Der Schamane in Las Vegas – Heinrich Detering über Elvis Presley

Der Schamane in Las Vegas: Elvis als Serienheld (1969 – 1977) ist der Titel einer spannenden Studie von Professor Heinrich Detering, die im August 2012 im transcript Verlag erschienen ist.

Integriert ist Deterings Studie über den King in Professor Frank Kelleters geisteswissenschaftlichem Band Populäre Serialität: Narration – Evolution – Distinktion vollständige Angaben zum Buch siehe Ende des Beitrags.

Heinrich Detering, Jahrgang 1959, ist Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und hat seit 2005 einen Lehrstuhl für Neuere deutsche Literatur und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Georg-August-Universität in Göttingen. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Themen Kunst – Religion – Kunstreligion vom 18. Jahrhundert bis zur Popkultur sowie die deutsch-skandinavischen Literaturbeziehungen vom 18. bis ins 20. Jahrhundert. 2007 hat er zudem eine vielbeachtete Publikation über Bob Dylan im Reclam Verlag herausgebracht. The Memphis Flash hat Professor Detering zu seinem Projekt über Elvis Presley interviewt.

The Memphis Flash: Professor Detering, warum ausgerechnet Elvis Presley? Wie kommt der Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung dazu, eine Studie über den King of Rock ‘n‘ Roll zu verfassen?

Heinrich Detering: Dieser Aufsatz über Elvis in Vegas ist hoffentlich der Anfang einer längeren Arbeit über Elvis als Künstler, über die Entwicklung von Elvis’ Kunst. Die kritische Diskussion um Elvis ist immer noch sehr auf Biographisches konzentriert, auf seine privaten Beziehungen, seinen kommerziellen Werdegang, seine Krankheiten, seinen Körper. Aber worin diese Kunst eigentlich besteht, die ja erst der Grund dafür ist, dass wir uns schließlich auch für seine Beziehungen und seinen Körper interessieren, darüber gibt es erstaunlich wenig zu lesen. Wie lässt sich diese Stimme beschreiben, was macht er mit seinen Song-Vorlagen, wie inszeniert er die Songs und sich selber, welche Beziehungen lässt er entstehen zwischen den Songs, seinen Arrangements, seiner Stimme, seiner Kostümierung, seiner körperlichen Präsenz, und in welchem Verhältnis steht dies alles zu der Kultur seiner Zeit?

The Memphis Flash: Gibt es neben diesem wissenschaftlichen Interesse an dem Künstler Elvis Presley auch eine persönliche Ebene, eine eher private Vorgeschichte?

Heinrich Detering: Meine private Geschichte mit Elvis ist lang. Als ich ungefähr elf oder zwölf war, schenkte mir eine Tante ihre Sammlung von Rock ’n’-Roll-Singles, lauter Originalpressungen von Fats Domino, Eddie Cochran, Duane Eddy, den Kalin Twins, Chuck Berry. Elvis war am umfangreichsten vertreten. Es war das Beste, was die Tante für meine Erziehung getan hat. Jailhouse Rock, Don’t, Heartbreak Hotel habe ich Tag für Tag gehört; es hat mir auch eine Ahnung davon gegeben, welche unterschiedlichen Seiten (und Stimmen) es bei Elvis zu entdecken gibt. Als ich dann mit fünfzehn zum ersten Mal Dylan begegnete, verblassten die Rock ’n’ Roll-Helden. Es ist mir so gegangen, wie ich es von Freunden später auch gehört habe, dass die Elvis-Welt mir im Vergleich damit kommerziell und banal erschien. Es hat dann lange gedauert, bis ich, so um 1990, Elvis allmählich wiederentdeckte, und das verdanke ich ganz wesentlich auch Dylan selbst. Seitdem höre ich nicht auf, über Elvis zu staunen.

The Memphis Flash: So eine Tante hätte ich auch gerne gehabt ;-). Neben Bezügen zu Bob Dylan schlagen Sie in Ihrer Studie gleich zu Beginn einen Bogen von Andy Warhols Elvis-Präsentation in den Siebdrucken hin zu Elvis Presleys Konzerten in Las Vegas und auf Tournee durch die USA zwischen 1969 und 1977. Wo ist der Zusammenhang?

