Elvis in der Jugendliteratur: Jana Scheerer ‚Mein innerer Elvis‘

Elvis Presley als literarische Figur? Dazu hat man doch sofort Bilder im Kopf! Schwieriger wird es allerdings, wenn es um die Frage geht, für welche Literaturgattung sich der King als literarische Figur besonders gut eignet. Eine, an die ich dabei zunächst gar nicht gedacht hatte, ist die des Kinder- und Jugendbuchs: Jana Scheerers Roman Mein innerer Elvis (2010) hat mich also erst einmal überrascht.

Autorin Jana Scheerer

Autorin Jana Scheerer

Mein innerer Elvis ist bereits das zweite erfolgreiche Jugendbuch von Germanistin, Amerikanistin und Medienwissenschaftlerin Jana Scheerer (*1978 in Bochum), die für Mein Vater, sein Schwein und ich (2004) mit dem Literaturpreis Prenzlauer Berg ausgezeichnet wurde.

Hauptperson in Mein innerer Elvis ist die 15-jährige Antje, die mit ihren Eltern und der 6-jährigen Schwester in Norddeutschland lebt, wo sie offensichtlich ein Gymnasium besucht. Eins ist schon mit dem 1. Satz der Ich-Erzählung aus Antjes Perspektive unmissverständlich klar: Die 15-jährige ist ein riesiger Elvis-Fan.

Antje endeckt ihren inneren Elvis

Nun spielt der Roman im Jahr 2007, in einer Zeit also, in der es – vorsichtig ausgedrückt – nicht gerade typisch für eine 15-jährige ist, Fan eines Musikers zu sein, die mindestens ihr Großvater sein könnte und noch dazu schon 30 Jahre tot ist. Doch die intelligente, humorvolle und scharf beobachtende Antje fühlt sich „anders“ und rebelliert mit ihrem Fantum zunächst leise, aber ausgesprochen konsequent gegen ihr Umfeld, das ihre Vorliebe für völlig unpassend hält.

Elvis hautnah - Dayton 27. Mai 1956

Elvis 1956 mit weiblichen Fans in Antjes Alter

Die Mutter – Paartherapeutin von Beruf – erklärt die Vorliebe ihrer Tochter mit einer kuriosen, aber irgendwie auch zu erwartenden präpuberterären Schwärmerei, während der auf Doughnuts und antiquarische Kursbücher abonnierte Vater keinen Hehl daraus macht, dass er Elvis für „Oma- und Spießermusik“ hält.

Die Versuche der Eltern, Antje für zeitgemäße, „fetzige Musik“ – ihrer Meinung nach Bruce Springsteen und Queen 😉 – zu begeistern, prallen ebenso an Antje ab wie die Lästereien der Schulkameraden über Antjes „Schmalzstullen und Schmalzschnulzen“. Nur die 6-jährige Schwester von Antje ist sozusagen neutral – so neutral, wie ein kleines Mädchen, das am liebsten Paartherapie spielt und ihren Urin in einem Einmachglas sammelt (großer Gott!) – laut paartherapierender Mutter ist sie gerade in ihrer „analen Phase“ – eben sein kann.

Antje ist das alles so ziemlich egal, hat sie doch eine Menge guter Gründe für ihr Fantum. Aufschlussreich ist dabei, wie Antje – beinahe zufällig – zum Elvis-Fan wird. Als sie mit einer Magen- und Darmgrippe ans Bett gefesselt ist, sieht sie eine TV-Dokumentation über das Leben und Sterben Elvis Presleys und identifiziert sich sofort mit dem Superstar. Ihre Anknüpfungspunkte: In den letzten Jahren seines Lebens verlor der King offensichtlich die Kontrolle über seinen Körper, wurde immer dicker – auch Antje fühlt sich zu dick – und es ging ihm im wahrsten Sinne des Wortes oft „zum Kotzen“ schlecht. Sofort deckt sich Antje bis zur Oberkante mit Elvis‘ Musik ein und findet heraus, dass der King beinahe für jede Situation den passenden Song parat hat, besonders wenn es sich um emotionale Verwicklungszustände handelt. Antje wird zum Megafan.

