Elvis Presleys Jailhouse Rock – die Aufnahmesession

Bis zum Frühjahr 1957 hatte Elvis Presley schon eine ganze Reihe von Songs des Komponistenteams Jerry Leiber und Mike Stoller erfolgreich vertont, darunter den Megahit Hound Dog. Demnach war es auch keine allzu große Überraschung, dass es gleich mehrere Songs, die das Duo direkt für den Soundtrack des MGM-Films Jailhouse Rock (→ Jailhouse Rock – ein Klassiker wird 55) bei Elvis Presleys Musikverlag eingereicht hatte, in die Endauswahl schafften.

Völlig neu war allerdings, dass dies für Jerry Leiber und Mike Stoller mit der Einladung verbunden war, bei der Aufnahmesession selbst mit von der Partie zu sein.

Elvis Presley (Mitte) mit den Komponisten Jerry Leiber (links)  und Mike Stoller (rechts)

Die Aufnahmesession zu Jailhouse Rock fand am 30. April und den ersten Maitagen 1957 bei Radio Recorders in Los Angeles statt. Elvis Presley traf am 27. April 1957 per Zug zusammen mit Freddy Bienstock vom Musikverlag Hill & Range, Cousin Gene Smith, den Freunden George Klein und Arthur Hooton in Los Angeles ein, wo er sich mit seinem Gefolge im vornehmen Beverly Wilshire Hotel einquartierte.

Zuvor hatte sich der Memphis Flash fast den ganzen April über – nach einer Konzerttournee, die ihn u.a. nach Kanada führte – in seiner Wahlheimatstadt aufgehalten, um mit seinen Eltern den bevorstehenden Umzug in das erst kürzlich erworbene neue Zuhause Graceland vorzubereiten. Im Zug ging er dann mit Musikverleger Freddy Bienstock – ein Cousin der Hill & Range-Begründer Jean und Julian Aberbach – noch einmal das für den Soundtrack von Jailhouse Rock ausgewählte Songmaterial durch – Songs, die auch die Zustimmung der für den Film verantwortlichen MGM-Studiobosse gefunden hatten.

Bühne frei für eine erfolgreiche Zusammenarbeit

Jerry Leiber und Mike Stoller hingegen fanden sich am 30. April 1957 direkt bei Radio Recorders in Los Angeles ein, wo sie auf Elvis‘ bewährte Bandkollegen Scotty Moore (Gitarre), Bill Black (Bass) sowie D.J. Fontana (Schlagzeug), die Backgroundformation The Jordanaires, Dudley Brooks (Piano), Toningenieur Thorne Nogar und MGM-Produzent Jeff Alexander trafen.

Ihrem ersten Treffen mit Elvis Presley sahen die beiden Jungkomponisten kurioserweise nicht mit allzu großen Erwartungen entgegen. Aus einem – wie sie später selbst zugaben – nicht wirklich nachvollziehbaren Grund, gingen sie davon aus, es handele sich bei dem „Landei“ aus Memphis einfach um einen schnöseligen, musikalisch wahrscheinlich wenig begabten, dafür aber verwöhnten Jungstar – kurz: ein musikalisches Leichtgewicht. Wie man sich täuschen kann…

Umso erstaunter waren sie, als sie einen sehr freundlichen und charmanten Elvis Presley kennenlernten, der sie vor allem mit seinen umfassenden Kenntnissen der Blues-, Gospel- und Country-Musikszene im Sturm eroberte und sich im Studio schnell als Arbeitpferd ohne Divenallüren – als die bemerkenswerte Kombination eines „relaxten Perfektionisten“ entpuppte. Mike Stoller sagte in einem Interview über diese erste persönliche Begegnung mit Elvis Presley u.a.:

„Elvis requested that we be at the Jailhouse Rock recording sessions […] In the beginning we were kind of curious about this guy who was such a big hit – a white guy singing R&B. We would talk about different kind of blues records and he knew a lot about the blues. He constantly surprised us. He knew all of our stuff. And, of course, he knew all the country and gospel songs. […] He was very easygoing and easy to be with.“

Das Eis war somit schnell gebrochen, Mike Stoller und Elvis fanden am Klavier zusammen, wo sie sich mit „some mean free hand boogie woogie“ einstimmten, bevor Elvis sich mit seinen Musikern und Backgroundsängern an die Proben und Aufnahmen des von Leiber und Stoller komponierten Titelsongs Jailhouse Rock machte. Die Komponisten blieben währendessen im Aufnahmeraum.