Heinrich Detering: Der ergibt sich, wenn man bedenkt, dass Andy Warhol in der Serialität eines der Merkmale der kapitalistischen Alltagskultur entdeckt und zu einem Prinzip der Pop-Art gemacht hat. Phänomene wie die massenhafte Produktion und Variation leicht wiedererkennbarer Markenerzeugnisse (wie der Campbell-Suppendosen), aber auch die Ästhetik von Comics, Unterhaltungsromanen, Filmen und Fernsehserien, schließlich serielle Prinzipien auch in der populären Musik: in solchen Phänomenen hat Warhol die Serialität als ein ästhetisches Prinzip erkannt, und er hat es für seine eigene Popkunst produktiv gemacht. Dabei gehörte es wesentlich zu dieser Kunst, dass sie das Serielle nicht mehr als Merkmal einer „trivialen“ Kunst verächtlich machte, sondern respektierte. Es scheint mir nun bezeichnend, dass eines der wichtigsten und erfolgreichsten Objekte für Warhols serielle Siebdrucke eben Elvis gewesen ist, in unterschiedlichen Reihen – bezeichnend nicht nur für Warhols künstlerischen und zeitdiagnostischen Spürsinn, sondern auch für Elvis selbst.

Elvis in Serie: Andy Warhols Siebdruck 8 Elvises

Warhol sieht in Elvis eine Verkörperung derjenigen amerikanischen Popkultur, die ihn interessiert. Darum wählt er von allen ihm verfügbaren Bildern auch dasjenige, das den Filmschauspieler Elvis Presley in der amerikanischsten Kostümierung zeigt, als Cowboy mit der Waffe im Anschlag. Von dieser Beobachtung aus hat sich mir ein neuer Blick auch darauf geöffnet, wie Elvis in seinen späteren Jahren selbst mit der Serialität umgeht. Er, der seine Bekanntheit einmal mit der einer Comicfigur vergleicht, erschafft in Las Vegas und dann auf den anschließenden Tourneen bis zu seinem Tode eine Konzert-Serie, bei der die Serialität nicht nur ein Begleitumstand ist, sondern auch zur Grundlage einer neuen Kunst wird. Ganz anders als in der „Genie-Ästhetik“ von seinen ersten TV-Auftritten bis zur Comeback-Show ist er nun Regisseur und Hauptdarsteller einer eigenen und eigenartigen Serie von zunehmend rituellen Performances.

The Memphis Flash: Warum haben Sie für Ihre Studie den Titel „Der Schamane in Las Vegas“ gewählt? Was hat der Begriff des Schamanen mit Elvis und seinen Konzerten in Amerikas Spielerhauptstadt zu tun?

Heinrich Detering: Es ist ja schon oft beobachtet worden, dass Elvis sich mit den Bildmotiven seiner Jumpsuits auf Überlieferungen der amerikanischen Ureinwohner bezieht (nicht allein darauf, aber darauf doch am meisten). Das ist ein guter Ansatzpunkt, um weiterzufragen. Denn warum trägt er überhaupt diese Jumpsuits, die ja nicht einfach nur Kleidungsstücke sind, sondern so etwas wie eine zweite Haut?

Fotos: Symbolträchtige zweite Haut  (v.o.n.u.): Elvis Presley im Aloha Bald Headed Eagle (Aloha From Hawaii, 1973)

Elvis im Peacock-Jumpsuit 1974…
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..und im Turquoise Phoenix-Jumpsuit, jeweils 1974 – Fotos: © Elvis Presley: Fashion For A King, Flaming Star/FTD Books, 2011

Fotos  (v.o.n.u.): Inuit, Tiger und Drache – Elvis Presley im Eskimo-Totem-Pole- (1975)
Eskimo_Totem_Pole_1975
 
… im Mad Tiger-Jumpsuit und
Mad_Tiger_1974
… im Dragon-Jumpsuit, jeweils 1974; © Elvis Presley: Fashion For A King, Flaming Star/FTD Books, 2011
 

Fotos: Der King hatte indianische Vorfahren aus dem Stamm der Cherokee – (v.o.n.u.) 

