Kleider machen Leute – Elvis Presley und Bernard Lansky

Was hat Elvis Presley mit dem Schneidergesellen Wenzel Strapinski aus Gottfried Kellers berühmter Novelle Kleider machen Leute gemeinsam? Klarer Fall, beide Herren wussten, dass man für seinen Erfolg nicht nur viel Talent, eine ordentliche Portion Glück, sondern vor allem auch die richtigen Klamotten braucht. Mit anderen Worten: you have to dress for success, baby!

Doch da hört es auch schon auf mit den Parallelen. Denn anders als Schneidergeselle Strapinski hat der King nicht selbst zu Nadel und Faden gegriffen bzw. sich hinter die Nähmaschine geklemmt – und das obwohl Nähmaschinenhersteller Singer später Hauptsponsor des berühmten 68er Comeback-Special werden sollte. Nein, Elvis suchte sich einfach den coolsten Herrenausstatter in ganz Memphis aus: Lansky Brothers auf der berühmten Beale Street.

Elvis Presley “inkognito” in Trenchcoat und Sonnenbrille mit seinem Herrenausstatter Bernard Lansky im Geschäft der Lansky Brothers, Beale Street, Memphis (Foto: Lansky Collection)

 

Lansky Brothers, Elvis und die Beale Street

Die Geschichte von Lanskys mit der Adresse Beale Street 126 in der Innenstadt von Memphis begann 1946, als Samuel Lansky seinen beiden Söhnen Bernard und Guy für 300 Dollar ein Bekleidungsgeschäft kaufte. Der Laden war zunächst auf Armeebekleidung spezialisiert bevor Bernard Lansky den richtigen Riecher für eine echte Marktlücke in Memphis hatte, nämlich High Fashion-Mode.

Lansky Brothers in der Beale Street 126, Memphis/Tennessee

Zunächst hielt jeder das neue Konzept der geschäftstüchtigen Brüder für verrückt, schließlich war die Beale Street vor allem eine Amüsiermeile, auf der sich überwiegend farbige Musiker, Blues-Bands und deren Publikum tummelten. Es gab Theater, Clubs, Bars, Leihhäuser – und dazwischen sollte ein Laden mit ausgefallener, hochwertiger  Herrenmode bestehen?

Doch das Konzept von Bernard Lansky ging auf. Schnell zählten vor allem die Musiker des Viertels zu Lankys Stammkundschaft. Und nicht nur die wurden auf den Laden mit den coolen “cat clothes” aufmerksam. Bald drückte sich auch ein musikbegeisterter siebzehnjähriger Schüler der Humes High School die Nase platt an den einladend dekorierten Schaufenstern der Lansky-Brüder. Er sollte Lanskys weltberühmt machen.

Zwischen 1949 und 1953 lebte Elvis Presley mit seinen Eltern in den Lauderdale Courts, einem Viertel des sozialen Wohnungsbaus in der Innenstadt von Memphis, speziell errichtet für Weiße mit niedrigem Einkommen. Wenn er nicht in der Schule war, machte er mit seiner Clique – bestehend aus Evan (Buzzy) Forbess, Farley Guy und Paul Dougher – die Gegend unsicher. Ihre Ausflüge führten die Jungs regelmäßig in Richtung Beale Street, wo Elvis gerne beim Green Owl vorbeischaute, in Zeiten der strikten Rassentrennung in den Südstaaten eine Kneipe für Afroamerikaner, die es ihm wegen der Live-Musik besonders angetan hatte.

Unzertrennlich (v.l.n.r.): Farley Guy, Elvis Presley, Paul Dougher und Buzzy Forbess in Memphis 1952

Da die Jungs damals praktisch kein Geld zur Verfügung hatten, verdienten sie sich mit Rasenmähen und Auslieferfahrten ihr Taschengeld – Elvis arbeitete außerdem zeitweise als Platzanweiser im Kino Loew’s Palace, das sich in der Nähe von Lanskys Geschäft befand. So war es eigentlich nur eine Frage der Zeit bis Elvis Presley auf der Suche nach einem bezahlbaren, möglichst coolen Outfit auf Bernard Lansky traf. Lansky erinnert sich an diese erste Begegnung mit seinem berühmtesten Kunden im Jahr 1952 noch sehr genau.

Lansky fand schnell gefallen an dem freundlichen jungen Mann mit wenig Geld, aber Faible für außergewöhnliche Kleidung. Zunächst konnte Elvis sich nur einzelne Hemden leisten bevor er ungewöhnliche Kombinationen in Schwarz und Pink zu seinem frühen Markenzeichen machte. “Wir hatten alles, was er wollte. Schwarze Hosen, pinkfarbene Hemden mit hohem Kragen und weiten Ärmeln, drei Knöpfen und großen Manschetten“, so Bernard Lansky.