Some mean free hand boogie woogie – Jailhouse Rock-Sessions 1957

 55 Jahre später – der Lauscher an der Studiowand

Das wirklich Schöne an einem Elvis Presley-Sammlerlabel wie Follow That Dream Records, das seit 1999 von Ernst Jorgensen und Roger Semon betrieben wird, ist, dass man 55 Jahre nach der berühmten Jailhouse Rock-Aufnahmesession die Möglichkeit hat, den Lauscher an der Studiowand zu spielen – zu hören, wie Elvis Presley und seine Musiker sich die Hits Stück für Stück erarbeiteten, bis eine möglichst perfekte Aufnahme gefunden war.

Hier ist ein Ausschnitt aus den ersten Versuchen am Klassiker Jailhouse Rock vom 30. April 1957. Alle folgenden Hörbeispiele: © Follow That Dream Records (Jailhouse Rock Volume 1 + 2)

1-01 Jailhouse Rock take 1-4

Leiber und Stoller waren begeistert, wie schnell Elvis Presley die Atmosphäre des Songs erfasste und in seiner Interpretation umsetzte.  Jetzt waren die Jungs so richtig involviert und entschlossen, bis zum Schluss zu bleiben. Nachdem Jailhouse Rock nach etlichen Takes im Kasten war, ging man über zu Treat Me Nice, ebenfalls eine Leiber & Stoller-Komposition, von deren Hitpotenzial Elvis Presley überzeugt war. Doch die Aufnahme der Filmversion des Songs gestaltete sich schwieriger als gedacht, wie hier zu hören ist:

1-03 Treat Me Nice( first movie vers_take1-3

Und noch einmal Treat Me Nice einige Takes später. Hier hört man am Anfang gut, wie Elvis durch Witzchen stets für eine lockere Atmosphäre im Studio sorgte, damit die endlose Wiederholung des immer gleichen Songs, der ja von allen Musikern und Backgroundsängern quasi live gemeinsam vor Ort eingespielt wurde, nicht zum vorzeitigen Burnout der Beteiligten führte. Es mag manchen überraschen, der King war tatsächlich ein guter Teamworker, ohne dabei das Zepter aus der Hand zu geben.

1-12 Treat Me Nice( first movie vers_take8u9

Elvis mit den Jordanaires Hoyt Hawkins (links), Gordon Stoker (rechts) sowie Pianist Dudley Brooks (vorne) – Jailhouse Rock-Session 1957

Die entspannte Atmosphäre im Studio beschrieb Mike Stoller später als Wohnzimmeratmosphäre, denn Elvis Presley hatte auch im Aufnahmestudio seine Kumpels aus Memphis im Schlepptau – Leute, die keinen musikalischen Beitrag leisteten, sondern in erster Linie einfach nur da waren, um für Abwechlung zu sorgen:

„The studio was like a living room. He had his pals there with him. These were his high school buddies, cousins, and local hanger-ons from Memphis. […] It was long hours and hard work in the studio, but Elvis made it seem effortless. He could sing take after take and never get tired. He was unreal.“

Elvis gibt alles am Schlagzeug von Kollege D.J. Fontana

Trotz guter Stimmung wurde es an diesem 1. Aufnahmetag noch nichts mit einer finalen Version von Treat Me Nice, so dass die Musiker erst einmal zum nächsten Song übergingen – der Ballade Young And Beautiful vom Komponistenduo Abner Silver & Aaron Schroeder.

Von Young And Beautiful mussten gleich 3 verschiedene Versionen eingespielt werden, die die gesangliche Entwicklung der Hauptfigur im Film (Elvis Presley als Vince Everett) spiegeln sollten. Auch kein einfaches Unterfangen. Hier ist Take 1 des Songs aus der Gefängnisszene des Films zu hören, in der die Hauptfigur Vince Everett sich erstmals an der Ballade probiert.

