Elvis Presley: Guitar Man

Einer meiner Elvis-Lieblingssongs ist einer, den man auf den Hit-Zusammenstellungen des Memphis Flash eher vergeblich sucht: Guitar Man (1967). Kunststück, schließlich war Guitar Man zumindest chartmäßig zunächst kein Hit für den King – und ist es auf den zweiten Blick doch.

Guitar Man –  Elvis Sings Guitar Man, FTD 2011:

 

Die meisten werden den Song am ehesten mit dem legendären Comeback-Special ELVIS (1968) verbinden, wo er in einer abgewandelten Form das musikalische Grundthema, den erzählerischen roten Faden bildet: hier erzählt Guitar Man vom Aufstieg des Musikers zum Superstar, den Jahren in Hollywood und der musikalischen Wiederauferstehung nach langer Zeit der ausschließlichen Kinoleinwandpräsenz.

Elvis Presley im Comeback-TV-Special ELVIS 1968 - hier mit der Gibson seines langjährigen Lead-Gitarristen Scotty Moore

Guitar Man Elvis Presley im Comeback-TV-Special ELVIS 1968 mit der Gibson seines langjährigen Weggefährten und Lead-Gitarristen Scotty Moore

Guitar Man ist also vor allem auf der symbolischen Ebene ein Hit. Umso mehr, wenn man sich anschaut, wann und wie es tatsächlich zu Elvis‘ Aufnahme dieses Songs und seiner engen Zusammenarbeit mit Gitarrist und Songschreiber Jerry Reed kam.

Elvis, Guitar Man und das Comeback

Wenn von Elvis‘ Comeback Ende der 1960er die Rede ist, dann bezieht sich das meist auf das schon erwähnte TV-Special ELVIS, das Anfang Dezember 1968 in den USA beim Sender NBC auf Sendung ging und die satte Einschaltquote von 42 Prozent erreichte. Eigentlich startete das musikalische Comeback des Memphis Flash aber schon ein paar Jahre früher.

Elvis selbst sagte in einem Interview einmal, dass er sich schon 1965 entschloss, seiner Karriere, die Mitte der 1960er auf langfristige Hollywoodfilmverträge und die dazugehörigen Soundtrack-Alben beschränkt war, eine neue Wendung zu geben. Und das kommt zeitlich auch hin, blieb aber zunächst weitgehend unbemerkt, genauso wie der Song Guitar Man, der dabei eine Rolle spielte.

Wegen der vielen Kinofilme – in der Regel wurden in den 1960ern drei Elvis-Musicals pro Jahr produziert, dazu die entsprechenden Soundtrack-Alben und manches Mal noch zusätzliche Singles-, fehlten dem Flash über Jahre offenbar schlicht Muße und Energie für gute Studioalben. Elvis‘ eigentliche musikalische Karriere war somit zum Erliegen gekommen: zwischen 1962 und 1967 erschien kein neues Studioalbum, obwohl die Studioalben aus den frühen 1960ern (z.B. Elvis Is Back, His Hand In Mine) zu seinen besten zählten und durchaus erfolgreich gewesen waren. Der King war musikalisch also Mitte der 1960er nicht ernstzunehmend präsent – und das in einer Zeit, in der mit den Beatles, den Rolling Stones und Bob Dylan eine neue Generation die Musikszene eroberte.

Das und die stetig zunehmende Frustration über die abnehmende Qualität seiner Filme und der Soundtrack-Songs, die von Auftragskomponisten direkt auf die Drehbücher zugeschnitten wurden und die er zunehmend hasste (→ Elvis in Hollywood: Interview mit Paul Simpson) führten zu Elvis‘ Entschluss, Hollywood den Rücken zu kehren und musikalisch neu durchzustarten. Über seinen Frust in dieser Zeit sprach der King ungewöhnlich offen mit Robert Abel und Pierre Adidge, die ihn 1972 für ihren Dokumentarfilm Elvis On Tour interviewten:

Audio: Elvis Presley spricht über seine Filmkarriere (1972):

 

1966 gelang Mr. Presley der erste wichtige Schritt zur beschlossenen Kehrtwende – er nahm nach intensiver Vorbereitung und mit hohem künstlerischem Engagement das Gospel-Album How Great Thou Art auf, das 1967 veröffentlicht und mit einem Grammy in der Kategorie Best Sacred Performance ausgezeichnet wurde.

