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Elvis und die Grammys

Seit ein paar Tagen ist es offiziell, Elvis Presley hat eine weitere Grammy-Nominierung eingefahren, posthum natürlich ;-). Wenn man’s ganz genau nimmt, wurde nicht der King selbst nominiert, sondern vielmehr das 2011 von RCA/Legacy Recordings (Sony) herausgegebene Deluxe-Box-Set Young Man with the Big Beat: The Complete ’56 Elvis Presley Masters – nominiert in der Kategorie Best Historical Album.

Für das 5-CD-Set, das den kometenhaften Aufstieg des Memphis Flash im Jahr 1956 musikalisch dokumentiert → siehe auch Blogbeitrag zu Bildband A Moment In Time, zeichnen – wie kann es anders sein – Ernst Jorgensen als Produzent und Vic Anesini als Tontechniker verantwortlich.

Grammy-nominiert: Young Man With The Big Beat

Die Nominierung für die Grammys 2012 ist natürlich eine tolle Nachricht, zumal Elvis Presley für seine bahnbrechenden frühen Studio- und Live-Aufnahmen zu Lebzeiten nie eine Nominierung erhielt. Das schon ganz einfach deswegen nicht, weil die Grammys erst seit 1958 von der National Academy of Recording Arts and Sciences (NARAS) in den USA vergeben werden. Lässt sich so das Fehlen von Grammys für die super erfolgreichen und Musikgeschichte schreibenden Singles und Alben der Jahre 1956/57 noch nachvollziehbar erklären, sieht das für die Jahre ab 1958 komplett anders aus.

Ich meine, 14 Nominierungen bis 1978 und nur 3 tatsächlich gewonnene Grammys? Und die dann auch noch kein einziges Mal für die Musikrichtung, mit der der King of Rock ’n’ Roll in erster Linie bekannt wurde, sondern ausschließlich für seine Gospelinterpretationen? Das muss man erst einmal sacken lassen.

Sicher sind die Grammys für How Great Thou Art, He Touched Me sowie die Live-Performance von How Great Thou Art ihre Grammys wert, gar keine Frage. Elvis Presleys Hingabe zur Gospelmusik ist ja hinlänglich bekannt. Kurios ist aber das Fehlen von Grammys in jeder anderen der heute überaus zahlreichen Kategorien. Für was um Himmels Willen war der Mann denn dann so häufig nominiert?

Ich kann mir vorstellen, der ein oder andere würde glatt seine komplette Elvis-Sammlung darauf verwetten, dass zumindest die beiden Alben Elvis Is Back (1960) und From Elvis in Memphis (1969) nominiert gewesen sein müssen, werden sie heute doch fast ausnahmslos zu seinen besten gezählt. Wettet bloß nicht, es könnte die Sammlung kosten!

Elvis Presleys Grammy-Nominierungen 1959 – 1978

  1. 1959: A Fool Such As I – Kategorie Record of the Year/Single des Jahres
  2. 1959: A Big Hunk O‘ Love – Kategorie Best Performance of a Top 40 Artist
  3. 1959: A Big Hunk O‘ Love – Kategorie Best Rhythm & Blues Performance
  4. 1960: Are You Lonesome Tonight – Kategorie Record of the Year
  5. 1960: Are You Lonesome Tonight – Kategorie Best Vocal Performance, Male
  6. 1960: Are You Lonesome Tonight – Kategorie Best Performance by a Pop Singles Artist
  7. 1960: GI Blues – Kategorie Best Vocal Performance, Album, Male
  8. 1960: GI Blues – Kategorie Best Soundtrack Album
  9. 1961: Blue Hawaii – Kategorie Best Soundtrack Album
  10. 1967: How Great Thou Art – Kategorie Best Sacred Performance
  11. 1968: You’ll Never Walk Alone – Kategorie Best Sacred Performance
  12. 1972: He Touched Me – Kategorie Best Inspirational Performance (Album)
  13. 1974: How Great Thou Art – Kategorie Best Inspirational Performance
  14. 1978: Softly As I Leave You – Kategorie Best Country Vocal Performance

Das ist ziemlich interessant, denn bis auf Are You Lonesome Tonight und die Gospels hätte ich auf keine der anderen Nominierungen getippt, so gerne ich A Big Hunk O’ Love, A Fool Such As I und Softly As I Leave You auch höre.

