Elvis Presley und Anita Wood: Once Upon A Time…

Es war einmal…, so beginnen die schönsten Märchen und genau so hat Anita Wood Brewer ihr 2012 erschienenes Buch über ihre fünfjährige Beziehung (1957 – 1962) zu Elvis Presley, dem King of Rock ’n‘ Roll, genannt.

Lange sah es so aus, als würde Once Upon A Time: Elvis and Anita, so der englische Buchtitel, nie geschrieben werden. Erst nach dem Tod  von Footballspieler Johnny Brewer, mit dem Anita fast ein halbes Jahrhundert verheiratet war und mit dem sie drei Kinder hat, fasste sie den Entschluss, die Geschichte ihrer ersten großen Liebe doch noch zu Papier zu bringen.

Dabei wählte sie eine ziemlich interessante Erzählperspektive: Sie schreibt nämlich nicht selbst, sondern lässt ihre Geschichte durch ihre Tochter – Jonnita Brewer Barrett – erzählen. Jonnita ist also die eigentliche Autorin des Buches, die ihre gar nicht so einfache Aufgabe – schließlich schreibt sie hier über die Beziehung ihrer Mutter zu einem Mann, der eben nicht ihr Vater ist – gekonnt meistert.

Schwer verliebt: Elvis Presley und Anita Wood im September 1957 in Memphis

Durch die ungewöhnliche Erzählperspektive wird eins von vornherein deutlich: Die Liebesgeschichte, die hier erzählt wird, ist vor allem auch eine Familiengeschichte – die der Wood-Brewers und auch die der Presleys. Schon im Prolog des Buches begegnen sich Weihnachten 1977, wenige Monate nach dem Tod Elvis Presleys, nicht nur die ehemaligen Rivalinnen Anita Wood und Priscilla Presley in Graceland, sondern deren beider Familien treffen (wieder) aufeinander.

Deutlich wird zudem, dass Anita Wood sich auch 50 Jahre nach dem Ende ihrer Beziehung zu Elvis Presley einer indirekten, zurückhaltenden Erzählweise verpflichtet fühlt, verlangte doch vor allem das Management ihres berühmten Freundes permanent von ihr, ihre Liebe in der Öffentlichkeit zu leugnen, um der Karriere des singenden Frauenschwarms nicht zu schaden. Das sitzt offensichtlich, auch Jahrzehnte später noch, tief.

1957: Elvis Presley steht der Presse im Memphis Rede und Antwort – Anita (links im Bild) schaut weg, wie dies für öffentliche Auftritte vereinbart war; hinten rechts im Bild: Elvis‘ Freund Radio-DJ George Klein

Dabei hatte Anita Wood als junge Frau selbst eine vielversprechende Karriere im Showbusiness am Start.

Vorhang auf für Anita Wood

Die junge Anita Wood mit Mutter Dorothy und ihren 3 Brüdern

Anita Marie Wood kam am 27. Mai 1938 in Bells/Tennessee als ältestes von 4 Kindern zur Welt.  Sie wuchs nach eigener Aussage in einer sehr konservativen Familie auf, in der harte Arbeit und Familiensinn eine große Rolle spielten.

Ihr Vater arbeitete bei der Eisenbahn und parallel dazu als LKW-Fahrer, um seine Familie durchzubringen. Die Mutter widmete sich ganz der Familie und wollte vor allem ihrer Tochter ein Leben in Unabhängigkeit mit einer eigenen Karriere, bevorzugt im Showbusiness, ermöglichen. Daher bekam Anita schon als Kind auf Initiative ihrer Mutter Gesangs- und Schauspielunterricht.

Die Mühe lohnte sich, denn Anita zeigte sich vor allem als talentierte Sängerin. Mit 12 Jahren wurde sie bei einem Konzert des Bandleaders und Komponisten Sammy Kaye in Memphis entdeckt, als er im Publikum nach Teilnehmern für seinen Wettbewerb „So You Want To Lead A Band“ suchte. Anita wurde ausgewählt, kam ins Finale und gewann im Februar 1951 den nationalen Wettbewerb.