Dieses großartige Album, das scheinbar aus dem Nichts kommend plötzlich wie ein Fremdkörper mitten in der endlos erscheinenden Reihe immer ähnlicherer Soundtrack-Alben auftauchte, erreichte eine solide Chart-Platzierung (Rang 18 in Billboards Pop-Charts), ließ den Künstler Elvis Presley nach langem wieder richtig glänzen und fand naturgemäß einen Platz im Gospel-Segment des 68er-Comeback-Specials. Vor allem aber führte es bei Management und Plattenfirma zu der Erkenntnis, dass auf Studioaufnahmen künftig wohl besser nicht mehr verzichtet werden sollte, auch wenn weitere Soundtrack-Verpflichtungen zu erfüllen waren.

1967: Guitar Man – Studiosession mit Hindernissen

Dementsprechend setzte man für den 22. Und 23. August 1967 in RCA’s Studio A in Los Angeles eine Elvis-Aufnahmesession an, die zum einen immer noch fehlende Songs für das Soundtrack-Album Clambake einspielen sollte, aber eben auch Aufnahmen für ein neues Studioalbum.

Zum zeitlichen Kontext: Elvis hatte Clambake (dt. Nur Nicht Millionär Sein, lief nicht in deutschen Kinos, siehe Video mit Trailer oben) erst Ende April 1967 abgedreht, dann am 1. Mai schnell noch seine langjährige Freundin Nr. 1 – Priscilla Beaulieu – in Las Vegas geheiratet, bevor er im Juni/Juli 1967 die Dreharbeiten zu seinem 26. Spielfilm Speedway in Angriff nahm.

Trotz des zackigen Terminplans gab es auch für die in L.A. angesetzte Session intensive Vorbereitungen. Elvis selbst reichte – neben Vorschlägen seiner Musikverleger – eine umfangreiche Liste mit Songs ein, die er aufzunehmen gedachte. Darunter viele, die er bei späteren Aufnahmesessions in den 1960ern und 1970ern auch tatsächlich aufnahm: From A Jack To A King, The Fool, After Loving You, Pledging My Love, Baby What You Want Me To DoI’m 10,000 Years Old, Too Much Monkey Business, The Wonder Of You (live) und Guitar Man.

Man sieht anhand dieser Liste, dass Elvis Presleys Songauswahl und musikalische Ausrichtung gar nicht so zufällig und aus dem Moment heraus waren wie es oft schien. Mit so manchem Song ging er offensichtlich über Jahre „schwanger“, bevor er ihn dann – scheinbar völlig spontan, da für andere nicht nachvollziehbar – plötzlich tatsächlich auf ein Album bannte. Pledging My Love aus der Liste oben setzte er beispielsweise erst 1976 um (erschienen auf seinem letzen Studioalbum Moody Blue).

Trotz bester Absichten und guter Planung kam die August-Session in Los Angeles nicht zustande – sie wurde kurzfristig abgesagt. Grund unbekannt. Lange führte man die Absage auf einen schweren Autounfall zurück, den einer von Elvis Presleys Angestellten verursacht haben sollte. Dies hat sich aber neueren Recherchen zufolge als nicht richtig herausgestellt. Wie dem auch sei: Da ja immer noch die Vervollständigung des Clambake-Soundtracks, ein Studioalbum und außerdem für Oktober mit Stay Away Joe (dt. Harte Fäuste, Heiße Lieder) die Dreharbeiten für den nächsten Hollywoodfilm mit – wir ahnen es – dem entsprechenden Soundtrack ins Haus standen, wurde flugs für den 10. und 11. September 1967 eine neue Session angesetzt.

Elvis und Felton Jarvis im September 1967 in Nashville

Haben gut lachen: Elvis und Felton Jarvis im September 1967 in Nashville

Die fand allerdings im RCA-Studio B in Nashville statt und wird als die eigentliche Guitar Man-Session bezeichnet. Das passt, denn Guitar Man war neben Too Much Monkey Business auch der einzige Song aus Elvis’ ursprünglicher Liste, der es in diese Session schaffte. Erstaunlich, aber wahr.

Umso erstaunlicher, da einige der geplanten Songs später auf so großen Alben wie From Elvis In Memphis (1969) (→ Elvis: Back in Memphis) und Elvis Country (1971) landeten. Hat der Mann also schlicht „gebunkert“ für bessere Zeiten? Oder griff einfach nur wieder sein postuliertes Prinzip „I act strictly on intuition and impulse“, d.h. ich behalte mir jederzeit vor, alles doch wieder ganz anders als geplant zu machen? Wir wissen es nicht und können ihn leider auch nicht mehr fragen.

