Aloha: Welcome to my World – Welcome to the Promised Land

„Reine Unterhaltung, keine Botschaften“, betonte Elvis Presley bei der Ankündigung seiner Show der Superlative Aloha From Hawaii (1973), die hochgerechnet mehr als eine Milliarde Menschen auf diesem Planeten gesehen haben sollen (zur Diskussion um Übertragung und Einschaltquote → Elvis Aloha From Hawaii).

Volles Rohr Jungs: Elvis Presley dirigiert seine Band beim Aloha-Konzert, 14. Januar 1973

Klingt irgendwie eine Spur zu harmlos, das mit der reinen Unterhaltung. Steckte am Ende nicht doch mehr dahinter? Ja und nein. Tatsächlich verstand sich Elvis Presley in erster Linie als Unterhaltungskünstler, als jemand, dessen vorrangiges Ziel es war, Menschen durch seine Musik glücklich zu machen, wie er u.a. bei seinem Besuch im Weißen Haus Ende 1970 und seiner Dankesrede zur Verleihung des Jaycee-Awards im Januar 1971 (→ Aloha From Hawaii: die Botschaft) betonte.

Musik, die Menschen berührt und ihnen etwas bedeutet, Musik, die das Herz trifft (und manchmal auch Körperregionen eine Etage tiefer),  hatte für den King of Rock ’n‘ Roll einen Wert an sich und musste sich nicht erst durch bedeutungsschwere, intellektuell verbrämte, „trockene Botschaften“ legitimieren. Bloß keine Reden auf der Bühne schwingen, keine Predigten von der Kanzel, so sein Motto.

Mit seinem direkten Bekenntnis zu Musik als Zerstreuung im Alltag (→ Elvis‘ Zitat des Lieds „Without A Song/Ohne ein Lied“) wollte er sich offensichtlich deutlich von einer Musikergeneration absetzen, die damals – in Zeiten des Vietnamkriegs, der Bürgerrechtsbewegung, der Studentenproteste und der Frauenbewegung – offen politisch motiviert war. Und dies obwohl Elvis Presley privat Politik und Zeitgeschehen genau verfolgte und dort auch gerne Stellung bezog. Doch eine vordergründige Politisierung von Musik lehnte er für sich ab, was er einmal mehr in der Pressekonferenz zu seinen Konzerten im Madison Square Garden im Juni 1972 (→ Box-Set Prince From Another Planet) deutlich machte.

Elvis Presley auf seiner Pressekonferenz in New York, 9. Juni 1972

Keine Predigten von der Kanzel hieß für den Mann aus Memphis aber keineswegs, dass man nicht auch durch Unterhaltung, durch die emotionale Ansprache des Publikums indirekt eine bestimmte Wirkung erzielen konnte, eine Wirkung, die gerade weil sie nicht in erster Linie auf den Intellekt zielt, eine umso größere Wucht entfalten kann. Schließlich hatte er genau so in den 1950ern mit Rockabilly und Hüftschwung unbeabsichtigt eine Kulturrevolution losgetreten, die ihn von Memphis aus geradewegs in die Geschichtsbücher der Nation katapultierte.

Und in den 1970ern? Indem Elvis ausgerechnet Gospels in Sin City alias Las Vegas auf die Bühne brachte, indem er die weiße Mittelschicht Amerikas in ihrem Tin-Pan-Alley-Unterhaltungseldorado – sozusagen in der Höhle des Löwen – mit einem individuellen Mix „unterschiedlicher amerikanischer Musikidiome“, wie Heinrich Detering es nennt  (→ Zitat Heinrich Detering: Der Schamane in Las Vegas), einfach „nur unterhielt“, gelang es ihm einmal mehr über das Medium der Musik und der symbolträchtigen Selbstinszenierung sein Publikum mit den Traditionen ihrer von Gegensätzlichkeiten geprägten Kultur auszusöhnen: Schwarz mit Weiß, Nord mit Süd, Männer mit Frauen, Sakral mit Säkular, U- mit E-Musik… eine teilweise ziemlich abgefahrene Form der gesungenen Integration also.