Anita Wood in der High School; Foto: Anita Wood Collection

Etwa zur selben Zeit ging sie auch als Siegerin des Gesangswettbewerbs der „On Stage“ Show in Jackson/Tennessee mit der Interpretation von Teresa Brewers Song If You Want Some Lovin‘ hervor – witzigerweise gewann Elvis Presley 1953 ebenfalls  einen Gesangswettbewerb an seiner High School mit einem Song von Teresa Brewer.

Im Gegensatz zu ihrem späteren Freund war Anita jedoch auch als jugendliche Schauspielerin in Theatergruppen erfolgreich, sehr aktiv und beliebt in verschiedenen Organisationen ihrer High School – schon fast so etwas wie ein Kinderstar also.

Im Alter von 16 Jahren gewann die hübsche Anita 1954 den bekannten Talentwettbewerb „Midsouth Youth Talent Contest“ in Memphis mit dem Song What A Dream, was sie bis nach New York zu einem Vorsprechen beim Fernsehsender ABC brachte.

Anita am 18. Juli 1955 bei ihrer Radiosendung ‚Antics with Anita‘

Die Stippvisite in New York führte zwar nicht sofort zu einem Vertrag beim Fernsehen, aber sie bekam beim Radiosender WTJS in Jackson/Tennessee eine eigene Radioshow für Teenager: „Antics With Anita“ (Anitas Possen), die sehr erfolgreich wurde.

Sie gestaltete das Programm hier weitgehend selbst, erfüllte Hörerwünsche, legte Platten auf (logisch) und führte Interviews. Klar, dass sie bei diesem Job auch Berührung mit den ersten Megahits von Elvis Presley hatte, der ab 1956 die nationalen Charts im Sturm eroberte, aber sie war kein ausgesprochener Fan. Sie hörte lieber Nat King Cole, die Coasters und die Drifters.

1956 war Elvis Presley definitiv in aller Munde, denn als die gerade einmal 157 cm „große“ Anita erfolgreich an einem Schönheitswettbewerb teilnahm, wurde sie von der Jury doch tatsächlich gefragt, was sie denn machen würde, wenn Teenie-Schwarm Elvis Presley sie um eine Verabredung bitte würde. Ihre Antwort: „Aus einer Verabredung mit Elvis würde ich mir nicht viel machen, obwohl ich seine Musik mag“. Na, das nenne ich mal eine verbale Abfuhr – vorerst ;-).

1957 bekam Anita dann eine weitere Karrierechance bei der damals sehr erfolgreichen TV-Show „Top 10 Dance Party with Wink Martindale“, die jeden Samstag von WHBQ in Memphis ausgestrahlt wurde. Hier wurde Anita prompt als Co-Moderatorin von Wink Martindale engagiert, zog nach Memphis und geriet so in den unmittelbaren Radius des King, der Wink persönlich kannte und natürlich auch die Sendung schaute.

Es war einmal… ein Märchen beginnt

Als Elvis die hübsche und talentierte Anita im Sommer 1957 in Wink Martindales TV-Sendung Top 10 Dance Party sah, dachte er sich offensichtlich gleich: Hmmm, lecker, mit der wäre ein Date sicher eine klasse Sache, schickte dann aber erst einmal seinen Kumpel Lamar Fike vor, um telefonisch „die Lage zu peilen“. Der gute Lamar entpuppte sich als telefonischer „Postillon d’amour“ als völlige Fehlbesetzung. Anita hatte außerdem schon eine Verabredung, die sie nicht einfach so absagen wollte (wo kommen wir denn da hin!), und erteilte Elvis Presley via dem verblüfften Lamar schlicht eine Abfuhr.

Nun war Elvis offenbar richtig interessiert, denn eine Abfuhr holte er sich eher selten. Die Dame will erobert werden, das kann sie haben! Ritterrüstung an… und Knappe Lamar ein zweites Mal an die Front, d.h. das Telefon geschickt. Diesmal hatten die beiden mehr Glück, Anita hatte eine Woche später noch keine Verabredung und war bereit zu einem Date – man iss ja doch neugierig ;-).