Jedenfalls fanden sich Anfang September 1967 im Studio B Elvis, Produzent Felton Jarvis, Toningenieur Jim Malloy, die Gitarristen Scotty Moore, Harold Bradley, Chip Young, ferner D.J. Fontana und Buddy Harman (Schlagzeug), Bob Moore (Bass), Floyd Cramer (Piano) Hoyt Hawkins und Charlie McCoy (u.a. Harmonika), Pete Drake (Steel Guitar), Boots Randolph (Saxophon), das Gesangsquartett → The Jordanaires und Sängerin Millie Kirkham ein.

Das klingt nach einer schlagkräftigen Truppe, die sich aber schnell als nicht schlagkräftig genug für Guitar Man erwies, zumindest nicht in den Ohren Elvis Presleys. Der hatte den Song erstmals im Original von Jerry Reed (eigentlich Jerry Reed Hubbard, 1937 – 2008) gehört, der sich damals hauptsächlich als Session-Gitarrist und Songschreiber in Nashville sein Geld verdiente. 1965 hatte ihn Elvis’ Plattenfirma RCA unter Vertrag genommen, wo er 1967 seinen Song Guitar Man, produziert von Country-Größe Chet Atkins, herausbrachte.

Es war Reeds erster Song, der überhaupt chartete, allerdings kam er nur auf Platz 53 der Billboard Country-Charts. Wie er die Idee zu Guitar Man bekam, beschrieb Jerry Reed in einem Interview so:

Jerry Reed

Guitar Man Jerry Reed

“I was a studio musician for a few years when I moved to Nashville. I made my living playing guitar on sessions ‘cause I’m a picker. I’ m a much better picker than I am a singer. […] I’ m a finger picker and I’m always looking for new sounds. I found this guitar lick that was just a lot of fun to play. I was playing the bass part on the bass string and I was doing a rhythm lick on the second and third string. Boy, you put them together and it sounded like a party. So I started writing ‘Guitar Man’. The lyrics of ‚Guitar Man‘ are about all the guitar players. A lot of people in my neck of woods had to struggle around to become recognized. It’s a make-believe story but it sort of touches what you go through as a guitar player.”

Zitiert nach Ken Sharp: Writing For the King, FTD Books 2006

Jerry Reed war außerdem mit Elvis’ Produzent Felton Jarvis gut bekannt und will sogar seine Hände im Spiel gehabt haben, als dieser Mitte der 1960er von ABC Records zu RCA wechselte, wo er  seinen persönlichen Traumjob von Chet Atkins ergatterte: die Leitung der Aufnahmesessions Elvis Presleys. Diese Gemengelage führte jedenfalls dazu, dass Elvis früh Kenntnis von Reeds Guitar Man erlangte, der ihn gerade wegen des besonderen Gitarrenspiels faszinierte. Und das hatte es in der Tat so in sich, dass es die etablierten Nashville-Gitarristen Anfang September 1967 einfach nicht hinbekamen.

Schnell war klar, das kann nur Jerry Reed – ergo versuchte man, ihn in Elvis’ Auftrag aufzutreiben. Der gute Jerry hatte sich aber ein paar Tage freigenommen und war mit seiner Familie zum Angeln gefahren. Dort machte man ihn irgendwie ausfindig und Jerry – ein witziger Typ und echtes Original – fand sich kurz darauf reichlich unfrisch, quasi noch in seinen Anglerklamotten, im Studio B in Nashville wieder, wo ein amüsierter Elvis mit Felton und den restlichen Musikern auf ihn wartete. Hier erzählt Jerry Reed selbst von dieser ersten Elvis-Session:

Doch ganz so lustig und entspannt, wie Jerry hier erzählt, war die Sache dann aber doch nicht für ihn von Anfang an. Anhand der Aufnahmen aus dieser Session, die vom Sammlerlabel Follow That Dream (FTD) auf Elvis Sings Guitar Man 2011 veröffentlicht wurden, kann man ganz gut hören, dass Jerry offensichtlich so nervös war, dass er sein eigenes Gitarrenspiel nicht auf Anhieb hinbekam:

Die ersten Versuche – FTD Guitar Man

1-16 Guitar Man (Takes 1-2, 5)

Gut Ding will Weile haben…

Ein paar entscheidende Takes später – FTD Guitar Man

11 Titel 11 17

Hört sich doch schon ganz gut an – FTD Guitar Man

12 Titel 12 17

Mit Take 12 hatten sie dann eine dynamisch-knackige Country-Nummer mit R&B-Feel im Kasten, die sich himmelweit von Elvis’ Soundtrackaufnahmen dieser Zeit unterschied. Und der King war nach langem wieder mit richtig viel Spaß bei der Sache. Da man so gut harmonierte, blieb Jerry gleich noch für die Aufnahmen von Big Boss Man, auch wurde er Anfang 1968 für eine weitere Aufnahmensession verpflichtet, bei der Elvis Presley seinen Song U.S. Male aufnahm.

