Elvis Presleys Heartbreak Hotel 1956

Heartbreak Hotel – Elvis Presleys erster Monster-Hit aus dem Jahr 1956 – gilt als minimalistisches Meisterwerk. Am ehesten ein Blues, wird die düstere, selbstmordlastige Atmosphäre des Songs vor allem vom Gesang Elvis Presleys getragen. Es ist die Intensität seiner Stimme, die zugleich Entschlossenheit, Verletzlichkeit und eine Spur Selbstironie offenbart, die den Song zum Elvis-Klassiker macht.

Heartbreak Hotel: Single-Cover von Elvis Presleys Klassiker aus dem Jahr 1956.


Elvis Presley: Heartbreak Hotel, Studioversion RCA Victor 1956

Heute gilt Heartbreak Hotel als Klassiker. 1956 jedoch waren jedoch bei weitem nicht alle vom Potenzial des Songs und des damals noch sehr jungen, weitgehend unbekannten Interpreten Elvis Presley überzeugt.

Heartbreak Hotel: I walk a lonely street

Heartbreak Hotel wurde von Mae Boren Axton und ihrem Partner, dem Gitarristen Tommy Durden, 1955 speziell für Elvis Presley geschrieben. Mae Axton arbeitete Mitte der 1950er unter anderem als Promoterin und lernte Elvis über dessen damaligen Manager Bob Neal kennen, als sie den Nachwuchsstar 1955 für eine Hank-Snow-Show in Florida buchte.

Elvis Presley mit Mae Boren Axton (rechts im Foto) im Mai 1955 – Foto: Ken Sharp, Writing for the King, 2006

Vom Talent des Memphis Flash überzeugt, den sie außerdem sehr sympathisch fand, versprach sie ihm einen Top-Hit, der ihm zum Durchbruch verhelfen sollte. Elvis sei so jung und aufrichtig gewesen, das habe sie damals sehr berührt, wird Axton noch Jahrzehnte später erzählen.

Die zündende Idee zu Heartbreak Hotel hatten Mae Axton und Tommy Durden von einem Zeitungsartikel über einen Mann, der Selbstmord verübt und einen Abschiedsbrief mit nur einer einzigen verzweifelten Zeile, nämlich I walk a lonely street, hinterlassen hatte. Das traurige Schicksal des Unbekannten inspirierte die beiden so, dass sie Heartbreak Hotel in kaum mehr als 20 Minuten komponierten.

Heartbreak Hotel

Well, since my baby left me
Well, I found a new place to dwell
Well, it’s down at the end of Lonely Street
At Heartbreak Hotel
Where I’ll be–where I get so lonely, baby
Well, I’m so lonely
I get so lonely, I could die
Although it’s always crowded
You still can find some room
For broken-hearted lovers
To cry there in the gloom
And be so, where they’ll be so lonely, baby
Well, they’re so lonely
They’ll be so lonely, they could die
Well, the bellhop’s tears keep flowin‘
And the desk clerk’s dressed in black
Well, they’ve been so long on Lonely Street
Well, they’ll never, they’ll never get back
And they’ll be so, where they’ll be so lonely, baby
Well, they’re so lonely
They’ll be so lonely, they could die
Well now, if your baby leaves you
And you have a sad tale to tell
Just take a walk down Lonely Street
To Heartbreak Hotel
And you will be, you will be, you will be lonely, baby
You’ll be so lonely
You’ll be so lonely, you could die
Well, though it’s always crowded
You still can find some room
For broken-hearted lovers
To cry there in the gloom
And they’ll be so, they’ll be so lonely, baby
They’ll be so lonely
They’ll be so lonely, they could die

Flugs mit der Komposition fertig, baten Axton und Durden den Discjockey Glenn Reeves, eine Demoversion für Elvis anzufertigen. Dabei versuchte Reeves, möglichst genau wie Elvis zu klingen, wie man auf dem erhaltenen Demo hören kann.

Glenn Reeves‘ Demoversion von Heartbreak Hotel – Ken Sharp: Writing for the King, 2006

Elvis Presley war von Heartbreak Hotel offenbar sofort begeistert, denn er nahm den Song schon 1955 – noch bevor es eine Plattenaufnahme gab – in sein Live-Repertoire auf und äußerte, er sei sich sicher, dass dies sein erster großer Hit werden würde. Andere waren davon längst nicht so überzeugt, wie sich schnell herausstellen sollte.

Heartbreak Hotel: Top oder Flop?