1-05 Young And Beautiful ( jail vers

Eine weitere Version des Songs ist in einer Barszene des Films (Florita Club) zu hören, in der Vince Everett vergeblich versucht, sich beim Publikum Gehör zu verschaffen – bevor er frustriert einem angetrunkenen Gast seine Gitarre um die Ohren schlägt ;-).

1-17 Young And Beautiful ( florita c

Vorsicht bei Grenzüberschreitung – der King kann auch anders!

Dass die gute Stimmung auch umschlagen konnte, wenn Personen, die nicht unmittelbar am musikalischen Prozess beteiligt waren, meinten, sich in den Verlauf der Aufnahmen einmischen zu müssen, sollte  sich am nächsten Tag der Jailhouse Rock-Session, am 1. Mai 1957, zeigen. Leiber und Stoller waren erneut anwesend, um die Musiker beim Arrangement der Aufnahme ihres Songs I Want To Be Free unterstützen zu können.

Elvis mit Kumpel George Klein (hinten links), Musikern D.J. Fontana, Scotty Moore (Mitte) und Hoyt Hawkins sowie Gordon Stoker von den Jordanaires (vorne)

Die meiste Zeit des Vormittags verbrachte Elvis hingegen damit, sich vor der eigentlichen Session mit den Backgroundsängern The Jordanaires durch das Singen von Gospels „warmzulaufen“ bzw. in Stimmung zu bringen. Das ging dem anwesenden MGM-Produzenten Jeff Alexander so gegen den Strich, dass er die Jordanaires nach einer Pause ganz direkt dazu aufforderte, Elvis das weitere Mitsingen einfach zu verweigern.

Elvis bei seiner Lieblingsbeschäftigung mit den Jordanaires – Jailhouse Rock-Session 1957

Als Gordon Stoker – der Sprecher der Gruppe – Elvis die schlechte Nachricht überbrachte, war der so sauer, dass er sofort wortlos mit Gefolge im Schlepptau das Studio verließ, ohne später oder am nächsten Tag zurückzukehren. Er war so wütend über die Einmischung des „Hollywood-Fuzzis“, dass er weder im Auto noch später im Hotel mit seinen Freunden sprach, sich stattdessen sofort ins Wohnzimmer seiner Suite begab, dort eine einsame Runde Poolbilliard begann, wobei er mit gezielten Schüssen über die Bande praktisch alles, was in dem luxuriös eingerichteten Raum zerbrechlich war, zerstörte.

Nach Vollendung seines ungewöhnlichen Zerstörungswerkes, das seine Freunde weit mehr erschreckte als sie zugaben,  zog er sich ebenso wortlos in sein Schlafzimmer zurück und wurde nicht mehr gesichtet. Ein besorgter George Klein informierte daraufhin Elvis Presleys Manager Tom Parker, der sich den Schaden sofort ansah, den Ernst der Lage offensichtlich erkannte, die Hoteladministration beschwichtigte und – so darf man aufgrund der weiteren Ereignisse vermuten – die nächsten anderthalb Tage damit zubrachte, die Demarkationslinien zwischen seinem Star und den Filmstudiobossen neu auszhandeln.

Elvis‘ Abwesenheit am 2. Mai nutzten Jerry Leiber und Mike Stoller, um mit den zurückgebliebenen Musikern weiter an den Arrangements für Treat Me Nice und I Want To Be Free zu arbeiten. Am 3. Mai kehrte ein überraschend entspannter Elvis zu einem arbeitsreichen Tag ins Aufnahmestudio zurück und nahm offensichtlich gut gelaunt seine Arbeit mit Musikern, Backgroundsängern und den beiden Komponisten wieder auf – fast so, als sei nichts geschehen. Unerwünschte Einmischungen der Filmstudioabgesandten gab es nun nicht mehr – der King hatte seinen Claim eindrucksvoll abgesteckt ;-).

Sinnigerweise war der nächste Soundtrack-Song, der eingespielt wurde, I Want To Be Free, wieder eine Komposition von Leiber und Stoller. Bei der Aufnahme, bei der Mike Stoller den Part am Piano übernahm, ging es lustig zu, wie hier zu hören ist.