Fotos: Elvis im pink-schwarzen Lansky-Outfit fängt sich einen Strafzettel Ecke Main/Beale-Street; Elvis ganz cool in “cat clothes”, Fotos: EPE

Mit seinen Klamotten und den langen, zum Entenschwanz frisierten Haaren fiel Elvis Presley natürlich ganz schön auf – und bei weitem nicht immer positiv, wie Kumpel Farley Guy erzählt:

“Elvis was kind of a loud dresser. He wore those loud clothes and he had that slick hair and a lot of students and even people not at Humes [High School] didn’t like him because of it. That’s just the way he was. He was about as strange to them then as hippies were in the Sixties.”

Bei der städtischen Arbeitsvermittlung brachte dieser Stil Elvis den Stempel “Playboy-Type” ein und sein späterer Backgroundsänger Gordon Stoker von den Jordanaires meint, dass Männer in den 1950ern, noch dazu Weiße, sich so einfach nicht anzogen. Was andere dachten, focht Elvis aber nicht wirklich an – “he was such an individual, he didn’t conform to peer pressure“, weiß Schulfreund Luther Nall.

Elvis’ Modestil: Rocker im Dandy-Look

Männermode der Rock ‘n’ Roll-Ära wird meist mit Jeans, T-Shirt und Lederjacke in Verbindung gebraucht, so wie die großen Filmidole der Zeit – James Dean, Marlon Brando und auch Elvis Presley – in den 1950ern in ihren Filmen zu sehen waren.

Gerade dieses Image inspirierte Designer Bill Belew 1968 zu dem berühmten schwarzen Lederanzug des 68er Comeback Specials, was aber gar nicht Elvis Presleys ursprünglichem Stil entsprach. Der Memphis Flash trug zwar durchaus hin und wieder Leder, aber nie T-Shirt und Jeans.

  Fotos: Lederjacke mit opulentem Fellkragen und roter Ledermantel im Lansky-Stil aus Elvis Presleys Privatbesitz (EPE)
 

Jeans mochte er nicht, denn die waren für ihn schlicht Symbol einer entbehrungsreichen Jugend in Armut, einer Zeit, in der man sich nichts anderes leisten konnte.

Laut Lansky hatte schon der junge Elvis eine Vorliebe für Samt, Seide, Pailletten, für  ungewöhnliche Accessoires, einfach alles, was möglichst anders war. Er trug gerne farbintensive Jacken und gemusterte Hemden, die oft weit aufgeknöpft oder in Taillenhöhe geknotet waren.

Kastenförmige Jackets und weite, nach unten schmal zulaufende Hosen gehörten ebenso zu seinem Stil, der weitaus mehr “Dandy” als “Rocker” war.

Der Dandy-Rocker im Zug von New York nach Memphis

Elvis, der Rocker im Dandy-Look, der viel Wert auf einen individuellen Stil legte:

“Cat clothes are absolutely a must as far as I’m concerned. My favorite hobby is collecting these real cool outfits, and I’d almost rather wear them than eat!”
Elvis Presley

Wenn die Lansky Brüder auf Einkaufstour gingen, dann hatten sie Elvis’ Vorliebe für ungewöhnliche Kleidungsstücke, in denen er laut Bernard “wirklich scharf aussah”, stets ebenso im Kopf wie seine wichtigsten Maße: Mäntel in Größe 42, Hemden in Medium, Taille 32, Schuhgröße 10 1/2.

 Fotos: Bernard Lansky hilft Elvis beim Anprobieren (Lansky Collection)
 
 

Foto: Elvis Presley beim Shoppen in Lanskys Laden mit Cousin Junior Smith (oben) und Im Lansky-Stil unterwegs in guter Gesellslchaft – Elvis mit Little Junior Parker & Bobby Blue Band 1956 (unten)
 

 You gotta dress for success!

Als der künftige King – kurz vor seinem nationalen und schließlich internationalen Durchbruch – für seine ersten TV-Auftritte 1956 gleich mehrere Outfits benötigte, aber nicht genügend Geld hatte, half Bernard Lansky gerne mit einem Kredit aus.

Elvis im Hemd mit Ballonärmeln, Ed Sullivan Show 1956

Elvis live im Lansky-Look 1956

Es sollte eine Investition werden, die er niemals bereute, denn schon bald strömten junge Männer aus allen Richtungen in seinen Laden, um Elvis’ Modestil zu kopieren. In Folge entdeckten auch berühmte Musikerkollegen wie Jerry Lee Lewis, Carl Perkins, Roy Orbison, Johnny Cash, The Beach Boys, The Kingsman und Robert Plant von Led Zeppelin Lanskys.

