Helmut Radermacher im Interview

Helmut Radermacher (* 1943) ist seit über fünf Jahrzehnten einer der bekanntesten deutschen Elvis-Kenner und -Aficionados. Der Düsseldorfer, der heute in Coburg lebt,  hatte lange erfolgreich eine eigene Band, gründete 1958 den ersten Elvis-Fanclub in Deutschland, war 1978 Mitbegründer und langjähriges Vorstandsmitglied der Elvis Presley Gesellschaft, ist leidenschaftlicher Elvis-Sammler und zeichnete jahrelang als freier Berater von Elvis Presleys Plattenfirma für erfolgreiche LP-Veröffentlichungen in Deutschland verantwortlich. Helmut ist sozusagen der deutsche Ernst Jørgensen (→ zu Jorgensen u.a.: Elvis Presley – A Boy From Tupelo).

Wer hat die schönste Tolle? Das könnte richtig knapp werden für den King! Helmut Radermacher neben einem besonders seltenen großformatigen Filmplakat zu G.I. Blues (Café Europa) Anfang der 1960er; Foto: Radermacher

Heute gibt Helmut Radermacher in Eigenregie ein vereinsunabhängiges Fanmagazin – Golden Boy Elvis – heraus, hat sich als Buchautor u.a. mit dem Großen Elvis Presley Filmbuch einen Namen gemacht, arbeitet als DJ und führt deutsche Reisegruppen an die vielen Elvis-Kultstätten in den USA (→ Von New York nach Graceland 2013). The Memphis Flash hat Helmut Radermacher, einen der treuesten, kenntnisreichsten und sympathischsten Fans des King, interviewt.

Die Tolle ist weg, aber die Elvis-Leidenschaft ist ungebrochen: Helmut Radermacher beim 6. Elvis-Weekend in Bischofsgrün im November 2012; Foto: The Memphis Flash

The Memphis Flash: Helmut, viele Elvis-Fans haben ein besonderes Erlebnis, sozusagen ein Schlüsselerlebnis, durch das sie zu großen Fans wurden. Wie und wann war das bei Dir?

Helmut Radermacher: Ich bekam 1956 zu Weihnachten zwei Schellackplatten von meinem Onkel geschenkt. Beide waren von Elvis, nämlich: Love Me Tender/Anyway You Want Me und Shake, Rattle And Roll/Lawdy Miss Clawdy. Erstmals hatte ich, hatten alle, die so dachten wie ich, eigene Musik. Es war um mich geschehen.

Hörprobe ‘Lawdy Miss Clawdy’ Young Man With The Big Beat-Boxset

Kopie von 1-16 Lawdy, Miss Clawdy

The Memphis Flash: Was die liebe Verwandtschaft so alles anrichtet ;-). Bei Heinrich Detering (→ Interview mit Heinrich Detering) war es die Tante, die mit einem musikalischen Geschenk eine große Leidenschaft startete.

Fan Radermacher vor seiner Elvis-Sammlung 1961

Helmut Radermacher: Ja, ich bin meinem Onkel auch sehr dankbar. 1958 habe ich dann den 1. Elvis-Fan-Club in Deutschland gegründet. Der Anlass war die Nachricht in der BRAVO: Elvis kommt nach Deutschland.

The Memphis Flash: Die Aussicht, G.I. Elvis im eigenen Land zu haben, muss ziemlich aufregend für Dich gewesen sein?

Helmut Radermacher: War es. Zwar lebe ich schon lange Jahre in Coburg, bin aber in Köln geboren und in Düsseldorf aufgwachsen. Als Elvis nach Deutschland kam, war ich noch Schüler, ging aufs Gymnasium, das direkt auf der Düsseldorfer Königsallee lag. Nach Schulschluss, also so ab 13 Uhr, besuchte ich alle großen Filmfirmen, die dort ihre Niederlassungen hatten.

The Memphis Flash: Ah, ich seh’ schon. Daher kommt Deine Leidenschaft für den Film, besonders für Elvis-Filme?