1-13 I Want To Be Free_take1-8 ( record vers

Bill Black schmeißt hin – Elvis rettet am Fender-Bass

Noch ist alles gut mit Bill Black, Elvis und dem Fender-Bass – Jailhouse Rock-Session 3. Mai 1957

Zügig ging es nun weiter mit der nächsten Song von Leiber und Stoller: (You’re So Square) Baby I Don’t Care, hier ein kleiner Einblick in die ersten Versuche.

1-19 ( You`re So Square ) Baby I Don

Bei diesem Stück hatte Bassist Bill Black so große Schwierigkeiten mit dem Intro, das er auf dem für ihn neuen Fender-Bass einfach nicht befriedigend hinbekam, dass er in einem Ausbruch an Frust das Instrument mehr oder weniger hinschmiss und seinerseits das Studio verließ.

Zum Erstaunen aller Anwesenden griff sich Elvis kurzerhand das Instrument und spielte den Part seines Bassisten einfach selbst ein – und zwar ziemlich mühelos. Seinen Gesangspart ergänzte er später bei einer dafür angesetzten Session am 8. Mai auf dem Gelände der M.G.M Soundstage – und so wurde (You’re So Square) Baby I Don’t Care dann auch veröffentlicht.

Elvis am Fender-Bass – Jailhouse Rock-Sessions 1957

Weiter gings mit Don’t Leave Me Now, einem Song der Komponisten Aaron Schroeder und Ben Weisman, den Elvis eigentlich schon im Februar aufgenommen hatte, mit dessen Aufnahme er aber nicht zufrieden war und die er nun verbessern wollte. Zu hören ist hier eine nicht verwendete Filmversion des Songs…

1-08 Don`t Leave Me Now ( first vers

… und dann im Vergleich dazu  2 Takes der späteren Plattenversion:

1-10 Don`t Leave Me Now ( second ver

Damit hatte man nach einem langen Arbeitstag so gut wie alle Soundtrack-Songs im Kasten, doch Elvis Presley war noch nicht zufrieden mit dem Ergebnis. Am 9. Mai 1957 nahm er Don’t Leave Me Now noch einmal auf (M.G.M Soundstage).

Und Treat Me Nice, der Song aus der Jailhouse Rock-Session, an dessen Hitpotenzial er am meisten glaubte, schleppte er mit in seine nächste Studiosession Anfang September 1957, die ebenfalls bei Radio Recorders in Los Angeles, aber ohne Leiber und Stoller, stattfand. Diese spätere Version von Treat Me Nice war es denn auch, die als B-Seite der Single mit Jailhouse Rock als A-Seite veröffentlicht wurde.

Single und Extended Play – Erfolge satt!

jhr_cover_extendedplay_ohneweitereFotosjhr_single__nur_frontcoverDie Single aus der Jailhouse Rock-Session mit den Songs Jailhouse Rock/Treat Me Nice von Jerry Leiber und Mike Stoller wurde am 24. September 1957 von Elvis Presleys Plattenfirma RCA veröffentlicht, wobei Jailhouse Rock in den USA sowohl Platz 1 der Billboard Hot 100 als auch der R & B und Country & Western-Charts erreichte. In den deutschen Charts kam Jailhouse Rock auf Rang 10 (Musikmarkt).

Am 30. Oktober 1957, drei Tage nach der Premiere des Films in Memphis, erschien der Soundtrack von Jailhouse Rock als Extendend Play und platzierte sich praktisch sofort auf Platz 1 der amerikanischen Extended Play-Charts.

Heute hat vor allem der Titelsong längst Kultstatus erlangt, er wurde häufig gecovert und ist prominent in anderen Kultfilmen, u.a. Blues Brothers (1980), vertreten. Deshalb erhielten Jerry Leiber und Mike Stoller 1991 auch eine besondere Auszeichnung der ASCAP (amerikanische Vereinigung der Komponisten, Autoren und Verleger) für Jailhouse Rock.

Bleibt bei so viel Erfolg der Plattenaufnahmen jetzt nur noch die Frage, worum es bei dem Film eigentlich genau geht → Jailhouse Rock – der Film.

Außerdem → Jailhouse Rock – ein Klassiker wird 55

4 Antworten

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