In schicker, moderner Ritterrüstung (→ Dandy-Rocker im Lansky-Look), schwarzem Cadillac statt Pferd und begleitet von gleich vier seiner Knappen – später ja bekannt als Memphis Mafia – tauchte Mr. Presley alsdann bei der Pension auf, in der Anita Wood in Memphis wohnte. Ein Date zu sechst war natürlich schon ein wenig ungewöhnlich, aber Anita fand, das war für ein erstes Kennenlernen gar nicht so schlecht, sie war froh, in einem der Begleiter einen befreundeten Kameramann zu erkennen. Man fuhr dann einfach ein bisschen rum, aß ganz unspektakulär eine Runde Burger mit Pepsi dazu (na ja, ein richtiges Restaurant hätte es schon sein dürfen), bevor Elvis vorschlug, man können noch zu ihm nach Hause fahren – er hatte Graceland erst kurz zuvor gekauft.

Nun, wenn eins in den 1950ern nicht ging, dann war es, gleich beim ersten Date zu ihm oder ihr nach Hause zu fahren. Andererseits hatte sich Anitas berühmt-berüchtigte Verabredung bis dahin völlig einwandfrei verhalten, war sehr freundlich, ziemlich witzig und attraktiv – und vor allem waren sie ja nicht allein. Also fuhr sie mit.

Was die Anita himmeln kann – Elvis Presley und seine Freundin am Flughafen in Memphis, 13. September 1957

In Graceland erwartete sie dann die zweite große Überraschung des Abends. Als sie am Eingangstor ankamen, wo wie immer Fans versammelt waren, erweiterte Elvis kurzerhand seine Entourage noch einmal, indem er eine ganze Reihe Fans ebenfalls einlud, mit ins Haus zu kommen. Wie Anita bald feststellen sollte, war auch das völlig normal für ihren Begleiter und sollte sich noch oft wiederholen. Im Haus verteilte sich dann alles auf die Räume, während Anita eine persönliche Führung des Gastgebers erhielt. Dabei lernte sie gleich die anderen Bewohner Gracelands kennen – Elvis‘ Eltern Gladys und Vernon Presley sowie die Großmutter Minnie Mae (Spitzname Dodger).

Sofort wurde Anita klar, dass Elvis wie sie selbst ein absoluter Familienmensch war. Elvis‘ Eltern und die Großmutter erwiesen sich gleich als super nett. Trotz des teilweise extravaganten Ambientes und des erst kürzlich erworbenen Reichtums waren die Presleys bodenständig geblieben, sehr herzlich und gastfreundlich.

Zu seiner Mutter hatte der Memphis Flash eine besonders enge Beziehung, die beiden sprachen auch vor Dritten oft in einer eigenen Sprache miteinander, in der sie einzelne Wörter durch drollige Wortschöpfungen, eine Art Babysprache, ersetzten. Ziemlich ungewöhnlich für einen 22-jährigen Mann und seine Mutter! Aber Anita erkannte bald, dass man so bei den Presleys besondere Zuneigung und Verbundenheit zeigte. Überhaupt hatten die Frauen im Hause Presley das Sagen.

Es war einmal… ein Märchen wird wahr

Es kam wie es kommen musste, Anita und Elvis verliebten sich. Nur wenige Wochen nach dem ersten Treffen mit Hindernissen zog Anita mehr oder weniger bei den Presleys in Graceland ein. Letzteres schon deswegen, weil so bei Elvis‘ Lebensstil – er war ein absoluter Nachtmensch, der tagsüber schlief -, ihrem Job beim Fernsehen und bei der Fülle an Gruppenaktivitäten (Ausflüge ins Kino, auf den örtlichen Rummelplatz oder die Rollschuhbahn, Motorradausflüge, Musik) mehr gemeinsame Zeit blieb.

Dabei freundete sich Anita schnell mit Elvis‘ Mutter an, die sie als sehr direkte, geradezu unverblümte Persönlichkeit mit viel Herz beschreibt. Wann immer Anita Zweifel hatte, ob sie bei dem Ansturm weiblicher Konkurrenz auf Dauer bestehen könne, stärkte ihr Gladys den Rücken, die in ihr ganz offensichtlich eine künftige Schwiegertochter sah.