Heartbreak Hotel gehörte zu den ersten Songs, die Elvis Presley nach Verkauf seines Vertrags durch Sam Phillips (Sun Records) an den Plattenriesen RCA Victor im RCA-eigenen Studio in Nashville aufnahm – und zwar am 10. Januar 1956, kaum 2 Tage nach seinem 21. Geburtstag.

Die Studioaufnahme, bei der Elvis von seinen Bandkollegen aus Sun-Tagen – Scotty Moore an der Gitarre, Bill Black am Bass, D.J. Fontana am Schlagzeug – und zusätzlich Floyd Cramer am Klavier begleitet wurde, war ziemlich schnell im Kasten. Allerdings klang sie – genau wie die restlichen Aufnahmen dieser Tage – anders als Elvis SUN-Aufnahmen, denen RCA unbedingt nacheifern wollte. Dabei gingen sie sogar so weit, dass sie im Flur vor dem Studio aufnahmen, um den typischen Slapback-Sound, den Hall der SUN-Aufnahmen nachzustellen.

RCAs Artist & Repertoire-Chef Steve Sholes (1911-1968), der sich Ende 1955 sehr weit aus dem Fenster gelehnt hatte mit dem Kauf von Elvis Presleys Vertrag für die damals unerhört hohe Summe von $ 40.000, bekam kalte Füße und war sich zunehmend unsicher, ob er tatsächlich die richtige Entscheidung gefällt hatte. Am Ende war Elvis Presley nur ein musikalisches Strohfeuer wie so viele? Das düstere, weltverdrossene Heartbreak Hotel stand in so deutlichem Gegensatz zu dem lebhaften, unbändigen Image der Sun-Aufnahmen. Das fanden auch andere RCA-Verantwortliche, die ihre Skepsis Sholes gegenüber unverholen äußerten und sogar dazu rieten, Heartbreak Hotel gar nicht erst zu veröffentlichen.

Ob das gut geht? Steve Sholes vom Plattenlabel RCA mit seiner künstlerischen Neuerwerbung Elvis Presley Ende 1955.

Verunsichert und in die Defensive getrieben rief Sholes sogar Sam Phillips an, um sich Rat zu holen, wie er seine Künstler-Neuerwerbung am besten in den Griff bekommen könnte und um dem Veteranen aus Memphis Heartbreak Hotel vorzuspielen. Sam Phillips, der Elvis entdeckt hatte, mochte Heartbreak Hotel auch nicht besonders, gab Sholes aber den unschlagbaren Rat, einfach Geduld zu zeigen und Elvis machen zu lassen.

Außerdem war Phillips einverstanden, dass Elvis Presley – quasi als Rückversicherung, falls Heartbreak Hotel tatsächlich gigantisch floppen sollte – Blue Suede Shoes des neuen Sun-Stars Carl Perkins aufnehmen könne, vorausgesetzt die Elvis-Version würde vorerst nicht als Single erscheinen. Eine Single war schließlich die Voraussetzung, damit ein Song häufig im Radio und in der Jukebox gepielt wurde, ergo wirklich bekannt und damit verkauft werden konnte. Singles bestimmten damals den Musikmarkt, nicht Alben.

Elvis Presleys Begeisterung, eine eigene Version des Songs seines Kumpels Carl Perkins zu veröffentlichen, hielt sich ziemlich in Grenzen, zumal er nach wie vor fest an das Potenzial seines eigenen Songs Heartbreak Hotel glaubte. Er sollte Recht recht behalten. Heartbreak Hotel wurde trotz aller Zweifel am 27. Januar 1956 als A-Seite mit I Was The One auf der B-Seite als seine erste Single bei RCA veröffentlicht.

Die A-Seite Heartbreak Hotel konnte sich im März 1956 erstmals in Billboard Hot 100 platzieren, wo sie sich zunächst mit Carl Perkins Blue Suede Shoes ein heißes Kopf-an-Kopf-Rennen lieferte, um sich dann endgültig Rang 1 sowohl der Hot 100 als auch der Country & Western-Charts zu sichern. Und auch in den Rhythm & Blues-Charts war sie in den Top 5 platziert.

Erste goldene Schallplatte: Elvis Presley freut sich über 1 Million verkaufte Exemplare von Heartbreak Hotel mit seinen Musikern (v.l.n.r.)  D.J. Fontana (Schlagzeug), Bill Black (Bass) und Scotty Moore (Gitarre) am 14. April 1956 – Foto: Boxset Young Man With The Big Beat, 2011.