 


Elvis Presley im Indian Chief (1976 + 1977)


… und im Inka Gold LeafJumpsuit (1976); © Elvis Presley: Fashion For A King, Flaming Star/FTD Books, 2011

Heinrich Detering: Mir scheint, bereits mit dem Kostüm beginnt eine Art ritueller Verwandlung, bei der diese Adler, Löwen oder Mythenwesen ihn begleiten wie die Schutzgeister den Medizinmann. Das Cape, das er erst am Ende des Konzerts mit triumphaler Geste öffnet, vollendet diese Verwandlung: wie eine Puppe, die zum Schmetterling wird. Schon der Auftritt zu den Klängen von Richard Strauss’ Also sprach Zarathustra hat ihn ja buchstäblich als einen „Übermenschen“ inszeniert oder, in der Comicwelt von Vegas, als einen neuen Superman.

Angefangen mit dem Übergang von dieser Musik, die ja als Kubricks Filmmusik ungeheuer populär war, zum Blues von C C Rider, zielen Elvis’ Konzertprogramm (bis hinein in die Zusammensetzung seiner Bands) und seine Selbstinszenierung auf eine Verschmelzung unterschiedlicher amerikanischer Musik-Idiome, unterschiedlicher amerikanischer Traditionen im Medium von Musik und Performance: von Nord und Süd, Schwarz und Weiß, Männern und Frauen, Sakral und Säkular.

Ekstase und Erlösung – Superman ist gelandet

Heinrich Detering: In der Choreographie der Ekstase, die er meisterhaft vollführt, macht Elvis diese Verschmelzung als eine symbolische Versöhnung erkennbar, eine Art nationaler Heilung in der Zeit des Vietnamkriegs, der Studentenproteste, der Bürgerrechtsbewegung. Und in so sonderbaren Ritualen wie dem massenhaften Verteilen von Schweißtüchern am Ende, die vor den Augen des Publikums als Berührungsreliquien des Heiligen erzeugt und dann verteilt werden, lässt er sein Publikum, lässt er ‚Amerika’ auch körperlich-sakramental an dieser Heilung teilhaben. Das heißt: Elvis begibt sich im Laufe seiner Bühnenshow als Priester und Geisterbeschwörer auf eine musikalisch-spirituelle Reise durch die Ober- und Unterwelten der amerikanischen Popularkultur – kulminierend in An American Trilogy – und vollzieht damit eine symbolische Heilung, eine Dämonenaustreibung.

Elvis Presley: An American Trilogy, Madison Square Garden, Juni 1972 Prince From Another Planet-Boxset

An American Trilogy

Man kann solche Rituale, zumal wenn sie sich sogar ausdrücklich auch indianisch-schamanistischer Bilder bedienen, ganz gut mit Begriffen des Schamanismus beschreiben. Natürlich ist Elvis in Las Vegas so wenig ein Schamane, wie Joseph Beuys es bei seinen Aktionen ist. Aber wie Beuys bezieht auch er sich, auf seine Weise, bewusst und eigenständig auf schamanistische Rituale und Rollenmuster.

The Memphis Flash: Die Tatsache, dass Elvis Presley sich nach langen Jahren in Hollywood und einem fulminanten Comeback mit dem TV-Special ELVIS (1968) über Jahre an ein Engagement in Las Vegas band, wo er quasi Konzerte in Serie gab, wird von seinen Biografen, von Musikkritikern und letztlich auch seinen Fans in der Regel kritisch gesehen. Sie vertreten hingegen die Ansicht, dass Elvis hier in gewisser Weise ideale Bedingungen vorfand. Wie ist das zu verstehen?

Heinrich Detering: Vegas war ja gerade in den sechziger und siebziger Jahren der Ort, an dem sich die kommerzielle amerikanische Unterhaltungskultur so verdichtete wie nirgends sonst, eine Art Gesamtkunstwerk aus Trash und Repräsentation, mit einem Programm, das von Sinatra bis zu Liberace reichte. Gerade das, was Leute wie Warhol so faszinierend fanden an der amerikanischen Verbindung von Kunst und Kommerz (und was konservative Kulturkritiker so abstieß), bestimmte hier alles. Wenn Elvis nicht nur kommerziellen Erfolg haben, sondern sich auch als einen amerikanischen Künstler mit einem seriellen Konzept neu erfinden wollte, dann war dies genau der richtige Ort. Auch der richtige Ort übrigens, um in einer Zeit, in der er schon zu einer Popikone geworden war, noch einmal provozierend zu wirken. Dazu gehörte die Art, in der er in dieser ganz von der weißen Mittelklasse bestimmten Welt afroamerikanische Musik zur Geltung brachte.

