Jailhouse Rock: Ein Filmklassiker feiert Geburtstag

Elvis Presleys dritter Kinofilm Jailhouse Rock (Rhythmus hinter Gittern, 1957) gilt heute als Klassiker der amerikanischen Film- und Musikgeschichte. Jailhouse Rock wurde 2004 in das Nationale Filmregister der USA für kulturell, historisch und ästhetisch besonders relevante Filme aufgenommen und 2008 in einer Umfrage des Empire Magazins als einer der 500 besten Filme aller Zeiten ausgezeichnet.

Der gleichnamige Titelsong des Films zählt laut Rolling Stone zu den 100 besten Songs, die zentrale Musik- und Tanzszene von Jailhouse Rock gilt Musikhistorikern als Prototyp des modernen Musikvideos.

Wer hätte das gedacht? Der King, von seinen Kritikern, Biografen und Fans meist gleichermaßen geschmäht für seine 31 Spielfilme, hat mindestens einen echten Klassiker im Portfolio. Das verwundert jedoch nur auf den ersten Blick, denn wie kaum ein anderer Film seiner Ära transportierte Jailhouse Rock das rebellische Lebensgefühl der Rock ’n’ Roll-Generation in den 1950ern. In Jailhouse Rock kulminierte das Rock ’n’ Roll-Lebensgefühl erstmals musikalisch und filmisch in einer Person: Elvis Presley, King of Rock ’n’ Roll.

Bis zu diesem Zeitpunkt spielte Musik nämlich auch in den früheren richtungsweisenden Filmen wie Blackboard Jungle (Saat der Gewalt, 1955), der Bill Haleys Rock Around The Clock mit großem Erfolg als Titelsong verwendete, nicht die Hauptrolle – die Musik war hier (noch) nicht personalisiert durch den Hauptdarsteller (Glenn Ford). Dies änderte sich mit Jailhouse Rock 1957, der übrigens wie Blackboard Jungle ebenfalls von Pandro S. Berman für MGM produziert wurde.

Höhepunkt des Schwarzweißfilm-Klassikers mit Elvis Presley in der dramatischen Hauptrolle des musikalisch begabten „bad boy“ Vince Everett, den sein explosives Temperament hinter schwedische Gardinen verfrachtet, ist die berühmte Musik- und Tanzszene, der Jailhouse Rock – so ziemlich jeder dürfte sie irgendwann einmal gesehen haben, spätestens seit YouTube Einzug gehalten hat ;-).

Der Titelsong Jailhouse Rock mit seiner Fülle subtiler Anspielungen, u.a. homoerotischer Natur (man wundert sich sattsam, was da alles so durch die Zensur ging), wurde von dem bekannten Komponistenduo Jerry Leiber und Mike Stoller direkt für den Film verfasst. Überhaupt stammen gleich 4 der 6 im Film von Elvis Presley dargebotenen Songs aus ihrer Feder.

Dabei stand diese fruchtbare Zusammenarbeit, die ihren Höhepunkt Ende April/Anfang Mai 1957 in den Jailhouse Rock-Aufnahmesessions fand, zunächst unter gar keinem guten Stern. 

Der Soundtrack von Jailhouse Rock: Vorspiel mit Hindernissen

Jerome „Jerry“ Leiber (25. April 1933 – 22. August 2011)  und Mike Stoller (* 13. März 1933) wuchsen beide an der amerikanischen Ostküste auf, begegneten sich aber erstmals während ihrer College-Ausbildung in Los Angeles. Schnell stellten die beiden fest, dass sie die große Begeisterung für Blues und Rhythm & Blues teilten und begannen bald, Songs explizit für Künstler dieser Genre zu komponieren. Ihr erster richtiger Hit war Charles Browns Hard Times, schnell folgten weitere, u.a. Big Mama (Willie Mae) Thorntons Hound Dog.

Elvis Presley hingegen dürfte die Hound Dog-Version von Leiber und Stoller für Big Mama Thornton sicher gekannt haben, orientierte sich für seinen Hit von 1956 aber an der abgewandelten von Freddie Bell & The Bellboys, einer Gesangsformation, die er im Frühjahr ’56 in Las Vegas gesehen hatte. Freddie Bell & The Bellboys inspirierten ihn zu einer parodistischen eigenen Interpretation, die er zunächst nur als humoristische Einlage in sein Live-Repertoire aufnahm – eine Studioversion war zunächst gar nicht vorgesehen.

Vor allem durch Presleys rhythmisch-aggressive Interpretation aus männlicher Sicht, die kaum noch etwas mit Big Mama (Willie Mae) Thorntons langsamerer Blues-Version zu tun hat, kehrt sich die Textaussage des Leiber & Stoller-Songs um, was durch Elvis Presleys körperbetonte Live-Performance mit Bein- und Hüftbewegungen und die „Verführung des Mikrofonständers“ akzentuiert wird. Hier singt der Hound Dog, der Windhund und Gigolo, den Big Mama vor die Tür setzen will, über sich selbst und macht unmissverständlich klar, warum er wohl doch noch ein Weilchen bleiben wird … Man kann Elvis‘ Hound Dog also durchaus auch als humorvolle Antwort auf Big Mamas Version verstehen.

Nach der skandalumwitterten Live-Version von Hound Dog in der Milton Berle Show vom 5. Juni 1956, die Elvis Presley als enfant terrible des Rock ’n’ Roll schlagartig national und international bekannt machte, nahm er Anfang Juli auch eine Studioversion auf, die mit Don’t Be Cruel als B-Seite einer Single ein Riesenhit wurde.

