Elvis On Stage

Immer wenn ich gefragt werde, welches der Live-Alben von Elvis Presley ich persönlich besonders empfehlen würde, dann gibt es ein Album, das mir in diesem Zusammenhang nie spontan einfällt. Und das kurioserweise, obwohl ich alle Songs des Albums sehr gerne höre, sogar einer meiner absoluten Lieblingssongs hier erstmals drauf zu finden war. Es handelt sich um das Album On Stage von 1970.

Elvis On Stage 1970

Eigentlich kann man ein Album mit einem so coolen Cover doch gar nicht vergessen, oder? Auch dann nicht, wenn der Name des Interpreten auf dem Cover, ziemlich selten bei Elvis, nirgendwo zu finden ist. Wieso passiert’s mir dann dauernd – früher Fall von Alzheimer?

Nein, soweit ist es dann doch noch nicht ganz ;-). Es liegt wohl in erster Linie daran, dass es mir schwerfällt, On Stage als ein in sich geschlossenes Album unter der Überschrift Elvis live 1970 wahrzunehmen. Irgendwie scheint da etwas zu fehlen. Und ich glaube, das hat viel mehr etwas mit der Entstehungsgeschichte, mit dem Konzept von On Stage zu tun als mit den enthaltenen Songs oder meinem Gedächtnis.

Elvis‘ On Stage –  das Originalalbum und sein Vorläufer

Die Songs des Originalalbums ‚On Stage‘, veröffentlicht im Juni 1970 – Abb.: FTD On Stage 2012

Das Original-Album On Stage präsentiert im Wesentlichen acht Live-Interpretationen aus Elvis Presleys zweitem sehr erfolgreichem Las Vegas-Engagement im International Hotel (26. 1. – 23.2.1970), die von RCA-Toningenieur Al Pachucki und Produzent Felton Jarvis zwischen dem 16. und 19. Februar 1970 aufgenommen wurden, enthält aber auch zwei Songs vom ersten Las Vegas-Engagement im August 1969. Beim Abmischen für On Stage hat „Fell Tone“ Jarvis die Aufnahmen tüchtig bearbeitet, so dass einiges von der Live-Atmosphäre verlorenging. Außerdem wurde im Nachgang der Gesangspart der Backgroundgruppe Sweet Inspiration noch einmal neu im Studio eingespielt, allerdings nicht von den Sweets selbst, sondern u.a. von Mary Holladay und Jean(n)ie Green.

Schaut man sich die endgültige Songliste von On Stage genauer an, dann wird schnell klar, dass der Eindruck „da fehlt doch was“ durchaus begründet ist – und zwar nicht nur, weil hier kein vollständiges Konzert vom Februar 1970 geboten wird. Was völlig fehlt, sind nämlich vor allem die Hits, die man üblicherweise mit Elvis Presley verbindet, wie z.B. Hound Dog, All Shook Up, Are You Lonesome Tonight oder Suspicious Minds, In The Ghetto und Can’t Help Falling In Love. Stattdessen finden sich auf On Stage fast ausschließlich Songs einer (damals) neuen Singer-/Songwriter-Generation, darunter Tony Joe White, Neil Diamond, John Fogerty, Joe South und die Beatles.

Hörprobe (FTD) ‚Polk Salad Annie‘ (Tony Joe White) Las Vegas: 18.2.1970 – ahhh, die Annie, einer meiner absoluten Lieblingssongs!

Polk Salad Annie 1

Hörprobe (FTD) ‚Walk A Mile In My Shoes‘ (Joe South) Las Vegas: 19.2.1970

Walk a Mile in My Shoes 1

Das kann sich hören lassen, so viel ist mal sicher. Aber dafür ganz auf die eigenen Hits zu verzichten, war das wirklich clever? Dazu muss man wissen, dass On Stage nicht das erste Live-Album nach Elvis Presleys fulminantem Comeback 1968/69 war. Denn schon beim ersten Las Vegas-Engagement (31.7. – 28.8.1969) hatte die Plattenfirma RCA  eifrig mitgeschnitten. Diese Live-Interpretationen waren erstmals auf der ersten Scheibe der Doppel-LP From Memphis To Vegas/From Vegas To Memphis im Oktober 1969 erschienen (allerdings auch hier kein vollständiges Konzert) und wurden im November 1970, als man diese Doppel-LP entkoppelte, auf Elvis Live At The International Hotel gebannt. Und auf From Memphis To Vegas (→ siehe auch Elvis: Back In Memphis) und Elvis Live At The International Hotel waren die wohlbekannten Elvis-Hits aus den 1950ern mit denen jüngeren Datums vereint mit wenigen Ergänzungen Hits anderer Interpreten, wie z.B. Words:

Blue Suede Shoes
Johnny B. Goode
All Shook Up
Are You Lonesome Tonight
Hound Dog
I Can’t Stop Loving You
My Babe
Medley Mystery Train/Tiger Man
Words
In The Ghetto
Suspicious Minds
Can’t Help Falling In Love

Mein Eindruck der Unvollständigkeit beim Album On Stage entsteht also dadurch, dass es ein Fortsetzungsalbum von From Memphis To Vegas alias Elvis Live At The International Hotel, gewissermaßen die andere Seite der Medaille, ist. Mit On Stage wollte Elvis Presley nach seinem erfolgreichen Studioalbum From Elvis In Memphis (1969) auch live beweisen, dass er kein Oldies-Act war, wollte sich mit On Stage vor allem als ausgezeichneter Interpret moderner Songs präsentieren.

Wohl wegen dieser Veröffentlichungspolitik, die das Aufeinanderaufbauen der beiden Alben From Memphis To Vegas und On Stage zunächst nur schwer erkennen ließ, bekam On Stage 1970 eher gemischte Kritiken, auch wenn Billboard es als „hervorragendes Album“, das von der „Vielseitigkeit des Künstlers zeugt“, bewertete. Kritischere Stimmen taten dem Verkauf allerdings auch keinen Abbruch – zwischen dem Erscheinen des Albums im Juni und September 1970 hatten laut Marc Hendrickx schon mehr als 1 Million Käufer bei On Stage zugeschlagen.

In den USA landete On Stage 1970 zielsicher auf Platz 13 sowohl der Billboard Pop- als auch der Country-Charts, in Großbritannien sogar auf Platz 2 der Album-Charts. Besonders erfolgreich war die Single-Auskopplung mit der A-Seite The Wonder Of You – ein Nummer-1-Hit in Großbritannien, Nummer 1 ebenfalls in den USA, hier in Billboards Adult Contemporary-Charts, Platz 9 in den Pop-Charts (Hot 100).

Hörprobe (FTD) ‚The Wonder Of You‘ Las Vegas: 18. Februar 1970

The Wonder of You 1

Von der R.I.A.A. schon vor Ewigkeiten mit Platinum ausgezeichnet, beweist ein aktueller Blick auf YouTube, dass sich die Songs des Live-Albums On Stage immer noch großer Beliebtheit erfreuen und im Elvis-Kanon ihren festen Platz haben – ein einziges Video mit Elvis‘ Version von Neil Diamonds Sweet Caroline – es gibt mehrere davon – kommt allein auf über 6 Mio. Clicks. Not bad, not bad at all.

40 Jahre nach dem erstmaligen Erscheinen dieses oft unterschätzten Albums hat Sony in seiner Legacy-Reihe 2010 eine Doppel-CD herausgebracht, auf der das Originalalbum On Stage und sein Partner Elvis in Person at the International Hotel folgerichtig zusammen präsentiert werden. Jetzt passt’s. Kürzlich ist On Stage auch in der Classic-Album-Reihe des Elvis-Sammlerlabels Follow That Dream erschienen –  neben den Aufnahmen des Originalalbums findet der Ultra-Fan hier zusätzliche Live-Aufnahmen vom 18. und 19. Februar 1970.

Elvis Rebooked At The International

Was mache ich jetzt aber, wenn ich mich nicht mit den beiden Originalalben in verschiedenen Ausführungen (mit und ohne Bonustracks) herumschlagen will, die zwar zwei Seiten der Medaille, aber auch zusammen immer noch kein vollständiges Konzert vom Februar 1970 ergeben? Mit anderen Worten, wie hörte sich denn nun ein typisches Konzert – die Mixtur von Altem und Neuem von vorne bis hinten –  an?