Noch enger sollte Anitas Freundschaft zu Dodger, der Großmutter, werden. Mit ihr schlief sie sogar in einem Bett, wenn ihr berühmter Freund nicht zuhause weilte. Das nenne ich mal Familienanschluss ;-). Die Kehrseite war, dass sich der gute Elvis schnell als ziemlich besitzergreifend zeigte, er konnte sehr eifersüchtig sein und wusste immer gerne, wo seine Anita sich gerade aufhielt, wenn er nicht mit ihr zusammen sein konnte – sie im Schoß seine Familie zu wissen, kam ihm sehr gelegen.

Abschied vor Elvis‘ Tournee in Kanada 1957 – Gladys Presley (links) schaut zu

Anitas neuer Freund hatte überhaupt eine Menge „Marotten“: nicht nur war er bevorzugt nachtaktiv, bestellte auch in vornehmeren Restaurants grundsätzlich die einfachsten Gerichte, die manchmal extra für ihn hergerichtet wurden, hatte am liebsten nonstop Leute um sich, obwohl er sonst eher den Eindruck einer verschlossenen Persönlichkeit machte, die wenig von ihren Gedanken und Gefühlen preisgab.

Zu Anitas Erstaunen interessierte er sich auch für „Pharmakunde“ und schien ausgesprochen gut informiert. Was er sich an Substanzen direkt beim Apotheker besorgte, waren – ihrer Wahrnehmung nach – in erster Linie Vitamintabletten oder Bräunungspillen, unbedenkliche, wenn auch kuriose Lifestyle-Produkte. Ein Suchtverhalten stellte sie nicht fest, zumal er völlig gegen Alkoholkonsum eingestellt war – eine Abneigung, die längst nicht alle Presley-Familienmitglieder teilten. Auch die regelmäßige Einnahme von Schlaftabletten und gelegentlichen Muntermachern, um die Vielfalt der Aktivitäten stemmen zu können, stimmte offenbar weder sie noch das restliche Umfeld von Familie und Freunden irgendwie nachdenklich. Elvis war eben Elvis und hatte so seine Angewohnheiten!

Schnell sah Anita in ihrem Freund den idealen künftigen Ehemann. Trotz seiner Eigenheiten war er attraktiv, lebenslustig, romantisch, humor- und sehr liebevoll. Sie hatten einfach viel gemeinsam: Sie kamen aus vergleichbaren Verhältnissen, waren mit denselben Werten aufgewachsen, waren religiöse und familienorientierte Südstaatler. Sie liebten beide die Musik und waren im Showbusiness tätig, auch wenn er die weitaus größere Karriere hatte, hinter der alles andere zurückstehen musste. Letzteres akzeptierte Anita ebenso wie die Tatsache, dass eine Heirat, von der schnell gesprochen wurde, erst in einigen Jahren in Frage kam, wenn seine Karriere sich endgültig gefestigt hatte. Anita selbst hatte zwar Spaß an ihren Showbusiness-Aktivitäten, strebte aber selbst keine große Karriere an.

Als sie 1957 über einen weiteren Talentwettbewerb eine kleine Rolle in dem Hollywoodfilm Girl In The Woods gewann, war sie recht schnell bereit dazu, diese Chance nicht wahrzunehmen, als Elvis ihr signalisierte, dass er ihre lokalen Aktivitäten als Moderatorin guthieß, nicht aber eine Schauspielkarriere in Hollywood. Wie gesagt, kein großes Problem für Anita, für sie stand fest, dass sie heiraten und eine Familie gründen wollte – und Elvis Presley war der richtige Kandidat. Wer könnte auch diesem Ständchen widerstehen, das der King seiner Freundin bei einem gemeinsamen Besuch bei DJ und Freund Eddie Fadal brachte?