Besonders fasziniert ist die 15-jährige von der in der Dokumentation thematisierten Elvis-lebt-Verschwörungstheorie. Dass Elvis‘ Todestag – der 16. August – ihr Geburtstag ist, hält sie für ein Zeichen. Unbedingt will sie Elvis in Graceland, seinem Wohnsitz in Memphis/Tennessee, besuchen, denn sie ist fest überzeugt:

„Ich weiß, dass er mir etwas sehr Wichtiges sagen wird. Etwas, das mein Leben total verändert.“

Als die Eltern einen USA-Urlaub planen, sieht Antje, die sich aus allen familiären Diskussionen ausklinkt, indem sie Elvis über Kopfhörer genießt, ihre Stunde gekommen. Doch leider führt die Reise nicht nach Memphis, sondern in den Norden der USA, nach Michigan, wo die Eltern während ihres Studiums ein Auslandssemester verbracht haben. Und es kommt noch dicker für Antje: die Tochter einer befreundeten amerikanischen Familie soll den Besuch aus Deutschland begleiten. Und das, wo Antje Nelly nicht ausstehen kann, denn Nelly ist hübsch, schlank und angeblich ein Genie in der Schule.

Dass auch in Nellies Musterfamilie nicht alles stimmt, ahnt Antje zunächst nur, ebenso wie sie das Verhältnis ihrer Mutter zu dem außerordentlich charmanten Studienkollegen Tony – Tony ist so anders als Antjes Vater und sieht Antje auch viel ähnlicher… – nicht wirklich einordnen kann. Antje ist verwirrt – und da kann nur Elvis helfen. Das tut er auch: indirekt…

Antjes Reise nach Graceland

Die USA-Reise, die Antje auf Umwegen zu Elvis und letztendlich zu sich führt, kommt in Fahrt, als Antje einen ihrer ungeliebten Ausflüge allein mit ihrem auf Dunkin Doughnuts und antiquarische Kursbücher versessenen (nebenbei auch völlig mit seiner 15-jährigen Tochter überforderten) Vater unternimmt. Sie stellt nämlich plötzlich fest, dass sie mit ihrem Vater doch etwas gemeinsam hat. In einem Musikgeschäft ist Antje so begeistert von einer bestimmten Gitarre, dass sie, als sie sich unbeobachtet fühlt, erstmals traut, mit ihrer Neuentdeckung eine ganz eigene Interpretation von Elvis‘ Hit In The Ghetto anzustimmen. Zu ihrer ganz großen Überraschung fällt ihr Vater gekonnt in den Gesang ein – woher kennt der überhaupt den Song? – und kauft ihr spontan die teure Gitarre.

Elvis vor seinem Wohnsitz Graceland 1958

Elvis vor seinem Wohnsitz Graceland 1958 – Foto: Joseph Pirzada: Elvis Presleys Graceland Through The Years, 2012

Damit ist Antje Graceland bzw. dem, wofür Graceland hier steht: Antjes innerem Elvis, einen kleinen Schritt näher gekommen. Richtig Fahrt nimmt Antjes Reise nach Graceland aber erst auf, als die ungeliebte Nelly sich während eines Besuchs der Familie an den Niagara-Fällen absetzt. Es ist wieder einmal an Antje und ihrem überforderten Vater, Nelly zu suchen.

Die Mutter hält sich mit dem Hinweis, auf die 6-jährige kleine Schwester aufpassen zu müssen, wie so oft gekonnt raus aus der schwierigen Situation. Schnell ist klar, auch Antjes Vater ist für die Suche nicht wirklich zu gebrauchen – Antje setzt sich ihrerseits ab von der Familie und sucht Nelly nun auf eigene Faust, begleitet allein von ihrer neuen Gitarre.