Dieser Erfolg brachte wiederum Jerry Leiber und Mike Stoller einen dicken Honorarscheck ein, der sie erstmals überhaupt aufmerksam auf Elvis Presley werden ließ. Dabei gefiel den beiden jungen Komponisten Elvis Presleys Hound Dog-Version zunächst nicht einmal besonders, wie Jerry Leiber in einem Interview zugab:

„I didn’t particularly like Elvis’ version of Hound Dog at the time, but as time passed I grew very fond of it. I’m not sure if it was the actual record itself or the fact that it had become such an anthem.“

Schon witzig, wenn man bedenkt, dass Jerry Leiber und Mike Stoller, die selbst gerne parodierten, mit einer Parodie ihres eigenen Songs nichts anzufangen wussten. Andererseits hat Elvis Presley wiederum das ursprünglich als Parodie eines einfachen Country-Songs angelegte Love Me der beiden Komponisten in ein überzeugendes Liebeslied verwandelt, eine Interpretation, die Mike Stoller als sehr gelungen, als „genuinely touching“ bezeichnet.

Wie dem auch sei, nach diesem ersten Megaerfolg mit Hound Dog fanden die Komponisten schnell Zugang zu Elvis Presleys Musikverlegern Jean und Julian Aberbach von Hill & Range und schrieben erstmals direkt Songs für Elvis Presleys 2. Kinofilm Loving You (Gold aus heißer Kehle, 1957), von denen Elvis den Titelsong und Hot Dog auswählte und vertonte. Der Musikverlag Hill & Range, an dessen Tochterunternehmen Elvis Presley Music und Gladys Music Elvis Presley beteiligt war, beauftragte stets mehrere Autorenteams mit Kompositionen für die Filme, aus denen der Memphis Flash dann jeweils die besten Songs für sich aussuchte.

So lief es auch beim Soundtrack für Jailhouse Rock, für den u.a. Mike Stoller und Jerry Leiber von Jean Aberbach verpflichtet wurden. Um diese Zeit herum produzierten die beiden Komponisten auch schon für Atlantic Records, ein bekanntes Plattenlabel spezialisiert auf Jazz-, Rhythm & Blues-, Doo Woop- und Soul-Aufnahmen.

Elvis Presley (Mitte) mit den Komponisten Jerry Leiber (links) und Mike Stoller (rechts)

Während eines längeren Aufenthalts in New York im März 1957 machten es sich Leiber und Stoller in ihrem Hotel gemütlich und verbrachten ihre Zeit ansonsten lieber mit ausgedehnten Besuchen der Jazz-Clubs und Broadway-Shows, als das Filmskript von Jailhouse Rock zu studieren und Songs dafür zu schreiben. Als Musikverleger Jean Aberbach nach einer Weile zu Besuch kam und immer noch keine Songs für den anstehenden Elvis-Film vorlagen, schloss er die beiden kurzerhand in ihrem Hotelzimmer ein, indem er einen riesigen Sessel vor die Tür schob und darauf ein ausgiebiges Nickerchen einlegte. Ein echter Pragmatiker, dieser Aberbach ;-).

Dergestalt im Stil von Jailhouse Rock festgesetzt, komponierten Jerry Leiber und Mike Stoller in weniger als 5 Stunden den Großteil eines der wohl berühmtesten Rock ’n’ Roll Soundtracks überhaupt: Jailhouse Rock, Treat Me Nice, I Want To Be Free und [You’re So Square] Baby I Don’t Care entstanden.

Als weitere Songs für den Soundtrack wählte Elvis Young And Beautiful vom Autorenteam Abner Silver & Aaron Schroeder sowie Don’t Leave Me Now von Aaron Schroeder & Ben Weisman aus. Damit war das Set komplett.

Wie sich schnell herausstellte, sollte es dabei nicht bleiben für Jerry Leiber und Mike Stoller, denn Elvis Presley lud die beiden, die die meisten Songs in der Endauswahl hatten, kurzerhand zur Aufnahmesession ein, welche vor Drehbeginn Ende April/Anfang Mai 1957 im Wesentlichen bei Radio Recorders in Los Angeles stattfand. Bis zu diesem Zeitpunkt war man sich noch nicht persönlich begegnet. Aber ich wette mal, der Memphis Flash mochte neben den Songs ganz besonders den speziellen Humor der Jungs ;-).

→ Fortsetzung Jailhouse Rock-Aufnahmesession mit Jerry Leiber und Mike Stoller und Filmaufnahmen mit berühmter Tanzszene

 

3 Antworten

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  1. […] Aufnahme in den Kasten zu bringen, sollte sich bei Fun In Acapulco negativer auswirken als in → Jailhouse Rock. Dazu später […]

  2. […] Dach und Fach gebracht hatte, begannen am 6. Mai 1957 die eigentlichen Dreharbeiten für den MGM-Filmklassiker mit Elvis in der Hauptrolle. Elvis Presley in seinem 3. Kinofilm Jailhouse Rock – Pressefoto […]

  3. […] mehrere Songs, die das Komponisten-Duo direkt für den Soundtrack des MGM-Films Jailhouse Rock (→ Jailhouse Rock – ein Klassiker wird 55) bei Elvis Presleys Musikverlag eingereicht hatten, in die Endauswahl […]

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