Das Paar machte überhaupt viel gemeinsam Musik am Klavier, wobei Elvis in der Regel keine eigenen Songs spielte, gerne überließ er Anita das Singen, unterrichtete sie, beriet sie bei der Songauswahl, was ihre ersten Plattenaufnahmen anging. Hier eine private Aufnahme Eddie Fadals vom Sommer 1958:

So ist es auch kaum ein Zufall, dass die A-Seite von Anitas erster Single, die im Oktober 1958 herauskam, ausgerechnet der Song war, mit dem Elvis selbst später einen Hit haben sollte (→ Anita und Elvis: Crying In The Chapel).

Anita Wood, ‚Crying In The Chapel‘ Single-A-Seite Oktober 1958

Anita Wood – Crying In The Chapel

Was Elvis wiederum an Anita schätze, formulierte er unmissverständlich als das, was er weder bei seinen weiblichen Fans noch bei seinen Affären fand, Affären, die Anita vielleicht erahnte, aber verdrängte:

“I’ve always searched for a girl like you, Little. Most girls just fall at my feet and they will do anything, anything to get near me. They are phony as can be. They do not care about me. All they want to do is to be with me, see me, talk to me, touch me, kiss me… You’re different – you’re not that way at all. I really believe you do care. I don’t’ believe you’re here for the publicity. You’re not here for the sex, we know that for sure. You’re not here just to be seen with me.”

Zitat: Jonnita Brewer Barrett Once Upon A Time, 2012

Die erste richtige Bewährungsprobe für das junge Paar flatterte kurz vor Weihnachten 1957 ins Haus – mit dem endgültigen Einberufungsbescheid für G.I. Presley (→ Elvis gut getarnt in der Oberpfalz). Anita schildert in ihrem Buch eine sehr emotionale Familienszene, in der alle Mitglieder sich umarmten und besonders der völlig aufgelösten Gladys Presley versicherten, dass schon alles gut gehen werde, der Wehrdienst ihres Sohnes aber unumgänglich sei: „This is something I need to do“, erklärte Elvis seiner Mutter, wenn auch mit sehr gemischten Gefühlen, da er bei einer zweijährigen Abwesenheit von Aufnahmestudio und Hollywoodleinwand das Ende seiner Karriere befürchtete.

Doch die Familie – und Anita gehört längst fest dazu – war sich schnell einig: sie lässt ihren Goldjungen nicht im Stich und wird ihn so oft wie möglich besuchen. Logisch, dass Familie und Freundin auch mit von der Partie waren, als im März 1958 – direkt nach Abschluss der Dreharbeiten des Films King Creole (→ King Creole Frame by Frame) – Elvis’ letztes Stündlein als Zivilist schlug …

… und auch während seiner Grundausbildung in Ford Hood/Texas möglichst oft in seiner Nähe waren. Gladys und Vernon Presley mieteten sich sogar extra einen Trailer in Texas, um näher bei ihrem Sohn zu sein.

Noch in der Grundausbildung nannte Elvis zum ersten Mal einen konkreten Termin für die Hochzeit mit Anita, nämlich seine Rückkehr aus Deutschland, wo er nach seiner Grundausbildung stationiert werden sollte.

Anita und Elvis im Mai 1958 im Haus von DJ Eddie Fadal und seiner Frau Nellie, Waco/Texas

Auch bat er sie, sich einen Pass zu besorgen, damit sie ihn in Deutschland besuchen könne. Daraus wurde jedoch nichts, weil Manager Tom Parker eine künftige Ehefrau, die dem G.I. im fernen Deutschland das Leben versüßt, schlicht als schädlich für die geplanten Maßnahmen erachtete, G.I. Elvis als „all American boy“ im Bewusstsein des amerikanischen Publikums zu verankern. Vater und Mutter in Deutschland ja, Freundin nein!

Diese Entscheidung und der nächste Schicksalsschlag sollten das langsame Ende des Märchens einläuten. Am 14. August 1958 starb Gladys Presley nach einer Hepatitis-Erkrankung überraschend im Alter von nur 46 Jahren an Herzversagen. Anita, die zu diesem Zeitpunkt ein wöchentliches Engagement in der beim TV-Sender ABC gesendeten Andy Williams Show ergattert hatte, fand einen völlig am Boden zerstörten Elvis vor, der für die Beerdigung in Memphis Sonderurlaub von der Army erhalten hatte.