Wenn die Zusammenarbeit im Aufnahmestudio danach auch endete, nahm Elvis in den 1970ern dennoch mit Talk About The Good Times und A Thing Called Love zwei weitere Reed-Songs auf – aber dazu ein andermal mehr ;-). Und Reed selbst feierte Soloerfolge – zunächst mit seinem Elvis Presley gewidmeten Song Tupelo Mississippi Flash, später u.a. mit When You’re Hot, You’re Hot, für den er 1972 einen Grammy-Award für Best Country Vocal Performance erhielt. Reed war zudem auch als Schaupieler aktiv und hatte in den 1970ern eine eigene TV-Show.

Gar nicht so erfolgreich hingegen war Elvis Presleys und Jerry Reeds gemeinsame Version von Guitar Man, die als Single-A-Seite mit dem bluesigen Hi(gh) Heel Sneakers (ohne Reed)…

Erster Versuch zu High Heel Sneakers – FTD Guitar Man

21 Titel 21 12

Noch einmal High Heel Sneakers ein paar Takes später – FTD GM

22 Titel 22 11

… aus derselben Session veröffentlicht wurde.

SingleCover_GuitarMain_HighHeelSneekersObwohl die Kopplung von  Country mit R&B auf Elvis’ erfolgreiche Anfänge bei SUN Records verwies und dennoch einen modernen Sound hatte, kam Guitar Man Anfang 1968 nur auf Platz 43 in Billboards HOT 100 (Quelle: Joel Whitburns Chartstatistiken). Irgendwie schade.

Allerdings hatte man Guitar Man zuvor ja auch schon als Füller für das vermaledeite Soundtrack-Album Clambake missbraucht, das bereits im Oktober 1967 veröffentlicht worden war (arrgh). Dort fällt der Song so aus dem Rahmen, das einem dazu wirklich gar nichts mehr einfällt.

Jerry Reed: Guitar Man

Aber schließlich wurde Guitar Man doch noch ein Nummer-1-Hit: Anfang der 1980er nämlich. Allerdings war das eine Version, bei der Elvis’ Stimme vom Original mit einem neu von Jerry Reed eingespielten Gitarrenpart kombiniert wurde. Dieser Remix von Guitar Man kam 1981 auf Platz 1 der Billboard Country-Charts in den USA und war auch in Europa erfolgreich. Hier ist Jerry Reed selbst mit einer späteren Version von Guitar Man (1984) zu hören:

Da bekommt man doch gleich Lust mitzusingen, oder?

Well, I quit my job down at the car wash,
Left my mama a goodbye note,
By sundown I’d left Kingston,
With my guitar under my coat,
I hitchhiked all the way down to Memphis,
Got a room at the YMCA,
For the next three weeks I went huntin‘ them nights,
Just lookin‘ for a place to play,
Well, I thought my pickin‘ would set ‚em on fire,
But nobody wanted to hire a guitar man.

Well, I nearly ‚bout starved to death down in Memphis,
I run outta money and luck,
So I bought me a ride down to Macon, Georgia,
On a overloaded poultry truck,
I thumbed on down to Panama City,
Started pickin‘ out some o‘ them all night bars,
Hopin‘ I could make myself a dollar,
Makin‘ music on my guitar,
I got the same old story at them all night piers,
There ain’t no room around here for a guitar man
We don’t need a guitar man, son

So I slept in the hobo jungles,
Roamed a thousand miles of track,
Till I found myself in Mobile Alabama,
At a club they call Big Jack’s,
A little four-piece band was jammin‘,
So I took my guitar and I sat in,
I showed ‚em what a band would sound like,
With a swingin‘ little guitar man.
Show ‚em, son

If you ever take a trip down to the ocean,
Find yourself down around Mobile,
Make it on out to a club called Jack’s,
If you got a little time to kill,
Just follow that crowd of people,
You’ll wind up out on his dance floor,
Diggin‘ the finest little five-piece group,
Up and down the Gulf of Mexico,
Guess who’s leadin‘ that five-piece band,
Well, wouldn’t ya know, it’s that swingin‘ little guitar man…

1 Antwort

Trackbacks & Pingbacks

  1. […] Schon sind wir mitten drin in den beiden Aufnahmesessions, aus denen die FTD Stay Away, Joe zusammengestellt ist, nämlich die Sessions vom 1. Oktober 1967, also kurz vor Drehbeginn des Films (Dreharbeiten: Mitte Oktober bis Ende November 1967), und der interessanteren vom 15. + 16. Januar 1968, nämlich der 2. Aufnahmesession mit → Guitar Man Jerry Reed. […]

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Kommentar verfassen