Antje ahnt, wo sie Nelly findet wird. Von dem wenigen Geld, das sie bei sich hat, kauft sie sich ein Busticket, macht auf der Busfahrt die Bekanntschaft mit dem süßen, gleichaltrigen Jason, der ein ebenso großer Elvis-Fan ist wie sie (das gibt es also ;-)) und auf dem Weg nach Memphis ist, um dort am 16. August an einem Talentwettbewerb teilzunehmen. Antje ist seelig und ein bisschen verliebt. Doch zuerst muss sie Nelly finden, die sie im Erie State Park vermutet, wo die Familie auf einer ersten Etappe der USA-Reise einen Zwischenstopp eingelegt hatte.

Die letzte Etappe zu Nelly muss Antje trampen. Dabei begegnet sie erstmals dem „älteren Mann mit dem blauen Basecap“, der im Roman Elvis symbolisiert. Der freundliche ältere Herr fährt einen Pick-Up, hat einen Wackel-Elvis an der Windschutzscheibe und lacht, als Antje ihn fragt, ob er ein Elvis-Fan sei: „So etwas in der Art„, antwortet er und setzte die verwirrte 15-jährige an ihrem ersten wichtigen Ziel auf der Reise nach Graceland ab.

Nelly ist erst einmal gar nicht begeistert von der Ankunft Antjes. Doch schnell raufen sich die ungleichen Mädchen zusammen, als Nelly Antje mit der Aussage überrascht, dass sie mit ihr nach Graceland fahren möchte, wo sie pünktlich zum 16. August, Elvis‘ 30. Todestag und Antjes 16. Geburtstag eintreffen wollen. Der nun folgende Road-Trip – die Mädchen haben kein Geld, trampen, lernen Jungs kennen, trinken Alkohol, lassen unter Nellys Führung Essbares im Supermarkt mitgehen, werden beim Ladendiebstahl erwischt, ergattern durch Antjes Elvis-Imitation Bustickets für den „Elvis-Express“ und landen im Krankenhaus – lässt die ungleichen Mädchen tatsächlich zu Freundinnen werden. Und Antje erfährt etwas ganz Erstaunliches über sich von der scheinbar so selbstsicheren, dünnen Nelly, die erstmals zugibt an einer Essstörung (Bulimie) zu leiden:

„Ich finde es toll, wie Du immer alles durchziehst: alle Leute meinen, man muss dünn sein, aber du bist ‚fett‘. Alle finden Elvis uncool, aber du hörst nichts anderes. Du willst nach Graceland, also fährst du nach Graceland. Das ist konsequent.“

Auf ihrer letzten Etappe nach Graceland begegnen die Mädchen nun gemeinsam dem „älteren Mann mit dem blauen Basecap“. Erneut fährt er einen Pick-Up, hat einen Wackel-Elvis an der Windschutzsscheibe… und bringt die Mädchen ihrem Ziel ein entscheidendes Stück näher. Ob das Elvis ist? Antje ist sich nicht ganz sicher.

Antje trifft Elvis… und findet zu sich

Noch gerade rechtzeitig treffen die Mädchen am 16. August auf dem Gelände direkt gegenüber Graceland ein, wo der Elvis-Imitatoren-Gesangswettbewerb, von dem Antje von Jason erfahren hat, schon im vollen Gange ist. Antje und Nelly möchten noch mitmachen, haben sich aber nicht vorab angemeldet – schon scheint alles vergebens. Doch wie durch ein Wunder liegt dann doch eine Anmeldung für „Antje aus Deutschland“ vor.

Der 'Jungle Room', wo 1976 Elvis' letzte Aufnahmesessions stattfanden

Antje trifft Elvis in Gracelands ‚Jungle Room‘, wo 1976 Elvis‘ letzte Aufnahmesessions stattfanden

Antje nimmt – gesanglich begleitet von Nelly – an dem Wettbewerb mit ihrer Interepretation von In The Ghetto teil. Als sie plötzlich den „älteren Mann mit dem blauen Basecap“ im Publikum sieht, springt sie jedoch von der Bühne und läuft ihm nach mit den Worten: „Mr. Presley… Ich muss Sie sprechen, ich … ich brauche Sie„! Der Mann entfernt sich in Richtung des Eingangstors zu Graceland – und wie durch ein Wunder gibt es plötzlich keinen Verkehr mehr auf dem sonst vielbefahrenen Elvis Presley Boulevard, so dass Antje ihm durch das Tor ins Haus und direkt in den berühmten Jungle Room folgen kann.