Auch das ausländisches Publikum, das in den 1970ern aus aller Herren Länder nach Las Vegas pilgerte, um den König live zu erleben, war empfänglich für diese Form des  Unterhaltungsprogramms, das unterhaltend war und dennoch auf eine schwierig zu benennende Art und Weise mehr bot als das. Die „Botschaft“, die keine sein wollte, ließ sich nicht so leicht definieren, damit auch nicht „wegdiskutieren“  –  und gerade darin lag ihre Stärke. Ein sehr erfolgreiches Konzept, das viele Menschen erreichte: Elvis Presleys Konzerte in Las Vegas und auf Tournee durch die USA waren stets ausverkauft.

Diese indirekte Präsentation einer Vorstellung, die eher mit symbolträchtiger Tat als mit Reden arbeitet, war wohl auch gemeint, als Elvis seinen Präsidenten bei seiner Stippvisite im Weißen Haus wissen ließ:

 „Ich mache die Dinge auf meine eigene Weise, Herr Präsident. Ich halte keine Reden auf der Bühne. Ich erreiche sie [die Menschen] auf meine Art.“

Elvis Presley zu Richard Nixon, 21. Dezember 1970

Kein Wunder also, dass der King zwei Jahre nach diesem Treffen auch sein Konzert der Superlative, Aloha From Hawaii, ganz auf „seine Art“ anging. Bis auf einige Konzerte in Kanada 1957 ist Elvis Presley nie außerhalb der Vereinigten Staaten aufgetreten – auch deswegen genießt das „Welt-Konzert“ Aloha From Hawaii eine Sonderstellung.

American Bald Headed Eagle: symbolträchtige zweite Haut

Seine Überzeugung, dass ein Konzert vor allem ein sinnliches Erlebnis ist, bei dem es nicht nur ordentlich was zu hören, sondern auch zu schauen geben muss (Entertainment!),  sonst können die Leute ja gleich zuhause vorm Plattenspieler sitzen bleiben, verband Mr. Presley im Herbst 1972 mit einem besonderen Auftrag für seinen Kostümdesigner Bill Belew.


Mit Bill Belew hatte Elvis nach seiner Rückkehr auf die Konzertbühne Ende der 1960er das Konzept des Jumpsuits als maßgeschneidertes Bühnenkostüm entwickelt – die Idee des Jumpsuits – ein oft weißer Einteiler mit tiefem V-Ausschnitt, hohem, napoleonischem Kragen, weit ausgestellten Hosenbeinen, komplettiert durch einen passenden Gürtel und von 1971 bis 1973 ein Cape – war dabei zunächst an die Karate Ghis angelehnt, die Elvis bei seinem Lieblingssport trug.

Die Jumpsuits waren zu Beginn sparsam dekoriert, hatten Sie doch vor allem einen praktischen Zweck: Sie sollten Bewegungsfreiheit bei der sehr dynamischen Bühnenshow gewährleisten, ohne zu verrutschen.

Bei einem Telefonat im Herbst 1972 ließ der King seinen Designer jedoch wissen, dass er für das anstehende Aloha-Konzert ein ganz besonderes Design für sein Bühnenkostüm wünsche – ein Design, dass für die Welt AMERIKA! symbolisiere.

Zu diesem Zeitpunkt arbeitete Bill Belew bereits mit dem jungen, kreativen Designer Gene Doucette zusammen, der sich auf Stickereiarbeiten spezialisiert hatte. An ihn reichte Belew den Auftrag weiter. Doucette machte sich an die Ideenfindung und entwickelte schließlich das Design des wohl berühmtesten Jumpsuits überhaupt: den American (Bald Headed) Eagle. Dieser Jumpsuit für das Aloha-Konzert mit dem reich geschmückten Weißkopfadler-Design leitete die Phase der besonders symbolträchtigen Bühnenkostüme Elvis Presleys in den 1970ern ein (→ Der Schamane in Las Vegas – Interview mit Heinrich Detering).

Der Weißkopfadler ist seit 1782 das Wahrzeichen der Vereinigten Staaten von Amerika und findet bis heute als Symbol weite Verbreitung im täglichen Leben, u.a. auf den Münzen der amerikanischen Währung. In dem majestätischen Adler mit seinen eindrucksvollen Schwingen sahen die Urväter der amerikanischen Nation Freiheit, Stärke, Langlebigkeit und Autorität ihres Landes symbolisiert.