Elvis Presley live 1970

Hier kann z.B. das neue Backdraft Label mit einer spannenden 4-CD-Veröffentlichung Rebooked At The International abhelfen, die u.a. zwei vollständige Konzerte von Elvis Presleys Engagement in Las Vegas im Februar 1970 in Soundboard-Qualität präsentiert und damit einen guten Eindruck vermittelt, wofür Elvis live zu dieser Zeit tatsächlich stand.

Elvis‘ Las Vegas-Show vom 23. Februar 1970

Die Show vom 23. Februar 1970 war die letzte des zweiten,  komplett ausverkauften Las Vegas-Engagements Elvis Presleys. Und so hörte sich das Programm an diesem Abend, der Closing Night, an:

1. Opening Vamp (Bobby Morris Orchester)

2. All Shook Up

3. Hörprobe I Got A Woman
03 I Got A Woman 1
4. Long Tall Sally
5. Elvis erzählt

6. Hörprobe Don’t Cry Daddy
06 Don’t Cry Daddy 1
7. Elvis spricht
8. Hound Dog
9. Love Me Tender

10 Hörprobe Kentucky Rain
10 Kentucky Rain 1
11. Let It Be Me
12. I Can’t Stop Loving You

13. Hörprobe See See Rider
13 See See Rider 1

14. Sweet Caroline
15. Polk Salad Annie
16. Elvis spricht nach einer kurzen Pause

17. Hörprobe Bandvorstellung
17 Introductions 1

18. Blueberry Hill kurz angespielt mit Elvis am Piano
18 Blueberry Hill 1

19. Lawdy Miss Clawdy
19 Lawdy Miss Clawdy 1

20. Heartbreak Hotel
20 Heartbreak Hotel 1

21. Elvis erzählt

22. One Night
22 One Night 1

23. It’s Now Or Never

24. Suspicious Minds
24 Suspicious Minds 1

25. Elvis erzählt
26. Can’t Help Falling In Love
27. Abschließende Durchsage

Fazit:  On Stage ist sicher ein sehr empfehlenswertes Album, keine Frage. Aber wenn es um Elvis live im Februar 1970 geht, dann gibt es letztendlich nur einen kleinen Einblick in die Las Vegas-Show des Memphis Flash in dieser Zeit, wie die Songauswahl der Show vom 23. Februar 1970 belegt. Denn hier sind neben den Songs des Albums viele eigene Hits aus den 1950ern, aus den frühen und späten 1960ern vertreten. Elvis quer durch den Gemüsegarten also – noch dazu mit reichlich informellem Geplauder und ordentlich Stimmung. Davon darf’s ruhig noch mehr geben ;-).

7 Antworten
  1. Mauro
    Mauro says:

    Prima Rezension, Danke…habe eine 1970er Pressung von diesem Album mit gelbem Sticker „Special Poster Included“ leider fehlt Dieses! Wie sah es aus? finde nirgens Hinweise.

    Antworten
      • frisia2010
        frisia2010 says:

        Schließe mich Mauro an: nett geschrieben. In punkto Vorgeschichte meine ich mich zu erinnern, dass Col. Parker die On Stage LP ursprünglich als Souvenir für die Las Vegas-Konzert Besucher angedacht hatte; will sagen: sie sollte vor Ort ver- und gekauft werden. Eine allgemeine Veröffentlichung war weniger im Vordergrund. Zusammen mit TTWII ist dies meine absolute Lieblings live-LP, gerade aus den Gründen die du angeführt hast: eine völlig andere „set list“, keine Greatest Hits, etc. Jammerschade, dass Rebooked… so eine limitierte Auflage hat. Hier können sich RCA/ FTD noch ’ne Scheibe abschneiden!

        Antworten
  2. patricia
    patricia says:

    Danke frisia2010. Wieder was gelernt – wusste gar nicht, dass das Album zunächst gar nicht als reguläres Album gedacht war. Und Rebooked ist wirklich klasse!
    Gruß patricia

    Antworten

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  1. […] vom August 1969 enthielt. Diese Doppel-LP sollte schlicht zwei Seiten einer Medaille zeigen (→ siehe hierzu auch Elvis On Stage): einen Elvis, der sowohl im Studio als auch live neue Akzente setzte. Back In Memphis als […]

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