Gladys Love Presley

Am 14. August 1958 verstarb Gladys Love Presley (25.4.1912 – 14.8.1958) im Alter von nur 46 Jahren an Herzversagen infolge einer Hepatitiserkrankung: fast auf den Tag genau 19 Jahre vor ihrem berühmten Sohn Elvis.

Gladys und Vernon Presley mit Ihrem 2 Jahre alten Sohn Elvis 1937

Gladys und Vernon Presley mit Ihrem 2 Jahre alten Sohn Elvis 1937

Kaum jemand bezweifelt heute, dass Mutter Gladys eine der wichtigsten Personen, wenn nicht die wichtigste Person überhaupt, im Leben Elvis Presleys war. Dennoch wird sie von den meisten seiner Biografen als eine Person geschildert, deren Bedeutung vor allem im großen Verlust durch ihren frühen Tod 1958 und ihrer zwangsläufigen Abwesenheit im Leben des erwachsenen Sohnes liegt. Kurz: Gladys als tragischer Verlust mit fatalen Folgen.

Diese Perspektive ist nachvollziehbar, doch sie greift  zu kurz. Es lohnt sich, einen genaueren Blick auf Elvis‘ Mutter Gladys – wie überhaupt auf seine Vorfahren mütterlicherseits – zu werfen. Vorhang auf für eine wahrlich illustre Familiengeschichte mit Charakteren, die auf ihre Art einen ähnlich guten Stoff für ein Südstaatenepos abgeben wie die Figuren in Margret Mitchells berühmten Roman Vom Winde verweht. Und so ganz nebenbei gewährt die Familiengeschichte der Mansell-Smith tiefe Einblicke in die Historie der amerikanischen Südstaaten des 18., 19. und 20. Jahrhunderts.

Some of you never been down South too much…

Tony Joe Whites Südstaaten-Song Polk Salad Annie, aus dem diese Textzeile stammt, ab 1970  fester Bestandteil in Elvis Presleys Live-Repertoire, könnte auch gut ein Song über Gladys Smith und ihre Familie sein. Kein Wunder also, dass der King einmal selbst zu Tony Joe White sagte: „Man, I feel like I wrote this song myself“.

Gladys Vorfahren jedenfalls lassen sich auf die Familie der Mansells zurückverfolgen, die sich schon im 18. Jahrhundert in den amerikanischen Südstaaten ansiedelten. Der Name Mansell ist eigentlich französicher Herkunft und heißt so viel wie „Mann aus Le Mans“. Im Zuge der normannischen Eroberung kamen die „Männer aus Le Mans“ zunächst nach England, wo sie sich mit der dortigen Bevölkerung mischten – im Falle von Elvis Presleys Vorfahren mütterlicherseits vor allem mit Schotten und Iren.

Der Familienstammbaum mütterlicherseits

Der Familienstammbaum mütterlicherseits

Irgendwann im 18. Jahrhundert wanderte Gladys‘ schottisch-irischer Familienzweig dann nach Amerika aus, wo Richard Mansell aus South Carolina als Soldat im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg diente. Kriegerisch ging es zunächst auch für seinen Sein Sohn William (1795 – 1842) weiter, der unter dem Oberbefehl Andrew Jacksons, General der Tennessee-Miliz und späterer 7. Präsident der Vereinigten Staaten, an der Vertreibung der Muskogee (Creek)-Indianer und der berühmt-berüchtigten Schlacht am Horseshoe Bend 1814 beteiligt war. Man sieht schon, die Presleyschen Vorfahren haben von Anfang an  Spuren in den amerikanischen Geschichtsbüchern hinterlassen ;-).

Andrew Jackson, der auch als Begründer der Demokratischen Partei gilt, setzte sich vehement für die Vertreibung der amerikanischen Urbevölkerung ein, nachdem Indianer im 2. Unabhängigkeitskrieg zwischen dem Vereinten Königreich und den Vereinten Staaten von Amerika auf der Seite der Briten gekämpft hatten. In William Mansell hatte er offensichtlich einen treuen Gefolgsmann, denn dieser zog auch noch mit in den Krieg gegen den Stamm der Seminolen, bevor er die Waffe endgültig gegen den Pflug eintauschte und sich 1820 auf einer Farm in Marian County/Alabama niederließ.