The Memphis Flash: In einer Pressekonferenz im Vorfeld zu dem in vielen Ländern der Welt per Satellit ausgestrahlten Konzert Aloha From Hawaii (1973) sagt Elvis Presley selbst, dass er und seine Musiker einfach nur eine gute Show bieten wollen, reine Unterhaltung, keine Botschaften, „no this and that“. Können wir ihm dies unbesehen glauben oder will der Schamane seinen Zauber nur einfach nicht preisgeben? Welche message steckt im Konzept der Elvis Presley-Show der 1970er und wie wird sie transportiert?

Heinrich Detering: Wenn man nach einer message fragt, wie ein politischer Song sie enthalten könnte, dann wird man bei Elvis kaum fündig; Songs wie In the Ghetto, an die man allenfalls denken könnte, sind ja eher die Ausnahme (und auch ein Zugeständnis an veränderte Publikumserwartungen). Aber eben in dem, was Sie den „Zauber“ des Schamanen nennen, steckt etwas, das über die bloße Zerstreuung wesentlich hinausgeht. „We’re here to entertain you“, das schließt keineswegs aus, dass eben im Medium und mit den Mitteln dieses amerikanischen Entertainment etwas bewirkt wird, das sich so nur im Ritual der Konzertserie herstellen lässt: dass ein Amerika, das in widerstreitende politische Lager, in Rassen und Geschlechter zerfallen ist, sich selber als ein versöhntes Ganzes anschaut. Und dass es die Kraft und die Dynamik seiner kulturellen Ausdrucksformen wieder spürt.

The Memphis Flash: Sie haben eingangs schon auf das vorherrschende Interesse an Details aus der Biografie Elvis Presleys, der Konzentration auf physische Aspekte hingewiesen. Welche Bedeutung hat die Körperlichkeit des Künstlers für sein Showkonzept – und welche Folgen hat das?

Heinrich Detering: Das ist nicht leicht zu beantworten, weil ja gerade Elvis’ Verwandlung seines Körpers in einen Teil seines Kunstwerks eine lange Vorgeschichte hat. Sicher hat das auch in Vegas noch mit der sexuellen Ausstrahlung zu tun, aber es lässt sich nicht mehr darauf reduzieren (wenn das überhaupt je möglich war). Elvis „tanzt“ nicht mehr, er zitiert nur Posen, wie er Songs zitieren kann.

Fotos: Posen – Elvis Presley im Eyelit-Jumpsuit (oben)…

 

… und im Blue Nail-Jumpsuit, jeweils 1972; © Elvis Presley: Fashion For A King, Flaming Star/FTD Books, 2011

 

Heinrich Detering: Er bringt nicht mehr den Körper zur Geltung, wie er es in den Bewegungsabläufen der frühen Konzerte oder im Black Leather Suit getan hatte, sondern er verwandelt seinen Körper in etwas Anderes, mithilfe der Jumpsuits und der Capes: als schlüpfe er in eine andere Daseinsform, in der er noch immer der Alte und doch schon ein Anderer ist, gewissermaßen verklärt, ein Superman eben. Zugleich aber verschwindet sein Körper in der Kostümierung und den Posen nicht, sondern bleibt in seiner sichtbaren und spürbaren physischen Präsenz wichtig: in den Zeichen der Anstrengung, der Verausgabung, der Ekstase; in dem Schweiß, den er vergießt. Der sexuell verführerische Elvis der frühen Jahre verwandelt sich hier zu der Erlöserfigur, als die er dann ja immer wieder parodiert worden ist.

The Memphis Flash: Der bekannte Musikkritiker Robert Hilburn riet in einer Besprechung eines der Las Vegas-Konzerte vom Dezember 1975, Elvis Presley solle sein Programm unbedingt stärker seiner Entwicklung anpassen. Wie bewerten Sie diesen Rat?

Heinrich Detering: Ich glaube, Elvis hat das selber so empfunden. Jedenfalls kann man ja verfolgen, wie er im Laufe der späten Konzerte Teile des frühen Materials nicht nur auf Fragmente reduziert und zitiert, sondern auch selber parodiert: den Anfang von Hound Dog zum Beispiel, den er ein paar Mal mit einem Augenzwinkern wiederholt, oder natürlich die gesprochene Passage in Are You Lonesome Tonight. Mit den neuen, pathetischen Songs, die ein Psychodrama oder eine religiöse Erweckung inszenieren, wäre so ein Umgang undenkbar. Aber Hilburn hat recht – es gibt Songs, bei denen tut Elvis sein Bestes, und doch merkt man, dass er kein lebendiges Verhältnis mehr dazu hat. Für mich gehören die späten Versionen von Chuck Berrys Johnny B. Goode dazu, in denen das forcierte Tempo den Mangel an Lebendigkeit wettmachen soll; man könnte noch andere Beispiele nennen.