Helmut Radermacher: So bekam ich beste Kontakte zu Filmfirmen wie Centfox, MGM und besonders zu Paramount. Als die erfuhren, dass ich den ersten Elvis Fanclub in Deutschland hatte, standen die Türen für mich offen. Ich bekam alle Kinoaushangfotos, Filmplakate, alle Werbungen und eines Tages sogar den Trailer zu King Creole (→ King Creole Frame by Frame) geschenkt. Den Film habe ich sogar exklusiv mit ein paar Freunden im Privatkino der Paramount sehen können. Toll. Eines Tages meinte der Chef bei Paramount, er wolle mich mit zu Elvis nach Frankfurt nehmen, man führe dort Gespräche über einen neuen Film über seine Armeezeit.

The Memphis Flash: Dabei handelte es sich um G.I. Blues bzw. Café Europa von 1960, der in Deutschland spielt?

Helmut Radermacher: Genau. Aber leider ließen meine Eltern mich nicht mit einem “fremden Mann” mitgehen. Das kannte ich ähnlich schon, denn ich wollte Elvis mal in Bad Nauheim (→ Auf den Spuren von Elvis in Bad Nauheim) besuchen, wo er ja während seiner Stationierung wohnte, durfte aber nicht. Das war damals so für einen ca. 15- bis 16-jährigen Jungen. Eine riesige Enttäuschung war es trotzdem.

The Memphis Flash: Das heißt, Du bist Elvis nie persönlich begegnet?

Helmut Radermacher: Leider nein. Aber für G.I. Blues (Café Europa) durfte ich wenigstens Werbung machen. Ich bekam Tausende von Flyern, die für den Besuch des Films warben. Und für mich gab es dafür so viele kostenlose Eintrittskarten, wie ich wollte. Den Film sah ich in den ersten Tagen mehr als ein Dutzend Mal.

Deutsches Kinoplakat von Café Europa alias G.I. Blues (1960); aus Radermacher: Das große Elvis Presley Filmbuch

In der Nähe des Gymnasiums gab es auch eine Firma, die belieferte alle Kinos mit den Filmprogrammen.

Werbeanzeige für Kinobetreiber im deutschen Branchenblatt Filmecho Nr. 96 v. 30.11.1960: Café Europa kam in Deutschland zu Weihnachten ins Kino; Abb. Radermacher: Das große Elvis Presley Filmbuch

Der Verwalter mochte mich. So durfte ich raussuchen, was ich wollte. Diese Programme plus “frivole”, gemalte Filmplakate mit den – für die Verhältnisse der 1950er-Jahre – freizügigen Motiven ließen sich gut tauschen. Für ein paar davon bekam ich meine erste Gitarre.

Flyer mit der Vorstellung des deutschen Kinowerbematerials für Café Europa / G.I. Blues; Abb. aus Radermacher: Das große Elvis Presley Filmbuch

The Memphis Flash: Der King hat dann also irgendwie auch Deine eigene musikalische Karriere gestartet?

Helmut Radermacher: Kann man so sagen. Trotz fast blutiger Finger vom Üben, ich wollte es lernen. Ein Freund von gegenüber hatte auch eine Gitarre. Wir sahen uns ab sofort fast täglich. Es folgten erste Auftritte zu zweit, ein Schlagzeuger schloss sich uns an, bald war die Band komplett.

The Memphis Flash: Wie war der Name Deiner Band?

Helmut Radermacher: Scotty & The Silver Strings.

The Memphis Flash: Scotty nach Elvis’ erstem Gitarristen Scotty Moore?

Helmut Radermacher: Richtig. Repertoire war natürlich Elvis und Co. Ich als Scotty “Hel Rader”, auch anfangs als “deutscher Elvis”, aber eben anders als Ted Herold alles in Englisch. Wir kamen so gut an, dass wir schnell Profis wurden. Ich kümmerte mich um Anschluss-Engagements, erst in Düsseldorf, danach waren wir jeden Monat in einer anderen Stadt, inklusive herrlicher Auftritte in NCO-Clubs für die amerikanischen Soldaten, u.a. in Kaiserslautern.