Wo sind denn z.B. Suspicious Minds, das vielgepriesene It’s Now Or Never oder der Blues Reconsider Baby abgeblieben…? Und ausgerechnet den Titelsong des Soundtrackalbums GI Blues in der Kategorie Beste Männliche Gesangsdarbietung? Da würde die wunderbar einfühlsame Ballade Doing The Best I Can doch näher liegen. Sehr seltsam, zumal z.B. vom Album Elvis Is Back weit und breit nix zu sehen ist. Da die Nominierungsvorschläge von den Plattenfirmen der Künstler gemacht werden, die Jury dann aufgrund dieser Vorschläge entscheidet, muss man sich ernsthaft fragen, ob Elvis Plattenfirma RCA die Chancen ihres Künstlers wirklich gut einschätzen konnte.

Und wer hat eigentlich gewonnen, wenn nicht Elvis? Single des Jahres wurde 1959 Volare (Nel Blu Dipinto Di Blu) von Domenico Modugno statt A Fool Such As I. A Big Hunk O’ Love ging leer aus gegen Tequila von den Champs als beste Rhythm & Blues Vorstellung. Aha! 1960 verlor Are You Lonesome Tonight als Beste Single des Jahres gegen Bobby Darins Mack The Knife, in der Kategorie Beste Männliche Gesangsdarbietung gegen Come Dance With Me! von Frank Sinatra und als Beste Vorstellung eines Pop-Künstlers gegen Midnight Flyer von Nat King Cole.

Angesichts dieser etablierten und wohlgelittenen Gewinner könnte man fast auf die Idee kommen, dass die Jury der National Academy of Recording Arts and Sciences (NARAS) dem „Wilden aus Memphis“ nicht so recht über den Weg traute und sich angesichts des Aufruhrs, für den er in den 1950ern gesorgt hatte, lieber in sichereren Fahrwassern à la Sinatra, Cole und Darin bewegte. Schließlich ist eine Nominierung ja auch schon mal was, gell Elvis? Jetzt bloß nicht meckern.

Elvis‘ Lifetime Achievement Award – ultmativer “Grammy” der NARAS

Schließlich hat die NARAS das Problemchen 1967 gelöst, indem man endlich eine passende Grammy-Kategorie für den Memphis Flash gefunden hat: Sacred bzw. Inspirational Performances. Und damit auch gar nicht erst ein falscher Eindruck entsteht, hat ihm die NARAS 1971 – ziemlich kurios bei bis dahin nur einem Grammy – gleich noch die höchste Auszeichnung oben drauf gelegt, die sie zu vergeben hat, den sog. Lifetime Achievement Award (auch Bing Crosby Award), fast so etwas wie der ultimative Grammy. Den hatten bis dahin nur 5 Leute überhaupt verliehen bekommen, nämlich Bing Crosby, Frank Sinatra, Duke Ellington, Ella Fitzgerald and Irving Berlin. Elvis war 1971 im Alter von 36 Jahren der jüngste Preisträger.

Elvis Presley mit Lifetime Achievement Award 1971

Eine sehr hohe Auszeichnung für das Lebenswerk, die viele erst erhalten, wenn sie nicht mehr unter uns weilen, wie z.B. Michael Jackson. Ob Mr. Presley sich gefreut hat, als er den Lifetime Achievement Award irgendwie zwischen Tür und Angel während eines Las Vegas-Engagements verliehen bekam, ist anhand des Fotos mit Chris Crosby und den Mello Men nicht wirklich zu ersehen – er sieht freundlich, aber nicht enthusiastisch aus.

Jedenfalls war das Eis damit erst mal gebrochen, 2 weitere Grammys folgten auf dem Fuße. Und nach Elvis’ frühem Tod hat die NARAS sich erst richtig ins Zeug gelegt ;-). Zwischen 1988 und 2007 nahm sie gleich 6 Songs in die 1973 gegründete NARAS Hall of Fame auf, in die nur Aufnahmen von dauerhaft hoher Qualität und historischer Bedeutung kommen, die zudem älter als 25 Jahre sein müssen:

  • Hound Dog (1956, aufgenommen 1988)
  • Heartbreak Hotel (1956, aufgenommen 1995)
  • That’s All Right (1954, aufgenommen 1998)
  • Suspicious Minds (1969, aufgenommen 1999)
  • Don’t Be Cruel (1956, aufgenommen 2002)
  • Are You Lonesome Tonight (1960, aufgenommen 2007).

