker in Dallas und Memphis, wohin er 1963 zog, um sich dann Ende der 1960er in Los Angeles niederzulassen.

Im 2. Anlauf die große Liebe: Ron Tutt wird Mitglied der TCB-Band

Von Pianist Larry Muhoberac – kurze Zeit Mitglied der TCB-Band – bekam Ron 1969 den Tipp, dass Elvis einen Drummer für eine neu zu gründende Band, die spätere TCB-Band, suchte, um in Las Vegas aufzutreten. Ron wurde zum Vorspielen eingeladen und hatte erst einmal kein Glück, denn vor ihm war ein Drummer vom Motown-Label (→ zu TCB und Motown → Taking Care of Business in a Flash) dran, der ziemlich gut und sehr überzeugend war. Die Entscheidung war also eigentlich schon gefallen, als er dann doch noch seine Chance zum Vorspielen bekam, einfach weil man ihn nicht umsonst hatte anreisen lassen wollen.

Ron spielte vor, warf die Konkurrenz aus dem Rennen und bekam den Job. Wie? Ganz einfach. Er hatte die Szene genau beobachtet und sofort erkannt, worauf es bei Elvis Presley besonders ankam. Es ging nicht nur einfach darum, ein exzellenter Drummer mit ordentlich Studioerfahrung zu sein, das war zwar auch wichtig, aber ausschlaggebend war die Fähigkeit, perfekt nonverbal mit dem Mann aus Memphis kommunizieren zu können:

„It wasn’t just a matter of expertise, but a matter of rapport. It was a matter of sensing, and watching his eyes, and watching everything he did. I emulated and accented everything that he did just instinctively. Every move, almost like a glorified stripper! And he loved that. And that’s why no matter who would play with him – a few other drummers had to play for other reasons through the years – he was never happy because of that reason, no matter how great they were. And they were some great players, Larry Londin included.“

Ronnie Tutt im Interview mit Arjan Deelen 2009, Quelle: Elvis Australia

Der Rest ist Geschichte. Elvis liebte seinen neuen Drummer und auch Ron war nun im 2. Anlauf mit dem King sehr beeindruckt von dessen Musikalität, Rhythmusgefühl, der Power, seinen gesanglichen Fähigkeiten und außerordentlichem Charisma. Bei Live-Auftritten, Proben und auch bei den Studioaufnahmen, die bei Elvis ja mehr oder weniger auch alle live waren, stand der King gerne direkt beim Drum-Set mit seinem Lead-Gitarristen zu seiner Linken, damit die Jungs ihm – und er ihnen – ordentlich einheizen konnte.

Action für den King und seinen Drummer (etwa ab 01:45) bei Proben, die für den Dokumentarfilm Elvis That’s The Way It Is eingefangen wurden:

Anhand von Aufnahmen zur Dokumentation Elvis On Tour (1972) zwei Jahre später kann man  sehen, dass Elvis und die TCB-Band Studioaufnahmen tatsächlich fast genauso absolvierten wie ihre Live-Auftritte oder die Proben dazu – zum Horror der Toningenieure:

Das lag vor allem daran, dass Elvis eine Live-Atmosphäre im Studio herstellen wollte, sonst war ihm das Ganze schnell zu steril – in Rons Worten:

„A studio environment is a much more sterile environment. There’s no acoustic resonance in any way at all, and everything you do, you look through the microscope at it. I don’t think any of his recordings ever did him justice. I don’t think he lent himself to recording very well. Felton Jarvis was constantly pulling his hair out. Because of the recording technique he’d have him in a booth off somewhere. Elvis would take about ten minutes of that, take off his headphones, grab the microphone, go over [to the band] and everything would be bleeding into his mike. […]

[Elvis] believed that recording is an art of recording a live performance, not an art of a recording studio. You see what I mean? There’s a real differentation between the two. He was very puristic when it came to that.“

Ronnie Tutt im Interview mit Arjan Deelen 2009, Quelle: Elvis Australia

Klingt, als hätte Ron die Sachlage 1A analysiert ;-). Nicht umsonst war er Kernmitglied der berühmten TCB-Band bis zu Elvis‘ Tod 1977 und irgendwie auch darüber hinaus, denn er ist wie James Burton und Glen D. Hardin bis heute ebenfalls mit der Show Elvis In Concert, in der Elvis über Videoleinwand „zugeschaltet“ ist, immer wieder auf Tournee. Auch beim European Elvis Festival 2013 in Bad Nauheim war er mit der TCB-Band mit von der Partie.

Neben Elvis Presley hat Ron Tutt das Schlagzeug auch bearbeitet für Jerry Garcia, Merle Haggard, Cat Stevens, Emmylou Harris, Billy Joel, Linda Ronstadt, Little Richard, Beach Boys, Barbara Streisand, Elvis Costello, Frank Sinatra, Johnny Cash, Kenny Rodgers, Neil Diamond, Johnny Rivers u.v.m. Weniger bekannt ist, dass Ron selbst ein talentierter Sänger ist, der vor allem Background, etwa bei Live-Auftritten Neil Diamonds und Aufnahmen Johnny Rivers‘, singt. Mit Neil Diamond verbindet Ron ebenfalls eine ganz besondere Beziehung – seit 1981 ist er kontinuierlich mit Diamond auf Tournee, auch immer mal wieder in Deutschland. Nicht verpassen!

Elvis Presley, Jerry Garcia und Neil Diamond nennt Ron als seine größten musikalischen Einflüsse – es sind die Musiker, die ihn aus ganz unterschiedlichen Gründen stark geprägt haben:

„If I had to narrow it down, the greatest music influences on my life would be Elvis Presley, Jerry Garcia and Neil Diamond. Elvis for the flashy, explosive, slightly out of control, style of playing that he brought out in me that mirrored his performance and personality, Jerry for his casual, laid-back- no hype, soulful style, but Neil has influenced me to be a disciplined team player.“

Abgesehen von der guten Zusammenarbeit mit dem King schätzte Ron ihn auch als sehr als Privatperson. Warum, das erzählt er in diesem abschließenden Video.

Klasse Typ, dieser Ron Tutt, oder?

2 Antworten

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