Scotty (Mitte) & The Silver Strings in Bamberg 1963; Foto: Radermacher

Helmut Radermacher bei einem Auftritt mit den Silver Strings 1963; Foto: Radermacher

Wir spielten auch täglich, im Schnitt sogar acht Stunden, am Sonntag meist noch zusätzlich am Nachmittag. Harte Arbeit, aber nur so bekommt man Routine. Ein blöder Vergleich, aber ich stand so länger am Stück auf der Bühne als Elvis. Was für ein Gefühl. Ich sang Elvis’ Songs und die anderer, deren Platten ich mir erst vor ein paar Jahren selbst zugelegt hatte. Ich war plötzlich selbst ein Rock-Star!

The Memphis Flash: Und Du kamst in die Bildzeitung?

Richtig. 1964 folgten dann TV-Auftritte, Radio- und eigene Schallplattenaufnahmen.

Plattencover ‘Shake The Last Dance For Me’ von Scotty & The Silver Strings, 1964 – das Cover lässt keinen Zweifel: die Beat-Ära mit dem großen Vorbild der Beatles dominierte den musikalischen Zeitgeist

http://youtu.be/0EaRsBf06PA

Und die BILD titelte 1966: Der Sänger mit den längsten Haaren Europas.

Laut BILD der Sänger mit den längsten Haaren in Europa: Helmut Radermacher 1966; Foto: Radermacher

The Memphis Flash: Ich finde, die Frisur steht Dir ;-). 1961 hast Du auch die Beatles live in Hamburg gesehen?

1961 war ich mit meinem Freund und späteren Gitarristen Billy unterwegs in Deutschland, dabei auch acht Tage Zuschauer bei den noch unbekannten Beatles in Hamburg im TOP TEN, wo sie drei Monate spielten – damals noch in der alten Besetzung, dazu als Begleitband für Tony Sheridan.

Helmut erzählt von seiner Begegnung mit den Beatles 1961

Tony war später ein guter Freund von mir, ich besorgte ihm Auftritte, sagte ihn an, war mit ihm in London und Liverpool unterwegs.

Erinnerungen an die Beatles: Helmut Radermacher (rechts) mit Tony Sheridan (links) auf dem berühmten Zebrastreifen in der Abbey Road 1999; Foto: Radermacher

mehr von Helmut Radermacher und dem Soundtrack seines Lebens im Teil 2 des Interviews!

10 Antworten
  1. Hansjörg Wagner
    Hansjörg Wagner says:

    Hallo!
    Erinnere mich als die Silver Strings in Freiburg im Casino auftraten, da war ich grad 17 jahre alt. Sonntags zum tanztee. War immer Klasse.

    Antworten
    • memphisflash
      memphisflash says:

      Damit bist Du nicht allein, Hansjörg. Mit Helmut und The Silver Strings verbinden immer noch viele Leute eine gute Zeit. Kann für eine Band wohl kaum ein größeres Kompliment geben nach so langer Zeit.

      Antworten
  2. patricia
    patricia says:

    Hallo Jutta, der Helmut ist wirklich ein ganz besonderer, sehr sympathischer und im besten Sinne leidenschaftlicher Fan. Er macht wirklich Lust auf Elvis! Obwohl Gruppenreisen ja eigentlich nicht so mein Ding sind, überlege ich jetzt auch, eine Reise mit zu machen ;-). patricia

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  3. Jutta Chmielnik
    Jutta Chmielnik says:

    Das ist einfach nur spitze. Wie gut das es den Helmut Radermacher gibt. Ich bin nicht nur ein sehr großer Elvis Fan sondern auch ein großer Helmut Fan. Man muss ja auch lebende Idole haben. Kenne Helmt von RSH und Radio Nora und den Oldie Nächten in der Kalkbergarena aus Bad Segeberg.Die Kalkberarena ist was ganz besonderes, wo man sich immer im Mai zu den Oldie Nächte traf.Januar 2015 zum 80 Geburstag von Elvis fliege ich wieder mit der Gruppe nach Memphis und Tupolo. Das ist das 2 Größte für mich bei meinen Idol zum 80 dabei zu sein. L.G von Jutta aus Bad Oldesloe.

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