“Elvis war ein dynamischer junger Mann. Er war ein großartiger PR-Mann, eine wandelnde Reklame für uns. Als Elvis unsere Sachen anzog, veränderte es die ganze amerikanische Gesellschaft. Und wann immer man ihn fragte, woher er seine Kleidung hat, sagte er ‘I got them from Lansky’s on Beale’. Ich habe noch nie jemanden getroffen, der so verrückt nach Kleidung war”
Bernard Lansky

Wie verrückt der junge Elvis Presley nach Klamotten war, zeigt, dass er, berühmt für seine “gelebte Auto Emoción“, sogar bereit war, seinen geliebten Messerschmitt KR200 gegen ein paar Stunden unentgeldliches Shoppen bei Lanskys einzutauschen. Nach eigener Aussage hinterließ er das totale Chaos in Bernard Lanskys Laden, der dafür den Messerschmitt bekam.

Fotos: Elvis Presley und Bernard Lansky im Tauschobjekt Messerschmitt KR200 (Lansky Collection)

Inzwischen ein Superstar, entdeckte Elvis Presley bald noch andere Herrenausstatter und Designer für sich, aber Lansky blieb er bis zu seinem frühen Tod am 16. August 1977 treu. Fragt man Bernard Lansky, was Elvis Presley aus seiner Sicht ausmachte, so sagt er: “Sein größtes Vermächtnis (außer seiner Musik) war seine Fähigkeit zur Selbstdarstellung. Er zeigte anderen Künstlern, dass man das tun kann, was man will, ohne sich darum zu kümmern, was andere Leute davon halten“. Und ein wenig traurig ergänzt Lansky: “Ich machte Elvis’ ersten Anzug und ich machte seinen letzten“.

15 Jahre nach Elvis Presley Tod schloß Bernard Lansky sein Geschäft in der Beale Street und vermietete es an Elvis Presley Enterprises, die im ersten Stock ein Club-Restaurant mit Elvis Presleys Lieblingsgerichten auf der Speisekarte eröffneten. Heute befindet sich Lanskys Bekleidungsgeschäft im legendären Peabody-Hotel, drei Blocks entfernt vom ursprünglichen Laden auf der Beale Street.

Anfang November 2009 wurde Bernard Lansky für seine Verdienste geehrt, indem man ein Stück der Beale Street in Bernard Lansky Street umbenannte. Damit zog er mit seinem berühmtesten Kunden gleich, der schon in den frühen 1970ern mit einem Straßennamen in Memphis geehrt wurde – Kleider machen eben Leute!

Auf seine Weise hat Herrenausstatter Bernard Lansky (verstorben am 15.11.2012) einen Teil zu der Kulturrevolution beigetragen, von der Leonard Bernstein in seinem berühmten Zitat über Elvis Presley spricht:

“Elvis Presley is the greatest cultural force in the 20th century. He introduced the beat to everything. And he changed everything – music, language, clothes. It’s a whole new social revolution.”

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  1. […] Bass festgezurrt war. Den Pink Cadillac hatte Elvis, der gerne pinkfarbene Klamotten trug (→ Elvis im Lansky-Look), erst im Frühjahr ’55 gekauft und kurz darauf die Beifahrerseite eigenhändig und […]

  2. […] nominiert – hat hier ganze Arbeit geleistet und aus dem Dandy-Rocker Elvis der 1950er (→ Kleider machen Leute) einen Dandy ohne Rocker vom Scheitel über die bewegten Hüften bis zur Sohle […]

  3. […] hat der King zu Beginn seiner Karriere auch Werbung für seinen Herrenausstatter Lansky in Memphis und so hüftbeschwerende Leckereien wie Southern Maid Donuts gemacht. Ziemlich […]

  4. […] wurde Elvis bei Bernard Lansky von Lansky Bros. auf der kultigen Beale Street in Memphis (→ Kleider machen Leute – Elvis Presley und Bernard Lansky). Aus der ersten Begegnung im Jahr 1953 wurde eine langjährige Kundenbeziehung, die Bernard […]

  5. […] schicker, moderner Ritterrüstung (→ Dandy-Rocker im Lansky-Look), schwarzem Cadillac statt Pferd und begleitet von gleich vier seiner Knappen – später ja […]

  6. […] über Bernard Lanskys Beziehung zu Elvis Presley → Kleider machen Leute – Elvis Presley und Bernard Lansky. TweetPin It This entry was posted in 1950er, Dies und das and tagged Beale Street, Bernard […]

  7. […] halbes Jahr später sieht die Lage schon vielversprechender aus – Dandy-Rocker Elvis im Lansky-Look backstage mit Fans in Tyler/Texas am 25.1.1955; © A Boy From Tupelo v. E. M. […]

  8. […] der gute Elvis ist letztendlich doch kein Einzeltäter in Sachen Werbung geblieben (→ siehe Kleider machen Leute – Elvis Presley und Bernard Lansky). 2 Jahre nach seinem Donut-Erstling hat er nämlich ausgiebig Produktwerbung für die Radio […]

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