Elvis und Andy Warhol – Kings of Popular Art

Wenn die Kings of Popular Art, Elvis Presley und Andy Warhol, gemeinsam ins Scheinwerferlicht treten, dann horcht die internationale Kunstszene auf. Am 9. Mai 2012 soll im Auktionshaus Sothebys Andy Warhols Siebdruck „Double Elvis“ (Ferus Type, 1963) versteigert werden. Erwartet wird ein Erlös von bis zu 50 Millionen USD, umgerechnet über 38 Millionen Euro.

Elvis und Andy Warhol – The Kings of Popular Art

Diese Summe muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. So phantastisch der Betrag erscheint, so ist er noch nicht einmal der Höchste für ein Warhol-Kunstwerk mit Elvis-Motiv. Warhols 8 Elvises, ebenfalls von 1963, wurde 2008 von dem italienischen Sammler Annibale Berlingieri, in dessen Privatbesitz sich der Siebdruck in Warhols Lieblingsfarbe Silber über 40 Jahre befand, für unglaubliche 100 Millionen USD in private Hand verkauft.

Andy Warhols 8 Elvises

Damit ist 8 Elvises der bislang teuerste Warhol überhaupt und katapultierte den ehemaligen Werbegrafiker in Sachen Anlagewert auf dem internationalen Kunstmarkt in die Riege von Pablo Picasso, Jackson Pollock, Willem De Kooning und Gustav Klimt. Der aktuelle Besitzer der 8 Elvises zieht es übrigens vor, anonym zu bleiben und sich im stillen Kämmerlein an Warhols Elvii (Achtung: Elvis hat seinen eigenen Plural ;-)) zu erfreuen – irgendwie nachvollziehbar.

Andy Warhols Schlagzeilen

Andy Warhol, eigentlich Andrew Warhola, wurde als Sohn russischer Einwanderer 1928 in New York City geboren und arbeitete zunächst – bevor er zur Lichtfigur der amerikanischen Pop Art avancierte – sehr erfolgreich als Werbegrafiker. So entwarf Warhol schon in den 1950er Jahren Albumcover u.a. für Elvis Presleys Plattenfirma RCA, hier allerdings nie für ein Elvis-Album. Besonders bekannt sind seine späteren Cover für Alben der Rolling Stones und Velvet Underground.

Vor allem die Schlagzeilen der Boulevardpresse, die Stories über die großen und kleinen Katastrophen im Leben von Stars wie Marilyn Monroe, Elizabeth Taylor und Elvis Presley waren eine wichtige Inspirationsquelle für sein künstlerisches Schaffen, als Andy Warhol seinen lukrativen Brot-und-Butter-Job Ende der 1950er an den Nagel hängte.

Täglich durchforstete Warhol die Klatschpresse, fischte aus der Informationsflut Titelseiten und Pressefotos, sammelte sie systematisch in Kartons, den sogenannten Time Capsules, 612 kamen so bis zu seinem Tod 1987 zusammen. Dieses Material verwendete er als Grundlage für seine eigenen Bilder, indem er sie zunächst nachzeichnete, dabei aber stark verfremdete. Anfang der 1960er Jahre machte Warhol sich dann mit der Siebdrucktechnik vertraut, ließ Siebvorlagen von den gesammelten Motiven anfertigen, die er dann seriell wiederholte (z. B. eine Postkartenmotiv der Mona Lisa bei 30 are better than one). Er selbst beschrieb seinen Arbeitsprozess so:

„The rubber-stamp method I’d been using to repeat images suddenly seemed too homemade; I wanted something stronger that gave more of an assembly-line effect. With silkscreening you pick a photograph, blow it up, transfer it in glue onto silk, and then roll ink across it so the ink goes through the silk but not through the glue. That way you get the same image, slightly different each time. It all sounds so simple — quick and chancy. I was thrilled with it. My first experiments with screens were heads of Troy Donabue and Warren Beatty and then when Marilyn Monroe happened to die that month (August 1962), I got the idea to make screens of her beautiful face.“

1962 hatte Warhol dann seine erste Einzelausstellung als Künstler in der Ferus Gallery in Los Angeles. In New York gründete er in verschiedenen Fabrikhallen Ateliers mit dem sinnigen Namen „Factory“, was sowohl auf den Ort als auch die Art seines künstlerischen Schaffens, das die serielle Produktion im Industrie- und Medienzeitalter spiegelt, verweist.

Eines der bekanntesten Werke aus dieser Zeit ist ein Porträt von Marilyn Monroe, für das Warhol ein Pressefoto aus ihrem Film Niagara (1953) verwendete.