The Memphis Flash: Sie haben 2007 eine vielbeachtete Veröffentlichung über Bob Dylan herausgegeben, in der es auch Bezüge zu Elvis Presley gibt. Wo liegen für Sie die wesentlichen Parallelen und Unterschiede zwischen den beiden Musikern?

Heinrich Detering: Das ist eine lange und komplizierte Geschichte. Dylan hat von seinen frühen Jahren an ein sehr intensives Verhältnis zu Elvis gehabt, er ist zweifellos ein Elvis-Kenner und hat selbst im Laufe der Jahre eine ganze Reihe klassischer Elvis-Titel nachgesungen, auf Alben und im Konzert, von A Fool Such As I bis zu Tomorrow Night.

Elvis Presleys Original A Fool Such As I( 1959):

(Now And Then There’s) A Fool S

Dylan hat Songs über Elvis geschrieben (jedenfalls glaube ich, dass der geheimnisvolle Zigeuner in Went to See the Gipsy eine Elvis-Figur ist; ausdrücklich erscheint Elvis in TV Talking Song) und sich oft über Elvis geäußert. Dabei schwankt sein Urteil über den Vegas-Elvis erheblich – Ende der siebziger Jahre gehört er zu Dylans eigenen role models, in letzter Zeit hat Dylan ihn gegenüber dem Elvis der SUN-Aufnahmen polemisch abgewertet. In den Sendungen seiner Theme Time Radio Hour gehört Elvis selbstverständlich zum Grundbestand der amerikanischen Kultur, die Dylan wiedererwecken will. Und er hat gesagt, dass nichts ihn so stolz gemacht habe wie Elvis’ Aufnahme seines Songs Tomorrow Is A Long Time.

Elvis Presleys Version von Bob Dylans Tomorrow Is A Long Time, 1966

Tomorrow Is A Long Time

Schwieriger ist Elvis’ Beziehung zu Dylan. Er hat ja außer Tomorrow Is a Long Time (das er wohl durch Odetta kannte) noch einige weitere Songs aufgenommen, allerdings nur fragmentarisch und probeweise. Und nach dem improvisierten Refrain von I Shall Be Released sagt er den Namen laut ins Studio: „Dylan!“

Elvis Presley beschwört Bob Dylan: I Shall Be Released, 1971

I Shall Be Released 2

Das klingt anerkennend, aber es schwingt auch etwas von der Skepsis mit, vielleicht auch Angst, vor dem Repräsentanten einer neuen (intellektuellen, linken, rebellischen) Musik. Und vor einer Generation, die ihm vielleicht den Thron streitig machen würde.

The Memphis Flash: Elvis Presley und Bob Dylan werden beide zu den bedeutendsten Musikern des 20. Jahrhunderts gezählt. Dennoch wird Dylan meist mehr Anerkennung als Künstler zuteil als Elvis Presley, der häufig in erster Linie als ein popkulturelles Phänomen wahrgenommen wird. Woran liegt das und ist es am Ende des Tages nicht sogar berechtigt?

Heinrich Detering: Nein, berechtigt wäre das ganz sicher nicht. Beide gehören zu den ganz großen Künstlern Amerikas. Nur ist die Art ihrer Kunst verschieden. Elvis’ Genie ist das eines Performers – nicht nur eines großen Sängers, sondern eines ungeheuer schöpferischen, einfallsreichen Performers –, Dylan ist ein Genie im sozusagen herkömmlichen, kulturell vertrauteren Sinne des Dichters, Komponisten, Songwriters und Sängers. Aber schon wenn Dylan sich, gegen die Literaten unter seinen Verehrern, einen Song-and-Dance-Man nennt, zeigt sich, wo die tiefen Gemeinsamkeiten zwischen ihnen beginnen.

The Memphis Flash: Wenn Sie die Chance hätten, eine Zeitmaschine zu besteigen und ein echtes Elvis-Konzert zu besuchen, auf welches würde Ihre Wahl fallen? Und gibt es eine Frage, die Sie dem Schamanen bei dieser einmaligen Gelegenheit backstage unbedingt stellen wollten? Oder würden Sie sich am Ende gar nicht mit Fragen aufhalten?