Symbolträchtiges Bühnenkostüm – der ‚American Bald Headed Eagle‘

Elvis Presley war offensichtlich mit der Realisierung seines Auftrags an die Designer in Form des American Bald Headed Eagle sehr zufrieden, denn er bestellte sich gleich 2, fast deckungsgleiche maßgeschneiderte Jumpsuits mit passendem Gürtel und einem zunächst bodenlangen Cape für seine zwei Aloha-Shows. Das bodenlange Cape erwies sich schnell als nicht praktikabel, es war einfach zu schwer, und wurde vor der Show der Superlative gegen ein hüftlanges ersetzt. Auch der Gürtel musste ersetzt werden, da der King das gute Stück spontan an den Schauspieler Jack Lord verschenkt hatte.

Den ersten der beiden Jumpsuits trug Elvis Presley bei der Probenshow am 12. Januar 1973 (auch bekannt als The Alternate Aloha) und später in Las Vegas sowie auf Tournee, den zweiten, etwas engeren ausschließlich bei dem eigentlichen Konzert vom 14. Januar 1973, er bewahrte ihn danach als Erinnerung in Graceland auf, wo man ihn heute wieder – nach dem Tod seines Besitzers war er für einige Zeit in andere Hände gekommen –  besichtigen kann.

Eindrucksvoll umgesetzt war der Auftrag des Memphis Flash im Design des Bühnenkostüms in der Tat. Das Wahrzeichen Amerikas – der Weißkopfadler – findet sich groß auf Brust und Rücken, kleiner auf den Ärmeln, den Hosenbeinen und dem Gürtel des Einteilers, wo es sich jeweils mosaikartig aus einer Vielzahl vor allem roter, blauer, silberner und goldener Steine verschiedener Art, Größe und Form zusammensetzt.

Manche der Steine sind aus Strass, andere wieder nicht, ergänzt werden sie von goldenen und silbernen Sternen um die Adler herum. Die Sterne symbolisieren offenbar den Himmel, den Lebensraum des Königs der Lüfte, während die Steine, aus denen sich der Adler zusammensetzt, mit ihren unterschiedlichen Größen, Farben und Formen für die Vielseitigkeit der Nation selbst stehen.

Das Cape: der amerikanische Adler breitet seine Schwingen aus

Besonders prachtvoll realisiert ist die Adler-Symbolik auf dem zum Jumpsuit gehörenden Cape, mit dem Elvis Presley den eindrucksvollen Schlusspunkt seines Aloha-Konzertes setzte: mit dem Öffnen des Capes breitete der Adler seine Schwingen aus, mit dem Wurf des Capes setzte der König der Lüfte  zum Flug an, segelte majestätisch durch die Luft – und landete sicher im Ziel, dem Publikum. Eine starke symbolische Geste, aber keine Angst – alles nur reine Unterhaltung ;-).

Damit wird irgendwie auch die häufig gestellte Frage beantwortet, wieso der King bei seinem Aloha-Konzert so ungewöhnlich „staatstragend“ und majestätisch über Marty Pasettas überdimensionale Bühnenkonstruktion schritt (zur Bühenkonstruktion → Aloha From Hawaii auf ARTE) und nur sehr verhalten die für ihn typische Bühnendynamik zum Einsatz brachte: der Mann repräsentierte hier die Vereinigten Staaten von Amerika!

Auffällig und bezeichnend zugleich ist, dass die Symbolik des Adlers als Wahrzeichen der Nation bei Aloha From Hawaii ganz auf die Person Elvis Presleys beschränkt blieb, sie fand sich nirgendwo sonst in der Präsentation des Mega-TV-Events, nicht im Bühnendesign, nicht in der Kleidung der Musiker und Backgroundsänger. Elvis Presley hatte sie zu einer ganz persönlichen Angelegenheit gemacht, sie sich quasi „angezogen“ und präsentierte sie nun wie eine zweite Haut: symbolträchtige Selbstinszenierung vom Feinsten.

Mit ihr schickte Elvis Presley seine in der Rede anlässlich der Auszeichnung als einer der „10 bedeutendsten jungen Männer Amerikas“ (→ Jaycee-Award) geäußerte Überzeugung um die Welt, seine persönliche Geschichte vom armen Jungen aus Tupelo/Mississippi, der nun vor einem internationalen Millionenpublikum auftritt, sei ein Beleg dafür, dass der amerikanische Traum von Freiheit, Selbstbestimmung und Erfolg lebendig ist – trotz aller Probleme. Und gerne teilte er diese Vision mit der Welt: Cape und Gürtel seines Bühnenkostüms, das nicht von ungefähr auch an bekannte Supermann-Comic-Helden (Captain Marvel Jr.) erinnert, flogen am Ende des Konzerts ins Publikum.