Andy Warhols Marilyn (1962)

Elvis und Andy – die Parallelen

Im Zentrum von Warhols künstlerischen Selbstverständnis steht seine oft zitierte, provokante Aussage, dass er ja gar nicht mehr male und auch seine Vorlagen schon alle da seien, er selbst also gar keine Kunst mehr produziere, sondern diese sich selbst, der Künstler im traditionellen Verständnis also gar nicht mehr existiere.

Eine interessante Aussage, die das traditionelle Kunstverständnis der Zeit herausforderte und bei der es eine Parallele zu Elvis Presleys musikalischem Schaffen gibt. Auch Presley arbeitete seine ganze Karriere hindurch mit „Vorlagen“, suchte sein Songmaterial selbst aus, indem er bereits veröffentlichte Songs oder zugesandte Demobänder von Komponisten anhörte, um darauf seine eigene Interpretation aufzubauen.

Dabei verfremdete er das Ursprungsmaterial (oftmals bis zur Unkenntlichkeit) durch Überführung in ein anderes Musikgenre oder aber Genremix – Country, Blues, Gospel, zeitgenössischer Pop – und natürlich seine Gesangstechnik, die der Musikhistoriker Richard Middleton als eine traditionelle Gesangsinterpretation herausfordernde Kombination von „lyric romanticism“, „gospelization“ und „boogification“ definierte. Aus dieser Arbeitsweise entstand Elvis Presleys eigener, unverkennbaren Stil. „It ain’t a song until you sing it“, sagte der Memphis Flash schon früh, und stellte damit die Interpretation ganz klar über die Komposition = Vorlage.

Damit schließt sich der Kreis zu Andy Warhols Kunstform, die in ähnlicher Weise vor allem in der Auswahl,  der Gestaltung und in dem ihr zugrunde liegenden Konzept fußt. Eine weitere Parallele liegt in den Sujets beider Künstler, die alltägliche, volkstümliche Befindlichkeiten und Interessen in das Zentrum ihres Schaffens stellten – Popular Art eben. Und beide waren ausgesprochen produktiv.

Andy Warhols Red Elvis (1962)

Andy Warhol und Elvis Presley haben ihr jeweiliges Schaffensgebiet – Musik- und Bildende Kunst – nachhaltig revolutioniert, obwohl – oder gerade weil – beiden anfänglich mit großer Skepsis begegnet wurde. Vor diesem Hintergrund erscheint es weniger erstaunlich, dass für einen Warhol mit Elvis-Motiv heute bis zu 100 Millionen USD auf den Auktionstisch gelegt werden.

Was das posthume Geldverdienen angeht, spielen Warhol und Elvis definitiv in der obersten Liga, wie ein Blick in die makabre Liste der bestverdienenden Toten offenbart, die das Wirtschaftsmagazin Forbes jährlich herausgibt. Man kann Elvis Presley und Andy Warhol also in mehrfacher Hinsicht als die Kings of Popular Art bezeichnen. Andy Warhol würde sagen: „Auch Geldverdienen ist Kunst“.

Noch im selben Jahr (1962), in dem Warhols frühe Marilyn-Siebdrucke entstanden, experimentierte er erstmals mit einem Elvis-Motiv, bei dem ein Porträt des King aus den 1950ern in Serie zu sehen ist.

1963 kreierte Warhol dann eine Serie von insgesamt 22 Elvis-Siebdrucken (etwa 9 davon  sind aktuell im Besitz von Museen), die auf einem Pressefoto Elvis Presleys für den Western Flaming Star (Flammender Stern) basieren.

Flaming Star entstand 1960 unter der Regie von Don Siegel für die Twentieth Century Fox und wird gemeinhin zu den wenigen Elvis-Filmen gezählt, in denen der King, der in den 1960ern Filmmusicals in Serie produzierte, in der dramatischen Rolle des Halbbluts Pacer Burton auch als Schauspieler gefordert war (→ zu Elvis‘ Filmen siehe auch Buchtipp Elvis im Kino, Interview mit Filmwissenschaftler Björn Eckerl und King Creole Frame by Frame).

Warhols archaische Cowboy-Elvii, deren aggressive Körperhaltung mit der schussbereiten Waffe im merkwürdigen Gegensatz zu der im Gesichtsausdruck auszumachenden Verletzlichkeit des amerikanischen Helden steht, gibt es in mehreren seriellen Variationen, die zwei Lieblingsthemen des Künstlers aufgreifen: Starruhm und Todesbedrohung. Auch der Double Elvis, der jetzt bei Sothebys 38 Millionen Euro bringen soll, liegt in verschiedenen Varianten vor.