Es gelang ihr nicht, ihrem Freund in dieser schweren Zeit wirklich Trost zu spenden – er zog sich nach der Beerdigung völlig von seiner Umgebung zurück. Viel Zeit zur Trauer blieb ihm jedoch nicht, denn nur wenige Wochen nach dem Trauerfall wurde G.I. Presley nach Deutschland verschifft, wo er für anderthalb Jahre Dienst bei der 3rd Armored Division in Friedberg tat und im Kurort Bad Nauheim (→ Auf Elvis‘ Spuren in Bad Nauheim) wohnte. Vater Vernon, Großmutter Minnie Mae (Dodger) und zwei befreundete Bodyguards folgten nach.

Während der Stationierung in Deutschland waren Elvis und Anita regelmäßig in Kontakt, sie telefonierten und besonders Anita schrieb viele Briefe. Auch von Elvis selbst, der sich mehrfach als einen lausigen Briefeschreiber bezeichnete, sind 3 Briefe aus dieser Zeit erhalten. Sie zeugen davon, dass es ihm nach wie vor Ernst war mit seiner Anita, auch wenn so manche Beziehung, die er zu den „Frolleins“ in Deutschland hatte, längst nicht so harmlos war, wie er sie gerne darstellte.

‚Soldier Boy‘ Elvis schreibt an seine Anita kurz nach Ankunft in Deutschland 1958

Auch war der King ein wesentlich besserer Briefeschreiber, als er glaubte. Hier ein sehr schöner, langer und vor allem leidenschaftlicher Brief vom Ende seiner Militärzeit in Deutschland, als er Anfang 1960 am berühmten NATO-Manöver Wintershield (→ Elvis gut getarnt in der Oberpfalz) in der Region Grafenwöhr teilnahm:

„My Dearest Darling ‚Little‘,

Well here I am back in the field for 30 days again and believe me it’s miserable. There is only one consolation, and that is the fact that it’s almost over, and I will come home to my career, friends, and most of all you my darling, Anita there are many things I can’t tell you over the phone so I will try to tell you now. First of all I don’t really know how you feel about me now because after all 2 years is a long time in a young girl’s life. But I want you to know that in spite of our being apart I have developed a love for you that cannot be equaled or surpassed by anyone. My every thought is you my darling, every song I hear, every sunset reminds me of the happy and wonderful times we’ve spent together. I tell you this because I want you to know my feelings toward you have not changed, but instead has grown stronger than I ever thought it could. I have hurt you sometimes because I was mad at some of the things you did or I thought you did, but every time these things happened I thought that maybe you only liked me for what I’am and didn’t really love me for myself. These things happen in life baby, misunderstandings, heartbreaks and loneliness, but the fact remains, if it’s really love Anita, if we really love each other it will last, and these things will be something of the past, although things will come up in the future that will hurt us both. They are to be expected. I have had feelings that in the last few months something has happened as far as you’re concerned, not only because you haven’t written but the sound of your voice when I talk to you. The warmth and love seems to have dimmed. It may be my imagination but you seem as though you have something to tell me but you’re not sure. I hope I’m wrong. You know after going through what I have in the last 18 months you sometimes wonder if anyone really cares. Please believe me when I tell you it’s you and only you my darling. But I think that you will keep your word, and tell me if you had grown to care for someone else and vice versa. I have been sleeping out on the ground, and I have fever and tonsillitis again. I’m listening to the radio and all the guys are sitting around with sad faces. Do you remember when you used to bounce for me and I would love so hard? Darling I pray you haven’t let your loneliness, passions, and desires make you do something that would hurt me. If you have it is better you tell me now. I can’t believe you have or would. Well we are all counting the days until we come home. The reason I didn’t want you there on the first night because in spite of the fact that I love my friends and relatives, when we first lay eyes on each other we will cling to each other like vine. So I think some other people might get their feelings hurt. So please understand honey. You have surprised me at how understanding you are. So darling if you feel the same and if you love me and me alone we will have a great life together even though you hear things and read things. Just think as you said, everyone knows how I feel about you. I can’t explain to you how I crave you and desire your lips and your body under me darling. I can feel it now. The things we did and the desire we had for each other’s body!!! Remember darling, true love hold its laurels through the ages no matter how loud the clamor of denial. That which deserves to live – lives.