Aloha: An American Trilogy

Das Kostüm passte also perfekt zur Inszenierung, aber wie sah es mit dem musikalischen Programm aus? Da wird es schwieriger, denn das TV-Special sollte auch ein Live-Doppelalbum hervorbringen, dass möglichst wenig Überschneidungen mit dem Programm der Kino-Dokumentation Elvis On Tour und dem Album Elvis As Recorded At Madison Square Garden – beides war erst kürzlich erschienen – aufwies und trotzdem ein richtiges Elvis-Album war.

Andernfalls hätten Live-Alben, Dokumentation und TV-Event sich in der Publikumswahrnehmung und damit auch in ihrem Unterhaltungswert ordentlich gegenseitig behindert. Erschwerend kam hinzu, dass die Satellitenshow punktgenau nicht länger und auch nicht kürzer als 1 Stunde dauern sollte, da war eine gute Planung unabdingbar. Als sich bei der Probenshow am 12. Januar herausstellte, dass die bis dahin geplante Show zu kurz war, ergänzte Vollprofi Elvis kurzerhand zwei Songs (Johnny B. Goode und das Medley Long Tall Sally/Whole Lotta Shakin‘ Goin‘ On), damit es passte.

Wenn man die Songliste von Elvis As Recorded At Madison Square Garden, das Album erschien im Juni 1972, mit der des Aloha-Doppelalbums Elvis Aloha From Hawaii Via Satellite vergleicht, fällt auf, dass – abgesehen vom typischen Konzertrahmen mit Also Sprach Zarathustra und Closing Vamp – nur 6 Lieder auf beiden Veröffentlichungen enthalten waren: darunter ein Megahit aus den 1950ern (Hound Dog), einer aus den frühen sowie einer aus den späten 1960ern (Can’t Help Falling In Love, Suspicious Minds) und die „70er-Songfraktion“ vertreten durch  I Can’t Stop Loving You und An American Trilogy.

Es ist vollbracht – Elvis Presley am 14.1.1973

Somit stellt sich die von Fans häufig kritisierte Aloha-Songliste als ein durchaus gelungener Mix von einerseits Erwartbarem bzw. Vertrautem aus drei Jahrzehnten und damals von den meisten Zuschauern noch nicht live von Elvis gehörten Songs dar. Da gibt’s doch gar nicht so viel zu meckern, oder?

Elvis Aloha From Hawaii Via Satellite 1973:

See See Rider
Burning Love
Something
You Gave Me A Mountain
Steamroller Blues
My Way
Love Me
Johnny B. Goode
It’s Over
Blue Suede Shoes
I’m So Lonesome I Could Cry
I Can’t Stop Loving You
Hound Dog
What Now My Love
Fever
Welcome To My World
Suspicious Minds
Bandvorstellung
I’ll Remember You
Medley: Long Tall Sally/Whole Lotta Shakin‘ Goin‘ On
An American Trilogy
A Big Hunk Of Love
Can’t Help Falling In Love

Elvis As Recorded At Madison Square Garden 1972 im Vergleich:

That’s All Right
Proud Mary
Never Been To Spain
You Don’t Have To Say You Love Me
You’ve Lost That Lovin’ Feelin’
Polk Salad Annie
Love Me
All Shook Up
Heartbreak Hotel
Medley: (Let Me Be Your) Teddy Bear/ Don’t Be Cruel
Love Me Tender
The Impossible Dream (The Quest)
Bandvorstellung
Hound Dog
Suspicious Minds
For The Good Times
American Trilogy
I Can’t Stop Loving You
Can’t Help Falling In Love

Dem Unterhaltungswert wurde also Genüge getan, wie sieht es jetzt aber mit der musikalischen message aus, die die Symbolik des patriotischen Bühnenkostüms aufgreift? Die findet sich erstaunlicherweise erst ziemlich am Schluss des TV-Specials mit An American Trilogy.