Nun könnte man meine, dass William Mansell ein ausgesprochener Indianerhasser war, was aber ganz offensichtlich nicht der Fall war, denn der Gute suchte sich flugs eine Frau und heiratete eine waschechte Cherokee-Indianerin mit dem schönen Namen Morning White Dove (ca. 1800 – 1835). Das war gar nicht so ungewöhnlich in den Südstaaten, denn längst nicht alle indianischen Ureinwohner befanden sich im Krieg mit den weißen Siedlern – die Cherokees waren teilweise schon früh zum Christentum übergetreten und hatten sich assimiliert. Für einen jungen Farmer war eine Cherokee-Frau, die jahrhundertealtes Wissen um die Geheimnisse der Natur dieses wilden Landes mit in die Ehe brachte, pures Gold wert.

Clan-Chef Elvis 1976 im Jumpsuit 'Indian Chief'

Clan-Chef Elvis 1976 im Jumpsuit ‚Indian Chief‘

Und es lief gut für William und Morning White Dove – sie bewirtschafteten erfolgreich ihre Farm und brachten trotz hoher Kindersterblichkeit drei Kinder durch: John, Morning Dizenie und James J. Mansell. Tochter Morning Dizenie konnte ihren sozialen Status verbessern, indem sie den angesehenen Arzt und Großgrundbesitzer Dr. Russell Palmer heiratete.

Im Gegensatz zu ihr war der älteste Sohn John Mansell, der die Farm erbte, ein ganz wilder Zeitgenosse, den die Familie euphemistisch als „wholly wild Injun“ beschrieb. Er war wohl kein besonders guter Farmer, dafür aber ein Womanizer erster Güte, der neben den Kindern, die er mit seiner Frau Betsy und wahrscheinlich auch deren Schwester Rebecca hatte, zudem eine große Menge illegitimer Nachfahren in die Welt setzte,  bevor er 1880 die Farm ganz verlor, mit einer weiteren Dame durchbrannte und sich fortan Colonel Lee Mansell nannte. Die Versorgung von Ehefrau, Schwägerin und erklecklicher Nachkommenschaft überließ John einfach seinem ältesten Sohn: White Mansell.

White Mansell heiratete 1870 Martha Tackett aus Tennessee und mauserte sich zum veritablen Clan-Chef, der das Konzept der Großfamilie wirklich lebte. Zu einem Viertel indianischer Abstammung sorgte der Great White Father of the Mansells schon 1880 nicht nur für Frau und vier Kinder (es sollten noch mehr werden), sondern auch für die Großmutter mütterlicherseits, die eigene Mutter, zwei Schwestern und eine Tante sowie die zwei Kinder der Tante. Gleich nebenan lebten außerdem seine beiden Brüder William und George mit ihren Familien. Nachtigall ick hör dir trapsen: Elvis Presley war wohl nicht der Erste in seiner Familie, der die Hütte gerne so richtig voll hatte!

Der Mansell-Clan zog unter dem Kommando des White Chief um 1900 auf die Hussey Farm in Richmond, wo die Familienmitglieder als Baumwollpflücker arbeiteten. Eine der Töchter Whites und Marthas war die schöne, lebenslustige Octavia Luvenia Mansell (1876 – 1935), die von allen nur „Doll“ (Puppe) genannt wurde. Die schöne Octavia war fast schon so etwas wie ein „spätes Mädchen“ als sie mit 27 Jahren 1903 ihren Cousin Robert (Bob) Smith, Sohn von Whites Schwester Anna Mansell und Milege Obediah Smith, heiratete.

Gladys Eltern Bob und Doll Smith

Gladys Eltern Bob und Doll Smith

Und dieses schöne Paar waren Gladys Eltern bzw. Elvis Presleys Großeltern mütterlicherseits. Leider meinte es das Schicksal mit den Smith‘ nicht ganz so gut wie noch fast 100 Jahre zuvor mit William Mansell und Morning White Dove. Viel war passiert seitdem. Gelbfieberepedemien hatten die Bevölkerung dahingerafft und was das Gelbfieber nicht vermochte, hatten der Mexikanische Krieg und der Amerikanische Bürgerkrieg besorgt.

Die Smith lebten von der Hand in den Mund, Doll litt unter Tuberkulose – damals in der armen Bevölkerung praktisch unheilbar –  und war die meiste Zeit bettlägrig. Trotzdem bekam sie in knapp 20 Jahren neun Kinder, von denen acht überlebten – ihre Tochter Gladys Love kam als viertes Kind am 25. April 1912 in Pontotoc County, Mississippi zur Welt, wo sich die Smith-Familie unter der Führung von Clan-Chef White Mansells inzwischen niedergelassen hatte.