Da fragt man sich schon, wie viele Grammys die NARAS Elvis Presley noch verliehen hätte, wäre er nicht 1977 verstorben. Jetzt bleibt uns jedenfalls nur noch Däumchen drücken, dass Ernst Jorgensen und Vic Anesini am 12. Februar 2012 einen Home Run für den King mit dem tollen Box-Set Young Men With The Big Beat: The Complete ’56 Elvis Presley Masters schaffen.

1993 und 1994 war Jorgensen schon einmal für die Box-Sets Elvis The King of Rock ’n’ Roll – The Complete 50’s Masters und Elvis from Nashville to Memphis: The Essential 60’s Masters in den Kategorien Best Historical Album, Best Album Notes und Best Album Package nominiert, ging aber leider leer aus. Mit diesen 5 weiteren Grammy-Nominierungen zwischen 1993 und 2012 kommt Elvis Presley damit auf insgesamt 19.

Auch 2012 wird es nicht leicht, denn Paul McCartney ist ebenfalls in der Kategorie Best Historical Album nominiert… Da heißt es optimistisch bleiben, verdient hätten das Team um Jorgensen und der King es allemal!

17 Antworten
  1. patricia
    patricia says:

    Danke für Deinen Kommentar. In Elvis früher Karriere, also im Hoch der Single-Ära, erschienen die Songs der Singles nicht auf den Alben. Und „Are You Lonesome Tonight“ wurde als A-Seite mit „I Gotta Know“ auf der B-Seite einer Single 1960 herausgegeben. Beide Songs waren ursprünglich nicht auf „Elvis Is Back“ enthalten.

    Da die Single heute keine Bedeutung mehr hat, integriert man die früheren Single-Hits in die Alben, zu denen sie eigentlich gehören, sofern es eine Neuauflage gibt, wie z.B. bei der „Elvis Is Back Legacy Edition“ 2011. Denn heute hätte kaum ein Käufer Verständnis dafür, wenn die Hits auf dem Album einfach fehlen würden.

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  2. Linda JnB
    Linda JnB says:

    Ich frage mich immer, warum bei 14 Nominierungen es nur 3 Grammy-Verleihungen, und das auch nur für Gospel-Lieder, für Elvis gab. Folgende Story fällt mir dazu ein:
    Bei der 1. Grammy-Verleihung wollten die Verantwortlichen, daß Elvis den Grammy persönlich in Empfang nehmen u. auch ein Lied singen sollte – was aber durch seinen Manager, Col. Parker, abgelehnt wurde. Stattdessen wurde Elvis der Grammy während eines seiner Las Vegas-Engagements hinter der Bühne, kurz vor der Show, überreicht. Dokumentiert ist diese Übergabe durch Fotos. Inwieweit die Story Wahrheit oder eines der vielen Gerüchte ist, die im Laufe der Jahre nach seinem Tode rund um den Mythos Elvis auftauchten und noch immer kursieren, kann nicht verifiziert werden. Aber die gekränkte Eitelkeit der Verantwortlichen der Grammy-Verleihung könnte auch ein Grund gewesen sein. Víelleicht fühlten sie sich durch Parkers strikte Ablehnung brüskiert? Who knows?

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    • patricia
      patricia says:

      Linda, da könnte was Wahres dran sein. Die Grammy-Verleihungen leben PR-mäßig schon immer einen guten Teil von den Promis, die sich dort blicken lassen. Und ein Promi, der einen Preis überreicht bekommt, gibt traditionell gute Fotos, was wiederum Beitrage in Zeitungen und TV erzeugt – kurz viel Aufmerksamkeit für den Grammy.

      Ein Elvis, der bekanntermaßen Preisverleihungen und Promi-Schnicki-Schnacki mied, war schon unter diesem Aspekt sicher nicht erste Preisträgerwahl.

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