Heinrich Detering: Ja, am liebsten würde ich ihm nur zusehen und zuhören. Am neugierigsten wäre ich auf eines der Konzerte von 1977, vielleicht am 21. Juni – aber das würde ich nicht aushalten, diese Mischung aus Größe und Absturz, aus Selbstbehauptung und Tragödie. Also würde ich eins der frühen Vegas-Konzerte ansteuern, in denen er noch probiert, vielleicht am 3. August 1969. Aber am allerliebsten wäre ich gar nicht in einem dieser Konzerte dabei gewesen, sondern bei den Aufnahmen im SUN-Studio – in dem Moment, in dem er seine Version von Blue Moon entdeckt.

Elvis Presleys: Blue Moon Sun Studio, August 1954

Blue Moon

Und wenn ich ihm eine Frage stellen müsste, dann wäre es vielleicht Truffauts berühmte Frage an Hitchcock: Wie haben Sie das gemacht?

The Memphis Flash: Professor Detering, vielen Dank für das wirklich sehr interessante Gespräch. Ich freue mich darauf, künftig noch viel mehr von Ihnen über Elvis Presley zu hören und zu lesen.

Heinrich Detering: Der Schamane in Las Vegas: Elvis als Serienheld (1969 – 1977). In: Populäre Serialität: Narration – Evolution – Distinktion. Zum seriellen Erzählen seit dem 19. Jahrhundert. Hrsg. v. Frank Kelleter. Bielefeld: transcript Verlag 2012. ISBN 978-3-8376-2141-9.

10 Antworten
  1. Linda JnB
    Linda JnB says:

    Ein wirklich interessantes und aufschlußreiches Interview. Was mich beeindruckt ist vor allem die klare, ungeschnörkelte Ausdrucksweise von Prof. Detering, die für einen Akademiker erstaunlich erfrischend ist. Liegt sicherlich auch an den intelligenten Fragen. 😉
    Nach all den Publikationen, die sich überwiegend mit Elvis Leben (leider überwiegt hier zu oft die private Seite) beschäftigen, ist das Buch/Artikel offensichtlich eine Publikation, die sich mit der Kunst von Elvis Presley beschäftigt – nämlich seiner Stimme, deren Interpretation und was er damit möglich machte: eine Magie, die zeitlos ist und auch heute noch ihre Wirkung auf all die alten und neuen Fans nicht verloren hat.
    Sicherlich ein Buch, daß ich mir zulegen werde.

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  2. patricia
    patricia says:

    Linda, den Beitrag von Professor Detering kann ich wirklich empfehlen. Man kann am Interview ja schon erkennen, dass er spannende neue Perspektiven in die ziemlich eingefahrene Diskussion bringt. Professor Detering sitzt entschieden nicht im Elfenbeinturm, so viel ist mal sicher. Ich hoffe sehr, dass er die Zeit findet, in Zukunft noch mehr über Elvis Presley zu schreiben.

    Die anderen Essays des Sammelbandes kenne ich noch nicht, nur einige der Themen. Es geht u.a. um die Ästhetik und Serialität in Fernsehserien (Tatort) und natürlich auch in der Literatur – alle von anderen Autoren.

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  3. Ellen Brandt
    Ellen Brandt says:

    Ich schließe mich Linda und Patricia an.
    Detering hat mir einen völlig neuen Blick auf Elvis‘ Performances eröffnet. Ich werde den Text an Freunde weitergeben. Hoffentlich kann man bald mehr von Heinrich Detering im Netz finden.
    Dass ich nie ein life-Konzert von Elvis erlebt habe (und auch keine Aufführung von Maria Callas), gehöhrt zu den ganz großen Versäumnissen meines Lebens. Ich wünschte, die beiden könnten wieder auferstehen.

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  4. patricia
    patricia says:

    Hallo Ellen, Prof. Heinrich Detering gibt im aktuellen WS 2012/13 ein Hauptseminar zu Elvis an der Universität Göttingen, wo er einen Lehrstuhl hält. Ich bin ziemlich zuversichtlich, dass er dem King treu bleiben wird, und bleibe auf jeden Fall am Ball, was weitere Veröffentlichungen von ihm angeht. Gruß patricia

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