Die junge Gladys Smith

Die junge Gladys wuchs mit ihren Geschwistern Lillian, Levalle, Retha, Travis, Clettes, John und Tracy in sehr ärmlichen Verhältnissen auf. Alle Kinder schliefen mit den Eltern in einem Raum – die Kinder, bis auf das jeweils jüngste, das im Bett mit den Eltern schlafen durfte, auf dem Boden.

Bob Smith brachte seine wachsende Familie mehr schlecht als recht durch und es wird erzählt, dass er schlicht kein Händchen als Farmer hatte. Aber in einer Sache war er wirklich gut: Moonshining – Bob Smith war ein talentierter Schwarzbrenner. Nun war Schwarzbrennerei in Mississippi schon in den Jahren vor der Prohibition illegal, was die Abnehmer der guten Stöffchen allerdings nicht wirklich beeindruckte – schließlich war das hier ja ein freies Land, oder? Es war allerdings ratsam, das Schwarzbrennen in die Stunden des Mondscheins zu verlegen…

Doch so sehr sich Bob auch abmühte, Gladys und ihre Geschwister waren trotz Farmarbeit, Moonshining und Baumwollpflückerei oft auf Almosen angewiesen, wollten sie etwas zu beißen haben. Dass die Mutter Doll Smith praktisch invalide war, führte dazu, dass die älteren Smith-Kinder ihre jüngeren Geschwister aufzogen.

Die junge Gladys mit Vernon Presley

Die junge Gladys mit Vernon Presley

Gladys galt bei den Nachbarn früh als das Liebenswerteste der Smith-Kinder – sie fiel auf, weil sie ein so freundliches Naturell und ungewöhnlich gute Manieren zeigte, wenn sie beispielsweise bei anderen vorbeikam, um  Essensreste für ihre Familie einzusammeln: hunger taught Gladys manners!

Ihre älteste Schwester Lillian beschrieb Gladys allerdings als eine schon früh zerrissene Persönlichkeit, die oft sehr nervös und ängstlich war, nach außen aber stets einen fröhlichen, optimistischen Eindruck machte.

Wie ihre Geschwister ging Gladys nur etwa 4 Monate im Jahr zur Schule, und zwar im Winter, wenn ihre Arbeitskraft nicht auf dem Feld gebraucht wurde. Gladys war keine besonders gute Schülerin, ging aber gerne zur Schule: sie war gesellig und sehr sportlich – eine ausgezeichnete Basketballerin.

Gladys got rhythm

Mit 16 hatte sich die schwarzhaarige Gladys zu einem hübschen Mädchen entwickelt, das mit ihrer Familie in einem kleinen Blockhaus auf einer Farm unweit Tupelos in Mississippi lebte. Neben der Arbeit für ihre eigene Familie half sie auch im Haushalt auf einer Nachbarfarm aus. Und hier entdeckte sie eines Tages eine neue Leidenschaft für sich: Musik.

Die junge Farmersfrau hatte sich nämlich einen Plattenspieler und Platten zugelegt. Schnell ergänzte Gladys die mit ihrer eigenen Lieblingsmusik: Songs des bekannten Countrysängers → Jimmie Rodgers (1897 – 1933) – hier zu hören mit In The Jailhouse Now (1928)

 

Doch Gladys beließ es nicht beim Zuhören. Zur großen Freude der Farmergemeinde entdeckte Gladys ihr Entertainer-Gen. Sportlich und ausgestattet mit viel Rhythmusgefühl entwickelte sie sich zu einer leidenschaftlichen, geradezu wilden Tänzerin – Charleston war damals der letzte Schrei. Und wenn Gladys tanzte, dann war damit kein gemächlicher Paartanz gemeint – Gladys tanzte allein, dass die Beine nur so flogen. Leider sind keine Fotos und schon gar keine Filmaufnahmen von der tanzenden Gladys erhalten, sondern nur die Erzählungen der begeisterten Zuschauer. Aber so wie in einigen Szenen dieses Videos kann man sich das ungefähr vorstellen:

Den Farmern gefiel es auf jeden Fall so sehr, dass die Familie, bei der Gladys arbeitete, sie jeden Abend zuhause abholte, damit sie für alle zur Unterhaltung tanzte. Gladys hatte das gewisse Etwas, wenn sie tanzte – etwas Ungestümes, offensichtlich auch Erotisches: „hot as a pistol„, sei sie gewesen, erzählten die Farmersleute. Und sie hatte eine Menge Verabredungen mit den Jungs aus der Gegend. Jedenfalls wunderte sich keiner von den alten Bekannten aus Mississippi über ihren Sohn Elvis, als dieser 25 Jahre später mit Gesang und Hüftschwung im Fernsehen für Aufruhr sorgte. Für sie war klar: „Elvis got it honest, Gladys had rhythm!