Yours Alone,
E.P.“

Handschriftliches Original in: Jonnita Brewer Barrett Once Upon A Time, 2012

Kein Andeutung findet sich in dem Brief von Priscilla Beaulieu, der blutjungen Tochter eines ebenfalls in Deutschland stationierten Offiziers, die er im Spätsommer 1959 in Bad Nauheim kennengelernt hatte und die er 1967 heiraten sollte. Was immer das nun heißen mag. Jedenfalls erinnerte Elvis Presley sich noch volle 12 Jahre später in seinem Interview mit den Dokumentarfilmern Abel und Adidge (Elvis On Tour) – angesprochen auf seine Militärzeit – sehr genau an seine Befürchtung, Anita könnte sich anderweitig getröstet haben. Er muss sie also wirklich einmal sehr geliebt haben.

Liebesgrüße aus Deutschland nach Memphis

Von den Briefen und Telefonaten abgesehen kommunizierten Elvis und Anita neben Geschenken – Anita erhielt von Elvis u.a. einen Hundewelpen als Kuschelersatz und eine Gitarre – über Songs, die sie als „ihre“ Songs austauschten. So schreibt Elvis seiner Anita aus Deutschland, sie solle sich den Song Soldier Boy besorgen und an ihn denken, wenn sie ihn spiele. Nach seiner Rückkehr in die USA ist es einer der ersten Songs, die er für das Kultalbum Elvis Is Back (1960) aufnehmen sollte:

Hörprobe Elvis Presley: ‚Soldier Boy‘ Complete Masters Boxset

Soldier Boy

Und Anita wartete und wartete…

Ansonsten vertrieb sich Anita die lange Wartezeit als Radiomoderatorin beim Sender WHHM in Memphis und machte erneut Probeaufnahmen für einen Hollywoodfilm. Dabei lernt sie sehr schnell, was ihr Freund tatsächlich meinte, als er ihr zu verstehen gab, Hollywood sei kein Pflaster für sein Mädchen: Anita bekam ein unmissverständliches Angebot von Regisseur Elia Kazan für… die Besetzungscoach.

Es war einmal… ein Märchen endet

Als Elvis Presley im März 1960 in die USA zurückkehrte, konnte er sofort wieder an seine sehr erfolgreiche Karriere vor der Armeezeit anknüpfen. Hit folgte auf Hit und auch seine Hollywoodkarriere lief zunächst wie geschnitten Brot. Er und Anita nahmen ihr Leben vor der langen Trennung nahtlos wieder auf… doch ein konkreter Hochzeitstermin schien nicht in Sicht.

Zurück in Memphis: Elvis und eine kurzfristig dunkelhaarige Anita Wood haben Spaß auf dem von Elvis privat angemieteten Rummelplatz, Fairground Amusement Park, 11. Juli 1960

1961 brachte Anita bei SUN Records, dort wo Elvis seine gigantische Karriere gestartet hatte (→ A Boy From Tupelo), die Single mit der vielsagenden A-Seite I’ll Wait Forever und der fast noch vielsagenderen B-Seite I Can’t Show How I Feel heraus:

1962 fand Anita zufällig, als sie sich während Elvis‘ Dreharbeiten zu einem seiner Filme in seinem Haus in Hollywood aufhielt, einen Brief von Priscilla Beaulieu in einem Buch, das ihr Freund gerade las. Aus dem Brief ging hervor, dass die inzwischen 17-jährige Priscilla, die immer noch bei ihren Eltern in Deutschland wohnte, Elvis‘ in den USA besuchen wollte, was sie im Sommer 1962 auch tatsächlich tat. Als Anita Elvis mit dem Brief konfrontierte, kam es zu einer sehr hässlichen Auseinandersetzung, bei der Anita einen Moment fürchtete, ihr Freund könnte erstmals ihr gegenüber handgreiflich werden.