Insgesamt blieb Heartbreak Hotel 27 Wochen in den Billboard-Charts gelistet und wurde die erste Goldene Schallplatte von Elvis Presley. Und auch im fernen Europa stellte sich schnell der Erfolg ein: In Englands NME-Charts erreichte Heartbreak Hotel Platz 2, in Deutschland Rang 12 und in Italien sogar Rang 1. Ein Mega-Erfolg, der alle Zweifler verstummen ließ!

Heartbreak Hotel: „The Elvis Experience“

Der Erfolg von Heartbreak Hotel über die USA hinaus hatte weitreichende Folgen, denn sehr viele Musiker, die ihrerseits ab den 1960ern den Musikmarkt erobern sollten, waren von Elvis Presleys Heartbreak Hotel beeinflusst. Der Song, der über Radio Luxemburg die europäische Jugend erreichte, öffnete für so manchen künftigen Superstar die Tür zu einer völlig neuen musikalischen Welt.

Zu den sehr erfolgreichen Musikern, die Heartbreak Hotel als einen Haupteinfluss benannt haben, gehören u.a. die Beatles, Elton John, Keith Richards von den Rollings Stones und Robert Plant von Led Zeppelin.

Heartbreak Hotel, so Paul McCartney in Ken Sharps Buchveröffentlichung Writing For The King (2006), hat für ihn besondere Bedeutung, weil es den Beginn seines ganz persönlichen „Elvis-Erlebnises“ markiert – der Beginn einer neuen Ära.

„Heartbreak Hotel zu hören, war ein magischer Moment, der Beginn einer Ära. Dies zum ersten Mal zu hören, startete mein Elvis-Erlebnis… Elvis is ein wirklich großartiger Sänger und du kannst bei diesem Song hören, weshalb. Seine Phrasierung, der Einsatz von Hall, es ist wundervoll. Einfach auch die Art, wie er es singt. Es ist ein perfektes Beispiel für einen Sänger, der einen Song wirklich beherrscht. Musiktechnisch ist es ebenfalls perfekt. Bass und Piano erzeugen diese unglaublich gespenstische Atmosphäre. Es ist so voller Geheimnis und hat dies für mich nie verloren. Der Hall ist einfach atemberaubend. Wenn die Beatles aufnahmen, haben wir George Martin oft gebeten, uns diesen Elvis-Hall zu verschaffen. Ich denke, wir haben es wirklich sehr gut in A Day in the Life‚ realisiert… Immer wenn ich den Elvis der 50er höre, dann haut es mich einfach um. Ich habe wirklich Zweifel, ob es die Beatles gegeben hätte, wäre Elvis nicht gewesen. Gott segne Dich, Elvis. Ich mag ihn einfach, besonders in dieser ersten Phase seiner Karriere. Er hat mich sehr beeinflusst.“

Paul McCartney zitiert nach Ken Sharp: Writing for the King, 2006

Bis zu seinem Tod 1977 hat Elvis Presley Heartbreak Hotel immer wieder auch live performed. Hier ist er mit einer frühen Version bei einem Auftritt im Robinson Memorial Auditorium in Little Rock/Arkansas am 16. Mai 1956 zu hören.

Elvis live mit Heartbreak Hotel am 16. Mai 1956 – Boxset Young Man With The Big Beat, 2011

Live nicht nur zu hören, sondern auch zu sehen ist Elvis mit seinem Klassiker in späteren Jahren unter anderem im TV-Special ELVIS aus dem Jahr 1968, heute besser bekannt als ’68 Comeback Special, und der Dokumentation Elvis That’s The Way It Is (1970).

1995 wurde Heartbreak Hotel in die Grammy Hall of Fame aufgenommen, 2004 vom Rolling Stone Magazin auf Platz 45 der 500 größten Songs aller Zeiten gewählt.

Heartbreak Hotel: „Faszinierend, klassisch, zeitlos“

Zahlreiche Rock- und Pop-Künstler haben Heartbreak Hotel gecovert – und dennoch ist das Hotel der einsamen Herzen bis heute ein klassischer Elvis-Song durch und durch. Einer, von dem der Musikhistoriker Robert Matthew-Walker sagte, er sei in seiner Einfachheit so faszinierend, klassisch und zeitlos, dass man unweigerlich den Eindruck gewinnt, es hätte ihn immer schon gegeben.