Tupelo: Gladys geht in die Stadt

Doch bald schon war die sorglose Zeit für die junge Gladys vorbei. 1932 starb ganz überraschend ihr Vater Bob Smith an einer Lungenentzündung. Nachdem die bettlägrige Mutter bei der ältesten verheirateten Schwester untergebracht war, stand für die heftig trauernde Gladys fest, dass sie nun ganz für sich selbst sorgen musste.

Trost suchte Gladys in dieser schwierigen Zeit in ihrer Kirchengemeinde, der Church of God, eine der ältesten und größten Pfingstkirchen, zu der auch die First Assembly of God und The Church of God and Prophecy gehören. Hier fand Gladys wie immer schnell Anschluss, war beliebt und lernte andere junge Frauen kennen, die nicht mehr wie sie für kleines Geld auf dem Land arbeiteten, sondern sich mit einem Job als Näherinnen im Tupelo Garment Center mit einem Tageslohn von 2 Dollar zumindest selbst ernähren konnten. Und da Gladys ihre ganze Kleidung schon lange selbst nähte, begann auch sie im Dezember 1932 in Tupelo/Mississippi als Näherin zu arbeiten.

Schnell hatte die liebenswerte Gladys viele Freundinnen in der Fabrik, die fast alle in kleinen Häuschen in einem Arbeiterviertel in East Tupelo wohnten. In diesem Stadtteil – „auf der falschen Seite der Eisenbahnlinie „- fühlte sich Gladys gleich so zu Hause, dass sie ebenfalls beschloss, eines der kleinen Häuser zu beziehen und den Rest ihrer Familie nachzuholen. Gesagt, getan.

Sie war gerade erst eingezogen, als ihr Blick das erste Mal auf einen großen, blonden, gutaussehenden Jungen in der Nachbarschaft fiel: → Vernon Elvis Presley. Es sollten nur ein paar Monate vergehen bis die nun 21-jährige Gladys mit dem vier Jahre jüngeren Vernon durchbrannte und ihn am 17. Juni 1933 heiratete. Der Grundstein für ihre eigene kleine Familie war gelegt.

Mehr zu Elvis Presleys Familie:
Spotlight 8. Januar 1935: A King Is Born
Wenn der Vater mit dem Sohne: Vernon Elvis Presley
Alwin Bressler oder Elvis Presleys deutsche Vorfahren
Priscilla Beaulieu Presley: Elvis and Me
Des Königs Tochter: Lisa Marie Presley

elvisundgladys_buchcoverBuchtipp: Elvis and Gladys von Elaine Dundy.

350 Seiten. University Press of Mississippi 2004 (1. Auflage 1985). Bestellbar als Buch oder Kindle Edition über Amazon.

7 Antworten
  1. viking
    viking says:

    How can that be a picture of Morning White Dove when the first photographic image of a human wasn’t made until 1838 in France and she died in 1835?

    Antworten
    • memphisflash
      memphisflash says:

      The picture isn’t necessarily a photo. But you’re right: It’s supposed to be Morning White Dove, we don’t know for sure.

      Antworten
  2. Marc
    Marc says:

    Its not Morning White Dove. Thats a photo of Princess Eat No Meat of the Umatilla tribe in Northwestern Oregon. No relation to Elvis. Her photo was taken in 1900 by Major Lee Moorhouse.

    Antworten

Trackbacks & Pingbacks

  1. […] ist ein gutes Jahr für die so manches Mal vom Schicksal gebeutelten und unter chronischem Geldmangel leidenden Presleys. Finanziell geht es zumindest so weit aufwärts, dass Elvis’ Vater Vernon für seine […]

  2. […] erhielt. Dabei lernte sie gleich die anderen Bewohner Gracelands kennen – Elvis’ Eltern Gladys und Vernon Presley sowie die Großmutter Minnie Mae (Spitzname […]

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Kommentar verfassen