Siebdruck-Variation Double Elvis in verschiedenen Farben

Variation von Warhols Siebdruck Double Elvis

Noch eine Variante von Warhols Double Elvis

Selbstverständlich gibt es auch einen dreifachen Elvis …

Warhols Triple Elvis

Und wem das immer noch nicht genug Elvis ist ;-), für den gibt es die 100 Millionen schweren 8 Elvises (siehe weiter oben) oder das gigantische, raumgreifende Elvis Eleven Times.

Warhols Elvis Eleven Times

Warhols Elvii waren erstmals in den 1960ern in der Ferus Gallery in Los Angeles zusammen mit Motiven der Schauspielerin Elizabeth Taylor ausgestellt und wurden zunächst – wie Warhol amüsiert kommentierte – von der zeitgenössischen Presse nicht gerade mit Begeisterung aufgenommen:

„It was thrilling to see the Ferus Gallery with the Elvises in the front room and the Lizes in the back. Very few people on the (West) Coast knew or cared about contemporary art, and the press for my show wasn’t too good. I always have to laugh, though, when I think of how Hollywood called Pop Art a put-on! Hollywood ?? I mean when you look at the kind of movies they were making then — those were supposed to be real???“

1973 waren die Warhol-Elvii dann zusammen mit Fotografien und Gemälden von Alfred Wertheimer, Bill Avery, Bill Ray, Ernest Withers und Roger Marshutz im Andy Warhol-Museum im Rahmen der Ausstellung Where Is Elvis? The Man and His Reflection zu bewundern. Die Ausstellung umfasste insgesamt 65 Elvis-Kunstwerke.

Leider ist nicht überliefert, ob und inwieweit Elvis Presley Notiz von der Ausstellung der Warholschen Elvis-Siebdrucke nahm. Ein Besuch der Ausstellungen wäre rein theoretisch möglich gewesen, ist aber nicht dokumentiert. Da sich 1977 auch keine Warhol-Porträts in Elvis Presleys Nachlass fanden, hat er sie ganz offensichtlich – anders als Kollegin Madonna – nicht gesammelt. Irgendwie schade. Man denke nur mal an den Effekt – ein echter Warhol in Gracelands Jungle Room…

Wie dem auch sei, einen Warhol-Elvis zu besitzen, hätte schon seinen Reiz. Obwohl das Motiv natürlich die Dimensionen des heimischen Wohnzimmers entschieden sprengen würde ;-). Und dann ist da natürlich noch das Problem der Finanzierung. Was mein Bankberater wohl zu dem Vorschlag sagen wird, mir 38 Millionen für Double Elvis zu Verfügung zu stellen… Fragen kostet ja nix.

Und falls es nicht klappt mit der Finanzierung kann ich ja immer noch eine Warhol-Ausstellung besuchen, wie z.B. Headlines, die das Museum für Moderne Kunst in Frankurt am Main vom 11. Februar bis 13. Mai 2012 zeigt.

4 Antworten

Trackbacks & Pingbacks

  1. […] Sweetheart → Elvis 1956: A Moment in Time – 4 Days in ‘ 56 → Elvis in der Kunst: Elvis und Andy Warhol – Kings of Popular Art TweetPin It This entry was posted in 1950er, Bücher and tagged Alfred Wertheimer, Barbara Gray, […]

  2. […] anderen Worten: Hier findet das, was die Volksseele berührt hat (→ Elvis und Andy Warhol  – Kings of Popular Art), seinen Platz. Spätestens jetzt ist klar, wieso eine Vitrine mit Sammlerstücken von Elvis-Fans […]

  3. […] gehabt . Neben Bezügen zu Bob Dylan schlagen Sie in Ihrer Studie gleich zu Beginn einen Bogen von Andy Warhols Elvis-Präsentation in den Siebdrucken hin zu Elvis Presleys Konzerten in Las Vegas und auf Tournee durch die USA zwischen 1969 und 1977. […]

  4. […] Kunstkenner hatten im Vorfeld mit einem Verkaufswert zwischen 30 und 50 Millionen USD gerechnet. Mit diesem silberfarbenen Siebdruck kam die erste Double Elvis-Variante Warhols seit 1995 unter den Hammer. Mehr zu Andy Warhols Elvis-Siebdrucken → Elvis und Andy Warhol – Kings of Popular Art. […]

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Kommentar verfassen