Hier umarmt Elvis Antje und begrüßt sie mit den Worten „Hi Antje. Willkommen in meinem Zuhause„, so als hätte er wirklich auf sie gewartet. Doch als Antje ihn fragt, was er ihr denn sagen wolle, ist er erstaunt. Denn nicht sagen möchte er ihr etwas, sondern er möchte sie etwas für ihn ganz Wichtiges fragen:

„Es ist wegen meinem Tod. Ich würde gerne wiederkommen. Was meinst du, soll ich?“

Antje überlegt, sie denkt an ihre Schulkameraden, an die gefühlten „zwei komma fünf Milliarden Elvis-Imitatoren, an die Elvis-Song-Contests und Elvis-Karate-Wettbewerbe und an Elvis‘ Grab, das mit Blumen und Stofftieren überhäuft ist“ und es wird ihr klar, dass es wohl „eine Katastrophe für sie alle wäre, wenn Elvis wirklich zurückkäme„.

Besser nicht„, antwortet sie, während sie mitfühlend seine Hand nimmt, und er nickt verständnisvoll: „Das habe ich vermutet„. Als Antje ihn anschließend fragt: „Warum das Ganze„, antwortet er ihr geradeheraus: „Es war mir einfach nur alles zu viel. Die Touren, die Filme, die Fans. Ich brauchte eine Pause. Meinst Du, es war ein Fehler?“ „Nein„, antwortet Antje und denkt dabei an ihre eigene Situation, „manchmal muss man einfach weg„.

Als Elvis Antje verabschiedet mit den Worten: „Pass auf dich auf, Antje Schroder. You’re always on my mind„, ist klar, dass Antje erwachsen geworden und bei sich angekommen ist. Sie hat ihren „inneren Elvis“ gefunden. Das wird besonders deutlich, als sie wenig später auf ihre Familie, die nun auch endlich in Graceland eingetroffen ist, und ihren Freund Jason trifft. Jetzt sagt Antje erstmals ganz deutlich, was ihr nicht passt und was/wen sie mag. Sie zieht ihre Grenzen und erlebt, wie ihre Familie sie akzeptiert.

So ist es nur folgerichtig, dass Antje und Nellie zum Abschluss ihres Besuchs vom „Mann mit dem blauen Basecap“ den Preis „für den berührendsten Auftritt“ beim Gesangswettbwerb verliehen bekommen. Auf der Plakette, die Elvis Antje in die Hand drückt, steht das Motto von Jana Scheerers Roman: „I went to Graceland and discovered my inner Elvis/Ich bin nach Graceland gefahren und habe meinen inneren Elvis gefunden.

scheerer_innerer_elvis_buchcoverFazit: Jana Scheerers Mein innerer Elvis ist ein sehr lesenswertes, unterhaltsames, teilweise ungeheuer witziges und auf völlig unaufdringliche Weise  lehrreiches Buch, das Jugendliche und Erwachsene zugleich anspricht. Man muss auch längst kein eingefleischter Elvis-Fan sein, um Gefallen daran zu finden.

Elvis wird hier als literarisches Motiv eingesetzt, um den den Weg der jugendlichen Antje zur Entfaltung ihrer individuellen Persönlichkeit, ihrer Ablösung vom Elternhaus aufzuzeigen. Er ist Katalysator dieser Entwicklung, die erste Person, die Antje in einer wichtigen Angelegenheit, quasi auf Augenhöhe, um ihre Meinung fragt und ihr eben nicht – wie sie ja erwartet hatte – einfach etwas Wichtiges mitteilt. Von ihm fühlt sie sich verstanden.

Dieser Einsatz von Elvis als literarischem Motiv in der Jugendbuchliteratur ist kein Einzelfall: → Shelley Pearsall: All Shook Up → Robert Jüttner: Elvis verschwindet.

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