Der deutsche Musikwissenschaftler Professor Hartmut Fladt geht in seiner Musikanalyse für den Radiosender RadioEins etwas genauer darauf ein, was Elvis‘ Heartbreak Hotel zu einem relevanten Klassiker macht.

In seiner Detailanalyse betont Fladt, dass auf den Singles der 50er Jahre schon aus technischen Gründen, die Songs „knackig knapp“ sein mussten. In nicht mehr als zwei Minuten mussten Geschichte und Atmospähre eines Songs auf den Punkt gebracht werden. Gar nicht so einfach.

Bei Heartbreak Hotel gelingt das laut Fladt vor allem durch „einen atemberaubend singenden“ Elvis Presley und „überaus professionelle Musiker“, die einen im Grunde ziemlich kitschigen Song über die Insassen eines Hotels der gebrochenen Herzen einer „kleinen stilistischen Revolution“ unterziehen.

Ungewöhnlich an der Aufnahme sei der solistische Beginn – typisch Shout and Blues, erläutert Fladt. Danach setzt erst die Gitarre ein in der gitarrentypischen Tonart E-Dur. Das Ganze klingt wie ein Intro, ist aber schon die erste Strophe. In der zweiten Strophe kommt der Bass hinzu – ebenfalls sehr minimalistisch. In den weiteren Strophen folgen ein Piano und ein sehr dezentes Schlagzeug, die die Geschichte vom Hotel der einsamen Herzen musikalisch fortschreiben, so der Musikwissenschaftler zum grundsätzlichen Aufbau des Stücks.

„Das Ganze ist 2×8 Takte. Mehr ist es gar nicht. Es ist die einfachste Blues-Gestalt. Das Ganze hat nur 16 Takte und die 16 Takte werden 6 Mal gespielt. Man könnte denken: langweilig. Aber wir werden hören, dass die Varianten so gemacht werden, dass sie weder vom Text noch eben der Musik annähernd langweilig sind. Und wie Elvis eben bestimmte Töne artikuliert, er geht da in der zweiten Hälfte der ersten 16 Takte runter in den Keller. Er fängt an mit dem Shout und dann geht er ganz runter und singt das ‚Baby“. Auf diese Weise wird das unnachahmlich artikuliert. [ Zu hören sind im] zweiten Teil ganz dezente Gitarrentöne, die als kleine Kontrapunkte kommen. Sonst ist es gar nichts, aber es ist eine Variante. Er erzählt weiter mit dieser Klangvariante. Was ändert sich in Nummer 3? Es ist spannend. Eigentlich müsste jetzt das Klavier dazu kommen, das bis jetzt geschwiegen hat. [Zu hören ist jetzt] ein gepflegtes Jazz-Piano. Und zwar sehr gekonnt. […] Auch das ist etwas, was da plötzlich reinkommt, in eine einfache Form kommt jetzt plötzlich ein relativ intellektueller Jazz rein. Man hört das nicht als aufdringlich, sondern es ist ein relativ angenehmern Kommentar. Wichtig ist: Die ersten vier Takte sind immer, wie sie waren, sie werden nicht verändert. Im zweiten Teil kommt dann jeweils die Veränderung. Es sind winzige Änderungen, aber sehr gekonnt gemacht. […] Im Durchlauf vier ist es so, dass die Gitarre und das Klavier zusammen die Kommentare machen. Und jetzt warte ich immer auf den nächsten Durchlauf – denn da kommt die Instrumentalstrophe. Und da habe ich schon als Jugendlicher immer erwartet, dass die Instrumentalisten zeigen, was sie drauf haben. […] Wunderschön, ja. Auch die Instrumentalstrophe hat nur diese 16 Takte. Das Grundschema bleibt das Gleiche, aber man hört plötzlich eine neue Version dieser Takte. […] Jetzt kommt der Durchlauf 6 und der hat – wie sich das gehört – eine Coda-Funktion. Es ist ein Durchlauf, aber er wird ein bisschen erweitert, damit die Sache rund wird. Es ist eine Synthese aus allem. Und das Schlagzeug, das wir bis dahin eigentlich gar nicht richtig gehört haben, bleibt weiter dezent, aber man hört es ein bisschen mehr zumindest.“

Professor Hartmut Fladt über Heartbreak Hotel im Podcast von RadioEins

 

Zum Abschluss noch einmal reingehört: Elvis Presley Heartbreak Hotel, Januar 1956

0 Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

An der Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.