Elvis soll, wie sein Sicherheitschef Dick Grob vor ein paar Monaten erst in einer deutschen Talkrunde erzählte, auf American Trilogy während einer Autofahrt aufmerksam geworden sein, als er Radio hörte. Was er bei dieser Gelegenheit hörte, war der von Country Singer-/Songwriter Mickey Newbury arrangierte Kombination dreier Volkslieder aus dem 19. Jahrhundert in einem Song mit dem Titel An American Trilogy, der es in Newburys-Version 1972 immerhin bis auf Platz 26 der Billboard-Pop-Charts schaffte.

An American Trilogy hat einen starken Bezug zum Amerikanischen Bürgerkrieg (1861 – 1865)  sowohl in Text als auch in Melodie und verweist damit auf eine Zeit, in der ein heftiger militärischer Konflikt zwischen den – nach der Wahl Abraham Lincolns zum amerikanischen Präsidenten – aus den Vereinigten Staaten ausgetretenen Südstaaten (Konföderation) und den in der Union verbliebenen Nordstaaten entbrannte. Ursache des Bürgerkriegs war eine tiefe wirtschaftliche, soziale und politische Spaltung zwischen Nord- und Südstaaten, bei der es vor allem auch um die Abschaffung der Sklaverei im Süden ging.

Die drei in den tödlichen Konflikt verstrickten Parteien – die Vertreter der Nord-, die der Südstaaten und die versklavte afroamerikanische Bevölkerung – werden in American Trilogy durch den Marsch der Union (Nordstaaten): The Battle Hymn of Republic, durch  Dixie, der inoffiziellen Nationalhymne der Südstaaten im amerikanischen Bürgerkrieg, und All My Trials, einem Wiegenlied, das eng verwandt mit afroamerikanischen Spirituals ist, repräsentiert:

An American Trilogy

Oh I wish I was in the land of cotton
Old things they are not forgotten
Look away, look away, look away dixieland
Oh I wish I was in dixie, away, away
In dixieland I take my stand to live and die in dixie
Cause dixieland, that’s where I was born
Early lord one frosty morning
Look away, look away, look away dixieland

Glory, glory hallelujah
Glory, glory hallelujah
Glory, glory hallelujah
His truth is marching on

So hush little baby
Don’t you cry
You know your daddys bound to die
But all my trials, lord will soon be over

Der Konflikt des 19. Jahrhunderts, der in American Trilogy heraufbeschworen wird, ließ sich Anfang der 1970er gut auf die bürgerkriegsähnlichen Zustände in der amerikanischen Gesellschaft im Zuge der Bürgerrechtsbewegung und den schweren Auseinandersetzungen in der Frage des Vietnamkriegs übertragen. So viel liegt nahe – überraschenderweise hat Mickey Newbury selbst nur wenig Erhellendes zur Interpretation der Songkombination beigetragen.

Der King, so Grob, soll von dem Song gleich so fasziniert gewesen sein, dass er sie sich die Platte Newburys umgehend besorgen ließ, zu Hause in Endlosschleife hörte und – auf dem Boden sitzend – gleich Ideen für ein Arrangement für seine bewährten Backgroundmusiker und –sänger sowie Orchester entwickelte.

Elvis nahm den Song noch im selben Jahr in sein Live-Repertoire auf, wo er sich sehr schnell zum absoluten Showstopper entwickelte, wie an der Reaktion des Publikums in dieser Aufnahme vom Nachmittag des 10. Juni 1972 (Madison Square Garden, New York) besser als bei der späteren Aloha-Version zu hören ist:

Hörprobe American Trilogy, 10.6.1972 Prince From Another Planet-Set
An American Trilogy

Eine Studioaufnahme, die er kurz nach der Newbury-Version auf Single herausbrachte war allerdings mit Platz 66 in der Billboard-Pop-Charts nicht gerade sehr erfolgreich. Das focht Elvis aber nicht an, denn er wusste, dieser Song in seinem „fetten“ Arrangement punktete vor allem live, wie er im Juni 1972 auch den beiden Filmemachern Abel und Adidge, die ihn für Elvis On Tour interviewten, mit einer kleinen Anekdote erzählte:

„Da war dieser Typ in einer meiner Shows, der saß während meines Auftritts die ganze Zeit an einem der vorderen Tische direkt an der Bühne, er trug so einen Cowboy-Hut, Mann, der saß die ganze Zeit völlig regungslos da. Dann habe ich Dixie [An American Trilogy] angestimmt und er  stand plötzlich auf, nahm den Hut ab und legte ihn ans Herz. Das war’s  – er setzte sich wieder hin [lacht]“.