Sehr verunsichert ließ sie die Angelegenheit zunächst auf sich beruhen. Erst als sie kurze Zeit später zufällig eine Unterhaltung zwischen Elvis und Vernon Presley mitbekam, in der ihr Freund seinen Vater um Rat fragte, weil er sich einfach nicht zwischen den beiden Frauen entscheiden konnte, stand ihr Entschluss fest: Sie packte auf der Stelle ihre Koffer und verließ Elvis, war auch nicht mehr zu einer Aussprache bereit, worum er sie vor ihrer Abreise noch bat.

Nicht lange nach ihrer Trennung lernte Anita den NFL-Footballprofi Johnny Brewer kennen, den sie im Juni 1964 heiratete und mit dem sie bis zu dessen Tod 2011 ganz offensichtlich glücklich verheiratet war.

Anita und Johnny Brewer mit Elvis-Fanclub-Vorsitzendem Gerry Pepper an ihrem Hochzeitstag am 13. Juni 1964

Nach ihrer Hochzeit widmete sich Anita ganz dem Familienleben und bekam drei Kinder, darunter auch ihre Tochter Jonnita, die mit ihr gemeinsam Once Upon A Time schrieb.

Anita Wood Brewer mit Mann und Kindern kurz vor dem Tod Elvis Presleys 1977

Und Elvis? Auch er machte Nägel mit Köpfen – im Frühjahr 1963 zog die inzwischen fast 18-jährige Priscilla Beaulieu bei ihm in Graceland ein, um sich ihrerseits auf eine lange Wartezeit bis zur Hochzeit im Mai 1967 gefasst zu machen.

Elvis und Anita trafen sich nach einer kurzen Begegnung in Memphis 1963 erst 1969 wieder, als Anita ihn nach einem seiner Konzerte in Las Vegas in seiner Hotelsuite (→ Elvis in Vegas – Meet and Greet the King) besuchte. Er freute sich ganz offensichtlich, sie zu sehen und fragte sie nach einer Weile ganz direkt, ob sie ihrer Meinung nach die richtige Entscheidung getroffen hätten, als sie sich damals trennten – ob es nicht doch eine gemeinsame Zunkunft hätte geben können. Doch Anita hatte sich in ihrem Leben eingerichtet und fragte eher erstaunt zurück, auch er habe doch jetzt Frau und Tochter, die kleine Lisa Marie, ob er nicht glücklich sei. Seine Antwort lautete schlicht: „You make your own happiness /Für sein Glück ist jeder selbst verantwortlich„.

Ein letztes Mal sprachen Elvis und Anita 1973, vier Jahre vor seinem Tod, miteinander. Anitas Vater war gerade gestorben und sie hatte in dieser Situation das Bedürfnis ihrem Ex-Freund zu sagen, dass sie nun das Ausmaß seiner Trauer beim Tod seiner Mutter 15 Jahre zuvor erstmals richtig verstehen könne. Sie rief ihn an. Als er Anitas Verzweiflung spürte, bat er sie, sich Papier und Stift zu holen, und diktierte ihr folgenden Text, den sie ihm im Anschluss vorlesen sollte, was sie auch tat:

„Why is it that one cannot quite realize,
What a blessing true love can be?
Must one lose love to know it is priceless?
Must one be blind before one can see?

Where does love go when it leaves us,
The question will always remain
For we can never know the answer
Until we find love once again.“

Handschriftliches Original in: Jonnita Brewer Barrett Once Upon A Time, 2012

 

Fazit: Once Upon A Time ist ein tolles Buch, sehr lesenswert, das aktuell leider nur in englischer Sprache vorliegt. Man erfährt viel, darunter viel Neues, über die sehr sympathische und talentierte Frau, die fast Mrs. Elvis Presley geworden wäre. Wer ein Faible für romantische Liebesgeschichten ohne Happy End hat, ist hier bestens aufgehoben.

Jonnita Brewer Barrett: Once Upon A Time – Elvis and Anita – Memories of My Mother, Theoklesia Verlag, 2012;

248 Seiten, gebundene Ausgabe, englischsprachig,
ISBN-13: 978-0985805609

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