Elvis Presley im Gespräch mit Robert Abel und Pierre Adidge, 1972

Diese kleine Anekdote ist ein erster wichtiger Hinweis darauf, dass Elvis Presleys Interpretation nicht den schwelenden Konflikt zwischen unversöhnlichen Parteien in den Vordergrund stellt, sondern die Versöhnung, die Überwindung des Konflikts, Integration – und so kam es beim Zuhörer bzw. Konzertbesucher auch an. Es ist ein Song, der Menschen Glück spendet, indem er Hoffnung vermittelt: „all my trials, Lord, will soon be over“, indem er  Erlösung – das Himmelreich auf Erden, das Elvis in seiner Jaycee-Rede 1971 ansprach – in Aussicht stellt.

Es ist eine Vision, die, dargeboten in einem Bühnenkostüm, das den amerikanischen Adler als Symbol für Freiheit, Stärke, Langlebigkeit und Autorität symbolisiert, getragen von einem ehemals armen Jungen aus dem Süden, der den amerikanischen Traum lebt, eine ungeheure Kraft entwickelt, der sich Zuschauer und Zuhörer kaum entziehen können. Es ist ganz sicher der absolute Höhepunkt des – aufgrund der wenig kreativen Kameraführung und Schnitttechnik auf heutige Zuschauer leider etwas antiquiert wirkenden – Satelliten-Specials Aloha From Hawaii.

Und sicher ist es auch kein Zufall, dass Elvis Presley den Gürtel seines Aloha Bald Headed Eagle-Bühnenkostüms ausgerechnet nach der Performance von American Trilogy ins Publikum wirft – eine Geste, die er am Schluss des Konzerts mit dem „Fliegenlassen“ des Adler-Capes  noch einmal aufnimmt. Damit schickte er die erlösende Vision der American Trilogy in die Welt hinaus – und blieb doch seinem Credo treu: keine Reden auf der Bühne.

Der Adler ist gelandet

Ob der amerikanische Präsident Richard Nixon wohl den Fernseher eingeschaltet hat, als sein „Special Assistant“ (→ zu Elvis‘ Treffen mit Nixon) am 4. April 1973 mit Aloha endlich auch in den USA auf Sendung ging? Wir wissen es nicht sicher, aber es ist aufgrund der Einschaltquote, die bei über 50 Prozent gelegen haben soll, durchaus im Bereich des Möglichen.

Wenn er eingeschaltet hatte, dann verstand er vielleicht bei dieser Gelegenheit, dass Elvis Presley ihm und dem Rest der Welt hier zeigte, was er mit seiner früheren Aussage, er wolle etwas für sein Land tun, er halte aber  keine Reden, sondern mache die Dinge auf seine Art, tatsächlich meinte. Man muss nämlich keine langen politischen Reden halten und schon dreimal keine Kriege führen, um Menschen anderer Nationen zu erreichen und sie für die Werte, für die die Vereinigten Staaten von Amerika seit ihrer Gründung stehen, zu gewinnen. Es geht anders viel wirkungsvoller: Welcome to my world, welcome to the Promised Land.

Man kann Aloha also durchaus als Lehrstück eines Jaycees-Preisträgers für einen anderen Jaycee-Preisträger – auch Nixon wurde einst als einer der „10 bedeutendsten jungen Männer Amerikas“ ausgezeichnet – lesen: In der Vorstellung der Jaycees sind es in der Regel nicht die Regierungen, die (gesellschafts-)politische Veränderungen zum Wohle aller herbeiführen, sondern die tatkräftigen Initiativen verantwortungsbewusster Bürger.

Elvis mit Jimmy Carter und Frau

Wie auch immer „Tricky Dick“ alias Richard Nixon dazu stand, andere Präsidenten haben es ganz offensichtlich verstanden, denn von Jimmy Carter über Bill Clinton bis hin zu George Bush jun. haben sie dem King  auf die ein oder andere, manchmal auch ziemlich kuriose, Weise ihre Referenz erwiesen. Fast so als wäre Elvis Presley ein befreundeter Staatsmann gewesen.

Am besten auf den Punkt gebraucht hat wohl US-Präsident Jimmy Carter – auch er kannte den King persönlich – Elvis Presleys Verdienste für das AMERIKA!, das Aloha From Hawaii transportieren sollte:

“Elvis Presley’s death deprives our country of a part of itself. He was unique and irreplaceable. More than 20 years ago, he burst upon the scene with an impact that was unprecedented and will probably never be equaled. His music and his personality, fusing the styles of white country and black rhythm and blues, permanently changed the face of American popular culture. His following was immense, and he was a symbol to people the world over of the vitality, rebelliousness, and good humor of this country.”

Nachruf des US-Präsidenten Jimmy Carter, 17. August 1977

Aber ist die Botschaft des King, seine Vision der Versöhnung und Erlösung, sein Welcome to my World – Welcome to the Promised Land, auch bei seinen internationalen Zuschauern angekommen? Und ob. Als die Australier, also eine der Hauptzielgruppen des Aloha-TV-Specials, 2012 dazu aufgefordert waren im Rahmen der Kampagne I’m An Elvis Fan ihre Lieblings-Elvis-Songs zu wählen (→ Das kann doch nicht euer Ernst sein), gab es einen Song, der  unverrückbar die Top 40 der Liste anführte.

Und nein, es war nicht Heartbreak Hotel, nicht Hound Dog, auch nicht Don’t Be Cruel, Suspicious Minds oder der Deutschen liebster Elvis Song In The Ghetto, sondern die Live-Version von American Trilogy machte das Rennen, übrigens nie ein Hit in den australischen Charts. Auch in der Hitliste der anderen Nationen kam die Live-Version von American Trilogy sicher in die Top 10.

Australische Fans beim Elvis-Festival in Parkes, New South Wales

Einem ganz besonderen Vertreter der japanischen Fangemeinde – Aloha From Hawaii verzeichnete in Japan, Korea und auf den Phillipinen 1973 Rekordeinschaltquoten – wurde 2006 bei seinem Staatsbesuch  in den USA ein lang gehegter privater Wunsch erfüllt, und zwar durch den damaligen amerikanischen Präsidenten George Bush höchstpersönlich: ein Exklusivbesuch in Elvis Presleys Graceland inkl. Führung durch die „Damen des Hauses“, Lisa Marie und Priscilla Presley.

Der japanische Ministerpräsident Koizumi in Graceland 2006

Der japanische Ministerpräsident Koizumi machte aus seiner Leidenschaft für den King bei diesem Besuch keinen Hehl, freute sich sichtlich und gab – bekleidet mit der berühmte Elvis-Sonnenbrille aus den 1970ern – sogar den ein oder anderen Song zum Besten, im berühmten Jungle Room.

Man kann also sagen: der Adler ist wahrlich gelandet – message received ;-).

→ mehr zum Aloha-Konzert: Elvis Presleys Botschaft in Aloha From Hawaii
und → Elvis Presleys Aloha From Hawaii – das Konzert der Superlative – auf ARTE

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  1. […] aus Europa geflüchtet – zu einer neuen Existenz im “Gelobten Land” (→ Promised Land) verhilft. Im Vordergrund steht das jedoch […]

  2. […] sein. Und das Südstaaten-Publikum ging ab wie Schmitzkatze, vor allem bei Songs wie → American Trilogy herrschte […]

  3. […] die richtig abgeht (ab 1:00), wenn ihr Daddy im Auto Elvis auflegt – besonders der Klassiker American Trilogy hat es ihr […]

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  5. […] das “Predigen von der Kanzel”, aus Überzeugung rundheraus ablehnte (→  Welcome to my World – Welcome to the Promised Land), hier – verpackt in eine kuriose Story –  tatsächlich […]

  6. […] Idee zu Aloha From Hawaii (→ Aloha From Hawaii: die Botschaft, → Aloha: Welcome to my World – Welcome to the Promised Land) kam Elvis Presleys berühmt-berüchtigten Manager Colonel Tom Parker (alias Andreas van Kuijk, […]

  7. […] Fortsetzung → Aloha: Welcome to my World – Welcome to the Promised Land TweetPin It This entry was posted in 1970er, Konzerte, Songs and tagged Aloha From Hawaii 40 […]

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